Der Bau des Himmels

     

    Der großartige Aufschwung, den die Astronomie gegen Ende des 18. Jahrhunderts nahm, ist durch mehrere Faktoren bedingt, die sowohl im Stand der Entwicklung der Astronomie selbst als auch in der Bedeutung der Sternforschung für die Gesellschaft zu suchen sind. Praktische Forderungen, neue Ideen und Entdeckungen, neue technische Möglichkeiten, alles dies führte zu einer merklichen Beschleunigung des Entwicklungstempos der astronomischen Forschung.

    Zu den Entdeckungen, die das Interesse für bestimmte Fragen neu belebten, gehört auch der Fund eines neuen großen Planeten des Sonnensystems, der dem aus Hannover stammenden und seit 1759 in England wirkenden Astronomen F. W. Herschel zufällig bei seinen Sterndurchmusterungen am Abend des 13. März 1781 glückte. Herschel entdeckte bei seinem Versuch, Fixsternparallaxen mit starken Vergrößerungen zu messen, im Sternbild Zwillinge ein Objekt, das im Vergleich zu den Fixsternen eine größere Ausdehnung besaß und von Herschel zunächst für einen Kometen gehalten wurde. Später stellte sich aber heraus, daß es sich unzweifelhaft um einen Planeten handelte — Uranus war entdeckt. Der Eindruck dieser Entdeckung in der Öffentlichkeit war stark — zum erstenmal seit den Anfängen der Astronomie in grauer Vorzeit war ein neuer Planet gefunden worden. Alle anderen Planeten waren seit eh und je bekannt. Beinahe doppelt so weit wie Saturn stand der neue Himmelskörper von der Sonne entfernt. Neue Weiten taten sich damit vor den Augen der Menschen auf. Noch bedeutender als die Entdeckung selbst, die früher oder später auch anderen Astronomen geglückt wäre1, war die Tatsache, daß Herschel — durch diesen Erfolg ermutigt — den Entschluß faßte, sich fortan ausschließlich der Astronomie zu widmen und seinen eigentlichen Beruf als Musiker aufzugeben. Herschel wurde eine der überragenden Forscherpersönlichkeiten um die Wende zum 19. Jahrhundert. Sein Wirkenauf nahezu allen Gebieten der Astronomie hat den weiteren Fortgang der Forschungen entscheidend beeinflußt. Er studierte mit großem Erfolg die Planetenoberflächen, widmete sich den Kometen und der Sonne, war zugleich ein genialer Fernrohrerbauer. Aber am bedeutungsvollsten für die Entwicklung der Astronomie waren seine kühnen, weit über seine Zeit hinausweisenden Ideen und Forschungen über den „Bau des Himmels” (Construction of the heavens) und die Entwicklungsprozesse im Weltall. Nach der Anordnung der Sterne im Raum zu fragen war zur damaligen Zeit durchaus keine Selbstverständlichkeit. Für Copemicus waren die Fixsterne bekanntlich noch in einer Sphäre angeordnet, über die man nur sagen konnte, daß sie sehr weit entfernt stehen mußten. Auch Kepler betrachtete die Fixsterne noch als Objekte an einer dünnen Kugelschale.

    Das astronomische Fernrohr hatte nun aber eine frühere Vermutung zur Gewißheit werden lassen, die zu neuer Untersuchung aufforderte: zu Galileis teleskopischen Entdeckungen gehörte nämlich auch die Feststellung, daß die Milchstraße aus einzelnen Sternen besteht. Damit ergab sich zwangsläufig die Frage, warum sich längs eines Großkreises, der um den ganzen Himmel verläuft und durch das Band der Milchstraße repräsentiert wird, so viele Sterne befinden und an anderen Stellen des Himmels nicht. Nachdem über den räumlichen Aufbau des Planetensystems Klarheit bestand, war dies die Frage nach der Struktur der weiteren kosmischen Umgebung des Planetensystems.

    Die ersten tastenden Ideen über die Anordnung der Sterne im Raum publizierte der Engländer Th. Wright im Jahre 1750. Hier wird zum erstenmal der Gedanke ausgesprochen, daß der Eindruck, den wir von der Verteilung der Sterne am Himmel gewinnen, durch eine bestimmte räumliche Anordnung der Sterne einerseits und durch den Standort des Menschen als Betrachter des Kosmos andererseits bedingt ist. Die Sonne mit den sie umgebenden Planeten sollte sich nach Th. Wright in einer ausgedehnten Schicht von Sternen befinden, die aber nur eine relativ geringe Dicke aufweist. Ein Beobachter, der sich innerhalb dieser Schicht befindet, müßte dann die Sterne tatsächlich entlang eines Großkreises in besonders großer Anzahl wahrnehmen. Schaut er dagegen senkrecht zu dieser Ebene gen Himmel, so erblickt er wegen der geringen Dicke der Schicht eine wesentlich kleinere Anzahl Sterne.

    Diese Arbeit von Wright hat zur Entstehung eines anderen bedeutenden Werkes beigetragen: zu der genialen Jugendschrift des deutschen Philosophen Immanuel Kant „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels” (1755). Dort äußert sich Kant in demselben Sinne wie Wright über das Phänomen der Milchstraße: „Die Gestalt des Himmels der Fixsterne hat also keine andere Ursache, als eben eine dergleichen systematische Verfassung im Großen, als der planetische Weltbau im Kleinen hat, indem alle Sonnen ein System ausmachen, dessen allgemeine Beziehungsfläche die Milchstraße ist.”

    Thomas Wrights und Immanuel Kants Äußerungen über die Anordnung der Sterne sind jedoch nicht auf der Analyse eines hinreichenden Beobachtungsmaterials entstanden. Ähnliches trifft auch auf den deutschen Gelehrten J.H. Lambert zu, der in seinen „Kosmologischen Briefen” (1761) ebenfalls die Frage der räumlichen Anordnung der Sterne aufgriff. Für ihn gibt es im Kosmos Systeme verschiedener Ordnung, die ihrer Struktur nach bedeutende Ähnlichkeiten aufweisen. Aus der Existenz von Planeten mit ihren Monden und der Sonne mit ihren Planeten schließt Lambert durch Analogieüberlegungen, daß die Sonnen in riesigen kugelförmigen Sternhaufen angeordnet sind, die ihrerseits wieder ein höheres System bilden. Darin schließlich seien alle diese Haufen von Sternen in einem Raum verhältnismäßig geringer Dicke angeordnet. Lambert hielt es auf Grund seiner Analogiebetrachtungen für möglich, daß auch noch weitere Systeme höherer Ordnung existieren und sie alle einen Zentralkörper besitzen wie die Planeten oder die Monde. Haben alle diese Arbeiten ihre spekulative Grundlage gemeinsam, so kommt F. W. Herschel das bedeutende Verdienst zu, als erster mit systematischen empirischen Studien zu diesen Fragen begonnen zu haben. Seine zahlreichen Abhandlungen über den „Bau des Himmels”, mit denen er 1784 begann, wurden unvergängliche Denkmale der Naturforschung.

    Zunächst versuchte Herschel, sich ein möglichst genaues Bild von der Verteilung der Sterne am Himmel zu verschaffen, das über die schon vorhandenen qualitativen Kenntnisse hinausging. Aber die Materialfülle der späteren Positionskataloge stand ihm noch nicht zur Verfügung. Die Unterlagen, auf die er zurückgreifen konnte, waren für den beabsichtigten Zweck nur ungenügend geeignet. So begann Herschel mit umfangreichen eigenen Durchmusterungen des Himmels, wobei ihm sein 20-Fuß-Spiegelteleskop hervorragende Dienste leistete. Das Gesichtsfeld seines Instrumentes hatte einen Durchmesser von 15 Bogenminuten («= 1/2 Vollmonddurchmesser). Selbstverständlich war es unmöglich, mit diesem Fernrohr den gesamten Himmel lückenlos zu inventarisieren. Herschel beschränkte seine Zählungen deshalb auf insgesamt 3400 Gesichtsfelder, und selbst dies war ein äußerst mühseliges und anstrengendes Unterfangen. In sternreichen Gegenden des Himmeis galt es, ein schier kaum übersehbares Gewimmel von Lichtpünktchen zu zählen. Zwischen zwei Sternen im Sternbild Schwan wanderten einmal in knapp drei viertel Stunden Zehntausende von Sternen durch das Gesichtsfeld des feststehenden Fernrohrs. Doch die mühselige Arbeit dieses „Sterneichens” (Star gauges), wie Herschel sein Verfahren nannte, zahlte sich aus: setzt man nämlich mit Herschel voraus, daß in jeder Raumeinheit des Weltalls im Mittel gleich viele Sterne enthalten sind, so kann man aus den Zählergebnissen den räumlichen Aufbau des Systems erschließen, zu dem die Fixsterne zusammengefügt sind. Ein Beobachter, dessen Blick durch ein Fernrohr in das Weltall dringt, schaut dabei in einen kegelförmigen Raum. Die Spitze des Kegels liegt im Brennpunkt des Fernrohrs, und seine Basis in der Entfernung, die das Fernrohr gerade noch erreicht. Das Volumen dieses Kegels wächst mit der dritten Potenz der Entfernung und demnach auch die Anzahl der im Gesichtsfeld erscheinenden Sterne. Auf diese Weise schloß Herschel aus der jeweils gezählten Sternanzahl auf die relativen Entfernungen und entwarf ein Bild von der räumlichen Verteilung der Sterne, das in seinen Grundzügen den Tatsachen entspricht und mit den von Kant und Lambert entwickelten Vorstellungen prinzipiell übereinstimmt. Die Sonne hatte allerdings unweit des Zentrums dieser Sterninsel ihren Platz erhalten — ein Resultat, das sich später als irrig erwies. Herschel fand jedenfalls bestätigt, daß die Sonne eine von vielen anderen Sonnen war, die gemeinsam in einer Ebene oder Sternschicht angeordnet sind, so daß die irdischen Beobachter „sämtliche längs den Ebenen der Schicht geordneten Sterne in einem großen Kreise perspektivisch entworfen sehen, welcher nach Maßgabe der Anhäufung der Sterne mehr oder weniger hell sich zeigen wird; mittlerweile die übrigen Gegenden des Himmels an den Seiten nur mit Sternbildern bestreuet zu sein scheinen werden, die mehr oder weniger zusammengedrängt aussehen, …je nachdem die Anzahl der Sterne, die in der Dicke oder in den Seiten der Schicht enthalten sind, mehr oder weniger groß ist”. Mit diesem Ergebnis gab sich Herschel aber noch nicht zufrieden, denn damit war noch nichts über die Dimensionen des Sternsystems ausgesagt. So kam ihm nun die wegweisende Idee, die Helligkeiten der Sterne in seine Eichungen miteinzubeziehen, und er wurde damit zum Begründer der Stellarstatistik, die sich im 20. Jahrhundert auf dem fortgeschrittenen Stand der Kenntnisse mit ganz ähnlichen Methoden den von ihm aufgeworfenen Fragen erneut zuwendete. Herschel ging davon aus, daß in den scheinbaren Helligkeiten der Sterne eine Information über ihre Entfernung enthalten sei. „Der Grundsatz…, daß die lichtschwächsten Sterne im Durchschnitt am weitesten von uns entfernt sind, scheint mir so zwingend”, schreibt er, „daß er als Grundlage einer experimentierenden Untersuchung dienen kann.” Um die Helligkeit mit hinreichender Genauigkeit messen zu können, entwickelte er nun „das Prinzip der Lichtgleichstellung”: die verschiedenen Sterne wurden mit zwei Spiegelteleskopen beobachtet, von denen zuvor erwiesen war, daß sie einen bestimmten Stern gleich hell abbilden. Bei definierter Abbiendung des einen Spiegels suchte Herschel dann Sterne, deren Helligkeit mit der anderer im unabgeblendeten Spiegel übereinstimmte. So konnte er Intensitätsbestimmungen durchführen. War z. B. der eine Spiegel um die Hälfte seines Durchmessers, d. h. auf ein Viertel seiner Fläche abgeblendet, so mußte ein Stern, der in diesem Instrument dieselbe Helligkeit aufwies wie ein anderer im offenen Spiegel, die vierfache Lichtintensität besitzen. Dieses fotometrische Verfahren war verständlicherweise noch weitaus aufwendiger als das bloße Abzählen der Sterne.

    Aus diesen umfangreichen Messungen schätzte Herschel die Dimensionen des Milchstraßensystems ab. Als Einheitsentfernung benutzte er dabei die Siriusweite, denn absolute Fixsternentfernungen waren noch unbekannt. Das System der Fixsterne, dem unsere Sonne angehört, sollte nach seinen Forschungen einen Durchmesser von 850 Siriusweiten und eine Dicke von 155 Siriusweiten haben. So gewann Herschel als erster beobachtender Astronom einen Überblick über die Anordnung der Sterne im Raum; er war sich durchaus darüber im klaren, daß die Voraussetzungen, von denen er ausging, nicht unbedingt streng erfüllt sein mußten. Ein Stern der nächsthöheren Größenklasse mußte nicht zwangsläufig auch die doppelte Lichtintensität besitzen. Die wissenschaftliche Fotometrie des Himmels hat diesen Verdacht später bestätigt und einen anderen Zusammenhang zwischen den Größenklassen und den Lichtintensitäten nachgewiesen . Daß alle Sterne dieselbe absolute Helligkeit besitzen, ist ebenfalls nur in sehr grober Näherung erfüllt. Da jedoch keine Sternparallaxen bekannt waren, konnte auch diese Frage nicht entschieden werden. Schließlich hatte Herschel bei seinen Himmelsdurchmusterungen eine Reihe von Phänomenen entdeckt, die ihn vermuten ließen, daß weite Teile des Weltalls mit einer lichtabsorbierenden Materie erfüllt sind; jedoch auch hier konnte er nicht zu völliger Klarheit gelangen. Die Existenz einer solchen zwischen den Sternen befindlichen Materie mußte aber gleichfalls auf Entfernungsbestimmungen nach der fotometrischen Methode einen systematisch verfälschenden Einfluß haben. Trotz dieser Mängel bleibt es ein historisches Verdienst Herschels, erstmals die Wege zur Erforschung der Struktur des Milchstraßensystems gewiesen zu haben. Daß aber auf diesem Gebiet noch viel zu tun übrigblieb, erkannte auch Herschel: „Sollten auch meine vereinzelten Bemühungen zur Vollendung eines Werks, das die vereinigten Anstrengungen aller Astronomen zu erfordern scheint, nicht gelingen, so darf man doch hoffen, daß, wenn man mit aller Macht an der Vervollkommnung der Teleskope… arbeiten und sie zur Erforschung des Himmels anwenden wird, mit der Zeit unsere Kenntnis sich erweitern, oder wir vielleicht gar zu einem Abriß gelangen werden von dem innern Bau des Himmels.” Während des gesamten 19. Jahrhunderts gab es nur wenige Astronomen, die Herschels Spuren auf diesem Wege gefolgt sind. Eine direkte Weiterführung der Sterneichungen für den südlichen Sternhimmel nahm sein Sohn, J. Herschel, in Angriff. Auf der Grundlage besseren Beobachtungsmaterials führte der russische Astronom W. Struve umfangreiche Untersuchungen über den Bau des Himmels nach F. W. Herschels Methode durch. Er stellte unter anderem fest, daß die Zahl der lichtschwächeren Sterne mit der Annäherung an die Milchstraßenebene langsamer zunimmt als die der helleren. Daraus schloß auch W. Struve auf die Existenz von feinverteilten Gas- oder Staubmassen zwischen den Sternen.

    Eine wirkliche Fortsetzung der Forschungen Herschels wurde aber erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in größerem Umfang begonnen.

     

     

    Entwicklung im Weltall

     

    Ungeachtet aller Fortschritte, die durch die Naturwissenschaft nach der Renaissance erzielt worden waren, ungeachtet der großen Fülle neu erforschter Fakten war die Wissenschaft in einer Gesamtanschauung befangen geblieben, die alle Erscheinungen der Natur als etwas einmal Gegebenes, Unveränderliches betrachtete. Dies galt für die Biologie ebenso wie für die Chemie und für die Geologie wie für die Astronomie. „Die Planeten und ihre Satelliten, einmal in Bewegung gesetzt von dem geheimnisvollen ,ersten Anstoß’, kreisten fort und fort in ihren vorgeschriebnen Ellipsen in alle Ewigkeit oder doch bis zum Ende aller Dinge. Die Sterne ruhten für immer fest und unbeweglich auf ihren Plätzen”, so charakterisierte Friedrich Engels diese Naturauffassung.

    Doch gerade das intensive und fortgesetzte Studium der Erscheinungen förderte bald in verschiedenen Wissenschaften Phänomene zutage, die an der Richtigkeit dieser metaphysischen Sicht Zweifel aufkommen lassen mußten. In der Astronomie erregte das Auftauchen eines neuen Sternes, der im Spätherbst 1572 unvermittelt hellstrahlend am Himmel stand, allgemeine Aufmerksamkeit und bei den Fachastronomen tiefe Nachdenklichkeit. Dieser Stern, so schlußfolgerte Tycho Brahe aus dem Fehlen einer meßbaren Parallaxe, mußte in jener Region entstanden sein, die nach Aristoteles dem Unveränderlichen zugehört. Als 1604 wiederum ein neuer Stern auftauchte, meinte einer seiner berühmtesten Beobachter, Johannes Kepler, der Stern könne ein Werk der bildnerischen Fähigkeit der Natur sein und man solle alles versuchen, sein Erscheinen auf natürliche Weise zu erklären, ehe man zur göttlichen Schöpfung Zuflucht nehme, denn damit höre jede wissenschaftliche Erörterung auf. Andere Fakten waren mit der Unveränderlichkeit der Sternenwelt nicht weniger unverträglich: die seit alters bekannten Kometen schienen ebenfalls aus dem Nichts aufzutauchen und nach einer kurzen Periode der Sichtbarkeit wieder ins Nichts zu verschwinden. Besonders beunruhigend mußten den Metaphysikern auch jene Sterne erscheinen, die ihre Helligkeit innerhalb kurzer Zeit verändern. Dies alles waren Beobachtungshinweise, die darauf schließen ließen, daß auch in der aristotelischen supralunaren Region Veränderungen vorkommen. Den ersten konsequenten Einbruch in die „versteinerte Naturanschauung” von der Unveränderlichkeit des Himmels wagte Immanuel Kant, wobei er an die Arbeiten der Franzosen Descartes und Button anknüpfte. Kant entwickelte in seiner bereits erwähnten Frühschrift „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels” unter Anwendung des Newtonschen Gravitationsgesetzes die Ansicht, daß sowohl die Planeten und deren Monde als auch die fernen Fixsterne und Fixsternsysteme in einem natürlichen Entwicklungsprozeß aus einem chaotischen Urnebel entstanden seien. Damit entwirft Kant erstmals eine Entwicklungstheorie der kosmischen Körper, die konsequent auf einen göttlichen Schöpfungsakt verzichtet. Ihm gebührt damit das historisch bedeutsame Verdienst, den Evolutionsgedanken auf fundierte Weise in die neuere Naturwissenschaft getragen zu haben. Auf Copernicus fußend, steht Kant demzufolge am Beginn jener Kette von Erkenntnissen, die noch während des 19. Jahrhunderts zur philosophischen Verallgemeinerung der Entwicklungskonzeption in der materialistischen Dialektik durch Karl Marx und Friedrich Engels führten.

    Weltanschaulich bedeutsam war vor allem die Tatsache, daß in der „Allgemeinen Naturgeschichte” Entwicklungsvorgänge auf das Wirken von Naturgesetzen zurückgeführt werden, als deren Prototyp Kant die mechanischen Gesetze betrachtet. Entwicklung erscheint bei ihm also als Selbstentwicklung der Materie. Kant hat diesen Sachverhalt in die kühnen Worte gekleidet: „Gebet mir Materie, ich will eine Welt daraus bauen.” Die „Allgemeine Naturgeschichte”, gemeinsam mit den anderen sogenannten Frühschriften von der bürgerlichen Philosophiegeschichtsschreibung zu Randerscheinungen in Kants Gesamtwerk degradiert, wurde von den Klassikern des Marxismus hoch geschätzt. Engels feierte die „Naturgeschichte” als den „Angriff auf die Ewigkeit des Sonnensystems” und bezeichnete sie als den „Springpunkt alles ferneren Fortschritts”. Die gesamte Entwicklung der Naturwissenschaft hat diese Einschätzung vollauf bestätigt.

    Dem Kantschen „Angriff” waren aber andere vorausgegangen und folgten weitere nach: Die natürliche Deutung der Fossilien begründete den Entwicklungsgedanken in der Geologie, wobei besonders die Arbeiten von N. Stensen, R. Hooke und G. W. Leibniz hervorzuheben sind. In der Betrachtung der Arten der Pflanzenwelt brach sich ebenfalls der Entwickiungsgedanke Bahn; später folgte Ch. Darwin mit seiner Evolutionstheorie in der Biologie. Die Konsequenzen dieser kühnen Gedanken waren im Bereich der Geologie und Astronomie unübersehbar: sie forderten nämlich Entwicklungszeiträume, die mit dem aus der Bibel berechneten Weltalter in offenkundigem Widerspruch standen. Noch Kepler bestätigte die auf der biblischen Geschichte gegründeten Vorstellungen über das Alter der Welt. Demnach war das Jahr 1595 mit dem Jahr 5572 seit der Erschaffung der Welt identisch. Kant benötigte jedoch bereits „ganze Gebirge von Millionen Jahrhunderten” für die Entstehung der Fixsternsysteme und befand sich damit in krassem Widerspruch zum „Buch der Bücher”, von dem der große Vertreter der deutschen Aufklärung, Kants Zeitgenosse G. Ch. Lichtenberg, zu sagen wagte, es sei — wie andere Bücher auch — von Menschen geschrieben. Die Erforschung der Struktur des Kosmos hing mit einer wissenschaftlichen Entwicklungstheorie der kosmischen Objekte aufs engste zusammen; denn die Vertreter des Entwicklungsgedankens stellten sich kein abstraktes Ziel, sondern versuchten zu klären, durch welche’ Prozesse die vorhandenen Strukturen entstanden. So ist es auch nicht zufällig, daß Struktur und Entwicklung bei Kant in einem Werk in enger gegenseitiger Bezugnahme untersucht werden; und es ist nur folgerichtig, wenn der erste Empiriker der Struktur des Weltalls, F. W. Herschel, gleichzeitig auch als der erste Empiriker des Entwicklungsgedankens in der Astronomie auftritt. Bis dahin war auch dieses Gebiet im wesentlichen eine Domäne der Naturphilosophie gewesen. Sie hatte Gesamtbilder der Natur oder einzelner Bereiche der Natur zu geben versucht, indem sie „die noch unbekannten wirklichen Zusammenhänge durch ideelle, phantastische ersetzte, die fehlenden Tatsachen durch Gedankenbilder ergänzte”". Herschels Verdienst besteht auch auf diesem Gebiet darin, daß er als erster Astronom den Versuch wagte, solche Gesamtbilder auf Grund von Beobachtungsmaterial zu gewinnen. Er zählte damit zu jenen progressiven Gelehrten, die Kants Hypothese allmählich zu Ehren brachten.

    Herschel begann die Folge seiner Abhandlungen über den Bau des Himmels bereits 1784 und beschäftigte sich noch in einer seiner letzten Arbeiten (1811) mit der Entwicklung der kosmischen Körper. Das Material, das ihm hierfür zur Verfügung stand, war außerordentlich reichhaltig, verglichen mit den spärlichen Daten, mit denen seine Vorgänger auskommen mußten. Die eigenartigen, nicht sternförmigen Objekte, die man in der Astronomie als „Nebelflecke” bezeichnete, wurden vor Herschel kaum katalogisiert. Der von dem Franzosen Ch. Messier aufgestellte Katalog umfaßte nur 103 solcher Objekte. Als Herschel seine Riesenteleskope zur systematischen Durchmusterung des Himmels nach solchen Nebeln einsetzte, konnte er bis zum Jahre 1802 die erstaunliche Fülle von 2508 Objekten in seine Verzeichnisse eintragen. Dabei machte er die Feststellung, daß sich die nebligen Objekte in einer außerordentlich beeindruckenden Mannigfaltigkeit der Formen präsentieren. Über den Charakter der verschiedenen Nebel war wenig auszumachen: ein Teil stellte mit Sicherheit Sternansammlungen dar, ein anderer Teil war gewiß nicht zu Sternen vereinigte, formlos verteilte Materie, deren Natur nicht näher zu bezeichnen war. Herschel blieb aber nicht bei diesen allgemeinen Feststellungen stehen, sondern versuchte, die Objekte nach morphologischen Merkmalen zu klassifizieren, ein Verfahren, das auch in der zeitgenössischen Biologie Anwendung fand.

    Die Klassifikation hat Herschel im Laufe der Zeit mehrmals abgeändert, und zwar immer mit dem Ziel, eine Anordnung entsprechend einer möglichen natürlichen Entwicklungsfolge der Objekte zu treffen. Er war nämlich der festen Überzeugung, daß es sich bei den verschiedenen Objekten nicht einfach um Repräsentanten einer „Scala naturae” handelt, einer Anordnung der Körper in der Rangfolge ihrer Kompliziertheit, also um eine Widerspiegelung der natürlichen Hierarchie, sondern um Phasen von Entwicklungsprozessen. Während die Scala naturae eine statische Ordnung darstellt, die den Plan der Schöpfung zum Ausdruck bringt, sollten Herschels Klassen der Objekte jeweils Stufen einer Entwicklungsreihe ausmachen. Herschel ging also davon aus, daß dem räumlichen Nebeneinander verschiedener Objekte ein zeitliches Nacheinander entspricht, und trug damit das Grundprinzip der wissenschaftlichen Kosmogonie in die Astronomie hinein, wodurch der kosmischen Zeitskala gewissermaßen ein Schnippchen geschlagen wird; denn die unmittelbare Fortentwicklung kosmischer Objekte kann infolge der sehr langsam ablaufenden Veränderungen nicht beobachtet werden. In nicht übersehbarer Anlehnung an die Biologie formuliert er das Prinzip durch Analogiebetrachtung. Es sei doch beinahe einerlei, ob wir während unseres Lebens nacheinander das Aussprossen, Blühen, Belauben, Fruchttragen, Verwelken, Verdorren und Verwesen einer Pflanze mit ansehen oder ob wir gleichzeitig eine große Anzahl von Exemplaren vor Augen hätten, die den jeweiligen Stadien des Pflanzenlebens entsprechen.

    In dem 1802 veröffentlichten Nebelkatalog teilte Herschel die beobachteten Objekte in zwölf Klassen. Am Anfang stehen die Einzelsterne, dann folgen die Doppel- und Mehrfachsterne, die Sterngruppen in der Reihenfolge fortschreitender Verdichtung, dann die Nebel, die möglicherweise ebenfalls aus Sternen bestehend zu denken sind, und zum Schluß die „Planetary Nebulae” (Planetarische Nebel), die noch heute diesen von Herschel geprägten Namen tragen. Diese Reihung deutet Herschel nun unter Benutzung des Gravitationsgesetzes, dessen universelle Gültigkeit er ebenso wie Kant voraussetzt, als Stadien fortschreitender Entwicklung: die Einzelsterne schlössen sich unter der Wirkung der Gravitation zuerst mit wenigen anderen Sternen zu lockeren Gruppen und später zu Sternhaufen mit zunehmender Verdichtung zusammen. Die eigentlichen Nebel seien wahrscheinlich auch nichts anderes als zu Gruppen vereinigte Einzelsterne, doch stünden sie möglicherweise so weit im kosmischen Raum, daß ihre Auflösung in Einzelsterne mit den zur Verfügung stehenden Instrumenten nicht mehr möglich sei. Später modifizierte Herschel das Schema noch verschiedentlich, änderte es aber unter dem Eindruck neuer Entdeckungen in einem wesentlichen Punkt vollkommen ab und gelangte so zu einer noch weiter reichenden Auffassung über die Entwicklung, indem er die Sternentstehung mit einbezog: am 13. November 1790 fand er nämlich ein höchst sonderbares Phänomen — einen Stern, der von einer schwachen Nebelhülle umgeben war. Stern und Nebelhülle waren so innig miteinander verbunden, daß der Gedanke an einen physischen Zusammenhang auftauchen mußte. Dazu kam die Feststellung der Existenz einer leuchtenden Materie, die offenbar nicht aus Einzelsternen bestand und isoliert von Sternen im Raum vor- zukommen schien. Als Beispiel für diese selbstleuchtende Materie führt Herschel den Orionnebel an. Alle Überlegungen führten ihn nun zu dem interessanten Schluß, daß ein Stern aus der Verdichtung solcher Nebel hervorginge und die fein verteilten Nebelmassen den Urstoff bilden, aus dem die Sterne entstehen. Die Summe all dieser unermüdlich gemachten Beobachtungen, die durch so viele interessante Entdeckungen gekrönt wurden, vereinigte Herschel schließlich im Jahre 1811 zu einem Klassifikationsschema mit 32 Typen von Nebeln, die eine Entwicklungsfolge repräsentieren sollten.

    Entwicklungsprozesse im Kosmos gehören zu den kompliziertesten Fragen der naturwissenschaftlichen Forschung. Ihre wissenschaftliche Erforschung verlangt tiefe Kenntnisse über das Wesen der Objekte und insofern eine möglichst vollständige Kenntnis aller Parameter, die ihre Eigenschaften bestimmen. Davon war die Astronomie zur Zeit Herschels noch weit entfernt. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, wenn es Herschel trotz des Einsatzes seiner großen Instrumente und seiner unermüdlichen Tätigkeit nicht gelang, bleibende wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entwicklung der Sterne zu gewinnen. Mit seinen wegweisenden Untersuchungen hat Herschel aber dazu beigetragen, die metaphysische Betrachtungsweise auch in der Astronomie zu überwinden, den Entwicklungsgedanken auf die wissenschaftliche Tagesordnung zu setzen und damit ein neues großes Forschungsprogramm zu verkünden, das weit in die Zukunft der Erforschung des Kosmos wies. Noch während Herschel seine Untersuchungen fortsetzte, publizierte der Franzose P. S. Laplace in seinem Lehrbuch „Exposition du Systeme du Monde” 1796 ebenfalls eine Kosmogonie, die konsequent auf den Schöpfungsakt verzichtete und insoweit in ihrer allgemeinen historischen Bedeutung mit dem Werk von Kant durchaus zu vergleichen ist. Allerdings nahm Laplaces Theorie ihren Ausgang von. einer schon existierenden Zentralsonne, bei deren Rotation sich Ringe aus der Atmosphäre ablösen, die sich dann zu den Planeten verdichten. Es ist interessant, daß in dieser Arbeit Laplaces bereits Resultate F. W. Herschels verarbeitet und verallgemeinert werden. Wie stand die zeitgenössische Forschung zu all diesen kühnen Ideen? Wie schon betont, haben die meisten Gelehrten Herschels Ansichten nicht geteilt. Dabei darf man nicht vergessen, daß es sich bei dieser Frage – ebenso wie seinerzeit beim Weltbild des Copernicus – keineswegs um ein nur wissenschaftliches Problem gehandelt hat. Vielmehr war die Einführung des Entwicklungsgedankens ein sehr progressiver Schritt von viel allgemeinerer Bedeutung. Schon Kant versuchte in der Vorrede zu seiner Schrift über die Naturgeschichte des Himmels Frieden zu stiften zwischen der herrschenden Ideologie und seiner Hypothese und setzte sich mit der Frage auseinander, ob seine Hypothese nicht letztlich die Unabhängigkeit der Natur von der göttlichen Vorsehung beweise. Unbestreitbar gab es in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts noch kein allgemeines Interesse an der Durchsetzung des Entwicklungsgedankens. Überall wo der Feudaladel herrschte, versuchte er seine Machtpositionen mit dem Hinweis auf die einmal geschaffene, ewig unveränderliche „beste aller Welten” zu zementieren. Nun sollte sogar die göttliche Weltschöpfung im Großen durch natürliche Kräfte entstanden sein und sich unter dem Einfluß dieser Gesetze in einem ständigen Entwicklungsprozeß befinden?

    In dieser historischen Situation und angesichts der Tatsache, daß die kühne Entwicklungskonzeption der kosmischen Körper auch naturwissenschaftlich nicht unwiderlegbar bewiesen werden konnte, setzt sich der Entwicklungsgedanke in der Astronomie nur zögernd und gegen den Widerstand wissenschaftlicher und anderer Kräfte durch. Was sicherlich viele Astronomen dachten, sprach der Deutsche W. Olbers aus, als er fragte: „Aber ist denn diese Idee auch begründet oder erwiesen?” Und er gab auch gleich selbst die Antwort: „Nein, keineswegs. Wenn wir Herschein auch alles zugeben, so folgt aus seinen Beobachtungen an sich weiter nichts, als es gibt Nebelsterne, es gibt Fixsternsysteme, worin die Sonnen unter sich viel näher beieinander stehn als in anderen. Weiter hat er nichts beobachtet, alles übrige ist nur Schluß, und, wie ich glaube, etwas übereilter, gewagter Schluß aus seinen Beobachtungen. Eben die Abwechselung, die auch die Natur hier im kleinen auf unserer Erde zu lieben scheint, wird auch im großen am Himmel herrschen und wir dürfen uns also nicht wundern, wenn nicht alle Fixsternsysteme nach einem Modell. .. gebildet scheinen.” Himmelsmechanische Argumente, die für Veränderungen des Planetensystems sprachen, lehnte er mit dem Hinweis auf mögliche Rechenfehler ab. Im Hinblick auf die Entwicklungstheorie nahm er also eine ausgesprochen konservative Haltung ein. Die bereits gewonnenen Resultate der astronomischen Forschung hielt er für vollkommen ausreichend, um daraus endgültige Schlüsse abzuleiten. Angesichts der Autorität, die Olbers in weiten Kreisen genoß, wirkten diese Äußerungen, die er wiederholt auch in populären Vorträgen verbreitete, objektiv der Durchsetzung des Entwicklungsgedankens entgegen.

    Anders der bedeutende Vertreter der deutschen Aufklärung G. Ch. Lichtenberg in Göttingen. Er vertrat das Entwicklungsprinzip mit lebhafter Überzeugung, schrieb selbst eine Abhandlung „Ueber das Weltgebäude” und meinte über Herschels Entwicklungskonzeption: „Obwohl in diesen Gedanken manches gewagt zu sein scheint, so wird doch nicht leicht jemand sein, der das unermeßliche Große in denselben nicht bewundern sollte, denn Wahrscheinlichkeit ist zur Unterstützung der Bewunderung genug da.” Insgesamt hat Herschel mit seinen Ideen zur Entwicklung im Weltall nur wenig uneingeschränkten Beifall seiner Zeitgenossen erhalten, und wenn man ihn bewunderte, so eher wegen seines unermüdlichen Fleißes, wegen zahlreicher Erfolge auf traditionellen Forschungsgebieten und wohl auch, weil man sich der Faszination seiner Resultate schlecht entziehen konnte; Nachahmer fand er kaum und begeisterte Jünger, die seinen Spuren enthusiastisch gefolgt wären, ebenfalls nicht. So blieb Herschel gerade in seinen genialsten Arbeiten ein Einzelgänger. Sein Gedankenflug war freilich den Möglichkeiten der Forschung weit vorausgeeilt. Die Wissenschaft greift selten Probleme mit aller zu Gebote stehenden Intensität an, wenn eine Lösungsmöglichkeit noch nicht gegeben ist. Andererseits steckte die zeitgenössische Astronomie tief in umfangreichen anderen Unternehmungen. Die Gesetzmäßigkeiten der Bewegung der Himmelskörper waren bedeutend naheliegender. Diese Forschungen verhießen glänzende Entdeckungen. Vor allem aber bestand dafür ein ausgeprägtes gesellschaftliches Bedürfnis. Dadurch genoß dieser Zweig der Astronomie staatliche Förderung. So wurden Himmelsmechanik und Positionsastronomie zu den beherrschenden Teildisziplinen der Astronomie an der Wende zum 19. Jahrhundert, während die Fragen der Struktur und Entwicklung des Weltalls einstweilen noch Randprobleme blieben.

     

    Die Bewegung der Himmelskörper

     

     

    Die praktische und theoretische Erfassung von Ortsveränderungen der Objekte am Himmel und die Festlegung eines astronomischen Koordinatensystems in Gestalt präziser Sternörter prägte die Entwicklung der Astronomie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit wurde das von Newton begründete Gebäude der Himmelsmechanik zur Vollendung geführt. Der Himmelsmechanik und der mit hochverfeinerten Methoden immer besseren Ermittlung der Sternörter verdankt die Astronomie in dieser Epoche ihre größten Erfolge, während Aussagen über die physische Konstitution der Himmelskörper mit den zu dieser Zeit vorhandenen Beobachtungsinstrumenten kaum möglich waren. Allerdings bargen gerade die unbestreitbaren Triumphe dieses Zweiges der Astronomie auch Gefahren in sich: sie führten zur Verabsolutierung der Bedeutung der Mechanik und wurden damit später zu einem schwer überwindbaren Hindernis bei der Weiterentwicklung der Astronomie. Die theoretische Ausarbeitung der mathematischen Beziehungen, denen die Bewegung der Himmelskörper folgt, ist in engster Symbiose mit praktischen Problemen erfolgt; immer wieder waren es die praktischen Bedürfnisse, die zu theoretischen Verfeinerungen zwangen, und umgekehrt stimulierte die gesteigerte Genauigkeit der Theorie die Entwicklung höherer Meßgenauigkeiten. Der deutsche Astronom F. W. Bessel hat diesen dialektischen Zusammenhang zwischen Theorie und Messung so formuliert: „Es fehlt wirklich an Veranlassung, die Theorie einer Erscheinung über die Grenzen hinaus auszubilden, auf welche unsere Wahrnehmung der Erscheinung beschränkt ist; und es ist ebensowenig Veranlassung vorhanden, die Wahrnehmung zu schärfen, wenn die Theorie, womit man sie vergleichen kann, noch nicht einmal bis an die ungeschärfte Wahrnehmung reicht. Die Theorie war nun durch die Keplerschen Gesetze für die Bewegung der Planeten in befriedigender Weise gelöst. Mit Hilfe der „Rudolphinischen Tafeln” war es möglich, die genäherten Elemente der Planetenbahnen und die künftigen Planetenpositionen mit hinreichender Genauigkeit zu berechnen. Die Massen der Planeten konnten als sehr klein im Vergleich zur Sonnenmasse angesehen und die Bahnformen infolge der sehr geringen Exzentrizitäten der Ellipsen als Kreise betrachtet werden.

    Theoretisch war es natürlich klar, daß die Planeten sich auch gegenseitig beeinflussen und daß die Bewegung dadurch bestimmte Störungen erfährt. Dieses Problem hatte jedoch zunächst nur einen geringen praktischen Wert; für die Astronomie spielte die Berücksichtigung von mehr als zwei Massen lediglich bei der Behandlung der Satellitenbewegung eine Rolle. Die Entwicklung der Störungsrechnung, die Untersuchung des Drei- und Mehrkörperproblems besaß jedoch ein hohes theoretisches Interesse, und deshalb beschäftigten sich alle großen Mathematiker nach Newton sehr intensiv mit diesen Fragen und schufen so einen wichtigen theoretischen Vorlauf, auf den die Astronomie später zurückgreifen konnte. Hauptwerke dieser Epoche sind J. L. Lagranges „Mocanique analytique” (Analytische Mechanik, 1788) und vor allem La-places „Möcanique Celeste” (Himmelsmechanik; 1799—1825). Dieses Buch von Laplace war geradezu eine zweite, aber um viele neue Resultate bereicherte und verfeinerte Ausgabe des berühmten Newtonschen Hauptwerks. Sie umfaßte insgesamt 5 Bände, in denen der Stand der Mechanik, ihre geschichtliche Entwicklung und Anwendung auf die Himmelskörper bis zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Werks detailliert dargestellt ist.

    Die komplizierten Rechnungen über die gegenseitigen Störungen der Mitglieder des Sonnensystems, die Lagrange und Laplace ausführten, erbrachten einen außerordentlich wichtigen Befund: Sie bewiesen die Stabilität des Sonnensystems. Hatte man zuvor allgemein geglaubt, daß die gegenseitigen Störungen der Planeten — so klein sie auch sein mochten — schließlich zu irreversiblen Folgen für das gesamte System führen würden, zeigten nun Lagrange und Laplace, daß diese Einwirkungen in bestimmten Grenzen bleiben und das gesamte System stabil ist.

    Zu den interessantesten Erfolgen der Theorie der Bewegung von Himmelskörpern gehört auch die strenge analytische Lösung des Dreikörperproblems durch den französischen Mathematiker J. L. Lagrange für einen speziellen Fall: Lagrange konnte zeigen, daß eine strenge Lösung des Problems existiert, wenn sich der eine der drei Körper in ganz bestimmter geometrischer Anordnung gegenüber den beiden anderen befindet, wenn er sich in einem der fünf Librationspunkte der anderen bewegt. Als diese Arbeit 1772 publiziert wurde, machte sie zwar dem Scharfsinn ihres Autors alle Ehre, schien jedoch keine praktische Bedeutung zu besitzen. Später fand man jedoch, daß es innerhalb des Planetensystems tatsächlich Himmelskörper gibt, die der genannten Bedingung sehr genau genügen, die Gruppe der „Trojaner” aus der Familie der Kleinen Planeten. Dabei handelt es sich um insgesamt 16 Planetoiden, deren erster 1906 von M. Wolf entdeckt wurde.

    Daß sich ausschließlich Theoretiker mit den Problemen der Störungsrechnung beschäftigten, hatte für die praktische Astronomie eine unerwünschte Folge: Die Mathematiker entwickelten die Methoden der Bahnberechnung von Himmelskörpern zwar in großer Allgemeinheit, berücksichtigten jedoch bei ihren Arbeiten kaum die für die Anwendbarkeit sehr wichtige Frage des praktischen Rechnens. So hatte z. B. Lagrange Formeln hergeleitet, die in allgemeiner Form die Ermittlung einer elliptischen Bahn aus wenigen Beobachtungen prinzipiell gestatteten, jedoch für die Praxis so ungeeignet und kompliziert waren, daß sie kaum verwendet wurden und wiederum nur Theoretiker von diesen Bemühungen Notiz nahmen. Die Entdeckung des Planeten Uranus 1781 gab ebenfalls keine Veranlassung, neue und einfach zu handhabende Methoden der Bahnbestimmung von Planeten auszuarbeiten; die außerordentlich langsame Bewegung dieses Planeten, die geringe Exzentrizität und Neigung der Bahn gestatteten die genäherte Bahnbestimmung mit hinreichender Genauigkeit nach den alten Verfahren. Eine ähnliche Situation herrschte auf dem Gebiet der Berechnung von Kometenbahnen. Das Problem war allerdings schwieriger: Über die Bahnformen war nichts Genaues bekannt, dasselbe galt von den Neigungen und z. T. von den Umlaufszeiten. Die zunächst verhältnismäßig geringe Anzahl bekannter Kometen gestattete auch keine bindenden Aussagen über die Zugehörigkeit der Kometen zum Sonnensystem. In dieser Hinsicht gelang aber einem Zeitgenossen und Freund Isaac Newtons ein bedeutsamer Teilerfolg. Der englische Astronom E. Halley zog eine große Anzahl überlieferter Kometenbeobachtungen, die er aus einer Fülle von zum Teil sehr schwer zugänglicher älterer Literatur zusammensuchte, für Bahnberechnungen heran, wobei er das Newtonsche Gravitationsgesetz zugrunde legte. Dabei machte er die überraschende Entdeckung, daß einige der Kometen sehr ähnliche Bahnen aufwiesen. Er wagte die Hypothese, daß es sich dabei jedesmal um denselben Kometen gehandelt habe, und bezog dies auf die bemerkenswerten Kometenerscheinungen der Jahre 1456, 1531, 1607 und 1682. Halley ging noch weiter und sagte das Wiedererscheinen dieses Kometen für das Jahr 1758 voraus. Der deutsche Bauernastronom J.G. Palitzsch entdeckte den Kometen tatsächlich am Weihnachtstag des Jahres 1758 und bestätigte damit die Richtigkeit der Auffassung des inzwischen schon verstorbenen Halley. Damit war bewiesen, daß der Haiieysche Komet ein Mitglied unseres Sonnensystems ist; eine Verallgemeinerung dieses Befunds konnte man allerdings nicht wagen. Später haben sich nahezu alle großen Mathematiker der Theorie der Kometenbahnen gewidmet, darunter so hervorragende Theoretiker wie A. C. Clairaut, L. Euler und P. S. Laplace. Der Nachteil der verschiedenen Methoden für die Berechnung von Kometenbahnen bestand aber ebenfalls darin, daß ein außerordentlicher Rechenaufwand erforderlich war — die Methoden waren umständlich und schwerfällig. Die immer häufiger werdenden Kometenentdeckungen stellten für die kleine Anzahl von Astronomen bei den unzulänglichen Verfahren der Bahnberechnung ein ernsthaftes Hindernis der Forschung dar. Wie jeder, der sich mit den Kometen beschäftigte, so empfand auch W. Olbers diesen Mangel. Bei seinen Rechnungen gelang ihm eine wesentliche Vereinfachung des Verfahrens. Statt unmittelbar mit dem Kep/erschen Flächensatz zu rechnen, ersetzte Olbers die von den Radiusvektoren und den Bahnstücken der Kometen gebildeten Flächen durch Dreiecke, die aus den Radiusvektoren und den Sehnen zwischen zwei Bahnorten gebildet werden. Näherungsweise verhalten sich dann die Abschnitte auf den Sehnen wie die dazugehörigen Zwischenzeiten. In derselben Weise behandelte Olbers auch die gleichzeitig ablaufende Bewegung der Erde auf ihrer Bahn. Daraus konnte er verhältnismäßig einfache Formeln ableiten, die auf einem relativ bequemen und raschen Rechenweg zur Ermittlung der Kometenbahn führen. Die Ergebnisse seiner Überlegungen legte Olbers der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften im Jahr 1797 in seiner Arbeit „Abhandlung über die leichteste und bequemste Methode, die Bahn eines Kometen aus einigen Beobachtungen zu berechnen” vor. Die Abhandlung zählt zum klassischen Schrifttum der Himmelsmechanik und wurde noch 1797 von F.X. v. Zach in Gotha herausgegeben. Das kleine, aber bedeutende Werk erlebte mehrere Auflagen und wurde auch in andere Sprachen übersetzt. Es vereinte die Ergebnisse der Himmelsmechanik mit der Forderung der praktischen Astronomie, sie in leicht anwendbarer Form benutzen zu können, und rationalisierte damit die Arbeit der Astronomen.

    Dank der raschen Entwicklung der Fernrohre wurden allein während des 19. Jahrhunderts 351 Kometen entdeckt, fast doppelt soviel wie in den drei vorangegangenen Jahrhunderten zusammengenommen. Die wachsende Fülle des Materials und die immer bessere theoretische Beherrschung des himmelsmechanischen Verhaltens der Kometen schufen gute Voraussetzungen für das Erkennen statistischer Eigenheiten der Bahnformen.

    Bemerkenswert war dabei die Feststellung, daß die Exzentrizität der weitaus meisten Kometenbahnen kleiner als 1 ist; auch die wenigen Bahnen mit Exzentrizitäten größer als 1 stellten keine Hyperbeln, sondern allenfalls Parabeln dar. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden für alle Kometen mit hyperbolischen oder parabolischen Bahnformen durch Anwendung der Störungsrechnung die ursprünglichen Bahnelemente ausgerechnet. Dabei stellte sich heraus, daß es sich bei den „verdächtigen” Bahnen früher um parabelnahe Ellipsen gehandelt hatte. Daraus konnte der wichtige Schluß gezogen werden: Alle Kometen sind Mitglieder des Sonnensystems. Im Jahre 1818 gelang es dem deutschen Astronomen J. F. Encke, für einen schon mehrmals beobachteten Kometen eine Bahnberechnung durchzuführen. Dieses jetzt als Enckescher Komet bekannte Objekt erwies sich als erstaunlich kurzperiodisch. Mit einer Umlaufszeit von 3,3 Jahren stellt es bis heute den Kometen mit der kürzesten bekannten Umlaufszeit um die Sonne dar. Im Anschluß an Enckes Entdeckung wurden noch mehrere kurzperiodische Kometen gefunden. Bei vielen von ihnen zeigte die Berechnung der Bahnelemente eine auffällige Häufung der großen Halbachsen um den Bahnradius des Planeten Jupiter herum. Auf diese Weise wurde durch statistische Untersuchungen die Kometenfamilie des Jupiter entdeckt.

    Die zunehmenden Kenntnisse über die Kometen bauten auch systematisch den Kometenaberglauben ab. Ein für die Untergrabung der Kometenfurcht und die wissenschaftliche Kenntnis gleichermaßen wichtiger Befund ergab sich im Zusammenhang mit der Beobachtung des kurzperiodischen sogenannten Bielaschen Kometen. Er wurde entsprechend seiner bekannten Umlaufszeit von 6 Jahren und 9 Monaten für das Jahr 1846 am Himmel wieder erwartet. Dabei zeigte er aber eine Teilung, die man vorher nicht beobachtet hatte. Bei seiner nächsten Annäherung an die Sonne im Jahre 1852 waren die beiden Teile schon erheblich weiter voneinander entfernt als 1846. Im Jahre 1866 konnte der Komet überhaupt nicht mehr gefunden werden. Als G. V. Schiaparelli im selben Jahr nachwies, daß die Bahn des periodischen Sternschnuppenschwarmes Perseiden mit der des periodischen Kometen Tuttle identisch sei, war man dem Rätsel des verschwundenen Bielaschen Kometen rasch auf der Spur: H.L. d’Arrest, der die Teilung des Bielaschen Kometen im Jahre 1846 entdeckt hatte, und E. Weiss konnten zeigen, daß ein scheinbar aus dem Sternbild Andromeda herströmender Sternschnuppenschwarm die Bahn des Bielaschen Kometen aufwies. Sie prophezeiten das Auftreten verstärkter Sternschnuppenfälle für den 28. November 1872, den Zeitpunkt des nächsten Durchgangs der Erde durch die Bahn des ehemaligen Kometen. Die Prognose traf mit bemerkenswerter Präzision ein: In Italien wurden während sechseinhalb Stunden von vier Beobachtern 33400 Sternschnuppen (Andromediden) gezählt. Damit war bewiesen: Die Kometen, die angeblich Künder unheilvoller Schicksale der Erdbewohner sein sollten, sind Himmelskörper, die den Gesetzen der Natur unterliegen. Auch der Zusammenhang zwischen den Sternschnuppen und den Kometen war damit für einige Fälle unwiderlegbar herausgestellt. Ähnlich wie die wachsende Zahl der Kometenentdeckungen die brauchbare Lösung des Bahnbestimmungsproblems erzwungen hatte, führten praktische Forderungen und neue Entdeckungen schließlich auch zur Lösung dieses Problems für die Planeten. Eine entscheidende Rolle spielten hierbei die Kleinen Planeten.

     

     

    Die Kleinen Planeten

     

    Die Entdeckung des Uranus hatte die Astronomen erneut auf eine Merkwürdigkeit aufmerksam gemacht, die schon J. Kepler empfunden hatte und die 1724 von Ch. Wolff und dann von J.D. Titius und J. E. Bode in mathematischer Form ausgesprochen wurde: Die Abstände der Planeten von der Sonne folgen einem Abstandsgesetz, das als Titius-Bodesche Reihe bekannt geworden ist. Danach erhält man die Abstände a der jeweiligen Planeten von der Sonne aus der Beziehung a = 0,4+ 0,3 -2″, wenn man für Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn den Exponenten n = – °°, 0, 1, 2,4,5 setzt. Es war nun schon lange aufgefallen, daß zwischen den Planeten Mars und Jupiter eine Lücke klaffte, d.h., daß kein Planet bekannt war, dessen Entfernung sich durch Einsetzen von n = 3 in die Titius-Bodesche Reihe ergibt. Nachdem sich die Reihe auch für den neu entdeckten Planeten Uranus mit n = 6 als gültig erwiesen hatte, verstärkte sich die Überzeugung, daß auch zwischen Mars und Jupiter noch ein Planet zu finden sei. Der Astronom Zach war von der Existenz dieses Planeten so fest überzeugt, daß er die Entfernung des Körpers und andere Daten unter Zuhilfenahme der Reihe und der Keplerschen Gesetze abschätzte und diese Daten schon 1785 in versiegelten Umschlägen bei Fachkollegen in Berlin, Dresden und London hinterlegte.

    Da sich alle Planeten annähernd in einer Ebene, der Ekliptik, um die Sonne bewegen, war dies auch für den noch unentdeckten Planeten zu erwarten. Daraus ergab sich die Notwendigkeit, möglichst präzise Sternkarten der Tierkreiszone am Himmel zu entwerfen, um auf diese Weise den offenbar verhältnismäßig lichtschwachen Planeten rasch ausfindig zu machen. Die Erwartung eines Planetenfundes machte die mühsamen Himmelsvermessungen für viele Astronomen attraktiv. In Lilienthal (bei Bremen) begegneten sich im Herbst des Jahres 1800 sogar 6 Astronomen auf der Sternwarte von J.H. Schroeter und stifteten eine „Vereinigte Astronomische Gesellschaft” mit dem ausdrücklichen Ziel, unter Beteiligung ausländischer Astronomen eine Arbeitsteilung bei der Herstellung von Sternkarten der Tierkreiszone zu erreichen, um auf diese Weise rasch vorwärts zu kommen. Viele Astronomen, die dort als Mitarbeiter an dem Unternehmen vorgeschlagen wurden, hatten bereits auf eigene Initiative bedeutende Vorarbeiten geleistet; so auch der italienische Astronom G. Piazzi, der sich schon seit den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts mit einer „Revision” des Himmels beschäftigte. Bei diesen systematischen Beobachtungen fand Piazzi in der Neujahrsnacht des Jahres 1801, gleichsam zur Eröffnung des 19. Jahrhunderts, ein Objekt, das auf Grund seines Aussehens kein Fixstern sein konnte und das er zunächst für einen Kometen hielt. Piazzi hatte schon am kommenden Abend Gelegenheit, die Fortbewegung des Objektes unter den Sternen festzustellen. Bis zum 11. Februar verfolgte er den Neuling unentwegt weiter, wobei sich seine Vermutung erhärtete, daß es sich um einen Planeten handelt. Wegen Krankheit war es Piazzi dann nicht möglich, die Beobachtungen forzusetzen. Als die Nachricht von der Entdeckung nach Nordeuropa gelangt war, verhinderte hier eine Schlechtwetterperiode die weitere Verfolgung des Objekts; und als man schließlich wieder Gelegenheit zur Beobachtung hatte, war der Neuling nicht mehr zu finden. Die verhältnismäßig geringe Helligkeit von 9m bot dem Sternchen allerdings einen recht sicheren Schutz vor den Augen der Astronomen, zumal es sich in einem dichten Sterngewimmel versteckt hielt und die Sternkarten bei der Wiederauffindung so lichtschwacher Objekte nicht helfen konnten.

    Das sicherste Mittel, den entschwundenen Himmelskörper wiederzufinden, war eine Bahnberechnung.

    In der festen Überzeugung, daß es sich bei dem neuen Himmelskörper um einen Planeten handelt, machte sich F. X. v. Zach unter Annahme einer Kreisbahn an die Berechnung der Ephemeride für die Monate November und Dezember 1801. Zur selben Zeit hatte aber auch der junge deutsche Mathematiker C. F. Gauß durch die rasche Verbreitung der Meldungen in der neugegründeten Zeitschrift „Monatliche Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmels-Kunde” von dem Problem einer Ephemeridenberechnung aus den verhältnismäßig wenigen geozentrischen Örtern des Objektes erfahren und sich dieser Aufgabe zugewendet. Ohne Voraussetzungen über die Stellung des Körpers in seiner Bahn, gelang es Gauß, aus dem kleinen Bogenstück, das aus Beobachtungen bekannt war, eine Ephemeride herzuleiten, die am 1. Januar 1802, genau ein Jahr nach der Entdeckung der Ceres, zu seiner Wiederauffindung durch Olbers in Bremen führte. Die Rektaszension der Gaußschen Ephemeride wies gegenüber der Rechnung von Zach eine Differenz von 7° auf. Die Astronomen waren von diesem Erfolg außerordentlich beeindruckt, denn die von Gauß berechnete Ellipse stellte Piaz-zis Beobachtungen erstaunlich genau dar. Obwohl Gauß zunächst keine Einzelheiten über die von ihm angewendete Methode mitteilte; herrschte doch allgemein die Überzeugung, daß er hier neue Wege beschritten hatte. Tatsächlich hatte Gauß nach einer allgemeinen Lösung des Problems gestrebt, ohne willkürliche Voraussetzungen aus wenigen Beobachtungen gute Ephemeriden abzuleiten, und diese Aufgabe auch Ende 1801 schon vollständig gelost, wie ein an Olbers gesandtes Manuskript beweist. Die Entdeckungen weiterer Körper aus der Familie der Kleinen Planeten in den Jahren 1802, 1804 und 1807 waren für Gauß eine willkommene Gelegenheit, seine Methode ständig zu verbessern. Als Olbers 1807 den kleinen Planeten Vesta entdeckt hatte und die Beobachtungen an Gauß sandte, benötigte dieser für die Berechnung der Bahnelemente nur wenige Stunden. Das Geheimnis seiner Methode sollte bald gelüftet werden: Im Jahre 1809 veröffentlichte Gauß sein Verfahren in dem klassischen Werk „Theoria motus corporum coelestium in sectionibus conicis solem ambientium” („Theorie der Bewegung von Himmelskörpern, welche die Sonne in Kegelschnitten umlaufen”). In diesem Werk ist auch die bekannte „Methode der kleinsten Quadrate” erstmals enthalten, die Gauß schon 1794 entwickelt hatte. Durch Anwendung dieser Methode gelang es ihm, sämtliche vorhandenen Beobachtungen für die Bahnberechnungen heranzuziehen und nicht nur einzelne ausgewählte Daten.

    Ähnlich wie Olbers’ Kometenberechnungsmethode zeichnet sich auch Gauß’ Theorie gegenüber den theoretischen Arbeiten der Newtonnachfolger J. L. Lagrange, P. S. Laplace, A. C. Clairaut und anderer vor allem dadurch aus, daß sie der Durchführung von praktischen Rechnungen entgegenkommt. Gerade in dieser Hinsicht stellt sie auch eine bedeutende Vereinfachung der Arbeit der rechnenden Astronomen dar.

    Gauß soll einmal eine Bahnberechnung, für die der berühmte Leonhard Euler nach den üblichen Methoden drei Tage angestrengter Arbeit benötigte, nach seiner „Theoria motus” in einer Stunde erledigt haben. Die Rationalisierung der Arbeit durch die Schaffung praktikabler Rechenverfahren ist für die rasche Entwicklung der Astronomie, für die enge Wechselwirkung zwischen Beobachtung und Theorie von größter Wichtigkeit gewesen. Über diese Fortschritte schrieb Zach schon 1802, daß man jetzt nur noch Monate und Tage benötige, wozu vor wenigen Jahrzehnten noch viele Jahre gehört hätten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts habe es in ganz Europa nur 4 bis 5 Astronomen gegeben, welche die Störungsgleichungen für den Kleinen Planeten Ceres in einigen Monaten berechnet hätten, „heutzutage gibt es vielleicht mehr als ein Dutzend junger und gewandter Männer, welche eine solche Arbeit in wenigen Tagen vollenden”.

    Die Entwicklung der Gaußschen „Theoria motus” ist ein besonders anschauliches Beispiel für die Stimulation der Theorie durch die praktischen Bedürfnisse und für den Nutzen, den die Praxis aus der Theorie zog. Ungeachtet aller weiteren Verfeinerungen ist die von Gauß entwickelte Methode das meistverwendete Verfahren zur Bahnbestimmung geblieben. Einige Verbesserungen, die vor allem weiteren Vereinfachungen der Rechnungen dienten, hat später Gauß’ Schüler J. F. Encke vorgenommen. Weitere Varianten der Gaußmethode stammen von Th. v. Oppolzer, F. Tietjen, P. Harzer und anderen.

    Die Entdeckung der Ceres ist übrigens von einer kuriosen und wenig bekannten Kontroverse zwischen den Astronomen und dem jungen G. W. F. Hegel begleitet gewesen. Hegel hatte nämlich in seiner gerade erschienenen Dissertation den umständlichen Beweis angetreten, daß es im Sonnensystem nur 7 Planeten geben könne. Die Entdeckung der Ceres war natürlich eine offenkundige Blamage für die Spekulation des Philosophen, und die Astronomen zögerten nicht, dies in deutlichen Worten zum Ausdruck zu bringen. Zach bezeichnete die Dissertation Hegels als „literarischen Vandalismus” von Leuten, „die erst lernen sollten ehe sie lehren”. Das spätere Mißtrauen zahlreicher Naturwissenschaftler gegenüber der Philosophie überhaupt, das von Marx und Engels lebhaft bedauert wurde, hat seine Wurzeln nicht zuletzt in den naturphilosophischen Auswüchsen der Hegeischen Philosophie. Zach hat dies unüberhörbar betont, als er die Newtonsche Physik einer Hegelsehen „Hyperphysik” gegenüberstellte und hervorhob, daß die Newtonsche Physik „noch immer die glänzendsten Entdeckungen im Weltsystem” veranlasse, während die Philosophie Hegels „nicht nur nicht die geringste Entdeckung hervorgebracht, sondern sie sogar verhindert haben würde”, wenn man ihr gefolgt wäre. Andererseits sind es gerade Hegels spätere große Leistungen gewesen, auf denen Marx und Engels bei der Entwicklung der materialistischen Dialektik aufbauen konnten und die somit zu den wichtigsten theoretischen Quellen des Marxismus zu zählen sind. Denn Hegel war es, der die allgemeinen Bewegungsformen der Dialektik zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat.

    Die große Rolle, die den Planetoiden für die rasche Weiterentwicklung von Theorie und Beobachtung zukommt, wird klar, wenn man sich die Geschichte der weiteren Planetoidenentdeckungen vor Augen führt:

    Am 28. März 1802, kurz nach der Wiederauffindung der Ceres, durchmusterte Olbers die Gegend des Sternbilds Jungfrau, wo er im Januar die Ceres gesehen hatte. Dabei fiel ihm ein Stern auf, der zur Zeit der Ceresentdeckung dort nicht gestanden hatte. Schon im Verlauf weniger Stunden nahm Olbers eine Bewegung dieses Objekts unter den Fixsternen wahr, und nach wenigen Tagen wurde es zur Gewißheit, daß es ein Planet sein mußte. Innerhalb kürzester Zeit berechnete Gauß wieder die elliptische Bahn dieses neuen Planeten (Pallas) nach dem von ihm entwickelten Verfahren und erzielte ausgezeichnete Übereinstimmung, die sich auch auf erst nachfolgende Beobachtungen erstreckte. Später wurden die Elemente freilich verbessert, vor allem mußten die relativ starken Störungen der Jupitermasse berücksichtigt werden.

    Das interessanteste Resultat der beiden Bahnbestimmungen von Ceres und Pallas war die Feststellung, daß beide beinahe dieselben Umlaufzeiten um die Sonne besitzen und ihre sogenannten Bahnknoten einander sehr nahe kommen. Für die Ceres fand man eine Umlauf zeit von 1681,4 Tagen, für Pallas 1686,3 Tage. Hinzu kamen weitere sehr interessante Ergebnisse, die vor allem aus den Beobachtungen von J. H. Schroeter und F. W. Herschel folgten: beide hatten sich mit der Frage der Dimensionen der neuen Himmelskörper beschäftigt. Zwar stimmten ihre Ergebnisse untereinander kaum überein, aber darin war man sich einig, daß die neuen Himmelskörper winzige Ausmaße im Vergleich zu den bekannten Planeten des Sonnensystems besaßen. Mit der merkwürdigen Bahnlage und diesen Größenbestimmungen begründete Olbers seine Hypothese, daß diese Körper eventuell Bruchstücke eines ehemaligen größeren Planeten seien. Daraus folgerte er weiter, daß man in der Zukunft gewiß noch zahlreiche andere Bruchstücke dieses ehemaligen großen Planeten finden würde. Diese Prognose bestätigte sich, als der deutsche Astronom K. L. Harding 1804 einen dritten kleinen Planeten, die Juno, fand und Olbers selbst die Reihe dieser Entdek-kungen durch die Auffindung der Vesta 1807 um ein weiteres Objekt bereicherte. Damit waren die größten der Kleinen Planeten aufgespürt, und für längere Zeit gelangen keine weiteren Funde, obwohl Olbers und andere Astronomen fest davon überzeugt waren, daß sich im Gewimmel der Fixsterne noch mancher Kleinplanet verbirgt. Erst nach 1845 begann eine neue Epoche der Planetoidenentdeckungen; sie wurde durch den deutschen Liebhaberastronomen K. L. Hencke eingeleitet, der den Kleinen Planeten Astraea entdeckte und 1847 noch die Hebe ausfindig machte. In den folgenden 20 Jahren fand eine verhältnismäßig kleine Anzahl von Astronomen durch systematische Fernrohrbeobachtungen mehr als 80 weitere Kleine Planeten. Zu Beginn des letzten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts kannte man bereits mehr als 300 Planetoiden. Eine Flut von Entdeckungen stand aber noch bevor, als Max Wolf um 1890 eingehende Versuche unternahm, die Fotografie als Hilfsmittel zur Entdeckung Kleiner Planeten zu verwenden. Gleichzeitig verfolgte Wolf dabei das Ziel, die beträchtliche Anzahl vermißter Kleiner Planeten eventuell durch Wiederentdeckungen zu verringern, zumal von diesen oft noch keine Bahnbestimmungen vorlagen. Wolf richtete sein fotografisches Instrument auf jene Gegenden der Ekliptik, in denen die bereits bekannten Kleinen Planeten die Oppositionsstellung zur Sonne erreichten, da dann mit der größten Helligkeit zu rechnen war. Er führte das Instrument der scheinbaren täglichen Bewegung der Fixsterne nach, so daß ein Kleiner Planet eine Strichspur auf der Platte hinterlassen mußte. Als Wolf gegen Ende des Jahres 1891 den ersten fotografischen Versuch mit einer Belichtungszeit von zwei Stunden unternahm, gelang ihm auf Anhieb die Wiederentdeckung des 275. Kleinen Planeten (Sapientia) und außerdem die Entdeckung eines noch unbekannten Planetoiden. Allein im folgenden Jahr fand Wolf in Heidelberg 17 neue Kleine Planeten. Damit war die Ära der fotografischen Entdeckung der Kleinen Planeten eröffnet. Dadurch wuchs die Anzahl der bekannten Kleinen Planeten bald auf über 1000 an.

    Mit den Kleinen Planeten hatten sich die Astronomen eine außerordentlich große Beobachtungs- und Rechenarbeit aufgebürdet. Sie haben diese Arbeiten aber trotzdem durchgeführt; denn die Kleinen Planeten beanspruchen in verschiedener Hinsicht ein “besonderes Interesse: einerseits ist die Berechnung ihrer Bahnen wegen ihrer kleinen Massen himmelsmechanisch ein sehr anspruchsvolles Problem, so daß sie gewissermaßen als Kontrolle für himmelsmechanische Theorien verwendet werden können, andererseits wurden sie in zunehmendem Maße für die Kosmogonie des Planetensystems interessant, worauf schon Olbers hingewiesen hatte. Schließlich ist es mit Hilfe der Kleinen Planeten gelungen, eine Reihe anderer wichtiger astronomischer Größen zu bestimmen, wie z.B. die Sonnenparallaxe mit Hilfe des 1898 entdeckten Kleinen Planeten Eros. Auch präzisere Massenbestimmungen der großen Planeten sind mit Hilfe genauer Planetoidenbeobachtungen gelungen.

     

     

    Sternkarten und Sternkataloge

     

     

    Für die genaue Erfassung von Planeten-, Kometen- und Planetoidenbahnen war die Kenntnis der Fixsternpositionen eine unabdingbare Voraussetzung. Außerdem hatte E. Halley 1718 Veränderungen von Fixsternpositionen, die sogenannten Eigenbewegungen, entdeckt, die ebenfalls eine sorgfältige Beobachtung der Sternörter nahelegten. Somit wurde die Herstellung von Sternkarten und Sternkatalogen ein zentrales Anliegen der Astronomen im 18. und 19. Jahrhundert. Einerseits ging es darum, möglichst genaue Positionen der Fixsterne zu erhalten, andererseits richtete sich das Interesse aber auch auf die Positionen von möglichst vielen Objekten. Da beides gleichzeitig nicht realisiert werden kann, entwickelten sich zwei Typen von Datensammlungen: 1. die umfassenden Durchmusterungen, bei denen die Genauigkeit lediglich zur Identifizierung der Objekte ausreichen muß — und 2. die Kataloge mit einer relativ geringen Anzahl von Objekten, die dafür aber so genaue Örter enthalten, daß sie als Fundament für die Ableitung der anderen Sternörter geeignet sind und die das astronomische Koordinatensystem repräsentieren. Der älteste Positionskatalog, der auch für moderne Fragestellungen noch von Wert war, stammt von dem ersten Direktor der Sternwarte Greenwich, J. Flamsteed. Ihm folgten zahlreiche weitere Beobachter, darunter Piazzi, Lalande und Bessel, die sich aber als einzelne vergeblich bemühten, die Fülle des Materials zu bezwingen. Schon Zach hatte erkannt, daß eine sorgfältige Darstellung der Sternörter bis zu möglichst lichtschwachen Sternen innerhalb einer vertretbaren Zeitspanne nur als Gemeinschaftsunternehmen verwirklicht werden konnte. Sein Plan einer Tierkreisdurchmusterung unter Mitwirkung von Astronomen aus aller Welt, der im Jahre 1800 auf Schroeters Sternwarte diskutiert worden war, ist bedauerlicherweise nicht realisiert worden. Aber er war darum nicht vergessen. F. W. Besssel, der seine praktische astronomische Laufbahn bei Schroeter in Liiienthal begonnen hatte, griff den Plan wieder auf, wenn auch erst ein Vierteljahrhundert später. In einem ausführlichen Brief Bessels an die Königliche Akademie der Wissenschaften zu Berlin im Oktober 1824 geht Bessel auf die Notwendigkeit eines umfassenden Fixsternverzeichnisses unter anderem wie folgt ein: „Wenn ein Planet oder Komet außer dem Meridiane beobachtet werden soll, so wird dieses meistens nur dann gut gelingen, wenn immer mehrere Sterne in seiner Nähe gut bestimmt sind; wenn man ernstlich darauf ausgehen will, alle zu unserem Sonnensysteme gehörigen Hauptplaneten zu entdecken, so wird die vollständige Verzeichnung der Sterne vorausgehen müssen… Die Hoffnung, auf diese Weise … mehrere neue Planeten zu entdecken, muß als sehr begründet betrachtet werden.” Als Bessel diesen Brief schrieb, hatte er nicht nur theoretische Vorstellungen von dem Projekt. Vielmehr lagen bereits drei Jahre aufopferungsvoller Beobachtungen hinter ihm, in denen er alle Sterne innerhalb einer 30° breiten Zone um den Himmelsäquator bis zu einer Helligkeit von 9m mit dem Meridiankreis erfaßt hatte. Daraus ließ er eine Karte von lh Länge zeichnen, die er der Akademie als Muster vorlegte. So wurde das Unternehmen der „Akademischen Sternkarten” ins Leben gerufen. Das vollständige Werk lag allerdings erst im Jahre 1859 vor. Bessel hat seine Zonenbeobachtungen noch bis zum Jahre 1835 fortgesetzt und aus etwa 75 000 Einzelbeobachtungen die Positionen von 31 895 Sternen abgeleitet. Bei diesen Beobachtungen entdeckte er im Jahre 1821 übrigens, gleichsam als „Abfallprodukt”, die „persönliche Gleichung”, als er feststellte, daß sein Gehilfe die Berührung der Sterne mit den Fäden im Gesichtsfeld des Okulars stets eine Sekunde später wahrnahm als er. Für die Bewertung der Resultate ist die Kenntnis dieses Zeitfehlers verständlicherweise sehr wichtig. 1889 konnte J. A. Repsold die „persönliche Gleichung” durch den Bau eines „unpersönlichen Mikrometers” weitgehend ausschalten. Außer Bessel beschäftigten sich auch zahlreiche andere Astronomen mit der Herstellung von umfangreichen Sternkatalogen. Es seien hier lediglich noch die z. T. sehr reichhaltigen Arbeiten von St. Groom-bridge, G. B. Airy, R. Ch. Carrington und J. v. Lamont erwähnt. Letzterer beobachtete in den von ihm ausgewählten Zonen die Sterne bis 10m und zog für seinen Katalog 80000 Einzelbeobachtungen heran.

    Das größte und für alle folgenden Arbeiten immer wieder grundlegende Unternehmen war aber die von den deutschen Astronomen F. W. Argelander und E. Schönfeld durchgeführte umfassende Himmelsdurchmusterung an der Sternwarte in Bonn, die sogenannte Bonner Durchmusterung (BD), die neben den genäherten Positionen auch die geschätzten Helligkeiten der Sterne enthielt (vgl. auch S. 122 f.). Allein die nördliche BD enthält die genäherten Positionen von insgesamt 324198 Sternen, zu der noch die Ergänzung bis zur Deklination -23° von Schönfeld mit 133659 Sternen hinzukommt. Der Rest des südlichen Himmels ist in der Cordobadurchmusterung mit 613953 Sternen erfaßt.

    An diese großen Beobachtungsprogramme schloß sich ein noch umfangreicheres Unternehmen an, das nur durch das Zusammenwirken vieler Sternwarten zu realisieren war und trotzdem auf Jahrzehnte die Kräfte aller Beteiligten in Anspruch nahm: das Zonenunternehmen der Astronomischen Gesellschaft. Bezeichnenderweise ist dieses Riesenprojekt, in dessen Verlauf sämtliche Sterne zwischen -2° und +80° Deklination bis zu einer Helligkeit von 9m beobachtet werden sollten, von Argelander. dem Initiator der Bonner Durchmusterung, vorgeschlagen worden. Als Schüler Bessels und Bewahrer der Besselschen Tradition berief er sich dabei auf seinen Lehrmeister, so daß hierin die in Deutschland gewachsene Tradition der Positionsastronomie zum Ausdruck kommt, die dann allerdings allzu hartnäckig am Leben blieb und neuem Ideengut nur zögernd Platz machte. Am Zonenunternehmen der Astronomischen Gesellschaft wirkten insgesamt 17 Sternwarten, darunter die Observatorien in Pulkowo, Helsingfors, Bonn und Berlin, mit. Das Zonenunternehmen sollte eine einheitliche und gültige Grundlage für alle künftigen Beobachtungen schaffen. Deshalb wurde zugleich beschlossen, das gesamte Programm etwa ein halbes Jahrhundert später zu wiederholen; vor allem sollten daraus umfangreiche Materialien über die Eigenbewegungen der Fixsterne hergeleitet werden.

    Das Resultat der ersten Durchmusterung ist in einem 15 Bände umfassenden Katalog niedergelegt (AGK 1), der Angaben über rund 150000 Sterne enthält. Eine 1887 erschienene Erweiterung auf den Deklinationsbereich von -2° bis -23° umfaßt Angaben über etwa 10000 Sterne. Die Wiederholung wurde Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts begonnen. Diesmal konnten vor allem die Vorzüge der Fotografie in Anspruch genommen werden; 1887 war auf einem Internationalen Kongreß für Astrofotografie in Paris beschlossen worden, eine Karte des gesamten Himmels unter Benutzung des Hilfsmittels Fotografie herzustellen. Zu diesem Zweck waren auch umfangreiche Voruntersuchungen durchgeführt worden. Einheitliche instrumenteile Ausrüstung aller Beteiligten, einheitliche geeignete Plattenmaterialien und -formate sowie verbindliche Belichtungszeiten waren festgelegt. In 150 Katalogbänden sollten die Koordinaten von einigen Millionen Sternen niedergelegt werden. Dazu waren 22000 Karten mit den Sternen bis zu einer Helligkeit von 20m vorgesehen. Das Unternehmen ist leider historisch verfrüht in Angriff genommen worden, denn die Kenntnisse über die zweckmäßige Anwendung der Fotografie waren in den zwanziger Jahren noch sehr gering. Erst im Jahre 1970 ist die fotografische Himmelskarte zum Abschluß gekommen.

    Um 1925 lagen jedoch schon wertvolle Erfahrungen vor, die für die Wiederholung des AGK 1 genutzt werden konnten. Das Wiederholungsprogramm sah vor, den gesamten nördlichen Sternhimmel auf 2000 Platten festzuhalten. Zusätzlich waren noch 13 747 Anhaltsterne nach dem klassischen Verfahren unter Verwendung des Meridiankreises zu bestimmen, um die relativen Positionen auf den Platten in sphärische Koordinaten zu verwandeln. Die 13 747 Anhaltsterne mußten nun möglichst eng an ein System von Fundamentalsternen angeschlossen werden, deren mittlere Örter für eine gegebene Epoche mit höchstmöglicher Genauigkeit bekannt sind. Die Fundamentalkataloge haben ihre eigene Geschichte: Das bedeutendste Werk dieser Art in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die „Fundamenta Astronomiae” von F. W. Bessel. Dieses klassische Werk, das im Jahre 1818 erschien und an dem Bessel sieben Jahre gearbeitet hat, enthält die mittleren Sternörter von 3220 Sternen, hauptsächlich hergeleitet aus den Präzisionsbeobachtungen des englischen Meisterbeobachters J. Bradley und bezogen auf das Jahr 1755 (Epoche 1755). Das bedeutende Werk, das unter den in Deutschland herrschenden Umständen nur mit größten Schwierigkeiten und durch die maßgebliche Initiative B. A. v. Lindenaus zum Druck gelangen konnte, bringt außerdem alle Formeln und Tafeln, die zum Anschluß anderer Beobachtungen an die Fundamentalsterne erforderlich sind. Bradleys Beobachtungen sind später — unter Berücksichtigung neuerer Erkenntnisse — von A. v. Auwers nochmals bearbeitet worden, woraus der „Neue Fundamentalkatalog des Berliner Astronomischen Jahrbuchs” hervorging. Ständige Verbesserungen des Systems der Fundamentalsterne führten schließlich zu dem gegenwärtig gebräuchlichen vierten Fundamentalkatalog (FK4).

    Die Gewinnung eines Systems von Fundamentalsternen ist eine außerordentlich komplizierte Aufgabe, denn sie schließt ständige Forschungen auf einer ganzen Reihe von Spezialgebieten ein. Um den mittleren Ort eines Gestirns für eine Epoche mit größtmöglicher Genauigkeit ableiten zu können, müssen die unmittelbar am Fernrohr abgelesenen Werte in umfangreichen Rechenoperationen „reduziert” werden. Der abgelesene Wert am Fernrohr stellt den Ort des Sterns noch keineswegs dar; dieser ist vielmehr durch zahlreiche Einflüsse verfälscht. Daraus ergab sich die Fragestellung, welche Reduktionselemente in welcher Weise berücksichtigt werden müssen. Dazu zählt z. B. die Strahlenbrechung (Refraktion) in der Atmosphäre, die periodische Verschiebung der Sternörter infolge der Aberration sowie die Veränderung des Ursprungs des astronomischen Koordinatensystems (Präzession). Die Berücksichtigung dieser Einflüsse ist aber nur in einem historischen Prozeß allmählich immer vollkommener zu erreichen. Die Refraktion, um dieses Beispiel herauszugreifen, ist in komplizierter Weise von Temperatur und Luftdruck abhängig. Die Theorie der Strahlenbrechung beginnt zwar schon bei Ptolemäus im Altertum. Aber die elementare Voraussetzung für eine wissenschaftliche Theorie der Refraktion ist erst durch die Entdeckung des Brechungsgesetzes (W. Snellius, 1602) gegeben worden. Nach Newton, der die Basis zu einer modernen Strahlenbrechungstheorie legte, waren es vor allem D. Bernoulli, T. Mayer, J. H. Lambert, L. Euler, J. L. Lagrange, P. S. Laplace und F. W. Bessel, die auf diesem wichtigen Gebiet arbeiteten. Ähnlich langwierig waren die Forschungen, die den anderen Reduktionselementen galten. Schließlich kann auch kein Instrument praktisch so vollkommen realisiert werden, wie es erdacht ist. Daraus erwächst das Problem, auch die Instrumentenfehler durch praktische Prüfungen kennenzulernen und bei der Auswertung der Beobachtungen in geeigneter Weise zu berücksichtigen. „Jedes Instrument wird auf diese Art zweimal gemacht”, schrieb F. W. Bessel, „einmal in der Werkstatt des Künstlers von Messing und Stahl; zum zweitenmale aber von dem Astronomen auf seinem Papiere, durch die Register der nötigen Verbesserungen, welche er durch seine Untersuchungen erlangt.” Gerade durch Bessel wurden bedeutende Fortschritte bei der Verbesserung der Prüfung und Theorie der astronomischen Instrumente erreicht.

    Im Gegensatz zu den meisten Naturwissenschaften können in der Astronomie auch ältere Messungen eine wertvolle Hilfe bei der Erforschung bestimmter Phänomene darstellen. Dies trifft unter anderem auch auf Positionsangaben zu. Da es nun sehr mühselig ist, aus den zahlreichen, mitunter schwer zugänglichen älteren Katalogwerken die für bestimmte Zwecke benötigten Daten herauszusuchen und auf die jeweilige Epoche umzurechnen, äußerte A. v. Auwers erstmals 1878 die Absicht, alle Errungenschaften auf dem Gebiet der Positionsmessungen, soweit sie für aktuelle Fragestellungen von Wert waren, in einem Werk zusammenzufassen. 1897 nahm diese Idee konkrete Gestalt an, als F. W. Ristenpart vorschlug, „daß in irgendeinem Sammelkatalog Referenzen für alle Sternkataloge, in denen irgendein Stern zu finden ist, diesem beigesetzt würden”. Im Jahre 1900 wurde dann von A. v. Auwers dieser Plan eines „Katalogs der Kataloge” vor der Berliner Akademie der Wissenschaften vorgetragen. So kam es zur „Geschichte des Fixsternhimmels”. Ein Riesenprogramm lag vor der Akademie: Es sollten alle von 1750 bis 1900 unter Verwendung von Meridianinstrumenten gemessenen Fixsternpositionen auf das Äquinoktium von 1875 reduziert und in einem einheitlichen System zusammengefaßt werden. Zu diesem Zweck mußten etwa 1000000 Einzelangaben aus etwa 450 Sternkatalogen durchgearbeitet werden. Das Unternehmen wurde durch den ersten und zweiten Weltkrieg erheblich behindert und kam mit dem Erscheinen des letzten Bandes erst 1966 zum Abschluß. Himmelsmechanik und Positionsastronomie haben im 19. Jahrhundert zu glänzenden Entdeckungen geführt: Der Planet Neptun, die Bestimmung der Astronomischen Einheit, die Entfernungen der Fixsterne, die Erforschung der Doppelsterne und nicht zuletzt die wichtigen praktischen Anwendungen auf den Gebieten der astronomischen Geographie und Geodäsie sind Triumphe, die die unermüdlichen Anstrengungen der Astronomen belohnten.

    Die Entdeckung des Planeten Neptun

    Ungeachtet der Tatsache, daß die genäherten Bahnelemente des Uranus nach den Keplerschen Gesetzen mühelos zu ermitteln waren, richtete sich die Aufmerksamkeit einiger Astronomen dennoch auf dieses Objekt, um auch die Feinheiten seiner Bewegung genau zu verfolgen. Hierbei kam den Astronomen der Umstand zustatten, daß einige Uranus-Positionen zur Verfügung standen, die aus der Zeit vor seiner Entdeckung datierten. Die älteste davon stammt aus dem Jahre 1690. /. Flamsteed hatte damals den Planeten als Fixstern in seine Sternkarten eingetragen, ohne zu ahnen, daß es sich in Wirklichkeit um einen Planeten handelte. Als Besse! für seine „Fundamenta Astronomiae” die Beobachtungen von J. Bradley durchsah, entdeckte er, daß der Uranus auch unter diesen zwischen 1742 und 1762 angestellten Observationen insgesamt nicht weniger als 17mal enthalten war. Auch der deutsche Astronom Tobias Mayer hatte den Uranus im Jahre 1756 gesehen und unter der Nummer 964 in sein Verzeichnis von ZodiakalSternen eingetragen. Schließlich hatte auch der Franzose Lemonnier den Planeten im Dezember 1768 für einen Fixstern gehalten.

    Es bestand allerdings keine einhellige Meinung darüber, ob die alten Örter wirklich in jedem Falle diesem Planeten zuzuordnen waren, d.h., die Identifizierung des Planeten nach der Rückberechnung seiner Position aus den genäherten Daten gelang nicht völlig widerspruchsfrei. Als die Pariser Akademie im Jahre 1790 eine Preisfrage zur Theorie der Uranusbahn stellte, beschäftigte sich u. a. auch J.J. Delambre mit ihrer Lösung. Er war verständlicherweise an den älteren Beobachtungen sehr interessiert und ließ sich zu diesem Zweck von G. Ch. Lichtenberg, der in Göttingen Zugang zu den Mayerschen Originalbeobachtungen hatte, Auszüge daraus beschaffen. Nach Abschluß seiner Rechnungen äußerte er Zweifel an der Hypothese, daß Mayer den Uranus wirklich gesehen habe. Die Tafeln der Uranusbewegung, die Delambre ausarbeitete, wichen bis zum Jahre 1811 um 20 Bogensekunden von den Beobachtungsdaten ab. Einen neuen Anlauf nahm der französische Theoretiker A. Bouvard 1821. Das Beobachtungsmaterial war inzwischen reichhaltiger geworden. Bouvards Versuch, auch die vermeintlichen oder wirklichen älteren Uranusbeobachtungen mit einzubeziehen, scheiterte aber ebenfalls. Der Astronom sprach zunächst davon, daß sich nicht alle Beobachtungen durch ein System von Elementen darstellen ließen; er mußte es hingegen unentschieden lassen, ob dies an der Ungenauigkeit der älteren Positionen lag oder andere Ursachen hatte. Später hat Bouvard auch vermutet, daß der neuentdeckte Planet unter Umständen von einem weiteren noch unbekannten Planeten in seiner Bewegung gestört werde. Solche Vermutungen hegten auch andere Astronomen: F. W. Bessel hat diese Ansicht z. B. im Jahre 1823 in einem Schreiben an Olbers zum Ausdruck gebracht. Bessel hat sogar damit begonnen, die vorliegenden Beobachtungen einer ernsthaften Prüfung zu unterziehen, und zwar mit dem erklärten Ziel, dadurch „zu den schönsten Bereicherungen der Wissenschaft” zu gelangen.21 Insgesamt konnte er allein aus der Zeit nach der Entdeckung des Planeten 361 Beobachtungen heranziehen, von denen 143 auf der von ihm geleiteten Sternwarte in Königsberg angestellt worden waren. Es war eine mühevolle Rechenarbeit: „… die Ader gediegenen Goldes… liegt tief; an dem zu ihr führenden Schachte muß jahrelang gesprengt und losgeschlagen werden… was während dieser Zeit der Schweiß des Arbeiters weit unter dem Bereiche der Blicke von oben ablöst, ist taubes Gestein und armes Erz, durch dessen Verschmelzung vor Erreichung der Ader er spärlich gelohnt wird.” Bessel und sein Schüler Fleming, der die Rechnungen fortsetzte, kamen mit dem Mammutprogramm nicht zu Ende. Zwei andere junge Astronomen, U.J.J. Leverrier in Frankreich und /. C. Adams in England, hatten sich ebenfalls mit dem Problem beschäftigt. Sie vertraten von Anbeginn die These, daß die Abweichungen zwischen Uranusbewegung und Uranustheorie auf Störungen durch einen noch unbekannten Planeten zurückzuführen seien, und setzten sich zum Ziel,- aus den gemessenen Störungen den Ort des unbekannten Objekts abzuleiten. Adams war mit seinen Rechnungen im Herbst 1845 am Ziel. Damit der unbekannte Planet am Himmel gefunden werden konnte, schickte er seine Ergebnisse an den Professor für Mathematik und Astronomie J. Challis. Dieser widmete den Berechnungen des Studenten jedoch zunächst ebensowenig Aufmerksamkeit wie der gleichfalls informierte Astronomer Royal G. B. Airy. Erst im Spätsommer des folgenden Jahres beobachtete er die angegebene Himmelsgegend und sah damals am 4. und 12. August auch tatsächlich den neuen Planeten, wie sich jedoch erst hinterher herausstellte; denn diesmal hatte er es unterlassen, das Beobachtungsmaterial unverzüglich zu bearbeiten. Ein direkter Nachweis des Planeten durch Vergleich war nicht möglich, da geeignete Sternkarten fehlten. Inzwischen hatte auch U.J.J. Leverrier seine Rechnungen abgeschlossen. Kurz zuvor hatte J. G. Galle, damals an der von J. F. Encke geleiteten Berliner Sternwarte tätig, ein Exemplar seiner Dissertation u.a. auch an Leverrier geschickt, der sich dafür bedankte. Mit diesem Dank zugleich übermittelte Leverrier nun die von ihm berechnete Ephemeride des neuen Planeten für den 1. Januar 1847 und forderte Galle auf, „daß er einige Augenblicke der Durchforschung einer Region des Himmels widmen möge, wo es einen Planeten zu entdecken geben kann”. Der mit dem 18. September datierte Brief kam am Morgen des 23. in Berlin an. So machte sich Galle noch am selben Abend an die Beobachtung der angegebenen Himmelsgegend. Auf Vorschlag des ebenfalls anwesenden Studenten d’Arrest holte Galle eine Sternkarte herbei, die sonst noch nirgends vorhanden war, denn sie gehörte zur Sammlung der eben in der Herausgabe befindlichen Berliner Akademischen Sternkarten. Nicht einmal Galle hatte genau gewußt, ob diese Himmelsgegend unter den Karten schon vorhanden war. Nach einigen vergleichenden Blicken entdeckte Ga//e mit Hilfe dieser Karte im Gesichtsfeld des neunzölligen Fraunhoferschen Refraktors einen Stern der Helligkeit 8m, der auf dem Blatt fehlte. In Gegenwart von Encke wurde die Beobachtung dieses Objektes die ganze Nacht hindurch fortgesetzt, ohne daß sich aber Spuren einer Weiterbewegung unter den Fixsternen erkennen ließen. Die erneute Beobachtung in der folgenden Nacht brachte jedoch Gewißheit: Das auf der Sternkarte fehlende Sternchen hatte sich weiterbewegt und war allem Anschein nach der von Leverrier berechnete neue große Planet des Sonnensystems. Damit war Galle zum Entdecker des Planeten Neptun geworden.

    Da der Ort des aufgefundenen Objektes von dem berechneten Ort um 55 Bogenminuten abwich, versuchten einige Astronomen, die ganze Entdeckung als ein reines Produkt des Zufalls hinzustellen. Sehr zu Recht schrieb der Mathematiker C.G.J. Jacobi diesen ins Stammbuch: „Man muß bewundern, daß aus so kleinen und un-sichern Quantitäten… so genaue Resultate gezogen werden konnten und kann dies nur der umsichtigen Behandlung dieser Data und der musterhaften Benutzung aller Hilfsmittel zuschreiben. Denen, welche die Entdeckung für zufällig ausgeben, weil die Übereinstimmung nicht größer ist, als es die Natur der Sache verstattet, wäre der Rat zu geben, doch auch solche zufällige Entdeckungen zu machen.”

    Für die Himmelsmechanik war die Berechnung und Entdeckung des Neptun ein Triumph ohnegleichen. Obwohl zur Zeit dieses wissenschaftlichen Ereignisses niemand mehr an der Gültigkeit des Newtonschen Gravitationsgesetzes zweifelte, war die Beherrschung der Himmelgesetze durch den Menschen doch mit dieser Leistung in ganz besonders überzeugender Eindringlichkeit demonstriert worden. Astronomische Prognosen waren zwar zur damaligen Zeit für den Fachmann nichts Neues mehr. Aber die Entdeckung eines neuen großen Planeten durch die Anwendung einer Theorie machte verständlicherweise in breitesten Kreisen großen Eindruck und war von besonderem propagandistischem Wert, weil die Bestätigung der Theorie durch die Praxis den Stand der Beherrschung himmelsmechanischer Gesetze durch den Menschen demonstrierte. Friedrich Engels zögerte übrigens nicht, diese Leistung als den endgültigen Beweis des Kopernikanischen Systems zu bezeichnen.

     

     

    Die Astronomische Einheit

     

    Eine für die gesamte Astronomie wichtige Größe ist die Entfernung der Erde von der Sonne, die durch die meßbare Sonnenparallaxe repräsentiert wird. Da die relativen Dimensionen des Planetensystems aus dem dritten Keplerschen Gesetz abgeleitet werden können, d.h. aus den meßbaren Umlaufzeiten der Planeten um die Sonne, ist die Entfernung eines Planeten im absoluten Maß erforderlich, um auch die Entfernungen der anderen Planeten im absoluten Maß zu bestimmen. Die Entfernung der Erde von der Sonne, die „Astronomische Einheit” (AE), ist aber auch als „Meter der Astronomen” für die Bestimmung aller anderen Entfernungen im Kosmos erforderlich. Denn auch die Entfernungen der Sterne ergeben sich aus den verschiedenen Messungen nur in relativen Einheiten, so daß von der Genauigkeit, mit der die Sonnenparallaxe bekannt ist, letztlich die Genauigkeiten aller anderen Entfernungsangaben direkt beeinflußt werden.

    Eine unmittelbare Messung der Sonnenparallaxe ist nun aber aus verschiedenen Gründen nicht genau möglich. Deshalb versuchte man die Bestimmung der AE auf dem Umweg über die täglichen Parallaxen von Planeten, und zwar, wenn diese besonders groß werden, d. h., wenn die Planeten die Oppositionsstellung erreichen. Hierzu benötigt man aber einen genauen Wert für den Erddurchmesser als Basis der trigonometrischen Parallaxenmessung. Die erste zuverlässige Messung des Erdradius gelang J. Picard 1669/70, so daß mit diesem Resultat der Erdmessung zugleich eine wissenschaftliche Grundlage für die Ausmessung der Himmelsräume gegeben war. Bei der Annäherung des Planeten Mars an die Erde im Jahre 1751 wurde die Sonnenparallaxe durch den Franzosen Lacaüle zum erstenmal in der neueren Geschichte mit einem annähernd richtigen Ergebnis bestimmt.

    Eine besondere Rolle spielten im 18. und 19. Jahrhundert die Vorübergänge des Planeten Venus vor der Sonne für die Bestimmung der AE. E. Halley schlug vor, Venusdurchgänge von Orten verschiedener geographischer Breite zu beobachten und die parallak-tische Verschiebung der Venus vor der Sonnenscheibe festzustellen, so daß die Sonnenparallaxe daraus sehr genau abgeleitet werden kann, zumal sich die Entfernung der Venus von der Erde in der unteren Konjunktion des Planeten bis auf etwa 45 Mill. km verringert. Allerdings sind Venusdurchgänge recht selten; im 18. und 19. Jahrhundert traten insgesamt nur vier Venusdurchgänge ein, die deshalb Gegenstand sorgfältiger Messungen waren. Die Durchgänge von 1761 und 1769 wurden mit erheblichem Aufwand beobachtet; zahlreiche Sternwarten rüsteten Expeditionen aus, um das Ereignis von geeigneten Orten aus zu verfolgen. Die russischen und schwedischen Astronomen reisten in ihren eigenen Ländern an z.T. weit entfernte Orte. Noch beschwerlichere Expeditionen mußten die englischen und französischen Astronomen unternehmen. Eine der englischen Expeditionen nahm sich Bencoolen in Ostindien zum Ziel. Doch England und Frankreich führten Krieg miteinander, und das englische Kriegsschiff, mit dem die Astronomen Ch. Mason und J. Dixon Ostindien sicher zu erreichen gehofft hatten, wurde von den Franzosen angegriffen und mußte mit Toten und Verwundeten an Bord in den Heimathafen zurückkehren. Nur unter Schwierigkeiten kamen die beiden Astronomen schließlich zum Kap der Guten Hoffnung und führten von diesem eigentlich nicht vorgesehenen Ort die zu einer englischen Prestigefrage hochgespielten Messungen durch.

    Die französischen Beobachtungen waren vor allem von J. N. Delisle vorbereitet worden, der noch mit Newton und Halley in persönlichem Kontakt gestanden hatte. Auch die französischen Reisen gestalteten sich infolge der politischen Verhältnisse schwierig. Die französische Kolonie Karikal, Zielort des Astronomen Pondichöri, war noch vor Ankunft des Gelehrten von den Engländern eingenommen worden, und der Astronom konnte den Venusdurchgang nur von hoher See aus auf der Rückreise beobachten. Sowohl die englischen als auch die französischen Astronomen wurden zum Teil auch noch durch die Unbilden des Wetters an der Beobachtung gehindert. Außerdem lagen praktisch keinerlei Erfahrungen in der Beobachtung dieses Phänomens vor. Vor allem erschwerte das Auftreten des „Schwarzen Tropfens” die zeitlich genaue Fixierung des ersten Kontaktes. Alles in allem waren die Resultate so dürftig, daß man sich allgemein auf den acht Jahre späteren zweiten Venusdurchgang von 1769 vertröstete. Die internationalen Forschungsexpeditionen waren 1769 noch umfangreicher. England und Frankreich waren außerdem daran interessiert, die weiten Reisen auch möglichst vielfältig zu nutzen, z. B. zur Entdeckung der „Terra australis incognita”, wo man Raum für neue Kolonien zu finden hoffte. Die russische Kaiserin Katharina IL wünschte, daß alle Beobachtungen der russischen Astronomen innerhalb des russischen Territoriums erfolgen sollten. Außerdem lud sie auch ausländische Gelehrte zur Beobachtung dieses Schauspiels ein, so daß sich in Rußland eine bunte Gelehrtengesellschaft von Schweizern, Schweden, Franzosen und Russen zusammenfand. Insgesamt wurde der Durchgang von 151 Beobachtern auf 77 weltweit verteilten Stationen beobachtet. Das Resultat war aber immer noch unbefriedigend. Zwar waren viele andere Entdeckungen gemacht worden, aber die AE konnte keineswegs mit der genügenden Präzision abgeleitet werden. Deshalb waren schließlich auch die beiden Venusdurchgänge von 1874 und 1882 immer noch von erheblichem wissenschaftlichem Interesse. 1874 wurden etwa 50 Expeditionen ausgerüstet, darunter mehrere deutsche. Eine der deutschen Expeditionen, die ihre Messungen auf der Südhalbkugel der Erde ausführte, leitete aus insgesamt 751 Messungen einen Wert von 8″880 für die Sonnenparallaxe ab. Trotz der erreichten Genauigkeit betrug der lineare Fehler immer noch etwa 200 000 km. Sehr genaue Werte für die Sonnenparallaxe ließen sich aber auch aus Parallaxenmessungen an Kleinen Planeten gewinnen. Darauf hat J. G. Galle 1872 erstmals hingewiesen (Abb. 8). Damals waren jedoch nur Planetoiden bekannt, die sich der Erde höchstens bis auf 0,8 AE nähern, also nicht einmal so nahe wie Mars und Venus während ihrer größten Erdnähe. Erfolgreich wurde aber Galles Vorschlag nach der Entdeckung des Kleinen Planeten Eros (1898), der sich der Erde bis auf 0,15 AE nähert, durch G. Witt aufgegriffen. Noch günstiger liegt der Fall bei dem 1932 entdeckten Kleinen Planeten Amor. Bei Einsatz der Himmelsfotografie stellen diese Himmelskörper ideale Helfer bei der Bestimmung der Sonnenparallaxe dar. Den genauesten Wert ermittelten Jones und Rabe mit 8″790 und 8″798 16 um 1930. Selbst die späteren Radarechomessungen haben nur noch eine geringfügig größere Genauigkeit gebracht. Die „Astronomische Einheit” wurde schließlich nach internationaler Definition entsprechend einer Sonnenparallaxe von 8″80 festgelegt.

     

     

    Doppelsterne

     

    Zu den größten Erfolgen der klassischen Astronomie zählt die Entdeckung und Erforschung der Doppel Sterne. Einige wenige Sterne, die eng benachbart am Himmel stehen, waren den Astronomen schon seit längerer Zeit bekannt gewesen. Eine systematische Beobachtung dieser Objekte, die schon Galilei gefordert hatte, unterblieb jedoch — unter anderem fehlten dafür zunächst auch geeignete Instrumente. Christian Mayer verfügte aber auf der Sternwarte in Mannheim im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts über hervorragende Fernrohre und fand mit ihnen eine ganze Reihe dicht benachbart stehender Sterne; dieselben Ergebnisse hatte etwa gleichzeitig N. Maskelyne in Greenwich. Mayer kam in einer 1778 erschienenen Schrift zu dem Schluß, daß es sich hierbei um ferne Planetensysteme handelt. Beifall erntete er allerdings mit dieser Meinung nicht. Lediglich Lichtenberg würdigte seine Ideen. Die anderen Zeitgenossen vertraten die Ansicht, daß die benachbart stehenden Sterne gar nichts miteinander zu tun hätten, sondern nur zufällig so dicht beieinander stünden — in Wirklichkeit jedoch seien sie in ganz unterschiedlichen Tiefen des Raumes angeordnet.

    Auch F. W. Herschei ging von dieser Annahme aus, als er die Doppelsterne zur Messung von Fixsternparallaxen heranziehen wollte. Der schwache Nachbarstern eines helleren Sterns sollte dabei als unverrückbarer Festpunkt benutzt werden, denn es war anzunehmen, daß dieser viel weiter entfernt steht als der hellere Stern, so daß auch seine Parallaxe vernachlässigbar klein sein mußte. Herschei beabsichtigte, den Himmel systematisch nach geeigneten Objekten zu durchsuchen, und da er kleinste Winkeländerungen messen wollte, entwickelte er speziell zu diesem Zweck eine Reihe von neuartigen technischen Hilfsmitteln. Vor allen Dingen verbesserte er die üblichen Okularmikrometer dahin, daß auch bei starken Vergrößerungen gemessen und außerdem der Positionswinkel der benachbart stehenden Sterne erfaßt werden konnte. Nach wenigen Jahren hatte er beinahe 1000 Doppelsterne entdeckt. Damit geriet die These von der zufälligen Nachbarschaft dieser Objekte ins Wanken. Sie mußte vollends aufgegeben werden, als Herschei durch jahrzehntelange fortgesetzte Beobachtung der Positionswinkel bei einigen dieser Objekte eine Bewegung umeinander feststellte. Damit schien gesichert, daß es unter den Doppelsternen physisch zusammengehörige Objekte gibt.

    Ein weiterer überzeugender Beweis für die physische Zusammenhörigkeit zahlreicher eng benachbarter Sterne waren ihre gemeinsamen Eigenbewegungen. Beide Bewegungen zusammen traten besonders augenfällig bei dem Stern Nr. 61 im Sternbild Schwan auf, worauf Bessel und Piazzi hinwiesen. Als Bessel seine Beobachtungen dieses Doppelsterns um 1815 mit den- Beobachtungen verglich, die Bradley angestellt hatte, fand er eine Änderung des Positionswinkels von etwa 60° und eine gemeinsame Eigenbewegung von 7 Bogenminuten. Daraus zog er den Schluß, daß die beiden Sterne sich gemeinsam im Räume fortbewegen und gleichzeitig eine Umlaufbewegung um einen gemeinsamen Schwerpunkt ausführen. Die Umlaufszeit mußte sich auf etwa 350 Jahre belaufen. Aus dem dritten Kep/erschen Gesetz folgerte Bessel, daß der Abstand des kleinen Begleiters vom helleren Hauptstern bei der gefundenen Umlaufszeit etwa 50 AE betragen müßte. Aus dem Vergleich dieses Weites für die Bahndimension mit dem scheinbaren Abstand im Winkelmaß schloß Bessel auf eine Parallaxe von 61 Cygni in der Größenordnung von 1/3 Bogensekunde (erstmalige Bestimmung einer dynamischen Parallaxe)28 — ein Wert, den er später tatsächlich gemessen hat.

    Mit den Doppelsternen war eine völlig neue Klasse von Weltkörpern entdeckt, die der Astronomie in der Folgezeit reiche Erfolge und neue wichtige Einsichten in die Gesetze des Kosmos vermittelte. Nach F. W. Herschel waren vor allem sein Sohn John und. an der Sternwarte in Dorpat der russische Astronom W. Struve erfolgreiche Erforscher der Doppelsterne. J. Herschel entdeckte viele Doppelsterne am südlichen Sternhimmel. Struve hingegen gebührt das Verdienst, die Beobachtung der Doppelsterne zu außerordentlicher Präzision geführt zu haben. Ihm stand eines der besten Instrumente der damaligen Zeit zur Verfügung, ein von J. v. Fraunhofer stammender Refraktor mit einem eigens dafür entwickelten Positionsfadenmikrometer. Die ausgezeichnete äquatoriale Montierung, das neuartige Mikrometer und der präzise Uhrantrieb, der das gesamte Instrument dem scheinbaren Lauf der Sterne genau nachführte, waren entscheidende Voraussetzungen für Struves Erfolge auf dem Gebiet der Doppelsternmessungen. Niemand außer ihm war damals in der Lage, Positionsangaben bis auf einige 1/100 Bogense-kunden genau zu machen. So wurde Struve zum eigentlichen Begründer der Doppelsternastronomie. In einem umfangreichen Verzeichnis teilte er im Jahre 1837 rd. 3000 Systeme mit, unter denen sich 64 dreifache, 3 vierfache und ein fünffaches System befanden. Aus der Entdeckung der Doppelsterne und der Beobachtung ihrer Bewegungen ergab sich für die Astronomen unmittelbar die Frage nach der Bahnbestimmung dieser Objekte. Daraus resultierte die zweite Frage, nach welchem Gesetz die Bewegungen dieser Objekte ablaufen. Das Newtonsche Gravitationsgesetz hatte seine strenge Gültigkeit im Rahmen der Beobachtungsgenauigkeit für Objekte innerhalb des Planetensystems zweifelsfrei erwiesen. Doch die Doppelsterne gehörten der Fixsternwelt an und standen unvergleichlich viel weiter entfernt als die fernsten Planeten des Sonnensystems. Sollte das Gesetz dort auch noch gelten oder wirkten dort ganz andere Naturgesetze? Wenn die Bewegung der Doppelsterne dem Gravitationsgesetz folgt, so müssen sich die Objekte wie die Körper des Sonnensystems nach den Kep/erschen Gesetzen bewegen. Unter Annahme der Gültigkeit des Gravitationsgesetzes entwickelte zuerst F. Savary im Jahre 1827 ein Verfahren zur Bahnberechnung aus einigen Beobachtungen. Da die Resultate mit den Beobachtungen übereinstimmten, ging daraus erstmals klar hervor, daß die Gravitation eine universelle Erscheinung ist, die auch in den tiefsten kosmischen Räumen wirkt.

    In den folgenden Jahrzehnten wurden die Beobachtungen der Doppelsterne sorgfältig weitergeführt. Manche dieser Objekte bewegten sich allerdings so langsam, daß die für eine Bahnbestimmung erforderlichen Daten erst aus zeitlich weit auseinanderliegenden Beobachtungen zu gewinnen waren. Mit den Bestimmungen der Bahnen der Doppelsterne beschäftigten sich während des gesamten 19. Jahrhunderts viele Astronomen, besonders I. F. Encke (1832), J. Herschel (1833), E. F. W. Klinkerfues (1855), C. Flammarion (1874).

    Einen Triumph besonderer Art feierte Bessel bei der Anwendung des Gravitationsgesetzes auf die Welt der Fixsterne. Seine jahrzehntelangen Sternbeobachtungen hatten ihn auf eine merkwürdige Eigentümlichkeit in den Bewegungen der Sterne Sirius und Procyon aufmerksam werden lassen: Beide Sterne zeigten nämlich pendelartige Eigenbewegungen. Bessel zog daraus den Schluß, daß die beiden hellen Fixsterne möglicherweise Komponenten eines Doppelsternsystems seien, deren lichtschwächere Mitglieder sich lediglich durch ihre Gravitationswirkungen verraten — eine „Astronomie des Unsichtbaren”. Später ging C. A. F. Peters der Frage genauer nach, indem er die Bahnelemente des unsichtbaren Begleiters ableitete. Im Januar 1862 fand A. Clark (USA) bei der Prüfung der Optik eines neuen großen Refraktors den Siriusbegleiter als ein Sternchen der Helligkeit 8,5m. Die Position stimmte recht gut mit Vorausberechnungen überein, die Auwers gerade zur Veröffentlichung vorbereitet hatte. 1896 wurde am Lickrefraktor auch der Procyonbegleiter aufgefunden, für den Auwers ebenfalls Bahnelemente bestimmt hatte. Ein aufsehenerregender Erfolg dieser „Astronomie des Unsichtbaren” war der 1963 gelungene Nachweis der Existenz von Planeten in einem fernen Sonnensystem, nachdem seit Jahrzehnten bereits auf die Möglichkeit des Vorhandenseins solcher Objekte hingewiesen worden war. Hierbei wurde dasselbe Prinzip angewendet, das schon Bessel bei der Untersuchung des Sirius- und Procyonsystems geleitet hatte: Aus den äußerst unscheinbaren Bahnstörungen von Barnards Pfeilstern (größte Abweichung — 1 ^tausendstel Bogensekunden) schloß P. v. de Kamp auf das Vorhandensein von zwei unsichtbaren Begleitern, deren Massen den größten Planetenmassen in unserem Sonnensystem vergleichbar sind. Neuerdings wird der Nachweis dieser Planeten wieder als unsicher betrachtet, so daß erst weitere Messungen endgültige Gewißheit bringen werden. Mit der Doppelsternastronomie hatte die Sternforschung ein äußerst wichtiges Kapitel aufgeschlagen. Denn damit war es erstmals möglich, Sternmassen zu bestimmen und so die konkreten Vorstellungen von den fernen Fixsternen außerordentlich zu erweitern. Zu voller Wirksamkeit gelangte die Erforschung der Doppelsterne aber erst, als man durch den Einsatz der Spektroskopie und die Anwendung des Dopplereffektes mit den absoluten Geschwindigkeiten auch ohne Parallaxenmessung die Dimensionen der Bahnen ermitteln konnte. An diesem Beispiel zeigt sich klar, daß eine Trennung der Astronomie in klassische Positionsastronomie und moderne Astrophysik unmöglich ist. Gerade der Vereinigung der verschiedenen Forschungsmethoden verdankt die Astronomie—wie sich besonders in unserem Jahrhundert gezeigt hat — ihre größten Erfolge.

     

     

    Fixsternparallaxen

     

    Der hartnäckige Kampf der Astronomen um die Messung der Fix-sternparallaxen ist ein Sinnbild ständigen Ringens um Genauigkeit. Kein bedeutender Astronom seit Galilei, der sich dieser Forderung nicht gestellt hätte.

    Auf dem Weg zur Messung der ersten winzigen Verschiebung einer Sternposition als Folge der Erdbewegung um die Sonne wurden mehrere unbeabsichtigte Entdeckungen gemacht, die für die Astronomie große Bedeutung erhielten.

    Copernicus selbst zweifelte bekanntlich nicht an der Existenz von Fixsternparallaxen, und er zögerte auch nicht, die Sterne als so weit entfernt anzunehmen, daß ihre Parallaxen im Rahmen der damaligen Beobachtungsgenauigkeit nicht erfaßt werden konnten. Die Beobachtungsgenauigkeit betrug zu Copernicus’ Zeit nur einige Bogen-minuten. Das Fehlen der Parallaxe deutete demnach darauf hin, daß die Entfernung der Sterne größer als etwa 1000 Erdbahnhalbmesser sein mußten.

    Der größte Beobachter des 18. Jahrhunderts, der Engländer James Bradley, beobachtete schon bis auf 0,5 Bogensekunden genau. Von einer Parallaxe aber konnte auch er nichts bemerken; demnach mußten die Sterne in schwindelerregenden Tiefen des Raumes stehen; ihr Abstand konnte keinesfalls kleiner als rund 400000 Erdbahnhalbmesser sein. Die hohe Beobachtungsgenauigkeit ließ Bradley zwei andere wichtige Effekte finden: die Aberration und die Nutation.

    Diese beiden Reduktionselemente, die in der Folgezeit von zahlreichen Forschern mit wachsender Genauigkeit gemessen wurden, waren wichtige Voraussetzungen für die Bestimmung besserer Sternörter in der kommenden Zeit. Trotz dieses erfreulichen, unerwarteten Erfolges blieb die Frage offen, wie sich die Beobachtungsgenauigkeit noch weiter steigern lasse, um auch den noch kleineren Parallaxen auf die Spur zu kommen. Bessel, der große Meister der Positionsastronomie, hat das unnachgiebige, hartnäckige Ringen um diese winzigsten Beträge eindrucksvoll in Worte gekleidet, als er schrieb, die durch feste Überzeugung genährte Hoffnung vom Vorhandensein der Parallaxen wäre nur zu brechen, wenn man nachwiese, „daß der zuletzt getane fruchtlose Schritt der äußerste für die menschliche Kunstfertigkeit und die menschlichen Sinne wäre”.

    Bessel beschäftigte sich besonders eingehend mit den durch die Beobachtungsinstrumente hervorgerufenen Meßfehlern. Denn wenn es gelingen würde, diese Fehler zu verringern oder in Rechnung zu stellen, so hatte dies eine größere Genauigkeit zur Folge, ohne daß prinzipiell neuartige Instrumente erforderlich gewesen wären. Bessel benutzte außerdem ein Indiz für die Auswahl der Objekte, deren Parallaxe nachgewiesen werden sollte: die Eigenbewegung. Er ging zu Recht davon aus, daß Sterne mit großer Eigenbewegung sehr wahrscheinlich weniger weit von der Erde entfernt stehen als Objekte mit geringerer Eigenbewegung. In dieser Hinsicht war ihm schon im Jahre 1812 der Stern Nr. 61 im Sternbild Schwan aufgefallen, und er hat darüber eine ausführliche Abhandlung verfaßt. Die große Eigenbewegung dieses Sterns veranlaßte ihn zu der Hoffnung, die Parallaxe dieses Objektes bestimmen zu können. Aus dem scheinbaren Winkelabstand der beiden Komponenten hätte sich dann übrigens auch die mittlere Entfernung der beiden Objekte in absolutem Maß und letztlich die Massensumme erschließen lassen. „Es ist daher sehr zu wünschen”, schrieb Bessel, „daß die mit vortrefflichen Hilfsmitteln versehenen Astronomen sich dieses merkwürdigen Sternpaars mit Eifer annehmen.”28 Ein Vierteljahrhundert danach war es jedoch noch immer niemandem gelungen, eine Parallaxe nachzuweisen. Bessel selbst hat 61 Cygni seit dem Jahre 1815 auf seinem Beobachtungsprogramm gehabt. Er verfügte aber damals nur über sehr bescheidene Hilfsmittel. Nachdem im Jahre 1829 das Heliometer von Fraunhofer für die Sternwarte Königsberg zur Verfügung stand (Abb. 10), sah er neue Aussichten auf Erfolg. Im Jahre 1837/38 gelang ihm dann endlich der einwandfreie Nachweis der Parallaxe von 61 Cygni. Als Mittelwert aus Hunderten Beobachtungen leitete er für die parallaktische Verschiebung den winzigen Betrag von 0,3136 Bogensekunden ab; das entsprach einer Entfernung dieses Sterns von 10,3 Lichtjahren. Unmittelbar darauf gab auch W. Struve in Dorpat eine gelungene Parallaxenmessung bekannt: Er hatte die Parallaxe des Sterns Wega im Sternbild Leier – sogar schon früher als Bessel seinen Wert — zu 0,26 Bogensekunden gefunden. Ein weiteres Jahr später fand der schottische Astronom Henderson am Kap der Guten Hoffnung die Parallaxe von a Centauri, dem der Sonne im Weltall am nächsten gelegenen Fixstern zu 0,92 Bogensekunden. Bessels Messung war die genaueste, wenn auch der Wert später noch geringfügig verbessert wurde.

    Diese ersten Parallaxenmessungen stellten zwar keine unmittelbaren Entscheidungen über das Kopernikanische Weltsystem mehr dar — an dessen Realität war längst nicht mehr zu zweifeln —, sie waren aber dennoch von großer prinzipieller Bedeutung. Mit diesen Messungen war die Astronomie in größere Tiefen des Raumes vorgestoßen als je zuvor. Die Parallaxenmessungen eröffneten außerdem die Perspektive, die wirkliche Verteilung der Sterne im Raum kennenzulernen und so die Basis für eine wissenschaftlich begründete Erforschung der Struktur des Universums zu legen, wie sie F. W. Herschel vorgeschwebt hatte. Bessel betonte außerdem einen wichtigen erkenntnistheoretischen Gewinn der ersten Parallaxenmessungen: durch sie wurde die Erreichbarkeit eines von vielen schon aufgegebenen wissenschaftlichen Zieles demonstriert. Die Messungen nach den von Bessel und seinen Zeitgenossen angewendeten Methoden waren allerdings äußerst mühevoll. Dies ist wohl auch der Grund dafür, warum es nach den ersten Parallaxenbestimmungen recht still um weitere Entfernungsmessungen wurde. Erst die Einführung der Fotografie hat hier eine grundlegende Wandlung herbeigeführt. Einerseits konnte durch die Anwendung der Fotografie eine erhebliche Vereinfachung der Messungen erzielt werden, andererseits stieg gleichzeitig die Genauigkeit; denn nun konnte man den Ort des interessierenden Sterns an beliebig viele schwache Sterne anschließen. Im Jahre 1900 waren nur etwa 150 Sternparallaxen bekannt. Durch die unermüdliche Arbeit von D. Gill und vor allem F. Schlesinger gelang bis zum Jahre 1924 die Herleitung von 1500 Parallaxen. Der Parallaxenkatalog, den L. F. Jenkins und Schlesinger im Jahre 1935 herausgaben, weist bereits die Parallaxen von rd. 10000 Sternen nach. Auch heute werden von verschiedenen Observatorien mit Hilfe von Refraktoren langer Brennweite Parallaxenprogramme absolviert. Neuerdings werden hierfür auch spezielle Spiegelteleskope eingesetzt (Naval Observatory, Sternwarte Turin), die den Zugang zu lichtschwächeren Objekten gestatten.

    Die Anwendung astrophysikalischer Methoden hat zudem die Anzahl der Verfahren zur Bestimmung von Sternparallaxen erheblich vermehrt. Dies war um so notwendiger, als die trigonometrischen Parallaxen ohnehin nur eine begrenzte Reichweite besitzen. Der amerikanische Astronom L. Boss hatte 1908 zuerst darauf hingewiesen, daß man aus Beobachtungen an Sternen, die einem Bewegungssternhaufen angehören, mit hoher Genauigkeit die Entfernungen der Mitglieder des Haufens ableiten kann (Sternstromparallaxen). Zu diesem Zweck wird die tangentiale Komponente der Geschwindigkeit der Haufenmitglieder, d.h. ihre Eigenbewegung, gemessen und mit der aus Dopplerverschiebungen ermittelten Radialkomponente kombiniert. Dann kann die Eigenbewegung auch in linearem Maß angegeben werden, woraus die Entfernung folgt. In ähnlicher Weise können auch aus Doppelsternbeobachtungen, bei denen spektroskopische Bahnbestimmungen vorliegen, die linearen Dimensionen des Systems gefunden und zur Berechnung der Entfernung herangezogen werden.

    Besonders hervorzuheben ist schließlich noch das 1914 von J. C. Adams und E. Kohlschütter entwickelte Verfahren der sogenannten spektroskopischen Parallaxen, das auf spektralen Kriterien für die absoluten Helligkeiten der Sterne fußt, die dann zur Ermittlung der Sternentfernungen herangezogen werden. Diese und andere Verfahren bringen wiederum den untrennbaren Zusammenhang zwischen den Methoden der Astrophysik und der Positionsastronomie zum Ausdruck. Fragen, die anfangs nur der klassischen Astronomie angehörten, wurden später auch unter wesentlicher Mitwirkung der Astrophysik gelöst. Astrophysikahsche Methoden hingegen basieren z. T. auf den Errungenschaften der Positionsastronomie.

     

     

    Astronomische Geographie und Geodäsie

     

    Der außerordentlich rasche Aufschwung von Himmelsmechanik und Positionsastronomie in der Zeit von etwa 1750 bis 1850 ist aus den bereits geschilderten wissenschaftlichen Motiven allein nicht verständlich. Vielmehr hängen die sehr raschen Fortschritte aufs engste mit der Tatsache zusammen, daß dieselben astronomischen Kenntnisse, die für die Berechnung der Bahnen der Himmelskörper und für ihre genaue Beobachtung erforderlich waren, auch für eine äußerst wichtige praktische Aufgabe herangezogen werden können: die Ermittlung der geographischen Lage der Orte auf der Erde und die Erforschung der Gestalt unseres Heimatplaneten. Die Bestimmung der geographischen Breite läuft dabei letztlich auf eine Winkelmessung, nämlich auf die Bestimmung der Polhöhe des betreffenden Ortes hinaus. Die Längenbestimmung hingegen ist komplizierter. Im Prinzip muß die Zeit festgestellt werden, die ein Stern infolge seiner scheinbaren täglichen Bewegung benötigt, um vom Meridian eines Ortes zu dem eines westlich davon gelegenen anderen Ortes zu gelangen. Im Falle der Sonne stellen die Beobachter ihre Uhren bei der oberen Kulmination der Sonne jeweils auf 12 Uhr. Das Problem besteht dann darin, die beiden Uhren miteinander zu vergleichen, um aus der Ortszeitdifferenz auf die Längendifferenz der Orte zu schließen. Der Zeitvergleich kann nun entweder durch den Transport der Uhren an einen gemeinsamen Ort erfolgen. Dazu sind hervorragende Chronometer erforderlich, die ihren Gang während des Transports nur in genau bekannter Weise ändern. Beide Beobachter können jedoch auch solche Himmelsereignisse beobachten, die zu einer vorher genau berechneten Zeit eintreten. Da jeder der Beobachter diesen Zeitpunkt nach seiner Uhr feststellt, entspricht die Differenz der Ablesungen ebenfalls der Längendifferenz.

    So einfach diese Verfahren im Prinzip anmuten, so kompliziert sind sie doch in Wirklichkeit. Die Lösung dieses Problems hat den Scharfsinn und die Beharrlichkeit zahlreicher Astronomen, Mathematiker und Instrumentenbauer viele Jahrzehnte lang beansprucht. Die dabei gewonnenen Resultate haben den Rahmen ihres ursprünglichen Zweckes weit gesprengt und der gesamten Astronomie wesentliche und fortwirkende Impulse gegeben. Wie tief beispielsweise die Frage der Längenbestimmung in andere astronomische Probleme hineinführt, zeigt schon das Beispiel einer einzigen Methode, die bereits 1514 von /. Werner angegeben wurde: das Verfahren der Monddistanzen. Dabei wird für einen Ort bekannter geographischer Länge der Winkelabstand berechnet, den der Mond zu bestimmten Zeiten von bestimmten Fixsternen oder Planeten einnimmt. Dann läßt sich aus der Messung des Zeitpunktes dieser Mondstellung für einen anderen Ort dessen Länge unmittelbar aus der Zeitdifferenz bestimmen. Will man dieses Verfahren erfolgreich anwenden, so ist es aber erforderlich, daß man die Bewegung des Mondes genügend genau berechnen und seine Position unter den Sternen genügend genau messen kann. Im 17. Jahrhundert waren die auf dieser Methode fußenden Längenbestimmungen selten genauer als bis auf fünf Grad. Für äquatornahe Orte auf der Erde traten also Fehler in der Größenordnung einiger hundert Kilometer auf. In einer Zeit, da sich mit den bürgerlichen Nationalstaaten Handel und Hochseeschiffahrt entwickelten, wurde das Problem der Längenbestimmung zu einer zwingenden Notwendigkeit für die Entfaltung dieser Staaten. Die Anzahl der Schiffsverluste, die durch ungenügende Ortsbestimmungen verursacht wurden und Tausende von Seeleuten das Leben kosteten, fielen schwer ins Gewicht. Ein Schiff, das im 17. Jahrhundert von einer Fahrt nach China unversehrt in den Heimathafen zurückkehrte, löste Freudenfeste im ganzen Land aus. Es ist verständlich, daß die Staaten mit fortgeschrittener Produktion und entwickeltem Handel alles daransetzten, bessere astronomische Grundlagen für die Navigation zu erhalten. Kaum ein Zweig der Astronomie wurde damals mit soviel Aufopferung von Scharfsinn, Kräften und von Geld betrieben wie die Vermessung der Erde. Es handelte sich dabei ausnahmslos um staatlich geförderte Unternehmen, die somit auch materiell sichergestellt waren und folglich rasche Fortschritte machten. Daß die innere Logik der Entwicklung der Astronomie zur gleichen Zeit dieselben Probleme auf die Tagesordnung gesetzt hatte, dürfte ein beschleunigender Faktor für die Entwicklung gewesen sein.

    Schon 1598 hatte Philipp IL von Spanien für die Lösung des Problems der Ortsbestimmung auf See eine bedeutende Summe bereitgestellt. Ein Jahrhundert später folgten die Niederlande. Das beste Beispiel für die befruchtende Wechselwirkung zwischen Astronomie und praktisch-gesellschaftlichem Erfordernis bildet die Gründungsgeschichte der berühmten Sternwarte inGreenwich: Karl IL von England hatte von der Möglichkeit erfahren, durch Kenntnis der Position des Mondes unter den Fixsternen die geographische Länge zur See zu bestimmen. Zur Überprüfung der bestehenden Möglichkeiten setzte er eine Kommission ein. Auf Befragung meinte der damals 28jährige J. Flamsteed, wenn diese Methode Erfolg haben sollte, so müßten sowohl die Fixsternörter als auch die Mondbewegung wesentlich genauer bekannt sein. Daraufhin erließ Karl IL den Befehl zur Gründung der Sternwarte Greenwich und ernannte Flamsteed zum Direktor. Das Forschungsprogramm war streng vorgegeben: Es sollten genaueste Tafeln der Bewegung der Himmelskörper, vor allem des Mondes, und präziseste Verzeichnisse von Fixsternörtern angelegt werden.

    Auch für die Kartographie waren genaue, auf astronomischen Messungen beruhende Ortsbestimmungen ein äußerst aktuelles Problem; denn noch um 1752 waren von nur 139 Orten der gesamten Erdoberfläche hinlänglich genaue Positionen bekannt. Bekannt ist der Preis, den das englische Parlament im Jahre 1714 für die Ausarbeitung einer Methode zur Bestimmung der Länge auf See bis auf 0,5° genau aussetzte. Dieser staatliche Auftrag an die Wissenschaft hat außerordentlich wichtige Resultate gezeitigt; er setzte sowohl theoretische Untersuchungen wie auch praktisches Erf indertum in Gang. Ein vielgerühmtes Resultat dieses Preises war der Timekeeper des englischen Uhrmachers Harrison (1761), ein Chronometer, das während einer Seereise von 161 Tagen nur 5 Sekunden falsch ging.

    Theoretische Bemühungen um die Lösung des Problems sind vor allem T. Mayer zu verdanken, der sich wie L. Euler der Theorie der Mondbewegung verschrieb. Das Resultat waren schließlich die von ihm ausgearbeiteten Mondtafeln, die der englischen Admiralität im Jahre 1755 übergeben wurden. Ab 1757 bestimmte der englische Admiral Campbell als erster Seefahrer die geographische Länge zur See unter Benutzung eines HadVeyschen Sextanten und der von J. Bradley nach T. Mayers Tafeln berechneten Mondörter. N. Mas-kelyne schuf mit dem „Nautical Almanac” (1766) das verbindliche Zahlen- und Ephemeridenwerk für die bequeme praktische Anwendung der theoretischen Ergebnisse.

    Aus diesem überzeugenden Erfolg der Längenbestimmung mittels Monddistanzen ergab sich die Forderung, das komplizierte himmelsmechanische Problem der Mondbewegung weiter zu verfolgen. Wieder war es das Mittel der öffentlichen Preisfragen, das diese Entwicklung bewußt fördern sollte. So forderte z.B. das französische „Bureau des Longitudes” im Jahre 1800, aus dem Vergleich vieler guter Mondbeobachtungen den Wert bestimmter Koeffizienten in der Bewegungsgleichung des Mondes zu ermitteln und neue Tafeln daraus herzuleiten „mit einer hinlänglichen Bequemlichkeit und Sicherheit für die Berechnung”. Glanzpunkte der weiteren Forschungen auf diesem Gebiet waren später die Rechenvereinfachungen von Bessel (1832), die wesentlich verbesserten Mondtafeln von P. A. Hansen (1857), die kritische zusammenfassende Darstellung aller historischen Finsternisbeobachtungen durch 5. Newcomb (1878) und die moderne Mondtheorie von E. W. Brown (1896).

    Neben der Methode der Monddistanzen gab es aber noch eine ganze Reihe anderer Verfahren, die an Beobachtungsgenauigkeit und Theorie hohe Ansprüche stellten und die Entwicklung unablässig vorantrieben. Ein Chronist schrieb über die Wichtigkeit solcher Untersuchungen: ,,Man sage nicht mehr, daß… jener Aufwand… nichts als leere Grübeleien und unnütz für die bürgerliche Gesellschaft wären. Wie groß der Einfluß guter Landkarten und wie wichtig diese in politisch-statistisch-militärischer Hinsicht sind, darüber kann wohl jetzt nur eine Stimme sein.”30

    Um die Wende zum 19. Jahrhundert waren etwa 50% aller aktiv tätigen Astronomen neben anderem auch mit den Problemen der geographischen Ortsbestimmungen beschäftigt. Die ersten astronomischen Fachzeitschriften waren zugleich Publikationszentren für astronomisch-geographische Forschungen. In den ersten Jahren und Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ist der Anteil geographischer Publikationen darin sogar größer als der Anteil spezifisch astronomischer Arbeiten. Die „Monatliche Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmels-Kunde” veröffentlichte in den 14 Jahren ihres Bestehens rund 3000 geographische Ortsbestimmungen. Die astronomische Geographie berührte aber direkt auch ein anderes wichtiges Problem der Vermessung der Erde, nämlich die Frage nach der Gestalt unseres Heimatplaneten.

    Die Vermutung, daß die Erde keine Kugel sei, hatte sich u. a. schon aus der Beobachtung der Abplattung anderer Planeten, besonders des Jupiter, ergeben. Sollte die Erde ähnlich wie der Jupiter an den Polen abgeplattet sein, so müßten demnach zwei Orte desselben Erdmeridians mit einer Breitendifferenz von 1° in der Nähe der Pole weiter voneinander entfernt liegen als am Äquator. Um diese Vermutung zu überprüfen, sind sowohl astronomische Winkelmessungen, d. h. Längen- und Breitenbestimmungen, als auch Abstandsmessungen auf der Erde erforderlich. Das erste Unternehmen mit Anspruch auf wissenschaftliche Präzision, das diesem Ziel diente wurde von der französischen Academie des Sciences in den Jahren 1735 bis 1744 ausgerüstet. Die erforderlichen Messungen wurden in Lappland und in Peru vorgenommen. Das Resultat wies eindeutig auf eine Abplattung des Erdkörpers hin.

    Die Genauigkeit der Bestimmungen ließ jedoch noch sehr zu wünschen übrig. Außerdem war das Fehlen einer international verbindlichen Längeneinheit ein ernstes Hindernis, besonders beim Vergleich von Resultaten. Zumindest mußte ein Längennormal streng definiert und in seinen Beziehungen zu anderen gebräuchlichen Längeneinheiten genau bekannt sein. Ein einheitliches Maßsystem war ohnehin seit langem ein dringendes Bedürfnis, denn das Fehlen verbindlicher Maße und Gewichte behinderte auch Handel und Gewerbe empfindlich. Die historisch überfällige Entscheidung dieser Frage ging zur Zeit der Französischen Revolution von Frankreich aus. Unter Mitwirkung namhafter Gelehrter, wie De-lambre, Coulomb, Lagrange, Laplace und Monge, wurde eine weitreichende Reform des Maßsystems eingeleitet, die als ein Kind der Revolution galt. Sie beinhaltete die definitive Festlegung einer Längen- und Gewichtseinheit, eine Kalenderreform sowie die allgemeine Einführung des Dezimalsystems. Da die Widerstände gegen die von Frankreich ausgehenden Neuerungen seitens der verschiedenen Regierungen aus politischen Gründen beträchtlich waren, sollte als Einheit der Länge ein Naturmaß gewählt werden, das aus den Dimensionen des Erdkörpers abgeleitet war: das Meter als zehnmillionster Teil eines Erdquadranten, d. h. eines Viertels des Erdumfangs auf einem Längenkreis. Zu diesem Zweck wurde eine große Meridianvermessung unter Leitung von J. Ch. Borda eingeleitet. Längs des Pariser Meridians wurde der Bogen von Dünkirchen an der französischen Nordküste bis nach Formentera (12,4 Grad) ausgemessen. Diese Messung hatte freilich nur historische Bedeutung, denn später gelangen wesentlich genauere Bestimmungen, während die Längeneinheit trotzdem beibehalten wurde. Die Vermessungen von Meridian- und Breitenkreisen wurden im internationalen Maßstab mit großem Aufwand fortgesetzt: In England und Schottland, in Norditalien, Dänemark und Holstein wurden aufwendige und immer genauere Messungen durchgeführt. Im Rußland nahm Struve die sogenannte Liefländische Gradmessung in Angriff, die an nördliche Messungen schwedischer Gelehrter angeschlossen und von Litauen bis an die türkische Grenze fortgesetzt werden sollte.

    Richtungweisend wurde im 19. Jahrhundert die Preußische Gradmessung vom F. W. Bessel, die sich durch höchste Präzision auszeichnete. Nach Abschluß der dreijährigen Messungen, die Bessel gemeinsam mit J. J. Bayer besorgte, nahmen die Auswertungen nochmals mehrere Jahre in Anspruch, so daß die Resultate erst 1838 gedruckt erschienen. Aus der Astronomie und der mit ihr verbundenen astronomischen Geographie entwickelte sich so allmählich eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin, die Geodäsie. Während des 19. Jahrhunderts wurden noch bedeutende geodätische Unternehmen ins Leben gerufen. Vor allem aus den Ideen W. Struves und J. J. Bayers ging im Jahre 1869 ein internationales Programm der Erdmessung hervor. Das auf Bayers Initiative entstandene „Geodätische Institut” in Potsdam hat hierbei eine koordinierende Rolle gespielt.

    Die Forschungsarbeiten zum Problem der Erdgestalt hatten schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen recht genauen Wert für die Abplattung des Erdkörpers ergeben: 1/298 — d.h., der Äquatorialdurchmesser der Erde erwies sich als 1/298 größer als der Poldurchmesser. Es war aber auch schon zweifelsfrei festgestellt worden, daß die Erde kein ideales Ellipsoid ist, sondern eine unregelmäßige Gestalt besitzt, ganz abgesehen von den örtlichen Höhenunterschieden. Die Ursache dafür liegt in der ungleichen Masseverteilung im Erdinnern. Diese Tatsache komplizierte die Aufgaben der Erdmesser erheblich und dürfte dazu beigetragen haben, daß sich diese Probleme nicht mehr im Rahmen der astronomischen Forschung abwickeln ließen. Vor allem ergab sich aus der unregelmäßigen Gestalt des Erdkörpers die Notwendigkeit zu internationaler Zusammenarbeit, weil die noch so präzise Ausmessung kleinerer Bogenstücke nichts Verbindliches über die gesamte Erde aussagte.

    Obwohl die Geodäsie sich schließlich verselbständigte, verdankt die Astronomie diesem großen Problemkomplex aufwendiger praktischer Aufgaben doch sehr viel. Denn nicht zuletzt ist es der dadurch ausgelöste Zwang zu ständig höheren Meßgenauigkeiten gewesen, der die instrumenteile Beobachtungstechnik, die Instrumententheorie und die Himmelsmechanik auf jene bewunderungswürdige Höhe gehoben hat, die die „astronomische Genauigkeit” sprichwörtlich werden ließ.

    Ein Musterbeispiel für diese Präzision ist die Entdeckung der Polhöhenschwankungen. Schon S. D. Poisson und F. W. Bessel hatten Anfang des 19. Jahrhunderts aus theoretischen Gründen die Vermutung ausgeprochen, daß die Polhöhe nicht konstant sei. In den vierziger Jahren hatte Bessel sogar gemeint, solche winzigen Schwankungen, Bruchteile einer Bogensekunde, gemessen zu haben. Er hatte recht: Im Jahre 1888 entdeckte F. Küstner die sehr geringfügigen Schwankungen der Polhöhe mit hinreichender Sicherheit. Die Folge dieser Entdeckung war die Einrichtung des Internationalen Breitendienstes.

     

     

    Planetenforschung

     

    Die Welt der Planeten wurde von Anbeginn nicht nur als eine Aufgabe für die Himmelsmechanik gesehen — daneben war immer ein reges Interesse an der Beschaffenheit dieser der Erde prinzipiell vergleichbaren Körper wach. Vor allem das Studium der Planetenoberflächen schien geeignet, zur Klärung dieser Fragen beizutragen. Mit der rapiden Entwicklung des Fernrohr seit Ende des 19. Jahrhunderts hat dieses Teilgebiet der Forschung einen besonders raschen Aufschwung genommen. Die Planetenforschung dieser Epoche, die später durch die Anwendung astrophysikalischer Methoden neue Anregungen empfing, läßt allerdings auch den relativen und historischen Charakter wissenschaftlicher Forschung deutlich werden: Nur ein Bruchteil der aufgeworfenen Fragen konnte endgültig gelöst werden, viele neue Rätsel tauchten auf, und zahlreiche Fragen bedurften zu ihrer endgültigen Beantwortung des Einsatzes von Methoden der Weltraumfahrt. Dazu zählt u. a. auch der komplizierte Problemkomplex der Kosmogonie des Planetensystems. Wichtige Beiträge für die Planetenforschung wurden von der British Astronomical Association geleistet, die zur Förderung dieses Zweiges der Astronomie spezielle Sektionen bildete. In der BAA wirkten z.B. solche Wissenschaftler wie T. E. R. Philips, E. W. Maunder, W. T. Lynn und A. de la Chiron Crommelin. Überblickt man die Planetenforschung des 19. Jahrhunderts bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein, so ergibt sich die enttäuschende Feststellung, daß die Kenntnisse vom Wesen der Planeten trotz intensiver Bemühungen verhältnismäßig gering geblieben sind. Auch der Einsatz astrophysikalischer Methoden hat hier bei weitem nicht die reichen Früchte getragen wie in der Sternphysik (vgl. S. 99 ff.). So stehen wir vor der kuriosen Tatsache, daß die uns im Kosmos am nächsten liegenden Körper, die Planeten des Sonnensystems, keineswegs zu den am besten bekannten Objekten gehören.

    Wenn auch die Planetenastronomie im 19. Jahrhundert kein zentrales Anliegen der Forschung war, wurde gerade diesem Zweig der Himmelserkundung ein besonders breites Interesse der Öffentlichkeit zuteil, nicht zuletzt wegen der damit verbundenen allgemein interessierenden Frage nach der Existenz von Lebensformen im Weltall.

    Die inneren Planeten

    Die erste großangelegte Untersuchung über die physische Beschaffenheit des Planeten Merkur stammt von /. H. Schroeter, der in den Jahren 1800 und 1816 zwei umfangreiche Bände seiner „Hermographischen Fragmente” veröffentlichte. Zu den wichtigsten darin ausgesprochenen Erkenntnissen gehören Angaben über die Rotationsdauer des Planeten, die Schroeter mit rund 24 Stunden ermittelte. Außerdem schloß Schroeter aus dem gezackten Verlauf der Licht-Schatten-Grenze auf dem Planeten (Terminator), daß dieser Planet von hohen Gebirgszügen bedeckt sein müsse. Nach den Untersuchungen durch Schroeter blieb es lange Zeit still um den schwierig zu beobachtenden kleinen Planeten Merkur. Schroeters Buch galt als Standardwerk, bis K. F. Zöllner im Jahre 1874 im Zusammenhang mit seinen fotometrischen Untersuchungen neue Resultate über den Merkur vorlegte. Darin setzte er sich vor allem mit dem Rückstrahlungsvermögen (Albedo) der Oberfläche auseinander und zog den Schluß, daß zwischen der Oberflächenbeschaffenheit des Merkur und der des Erdmondes weitgehende Ähnlichkeit bestehen müsse – ein Resultat, das im Frühjahr 1974 durch den Vorbeiflug der US-amerikanischen Sonde Mariner 10 vollauf bestätigt wurde. Der italienische Planetenbeobachter Schiaparelli berichtigte 1889 die von Schroeter und anderen angegebenen Rotationszeiten und äußerte die Ansicht, daß der Planet eine gebundene Rotation ausführt, d.h. sich in derselben Zeit um seine Achse bewegt, in der er eine Sonnenrotation vollendet. Schiaparelli zeichnete auch Oberflächenkarten des Merkur, die er mühsam aus vielen hundert Einzelbeobachtungen zusammenfügte. Welcher Natur die zeichnerisch erfaßten Oberflächendetails waren, blieb freilich ungeklärt. Den Durchmesser des Merkur bestimmte Bessel schon 1832 mit 4855 km und kommt damit dem heute angenommenen Wert von 4840 km sehr nahe. Da der Merkur keine Monde besitzt, bot auch die Bestimmung seiner Masse erhebliche Schwierigkeiten, denn es konnten hierfür nur die vom Merkur ausgehenden Bahnstörungen auf Kometen oder den Nachbarplaneten Venus herangezogen werden. Encke ermittelte den Wert aus den Störungen des nach ihm benannten kurzperiodischen Kometen im Jahre 1835 zu 1/4686571 der Sonnenmasse (moderner Wert: 1/5970000).

    Auch der Planet Venus bot den Beobachtern von Anbeginn Schwierigkeiten, denn er zeigte keinerlei Oberflächendetails. Daß dieser Planet von einer Atmosphäre umgeben sein muß, hatte schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts der große russische Naturforscher M. W. Lomonossow entdeckt. Ihm war anläßlich des Venusdurchganges von 1761 aufgefallen, daß die dunkle Planetenscheibe vorder Sonne von einem hellen Lichtsaum umgeben war, den er als Atmosphäre des Planeten deutete. Im selben Sinne sprach sich auch der amerikanische Astronom D. Rittenhouse aus, der die Erscheinung 1769 bei dem zweiten Venusdurchgang des 18. Jahrhunderts bemerkte. Beide Berichte wurden allerdings erst viel später veröffentlicht, als längst schon die Äußerungen Herschels über die Existenz einer Venusatmosphäre allgemein bekannt waren, so daß Herschel heute oft als ihr Entdecker bezeichnet wird. Das Fehlen von Oberflächendetails machte eine Bestimmung der Rotationsdauer des Planeten unmöglich. Deshalb kursierten darüber die widersprüchlichsten Angaben. Schiaparelli sprach gegen Ende des 19. Jahrhunderts von einer gebundenen Rotation, andere Astronomen wollten aus Oberflächendetails, die sich aber später als optische Täuschungen erwiesen, wesentlich kürzere Rotationszeiten abgeleitet haben. Ähnliche Widersprüche beherrschten die Diskussion um die Neigung der Rotationsachse. Um den eventuellen Einfluß von optischen Täuschungen genauer zu studieren, publizierte W. Villiger 1897 eine Reihe von Simulationsversuchen, bei denen die Venus durch kleine Bälle nachgeahmt und aus entsprechenden Entfernungen im Fernrohr beobachtet und gezeichnet wurde.

    Die Hypothesen über die Oberflächenbeschaffenheit der Venus fußten alle nur auf dem sehr spärlichen Beobachtungsmaterial und waren deshalb mehr als vage. Ob der Planet hauptsächlich von Wassermassen überzogen sei oder ob es riesige sumpfige Kontinente gäbe, wie andere behaupteten, ließ sich wissenschaftlich nicht entscheiden. Neue Hypothesen kamen erst mit der Untersuchung des Spektrums des Planeten auf. In der Venusatmosphäre wurde vor allem Kohlensäure festgestellt. Demnach müßte es zum sogenannten Treibhauseffekt kommen, einer starken Aufheizung der Venusoberfläche, die alles Wasser zum Verdampfen bringt. Trotz der spektroskopischen Messungen, die verbessert wurden und u. a. auch Temperaturbestimmungen ermöglichten, blieb der Planet Venus voller Rätsel, und die Astronomen wurden ungeachtet der geringen Entfernung dieses hellen Planeten mit aller Deutlichkeit auf die Grenzen der erdgebundenen Erforschung des Planetensystems hingewiesen. Die entscheidenden Durchbrüche in der Erforschung der Venus sind tatsächlich erst mit dem Einsatz der sowjetischen Raumsonden, also in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erzielt worden.

     

     

    Die äußeren Planeten

     

    Mars galt seit je als einer der interessantesten Planeten, denn schon durch seine feuerrote Farbe und seine stark schwankende Helligkeit erregte er ungewöhnliches Aufsehen.

    Im Gegensatz zu Merkur und Venus offenbart Mars den Betrachtern schon in kleineren Fernrohren Oberflächendetails, die zur Bestimmung der Rotationsperiode herangezogen werden können. Der Erforschung seiner Oberflächenbeschaffenheit kommt weiter der günstige Umstand zustatten, daß sich der Planet währnd seiner Oppositionen bis auf rd. 56 Millionen km an die Erde annähern kann. Schon ein halbes Jahrhundert nach der Erfindung des Fernrohrs ermittelte Huygens die Rotationsdauer des Planeten mit 24 Stunden erstaunlich genau. Er entdeckte auch das große dunkle Gebilde, das heute den Namen Große Syrte trägt. Herschel fand die Rotationsdauer des Planeten anläßlich der Marsoppositionen von 1777 und 1779 mit 24h39m21,7s nur um 2 Minuten falsch gegenüber dem gegenwärtigen Wert. Er gab der Großen Syrte den sinnfälligen Namen „Sanduhrmeer”, nicht allein, weil ihre Gestalt einer Sanduhr ähnelt, sondern ihm gleichsam auch als Uhr gedient hatte. Herschel stellte auch als erster die jahreszeitlichen Farbänderungen auf dem Mars fest und folgerte die Existenz einer Atmosphäre des Planeten aus dem Vorkommen der sogenannten Polkappen, weißer Gebilde am Nord- und Südpol des Planeten, die er für Schnee- und Eisansammlungen hielt. Aus der Neigung der Marsachse, die Herschel zu 23°13′ ermittelte, schloß er auf die weitreichende Analogie zwischen Mars und Erde. Die Auffassung von der Erdähnlichkeit des Mars ist erst vor wenigen Jahren durch die Sondenflüge der USA und der UdSSR widerlegt worden.

    Unter den späteren Marsbeobachtern ragen besonders W. Beer und J. H. Mädler heraus, die zum erstenmal Marskarten zeichneten, A. Secchi, J. N. Lockyer, R. A. Proctor u. a. folgten später mit weiteren Karten.

    Die atemberaubendsten Resultate der Marsforschung im 19. Jahrhundert, die allen weiteren Untersuchungen ihren Stempel aufdrückten, erzielte Schiaparelli während der günstigen Marsannäherung von 1877. Schiaparelli fand nämlich auf der Oberfläche des Planeten eine Reihe von feingliedrigen, geradlinigen Gebilden, die er mit dem terminus „canali” bedachte. Er publizierte seine Untersuchung in einer italienischen Akademieschrift, die im allgemeinen lediglich von der Fachwelt zur Kenntnis genommen wurde. Diesmal aber war es anders: Es dauerfe nicht lange, und der Inhalt dieser Schrift war in vereinfachter Form breitesten Kreisen bekannt und erregte ungeheures Aufsehen. Selbst zahlreiche Astronomen waren von einem Gedanken fasziniert, den Schiaparelli selbst gar nicht gehegt haue: Sie nahmen an, daß es sich bei den „canali” um ingeniöse Bauwerke etwaiger intelligenter Marsbewohner handelte, die mit diesen Zivilisationsprodukten die schmelzenden Eismassen der Pole in die vermutlich wasserarmen zentralen Regionen ihres Planeten lenken wollten. Der berühmte französische Astronom und Schriftsteller Flammarion schrieb in einem seiner Bücher, man könne nur alle bedauern, die den Mars noch nie durch das Fernrohr gesehen hätten; denn ihnen sei eine fremde Welt mit ihren Kontinenten, Meeren, Inseln und Gestaden im weiten Himmelsraum unbekannt geblieben. Die Erde sei nur eine Provinz des Universums und unsere Empfindung bevölkere nun andere Vaterländer in der Unendlichkeit mit unbekannten Brüdern.

    Eine Reihe von Tatsachen wollte allerdings schlecht zu dem Bild von den Marskanälen passen: Schon die Dimensionen der Gebilde mußten bedenklich anmuten; einige waren viele Kilometer breit und bis zu 1000 km lang. Selbst die großzügigsten Schätzungen der zu transportierenden Wassermassen ließen die Kanäle viel zu groß erscheinen. Noch schwerer wog der Befund, daß etliche Kanäle ihre Gestalt veränderten, viele Gebilde wurden überhaupt von anderen Beobachtern nicht bestätigt, während diese dafür wieder andere Kanäle zu sehen vermeinten. Einige Kanäle wurden allerdings eindeutig von den verschiedensten Beobachtern wahrgenommen, und dies genügte, um die intelligenten „Marsbewohner” durch eine mehr und mehr anschwellende Marsliteratur geistern zu lassen. Ein Teil ernst zu nehmender Fachastronomen gehörte dabei zu den entschiedenen Anhängern der These vom Leben auf dem Mars. Einer der prominentesten unter ihnen war gegen Ende des Jahrhunderts der Amerikaner P. Lowell.

    Im selben Jahr, da Schiaparelli seine sensationellen canali entdeckte, fand der Amerikaner A. Hall, der damals das mächtigste Fernrohr der Welt mit 65 cm Objektivdurchmesser zur Verfügung hatte, die beiden Monde des Mars. Er gab ihnen die Namen der beiden Rosse, die in der griechischen Mythologie den Wagen des Ares (Mars) ziehen: Phobos und Deimos — zum Kriegsstern passend — Furcht und Schrecken.

    Als die Spektralanalyse der Planetenforschung dienstbar gemacht war, hatte G. A. Tichov, ein bekannter russischer bzw. sowjetischer Marsforscher, im Jahre 1909 eine einfache, aber äußerst interessante Idee: Er begann, die Spektren und optischen Eigentümlichkeiten bestimmter Gebiete der Marsoberfläche mit denen ausgewählter irdischer Vegetationszonen zu vergleichen. Er wurde damit zum Begründer der Astrobotanik. Tichov und seine Mitarbeiter glaubten den Beweis erbracht zu haben, daß auf dem Mars eine Vegetation existiert, die mit der Flora subarktischer irdischer Gegenden verwandt ist. Unwidersprochen blieben diese Ansichten jedoch nicht. Am 20. August bzw. 9. September 1975 wurden von den USA die Mars-Sonden Viking 1 bzw. 2 mit der Aufgabe gestartet, auf dem Mars nach Spuren von Leben zu suchen. Die Ergebnisse der ausgeführten Experimente sind zwar noch umstritten, doch scheinen sie insgesamt gegen eine Existenz von Leben auf dem Mars zu sprechen. Die endgültige Klärung dieser Fragen wird weiteren Raumsonden vorbehalten bleiben müssen. Fest steht jedoch schon heute, daß es sich bestenfalls um einfachste Lebensformen handeln könnte. In welchem Maße der Einsatz von Raumsonden die Kenntnisse von der Beschaffenheit der Planeten erweiterte und vertiefte, ist besonders deutlich an den Resultaten der Marsforschung zu erkennen: Es war eine der größten Überraschungen in der Geschichte der neueren Planetenforschung, als im Jahre 1964 auf den von der Sonde Mariner 4 aufgenommenen Marsfotografien zahlreiche Krater zu erkennen waren, so daß der bis dahin stets für erdähnlich gehaltene Planet nun viel eher als ein kosmischer „Bruder” des Mondes anzusehen war.

    Inzwischen haben neue Ergebnisse dieses Bild wieder modifiziert, so daß — unter Berücksichtigung der kleineren Masse und Oberfläche des Mars — eine Reihe von Analogien zur Erde nicht übersehen werden kann.

    Obwohl der dem Mars folgende große Planet Jupiter schon wesentlich weiter von der Erde entfernt steht, erwies er sich doch wegen seiner ungewöhnlichen Größe als ein relativ dankbares Objekt für Planetenbeobachter, stellte sie aber auch gleichzeitig vor schwierige Aufgaben.

    Jupiter zeigte schon den ersten Fernrohrbeobachtern eine detailreiche Oberfläche, ließ eine merkliche Abplattung erkennen und faszinierte außerdem durch das Wechselspiel der vier großen Monde, die Galilei 1610 entdeckt hatte. G. D. Cassini machte im 17. Jahrhundert die ersten Versuche, die Rotationszeit aus dem periodischen Verschwinden und Wiederkehren bestimmter Gebilde zu bestimmen. Der von ihm angegebene Wert von 9 Stunden 56 Minuten wurde auch später von anderen Beobachtern bestätigt. Doch es herrschte allgemein die Ansicht, daß die parallel zum Äquator verlaufenden streifenartigen Gebilde wie auch einige Flecken nicht unbedingt Oberflächenerscheinungen des Planeten, sondern möglicherweise atmosphärische Phänomene sein könnten. Erstmals wies Herschel dies genauer nach, indem er 1779 bei der Ermittlung der Rotationszeiten dieser Gebilde systematische Veränderungen fand. Er kam zu dem Schluß, daß speziell der von ihm beobachtete Fleck in der Jupiteratmosphäre rasch fortbewegt wird. Auch J. H. Schroeter hielt es für sehr wahrscheinlich, daß die Flecke eher ein Analogon unserer Wolken als Gebilde an der Oberfläche des Planeten darstellten, und er bezweifelte deshalb sogar, daß diese Gebilde geeignet wären, die Rotationszeit des Planeten hinreichend genau zu bestimmen. Tatsächlich waren aber die Bestimmungen der Rotationsdauer von Cassini, Herschel und anderen so genau, daß bis heute keine wesentlich davon abweichenden Werte angegeben werden. Eine eigenartige Tatsache über den Planeten Jupiter brachte Bessel ans Licht: aus den Umlaufsbewegungen der Jupitermonde ermittelte er nach einem von ihm ausgearbeiteten Verfahren die Masse des Planeten und fand die 336fache Erdmasse (moderner Wert: 317,8); diesem Wert stand aber ein Volumen gegenüber, das fast 1500mal so groß war wie das Volumen der Erde. Die daraus resultierende mittlere Dichte von etwa l,3g/cm3 war bemerkenswert gering und veranlaßte Überlegungen über den inneren Aufbau des gigantischen Planeten.

    Schließlich brachte die Spektroskopie einige neue Befunde, die einer Deutung des sonderbar leichten Riesenkörpers näherzuführen schienen. H. C. Vogel (1874) und H. Draper (1880) fanden nämlich außer dem reflektierten Sonnenspektrum ein dunkles Band am roten Ende des Spektrums und schlössen daraus auf eine erhebliche Eigentemperatur des Planeten. Ganz in Richtung dieser Deutung lief auch die Entdeckung E. W. L. Tempels vom August 1878: Auf der Oberfläche des Planeten sah er eine ovale, rötlich aussehende Wolke von enormen Dimensionen; allein die Länge schätzte Tempel auf ein Drittel des Jupiterdurchmessers. Der russische Beobachter Th. Bredichin, O. Lohse aus Potsdam u. a. widmeten sich der weiteren sorgfältigen Beobachtung des Objekts. Die allgemein akzeptierte Deutung lautete: Die rote Wolke ist die Widerspiegelung eines ungeheuren Lavaausbruchs des glühenden Planeten in den darüber-liegenden Wolkenschichten. Die Durchsicht älterer Jupiterbeobachtungen ergab dann sogar, daß der „Große Rote Fleck” schon seit dem 17. Jahrhundert von den verschiedensten Beobachtern gesehen worden war. Die Beobachtungen führten bald zu dem Resultat, daß der Fleck eine von der Rotation des Planeten unabhängige Bewegung mit nicht konstanter Geschwindigkeit ausführt. Dieser Befund deckte sich aber nicht mit der herrschenden Theorie des Flecks. Noch widerspruchsvoller wurden die Aussagen über den Planeten, als Donald H. Menzel die Temperatur des Jupiter zu -110°C bestimmte. Die Identifizierung von Spektrallinien der Jupiteratmosphäre führte zu Beginn der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts zu der Erkenntnis, daß dort Methan und Ammoniak vorkommen; diese Stoffe wurden aber mehr als Verunreinigungen betrachtet, während die Hauptbestandteile Wasserstoff und Helium sein sollten — eine Annahme, für die jedoch kein Beweis erbracht werden konnte. Um 1938 entwarf JR. Wildt eine Theorie der Struktur des Jupiter, in der er die Gesamtmasse, die geringe Dichte sowie andere von der Forschung erwiesene Details widerspruchsfrei zu vereinigen suchte. Er nahm an, daß der Kern des Planeten sehr dicht, aber wenig ausgedehnt sei, von einem Eismantel umhüllt werde, der seinerseits von einer Schale gefrorenen Wasserstoffs eingeschlossen ist. Darüber sollte die eigentliche Atmosphäre liegen. Diese Auffassung brachte aber wieder neue Schwierigkeiten mit sich, weil die turbulenten Vorgänge in der Atmosphäre des Planeten sich daraus nur sehr schwierig ableiten lassen. Die neuen Ergebnisse der amerikanischen Planetensonden, die den Planeten in relativ geringen Abständen passierten, lassen darauf schließen, daß der „Gigant” einen riesigen „Wasserstofftropfen” darstellt, der lediglich in seinem Innern einen Kern aus schwereren Elementen besitzt. Ganz ähnlichen Problemen und Ergebnissen sieht sich die Astronomie auch beim Planeten Saturn gegenüber, der dem Jupiter in verschiedener Hinsicht sehr verwandt ist. Auch die Dichte des Saturn ergab sich als sehr klein, verglichen mit den Planeten Merkur, Venus, Mars und Erde (moderner Wert: 0,7 g/cm3). Auch der Saturn zeigt eine außerordentlich turbulente Atmosphäre. Für die Abplattung dieses zweitgrößten Planeten fanden schon frühe Beobachter wie Grimaldi (1645) und Herschel (1789) den Wert von 1/11, bei Jupiter hatte man 1/15 festgestellt.

    Größtes Interesse erweckte verständlicherweise der im gesamten Planetensystem einzigartige Ring des Saturn. Die Existenz dieses Ringes stellte erst Ch. Huygens 1659 fest, obwohl schon Galilei wegen des zu geringen Auflösungsvermögens seiner Teleskope zwei kleine „Kugeln” links und rechts des Planeten entdeckt hatte, die er aber nicht zu deuten wußte. 1675 fand G. D. Cassini die nach ihm benannte Unterteilung des Ringes. Er vertrat als erster die Ansicht, daß der Ring aus zahlreichen kleinen Einzelkörpern besteht. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hat sich F. W. Herschel dem Saturn, seinen Oberflächenerscheinungen, den Monden und vor allem dem Ring in ausgedehnten Beobachtungsreihen gewidmet. Er hielt die Oberflächenerscheinungen wie beim Jupiter für atmosphärische Phänomene. Die von Herschel 1793/94 erstmalig bestimmte Rotationszeit des Riesenplaneten von 10h16m44s differiert gegenüber dem heute angenommenen Wert nur um einige Minuten. Herschel gab eine andere Interpretation des Ringes als Cassini: Er hielt den Ring für einen starren Körper. Die Lücke betrachtete er zeitweilig als einen dunklen Teil des Rings; später vertrat er dann die Ansicht, daß es sich um zwei verschiedene Ringe handeln müsse, die sich wahrscheinlich entsprechend den Keplerschen Gesetzen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten um den Planeten bewegen.

    Als Laplace im Jahre 1785 mit einer mathematischen Untersuchung über die Ringe hervortrat, in der er die Existenz weiterer Lücken voraussagte, auf deren wahrscheinliche Existenz schon Kant 1755 hingewiesen hatte, stieg die allgemeine Aufmerksamkeit der Astronomen noch an. J. H. Schroeter, S. H. Schwabe, W. C. Bond und sein Sohn G. P. Bond, J. F. Encke u. a. beobachteten ihn mit ständig besseren Instrumenten. Encke fand 1837 die nach ihm benannte Teilung des äußeren Ringes. DieBonds entdeckten 1850 noch einen dritten, den sogenannten Florring des Saturn, obwohl dieser auch gelegentlich schon früher — z.B. von J. G. Galle — wahrgenommen, aber unbeachtet geblieben war. Dieser Ring erhielt als innerstes aller drei Ringgebilde später den Namen C-Ring. Die Erklärung des Ringphänomens forderte noch starke Bemühungen der Astronomen. 1856 schrieb J. C. Maxwell eine Arbeit über den Saturnring, in der er zu dem richtigen Schluß kam, daß der Ring aus einer Vielzahl von Einzelteilchen besteht. Der amerikanische Astronom J. E. Keeler konnte diese Annahme mit Hilfe spektroskopischer Untersuchungen überzeugend gut bestätigen, indem er aus den Dopplerverschiebungen die Geschwindigkeiten der verschiedenen Teile der Ringe bestimmte und dabei fand, daß sich die äußeren Ringteile langsamer bewegen als die inneren (Kepler-Bewegung). Das Vorhandensein der Lücken ließ sich himmelsmechanisch erklären: Teilchen in den Lücken werden durch mehrere Saturnmonde derart gestört, daß ihr Verbleiben in diesen Bahnen ausgeschlossen ist. Ähnliche Argumente trafen auch auf die Enckesche Lücke zu, wie D. Kirkwood nachwies, wenngleich diese Lücke nicht völlig partikelfrei, sondern nur stark von Partikeln entleert ist. Die Theorie des inneren Auf baus des Saturn wurde bis zum heutigen Tage weitgehend in Analogie zu den Theorien über den Aufbau des Jupiter entwickelt.

    Die ersten Forschungen über den Planeten Uranus stammen von seinem Entdecker Herschel. Von den sechs Monden, die er gefunden zu haben glaubte, konnten jedoch nur zwei als solche bestätigt werden; bei den anderen Objekten handelte es sich um nahe gelegene lichtschwache Fixsterne. Herschel fand eine merkliche Abplattung des Planeten, woraus er auf eine Rotation des Uranus schloß. Spätere Beobachter bestritten jedoch die Abplattung. Der Grund der widersprüchlichen Aussagen lag in der merkwürdigen und im Planetensystem einzigartigen Lage der Rotationsachse. Die weiteren Beobachtungen lehrten nämlich, daß die Achse fast mit der Bahnebene des Planeten zusammenfällt.

    Größte Schwierigkeiten bereitete auch die Bestimmung der Rotationsdauer, da Oberflächendetails nur gelegentlich beobachtet werden konnten. W. Buffham leitete aus Beobachtungen in den Jahren 1870 und 1872 eine Rotationsperiode von 12h ab (moderner Wert: 10h49m). Der physikalische Zustand des Planeten entzog sich der näheren Erkundung, und es ist nicht unberechtigt, wenn man sagt, der Uranus ist bis heute für uns geblieben, was er schon zu Bessels Zeit war: ein Körper ohne Eigenschaften. Die spektroskopischen Untersuchungen wiesen lediglich auf einen starken Methangehalt der Atmosphäre hin, wie er auch bei Jupiter und Saturn gefunden wurde. Aus Masse und Durchmesser ergibt sich — wie bei Jupiter und Saturn — eine mittlere Dichte, die nur wenig über der des Wassers liegt, so daß auch für diesen Planeten ähnliche Modelle entworfen wurden wie für die beiden sonnennäheren Giganten. Äußerst überraschend war die Entdeckung eines Ringsystems beim Planeten Uranus: Am 10. März 1977 deckte Uranus den Stern SAO 158687 im Sternbild Waage (Helligkeit 8m8). Etwa 40 Minuten bevor dieser Stern von der Planetenscheibe abgedeckt wurde, traten mehrere Verdunklungen des Sterns ein, die auf die Existenz von 5 Ringen zurückzuführen sind. Eine direkte Beobachtung des Ringsystems ist wegen der Lichtschwäche der Ringe und der geringen Entfernung vom Planeten nicht möglich.

    Die gewaltigen Entfernungen der Planeten Neptun und Pluto haben es ebenfalls bisher verhindert, genauere Kenntnisse über die Physik dieser Körper zu erlangen. Lediglich die aus der Himmelsmechanik zu ermittelnden Daten konnten mit einiger Sicherheit verbucht werden.

    Bei Routineuntersuchungen von fotografischen Platten wurde 1978 ein Mond des Planeten Pluto entdeckt. Auf dem sonst kreisrunden Plutobild machte sich der Mond als eine Deformation bemerkbar. Auch bei früher gemachten Aufnahmen ließ sich diese Deformation nachweisen. Die physischen Daten des Trabanten sind noch nicht sicher bestimmt.

     

     

    Die Erforschung des Mondes

     

    Die exakte Erforschung der Mondoberfläche begann mit der Erfindung des Fernrohrs. Die erste aus sorgfältigen Fernrohrbeobachtungen abgeleitete detaillierte Mondkarte schuf J. Hevel mit seiner „Selenographia” (1661). Hevel führte auch Bezeichnungen für die verschiedenen Mondformationen ein, die jedoch bald der Nomenklatur von Riccioli wichen. Dieser machte den Mond zum „Astronomenfriedhof”, indem er den Objekten der Mondoberfläche die Namen von bedeutenden Himmelsforschern gab, eine Gepflogenheit, die sich bis heute erhalten hat; zumal die Objekte der Mondrückseite bis zu ihrer erstmaligen Erkundung durch die sowjetische Sonde Lunik 3 (1959) völlig namenlos geblieben waren. Eine neue Etappe der Mondkartographie leitete um 1750 T. Mayer ein. Er zeichnete die Mondoberfläche nicht nach dem Augenmaß, sondern legte Mikrometermessungen der verschiedenen Oberflächenobjekte zugrunde. Die große Mondkarte, die er daraus entwickeln wollte, blieb unvollendet. Aber selbst die kleine Karte mit 20 cm Durchmesser, die G. Ch. Lichtenberg 1775 erstmals veröffentlichte, stellte für mehrere Jahrzehnte den Gipfelpunkt des Erreichten dar.

    An Mayers Leistungen knüpfte gegen Ende des 18. Jahrhunderts J. H. Schroeter an, dem aber bedeutend bessere Instrumente zur Verfügung standen. Schroeter hat zwar keine Generalkarte des Mondes entworfen, aber mit einer bis dahin nicht erreichten Präzision Detailuntersuchungen durchgeführt und genaue Beschreibungen der Mondformationen gegeben. Er beschäftigte sich auch mit der Ausmessung der Durchmesser zahlreicher Krater und der Höhen vieler Erhebungen und legte seine fundierten Resultate in zwei Bänden seiner „Selenotopographischen Fragmente” (1791 und 1802) vor (Abb. 15). In überschwenglicher Begeisterung schrieb G. Ch. Lichtenberg über die „Fragmente” an Schroeter: „Sie haben sich gewiß dadurch ein Denkmal gestiftet, das unvergänglicher sein wird als der Himmelskörper, womit es sich beschäftigt.”32 Und doch wurden auch die Schroeter sehen Untersuchungen bald durch qualitativ noch höherstehende in den Schatten gestellt. G. W. Lohr-mann in Dresden plante eine Generalkarte des Mondes, die einen Durchmesser von 96,5cm haben und folglich zahlreiche Details enthalten sollte. Er beobachtete — ebenso wie Schroeter neben seiner beruflichen Tätigkeit — hauptsächlich mit einem Fraunhofer-schen Refraktor von 120 mm Öffnung. Von den 25 geplanten Sektionen kamen jedoch nur 4 heraus (1824); erst 1878. über 30 Jahre nach Lohrmanns Tod, erschien die gesamte Karte durch die Initiative /. F. J. Schmidts. Inzwischen hatten Beer und Mädler in Berlin eine Mondkarte herausgebracht, die dem Unternehmen von Lohrmann weitgehend glich. Es ist kaum zu bezweifeln, daß sie durch das Ausbleiben der Fortsetzungen der Sektionen von Lohrmann in Angriff genommen wurde. Das Werk erschien im Jahre 1837 unter dem Titel „Mappa Selenographica”: der Mond wird mit einem Durchmesser von 95 cm wiedergegeben. Außerdem vervollständigt ein ausführlicher Textband die wertvolle Arbeit. Bessel meinte, daß mit diesen Kartenwerken von Lohrmann, Beer und Mädler die Grenze der Möglichkeiten erreicht sei; in gewissem Sinne hat er damit recht behalten, obwohl noch größere Unternehmen in Angriff genommen worden sind. Die bedeutendste dieser Karten stammt von J. F. J. Schmidt, der an dieser „Charte der Gebirge des Mondes” (1878) insgesamt 7 Jahre gearbeitet hat. Mit einem Durchmesser von 195 cm stellte sie die größte und detailreichste bis dahin erschienene Darstellung des Erdtrabanten dar.

    Schmidt aber hatte erkennen müssen, daß es unmöglich war, daß ein Beobachter alle im Fernrohr erkennbaren Details innerhalb einer zumutbaren Zeit auch darstellt. Schmidts Mondkarte enthielt allein über 30000 Krater aller Größen und eine Fülle anderer Einzelheiten, die auf den Karten der Vorgänger fehlten (Abb. 16). Eine noch größere Karte entwarf der letzte große deutsche Mondbeobachter, Ph. Fauth. Der Durchmesser des Mondes beträgt fast 350 cm (Maßstab 1:1000000). Eine vollständige Veröffentlichung dieser Karte erfolgte erst 40 Jahre nach ihrer Ausarbeitung im Jahre 1964. Erwähnung verdienen auch die Bemühungen, Höhenschichtenkarten des Mondes zu gewinnen, mit denen J. Franz erstmals gegen Ende des 19. Jahrhunderts hervorgetreten ist. Er ermittelte die Höhenabweichungen der einzelnen Krater vom Durchschnittsniveau und zeichnete Linien gleicher Höhe. Dabei ergab sich, daß die gebirgigen Gegenden sehr hoch und die „Mare” tief liegen. Als Nullebene hatte Franz die Durchschnittshöhe am Nord- und Südpol des Mondes gewählt. Spätere Untersuchungen haben die Ergebnisse von Franz z. T. präzisiert, teilweise aber auch wieder in Frage gestellt. Insbesondere fand Hopmann (1952), daß die Mare durchschnittlich nicht tiefer liegen als die übrigen Gegenden der Mondoberfläche. Inzwischen hatte die Fotografie auch bei der Kartographie des Mondes ihre Vorzüge bewiesen. Im Gegensatz zur Zeichnung stellt die Fotografie ein objektives Dokument dar; jedoch zeigt sie den Mond jeweils in einem konkreten Beleuchtungszustand, wovon ein

    Zeichner abstrahieren kann.

    Einen ersten Höhepunkt der Mondkartographie mit fotografischen

    Hilfsmitteln bildeten die beiden Mondatlanten des Lick Observatory

    und der Pariser Sternwarte. Der „Lick Oberservatory Atlas of the

    Moon” erschien in den Jahren 1896/97. Der Gesamtdurchmesser des

    Mondes beträgt 97,5 cm. Der „Atlas Photographique de la Lune” von

    M. Loewy und P. Puiseux kam 1896 bis 1909 heraus.

    Über die Physik des Mondes ergab sich aus den Arbeiten der Topographen lediglich das Fehlen einer Mondatmosphäre. Alle weiteren Einzelheiten sind der Astrophysik zu verdanken, so die Temperaturbestimmungen, die fotometrischen Untersuchungen, aus denen man auf die Natur der Mondoberfläche zu schließen versuchte, und anderes mehr. Der Einsatz der sowjetischen Raumsonden und die amerikanischen bemannten Flüge zum Mond stellen eine qualitativ höhere Stufe der Erforschung unseres Trabanten dar, die eine Fülle von neuen Erkenntnissen erbringt und ein tieferes Eindringen in das Wesen dieses Himmelskörpers gestattet.

    Die astrophysikalischen Methoden

    Himmelsmechanik und Positionsastronomie bargen gerade wegen ihrer großen Erfolge auch eine Gefahr in sich: Zahlreiche Astronomen wurden dadurch blind für andere, prinzipiell neue Möglichkeiten der Erforschung des Kosmos. Die einseitige Verabsolutierung der durch die Astronomie besonders glänzend bestätigten Bewegungslehre führte bis in das philosophische Denken hinein. Selbst die damals fortschrittliche materialistische Strömung der bürgerlichen Philosophie war — indem sie die Erfolge der Bewegungslehre verabsolutierte — .»vorwiegend mechanisch, weil von allen Naturwissenschaften damals nur die… Mechanik der Schwere zu einem gewissen Abschluß gekommen war”. Bessel, der große Repräsentant der Himmelsmechanik und Positionsastronomie, erklärte in einem seiner öffentlichen Vorträge apodiktisch: „Die Astronomie hat keine andere Aufgabe, als Regeln für die Bewegung jedes Gestirns zu finden, aus welchen sein Ort… folgt.” Schon die Beobachtung der Planetenoberflächen zu dem Zweck, die physische Natur dieser Himmelskörper zu erkunden, erschien Bessel als eines der undankbarsten Geschäfte. Gauß legte seine Ansichten über die Aufgabe der Astronomie in ganz ähnlicher Weise dar: „Das Meinen in der Astronomie hört erst da auf und das eigentliche Wissen fängt bei den Gegenständen an, die einer mathematischen Behandlung fähig sind: und das sind die Größe und Gestalt der Himmelskörper, ihre Entfernungen, ihre gegenseitigen Lagen und ganz vorzüglich…die Bewegungen.” Alle Forschungen, die sich nicht auf die klassische Himmelsmechanik gründeten, wurden entweder vollständig abgelehnt oder zumindest mit Skepsis betrachtet. J. H. Mädler stellte z. B. in einem seiner Vorträge die Frage, ob man jemals Aufschlüsse „über die eigentliche innere Natur der einzelnen Fixsterne und ihre Systeme zu erwarten” habe, und er kam zu dem Schluß, „daß auch selbst bei der Annahme einer noch weit größeren Vervollkommnung der optischen und mechanischen Hilfsmittel sich keine Aussicht eröffnen will, solche Beobachtungen möglich zu machen”. Der Begründer der positivistischen Philosophie, A. Comte, behauptete, die chemische Konstitution der Sonne müsse dem Menschen ewig verborgen bleiben; wer sich mit solchen Fragen beschäftige, verschwende nutzlos seine Zeit. Als der junge K. F. Zöllner, später einer der verdienstvollsten Pioniere der Astrophysik, gegenüber dem bekannten Physiker H. W. Dove die Hoffnung äußerte, die Untersuchung des Sternlichts würde vielleicht zukünftig noch manches über die Natur der Sterne lehren, entgegnete die anerkannte Autorität: „Was die Sterne sind, wissen wir nicht und werden es nie wissen!”

    Alles dies waren wissenschaftliche Überzeugungen von z.T. sehr erfolgreichen Forschern. Aus der historischen Perspektive betrachtet, muten sie kurios an; denn während diese Äußerungen publiziert wurden, stand die Himmelsforschung unmittelbar an der Schwelle zu einer neuen Disziplin, mit der diese pessimistischen Prognosen binnen kürzester Zeit schlagend widerlegt wurden. Bezeichnenderweise kamen die Begründer dieses neuen Zweiges der Astronomie fast ausnahmslos aus den Kreisen von Nichtastronomen; größtenteils handelte es sich um junge Physiker, die völlig außerhalb der Tradition der klassischen Astronomie standen. Die methodischen Grundlagen der neuen Disziplin entstammten nämlich ebenfalls nicht der Astronomie, sondern einigen Teilgebieten von Physik und Chemie, die in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts einen solchen Reifegrad erlangt hatten, daß ihre erfolgreiche Anwendung auf die Erforschung der Gestirne möglich wurde. Dabei handelte es sich um die Fotometrie, die Spektroskopie und die Fotografie. Der schon erwähnte Leipziger Physiker Zöllner, ein leidenschaftlicher Propagandist dieser neuen Methoden bei der Erforschung der Gestirne, schlug für diese Disziplin den heute allgemein verwendeten Terminus „Astrophysik” vor.Die Astrophysik setzte sich keineswegs widerspruchslos durch. Der Anteil astrophysikalischer Arbeiten an der literarischen Gesamtproduktion der Astronomie war zunächst äußerst gering. Selbst als sich schon eine breitere Anwendung der neuen Methoden auf die kosmischen Objekte abzuzeichnen begann (um 1895), betrug der Anteil solcher Arbeiten in der Zeitschrift „Astronomische Nachrichten” nur etwa 6 Prozent.

    Das starke Traditionsdenken der deutschen Astronomen, deren „astrophysikalische Außenseiter” im wesentlichen die Grundlagen der neuen Disziplin schufen, führte sogar dazu, daß die Führung auf diesem zukunftsträchtigen Gebiet der Himmelsforschung noch vor dem Ende des 19. Jahrhunderts an die USA überging, wo es keine Tradition der klassischen Astronomie gegeben hatte, die sich hemmend auswirken konnte.

    Fotometrie

    Helligkeitsangaben der Gestirne kennt die Astronomie schon seit den Zeiten des Hipparch (2. Jh. v. u. Z.). Eine Einteilung der Sternhelligkeiten in 6 sogenannte Größenklassen führt dabei von den hellsten zu den mit bloßem Auge gerade noch erkennbaren Sternen. Die Einstufung der Sterne geschah nach einer Gedächtnisskala, und die Helligkeitsangaben trugen den Charakter von Schätzungen. An diesem Zustand der Himmelsfotometrie änderte sich zwei Jahrtausende hindurch praktisch nichts. Es gab auch keine Theorie der Lichtmessung. In diesem langen Stillstand drückt sich letztlich die Tatsache aus, daß für Helligkeitsangaben weder ein wissenschaftlicher noch ein praktischer Bedarf bestand. Angeregt durch Newtons wissenschaftliche Untersuchungen über das Wesen des Lichts, brachte J. H. Lambert im Jahre 1760 die erste ausführliche Untersuchung auf dem Gebiet der Lichtmessung heraus. Die theoretischen Darlegungen in Lamberts „Photometrie” wirkten bahnbrechend, zumal der Autor darin auch unmißverständlich die Notwendigkeit einer wissenschaftlich begründeten Lichtmessung herausstellte. Der Lichtlehre, so formulierte es Lambert, fehle noch ein Meßinstrument, wie es sich die Wärmelehre durch das Thermometer längst geschaffen habe. Doch Lamberts Vorwurf war keineswegs der einzige Grund dafür, daß die Fotometrie im 19.Jahrhundert so rasche Fortschritte erzielte. Es gab vielmehr konkrete Interessen seitens der Astronomen, aber auch seitens der Technik und der Industrie an diesen Fragen. Den Astronomen waren einige Sterne aufgefallen, die ihre Helligkeit verändern. Warum sollte es nicht noch mehr davon geben? Doch die genaue Erforschung dieser Objekte und die Entdeckung weiterer veränderlicher Sterne erforderten genauere Helligkeitsbeobachtungen. Besonders F. W. Argelander regte in seiner „Aufforderung an Freunde der Astronomie” (1844) eine systematische Beobachtung von Sternhelligkeiten an; er schuf auch eine genauere Methode der Helligkeitsschätzungen und entfaltete eine rege Tätigkeit auf dem neuen Forschungsgebiet.

    Auf der anderen Seite entwickelte sich im 19. Jahrhundert aber auch die Licht- und Beleuchtungstechnik. Für die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, vor allem für die verstärkte Ausbeutung von Menschen und Ausnutzung von Maschinen durch die Einführung von Nachtarbeit war diese Neuerung von allergrößter Bedeutung. Gleichzeitig war die Herstellung technischer Beleuchtungskörper — wo sie Erfolg hatte — ein außerordentlich gewinnbringendes Geschäft, das sich später zu Riesenindustrien auswuchs. London, Paris und Berlin erstrahlten bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Lichte der Gaslampen. Da es hierbei praktisch darum ging, die „Nacht zum Tage” zu machen, waren Vergleiche zwischen den Helligkeiten der neuen künstlichen Lichtquellen und den natürlichen Lichtspendern, besonders der Sonne, eine naheliegende Aufgabe — hier begegnen sich bereits technische und astronomische Fotometrie. Zahlreiche Physiker und Astronomen beschäftigten sich daher lebhaft mit der Herstellung von Geräten zur Helligkeitsmessung, und viele Fotometer aus jenen Jahren wurden sowohl in Lehrbüchern der astronomischen Fotometrie als auch in den Standardwerken der Beleuchtungstechnik vorgestellt. Das Grundprinzip der wichtigsten Fotometer für die Messung von Sternhelligkeiten besteht darin, daß Helligkeitsgleichheit zwischen dem zu messenden Objekt und einem künstlichen oder natürlichen Vergleichsobjekt hergestellt wird. Die Wirksamkeit dieses Prinzips basiert auf der Tatsache, daß die Gleichheit zweier Helligkeitseindrücke vom menschlichen Auge mit erstaunlicher Genauigkeit beurteilt werden kann. Es ging also bei jenen historischen Fotometern darum, einen der beiden Lichtpunkte, entweder den zu messenden Stern oder den Vergleichsstern, in seiner Helligkeit zu verändern und diese Veränderung beim Erreichen von Helligkeitsgleichheit zu messen. Die Abschwächung wurde dabei auf den verschiedensten Wegen erreicht, durch Abstandsänderungen, Filter, rotierende Sektoren usw.

    Die Einführung der visuellen Sternfotometer warf nun eine ganze Reihe theoretischer und praktischer Fragen auf, durch die der weitere Gang der Fotometrie wesentlich beeinflußt wurde: Theoretisch mußte zunächst für jeden Fotometertyp geklärt werden, wie man aus der Ablesung am Fotometer die Intensität des zu messenden Objekts ableiten kann, d.h., auf welche Weise die Reduktion der Messungen vorzunehmen ist. Eine Forderung der Praxis an die Konstrukteure von Fotometern war, daß sich damit ein möglichst großes fotometrisches Material in möglichst kurzer Zeit erlangen lassen mußte. Zu einer breiten Anwendung der meisten damals entwickelten Fotometer kam es jedoch nicht; ihre Handhabung war meist viel zu umständlich. Die Reduktion der Ablesungen war ebenfalls z.T. recht problematisch, denn es mußten dazu besondere wissenschaftliche Fakten bekannt sein; ihr Fehlen brachte große Unsicherheiten mit sich. John Herschel verglich z.B. in seinem Fotometer die Helligkeit der Sterne mit der Helligkeit der durch eine Linse verkleinerten Mondscheibe. Bei der Reduktion stieß er auf das nicht gelöste Problem der Abhängigkeit der Mondhelligkeit von der Mondphase.

    Einen beachtlichen Durchbruch auf dem Gebiet der praktischen Sternfotometrie stellte das Astrofotometer von Zöllner dar. Der deutsche Astrophysiker hatte sich schon während seiner Studentenjahre in Berlin und später in Basel sehr intensiv mit Helligkeitsmessungen beschäftigt, und es ist bezeichnend, daß seine Doktorarbeit den Helligkeitsmessungen an technischen Lichtquellen galt. Als die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften zu Wien nun im Jahre 1857 die Preisaufgabe stellte, möglichst viele und genaue Sternhelligkeiten zu messen, schlugen Zöllners Lehrer ihm vor, seine bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiet zusammenzufassen und zu ergänzen und sich um den akademischen Preis zu bewerben. So entstand Zöllners 1861 erschienene klassische Schrift „Grundzüge einer allgemeinen Photometrie des Himmels”. Neben vielen wichtigen theoretischen Überlegungen enthält diese Schrift vor allem die Beschreibung des nach Zöllner benannten Sternfotometers, das eine brauchbare Grundlage für die praktische Astrofotometrie wurde. Die meßbare Abschwächung eines künstlichen Vergleichssterns wird bei diesem Instrument durch Polarisation unter Verwendung von zwei Nicoischen Prismen erreicht. Zöllners Fotometer enthält ferner eine Einrichtung zur Herstellung von Farbgleichheit zwischen Vergleichsobjekt und Meßobjekt. Zöllner selbst hat mit diesem Instrument lediglich die Helligkeiten von 226 Sternen gemessen; dessenungeachtet fand sein Fotometer aber weltweite Verbreitung und hat spater – teils in modifizierter Form — wesentlichen Anteil an der Zunahme der Kenntnisse über Sternhelligkeiten gewonnen. Binnen weniger Jahre erhielt Zöllner Bestellungen aus aller Welt, und die Gothaer Firma, die den Bau übernommen hatte, lieferte in kurzer Zeit 22 Instrumente an bekannte Sternwarten in Rußland, Amerika, England, Holland und anderen Ländern.

    Die Einführung der visuellen Messung anstelle der Helligkeitsschätzungen brachte einen Gewinn an Genauigkeit von etwa einer Größenordnung. Erst die Anwendung der lichtelektrischen Zelle in unserem Jahrhundert hat noch einmal einen vergleichbaren Sprung in der Meßgenauigkeit zur Folge gehabt, so daß Sternhelligkeiten heute auf einige tausendstel Größenklassen genau gemessen werden können.

    Mit dem Aufkommen der visuellen Helligkeitsmessung verband sich für die Astrophysiker aber auch ein Problem, mit dem zunächst niemand gerechnet hatte und das bei aller scheinbaren Einfachheit ein halbes Jahrhundert hindurch lebhafte Debatten auslöste: Die klassischen Helligkeitsangaben in Größenklassen, die auf dem Helligkeitseindruck beruhen, den das Auge empfängt, konnten nämlich mit den Fotometern nicht unmittelbar erfaßt werden; diese messen vielmehr Lichtintensitäten, so daß damit die Frage entstand, welche Beziehung eigentlich zwischen den subjektiven Eindrücken und den objektiven gemessenen Intensitäten besteht. Unabhängig voneinander und auf verschiedenen Wegen entdeckten nun C. A. Steinheil und G. Th. Fechner, daß die Lichteindrücke proportional den Logarithmen der Lichtintensitäten sind. Man nennt diese Beziehung, die übrigens auch für die Gehör- und Tastempfindungen gilt, das Weber-Fechnersche psychophysische Gesetz. Für die Astronomen war diese Entdeckung allein aber noch nicht ausreichend: Sie mußten erstens genau wissen, ob diese Gesetzmäßigkeit universell gültig ist, also weder bei großen noch bei kleinen Helligkeiten Abweichungen auftreten. Zweitens mußte geklärt werden, welchen Proportionalitätsfaktor man anzusetzen hatte. Nun muß man bedenken, daß die älteren Sternhelligkeitsschätzungen, die man bei diesen Betrachtungen zugrunde legen mußte, außerordentlich ungenau waren und damit auch wenig geeignet, so diffizile Fragen exakt zu klären. Ein Teil der Astronomen wollte deshalb am liebsten die klassischen Größenklassen ganz über Bord werfen und statt dessen nur noch die Intensitätslogarithmen verwenden. Doch erstens haben diese einen geringeren Grad von Anschaulichkeit, und zweitens würde man damit auch alle früheren Helligkeitskataloge unbenutzbar machen.

    So entwickelte sich allmählich nach vielem Für und Wider eine allgemein akzeptierte Beziehung zwischen den Helligkeitsangaben von Sternen in Größenklassen und den dazugehörigen Lichtintensitäten. Die Skala und der Nullpunkt sind hierbei so gewählt, daß die klassischen Kataloge ihre Brauchbarkeit behalten. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kam es zur internationalen Einigung über diese Beziehung, wozu nicht zuletzt die wissenschaftliche Autorität der großen Helligkeitskataloge des Harvard Observatory und des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam beigetragen haben. Für die Definition der Skala wurde dabei auf einen schon 1856 von N. Pogson unterbreiteten Vorschlag zurückgegriffen.

    Neben die visuelle Fotometrie trat mit der Einführung der Fotografie auch sehr rasch die fotografische Fotometrie. Erste Versuche, aus den Schwärzungsbildern der Sterne auf fotografischen Platten Sternhelligkeiten abzuleiten, unternahmen G. P. Bond und F. L. Whipple um 1857.

    Die recht langwierigen Versuche zur Ableitung einer Beziehung zwischen den Sternhelligkeiten und den fotografischen Daten wie Expositionszeit und Schwärzung ließen gleichzeitig die Notwendigkeit erkennen, ein spezielles System fotografischer Helligkeiten einzuführen, weil die fotografische Platte eine andere spektrale Empfindlichkeit aufweist als das menschliche Auge. Dieses System der fotografischen (Blau-) Helligkeiten mußte außerdem an das visuelle System angeschlossen werden. Die Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Schwärzung der fotografischen Platte und Expositionszeit verdankt die moderne Astrophysik vor allem den Untersuchungen von K. Schwarzschild. Für den Anschluß des Systems der fotografischen Helligkeiten an das visuelle System schlug E. Ch. Pickering im Jahre 1910 vor, daß den Sternen des Spektraltyps A0 im Helligkeitsintervall von 5,5m bis 5,6m in beiden Systemen im Mittel dieselben Helligkeiten zugeschrieben werden sollten. Das Standardsystem der fotografischen Helligkeiten, eine Anzahl von Sternen in der Umgebung des Himmelsnordpols (Polsequenz), wies jedoch dann infolge der schwierigen praktischen Realisierung dieses Anschlusses eine Reihe von Fehlern auf, so daß die Polsequenz selbst zum Standard erklärt wurde. Mit den ständig anwachsenden Kenntnissen von den Eigenheiten der Sternstrahlung, in denen sich wesentliche Eigenschaften der Sterne kundtun, wurde ein ernster Mangel der bisherigen Entwicklung der Fotometrie offenbar: Auf diese physikalischen Probleme war nämlich gar keine Rücksicht genommen worden. Die Entwicklung des visuellen und fotografischen Systems erschien nun vielmehr als ein von historischen Gegebenheiten bedingter Zufall. Daher wurde es erforderlich, eine physikalisch sinnvolle Weiterentwicklung der Fotometrie vorzunehmen, die es gestattete, auch physikalische Fragen zu lösen.

    Dennoch ist die Schaffung des klassischen Begriffs der visuellen und fotografischen Integralhelligkeit keineswegs vergeblich gewesen; denn auf den Gebieten der Katalogisierung, Stellarstatistik und Veränderlichenforschung hat die klassische Fotometrie eine zweifellos beträchtliche Bedeutung.

    Die physikalischen Fragestellungen führten zur Entstehung einer Vielzahl fotometrischer Systeme, die den Eigenheiten der Sternstrahlung besser Rechnung trugen. Solchen Überlegungen verdankt auch das vielverwendete und bekannte UBV-System seine Ausarbeitung.

    Spektroskopie

    Die Zerlegung des Sonnenlichtes durch Glasprismen beginnt schon mit Isaac Newton um 1666. Newton, der das weiße Sonnenlicht durch eine runde Öffnung ins Zimmer fallen ließ und dann dessen Zerlegung hinter einem Prisma betrachtete, schloß daraus auf eine unterschiedliche Brechbarkeit der verschiedenen Strahlen und auf die Zusammensetzung des weißen Lichts aus den verschiedenen Farben.

    Einen wichtigen Fortschritt erzielte aber erst Wöllasron um 1802. Ganz ähnlich wie in der Fotometrie warder lange Stillstand auch hier dadurch begünstigt, daß die Wissenschaft im Grunde mit dem zerlegten Sonnenlicht nichts anzufangen wußte. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts belebte sich jedoch die Diskussion um das Wesen des Lichts wieder, wozu nicht unwesentlich zwei Entdeckungen beitrugen: Als F. W. Herschel im Zusammenhang mit seinen Untersuchungen zur Herstellung von Fernrohren die Wärmeverteilung im Sonnenspektrum mit einem Thermometer untersuchte, stellte er überrascht fest, daß das Maximum der Temperatur jenseits des roten Lichts im Unsichtbaren lag. Im nächsten Jahre, 1801, machte J. W. Ritter eine nicht weniger interessante Entdeckung. Er überstrich eine Papierfläche mit feuchtem, frischem Chlorsilber. Als er hernach die Farbveränderung des Chlorsilbers durch die Einwirkung des Sonnenspektrums beobachten wollte, stellte sich heraus, daß die Wirkung jenseits des violetten Endes des Spektrums begann und dort — also ebenfalls im Unsichtbaren — auch am stärksten war. Damit waren die ultraroten und ultravioletten Strahlen entdeckt. Sie erregten viel Aufmerksamkeit und rückten spektroskopische Experimente wieder mehr in den Mittelpunkt. Wollaston erreichte einen wesentlichen Fortschritt gegenüber Newton dadurch, daß er einen schmalen von der Sonne beschienenen Spalt durch ein Prisma betrachtete; er sah mehr als Newton: die einzelnen Farben des Sonnenspektrums liefen nicht ineinander über, sondern erschienen durch dunklere Teile voneinander getrennt. In den Jahren 1812—1814 gelang J. v. Fraunhofer ein entscheidender Durchbruch. Er hatte sich schon längere Zeit erfolglos bemüht, vollkommene Fernrohrachromate herzustellen. Doch dazu mußten die Brechungseigenschaften der Gläser wesentlich genauer bestimmt werden, als es mit den damals üblichen Methoden möglich war. Ideal wäre es gewesen, wenn sich die Brechung jeder einzelnen Farbe durch jede Glassorte hätte ermitteln lassen. Aber die Farben hatten im Spektrum keine wohldefinierte Begrenzung. Im Spektrum von Flammen fand Fraunhofer jedoch zwischen der roten und der gelben Farbe eine scharf begrenzte helle Linie; doch diese eine Marke war für seine Zwecke nicht ausreichend. Als er später den Versuch unternahm, im Sonnenspektrum ähnliche Streifen ausfindig zu machen, erblickte er zu seiner Überraschung eine Vielzahl scharfer dunkler Linien, die als Meßmarken hervorragend geeignet erschienen; deshalb registrierte Fraunhofer sie sorgfältig und kam dabei auf insgesamt 475 Linien. Die markantesten benannte er mit großen lateinischen Buchstaben.

    Die Auffindung dieser heute nach ihrem Entdecker benannten Fraunhoferlinien war ein wesentlicher Schritt auf dem Wege zur wissenschaftlichen Spektroskopie. Für Fraunhofer brachten sie zunächst vor allem den gewünschten praktischen Erfolg: Er konnte die Brechzahlen der Gläser jetzt erheblich genauer bestimmen als zuvor. Die sorgfältige Vermessung der Lage der einzelnen Linien mußte ihn zwangsläufig auf eine andere Merkwürdigkeit führen, die sich später als folgenreich erwies: Fraunhofer fand nämlich, daß die Brechbarkeit der schon erwähnten gelben Linie im Flammenspektrum mit der einer dunklen Linie im Sonnenspektrum, die er als D-Linie bezeichnet hatte, genau übereinstimmte. Inzwischen hatten viele Gelehrte in aller Welt den Spektren ihre Aufmerksamkeit zugewendet. So veröffentlichte z. B. John Herschel zahlreiche Spektren von Flammen, die mit verschiedenen Chemikalien gefärbt waren. Fox Talbot wies darauf hin, daß man deutlich voneinander abweichende Spektren erhält, je nachdem ob man die Flamme mit Strontium oder Lithium färbt. Von Talbot stammt schon aus den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts der Satz, daß man eventuell durch einen kurzen Blick auf das prismatische Spektrum einer Flamme erfahren könne, welche Substanzen sie enthält.

    Es häufte sich immer mehr Beobachtungsmaterial an, das für diese Idee zu sprechen schien: Zwischen dem Charakter des Spektrums und der chemischen Zusammensetzung des Stoffes, der das Leuchten hervorruft, besteht ein bestimmter Zusammenhang. Dies alles waren aber zunächst nur Vermutungen und empirisches Material ohne jede theoretische Durchdringung.

    Entscheidend für die eigentliche Entdeckung der Spektralanalyse und ihre Anwendung auf die Himmelskörper wurde nun jene Koinzidenz der D-Linie im Sonnenspektrum mit der gelben Linie im Flammenspektrum. Diese Tatsache war von vielen Gelehrten allgemein anerkannt, ohne daß jedoch versucht wurde, dafür eine Deutung zu geben.

    Innerhalb sehr kurzer Zeit geschah nun der durch ein halbes Jahrhundert wissenschaftlicher Arbeit vorbereitete Schritt als Erfolg der Zusammenarbeit eines Chemikers und eines theoretischen Physikers: R. Bunsen und G. R. Kirchhoff. Diese beiden Forscher richteten eines Tages ihr Spektroskop auf die Sonne und brachten gleichzeitig vor die Spaltöffnung eine mit Kochsalz gefärbte Flamme; sie waren der Annahme, daß die dunkle D-Linie im Sonnenspektrum auf diese Weise durch „Lichtsummierung” heller erscheinen würde. Zu ihrer größten Verblüffung trat aber genau das Gegenteil ein: die Linie erschien noch dunkler! Kirchhoff soll dieses eigenartige Resultat mit der Bemerkung kommentiert haben: „Dies ist entweder ein Unsinn oder eine ganz große Sache.” Am nächsten Tag schlug er folgende Erklärung des merkwürdigen Phänomens vor: Die Natriumdämpfe absorbieren Strahlen derselben Farbe, die sie im glühenden Zustand emittieren. Weitere Experimente erbrachten unmittelbar darauf den Beweis, daß diese Annahme den Tatsachen entsprach.

    Es war nun im höchsten Maße wahrscheinlich, daß die zahlreichen anderen Fraunhof ersehen Linien auf dieselbe Weise zustande kamen wie die D-Linie. Kirchhoff konnte diese naheliegende Annahme zunächst dadurch unter Beweis stellen, daß er zu insgesamt 70 hellen Linien des Eisendampfes 70 entsprechende dunkle Linien im Sonnenspektrum ausfindig machte. Hierin manifestierte sich bereits deutlich das Bestehen einer gesetzmäßigen Beziehung zwischen Lichtemission und Lichtabsorption. Kirchhoff führte diese Vermutung bis zu dem bekannten Satz: Das Verhältnis des Emissionsvermögens zum Absorptionsvermögen ist bei gleicher Temperatur für Strahlen derselben Wellenlänge bei allen Körpern gleich. Hiermit beginnt bereits die Vorgeschichte der Quantentheorie, die sich später als unabdingbare Voraussetzung für die Deutung der Spektren und damit auch für das Verständnis der Vorgänge in den Sternen erwiesen hat. Mit der Feststellung von Kirchhoff und Bunsen, daß jedes chemische Element ein bestimmtes, nur ihm eigenes Spektrum besitzt, war die Spektralanalyse geboren! Die Wissenschaft verfügte jetzt über ein Hilfsmittel, mit dem die feinsten, unwägbaren Spuren von Elementen nachgewiesen werden konnten und das zugleich weit hinausreichte in den kosmischen Raum und Zugang zur Erkundung der stofflichen Zusammensetzung der Himmelskörper vermittelte. Die „Chemische Analyse durch Spectralbeobachtungen”—so der Titel der klassischen Originalarbeit von Kirchhoff und Bunsen aus dem Jahre 1860 — war eine echte wissenschaftliche Sensation und eine Abfuhr für alle diejenigen, die gemeint hatten, es gäbe prinzipiell keinerlei Möglichkeiten, etwas über die physikalische und chemische Beschaffenheit der Himmelskörper in Erfahrung zu bringen.

    Die Spektralanalyse erlebte noch in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts einen Aufschwung ohnegleichen. Die Zahl der Publikationen stieg sprunghaft. Besonderen Auftrieb erhielt die Entwicklung vor allem dadurch, daß jetzt mehrere Wissenschaften gleichzeitig an einer raschen Entwicklung der neuen Untersuchungsmethode lebhaft interessiert waren: die Chemiker entdeckten durch Anwendung der Spektralanalyse innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit 10 neue Elemente, darunter das Helium auf der Sonne im Jahre 1868. Die Physik sah in den Spektraluntersuchungen vor allem eine Möglichkeit, exakte Wellenlängenmessungen vorzunehmen. Die Regelmäßigkeiten in den Spektren, die bald zutage traten, waren eine wichtige empirische Voraussetzung für den Ausbau der Atomvorstellung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aber auf die Astronomie wirkte sich die Spektralanalyse geradezu revolutionierend aus: Über Millionen und aber Millionen Kilometer hinweg trägt der Lichtstrahl die Informationen über die chemische Zusammensetzung der Himmelskörper zum forschenden Menschen. Dabei war die Ermittlung der chemischen Zusammensetzung nur ein Beginn. Im Laufe der Zeit führte die konsequente Ausbildung der Spektralanalyse vor allem in enger Zusammenarbeit mit der Physik zu immer weiter reichenden Kenntnissen. Schon 1880 stellte G. Wiedemann z. B. den Einfluß der Temperatur, des Druckes und der Dicke der absorbierenden Schicht auf die Dunkelheit und das Profil der Fraunhoferlinien fest. Später ergaben sich sogar Möglichkeiten des Zugangs zu kosmischen Bewegungsvorgängen und zum Nachweis magnetischer und elektrischer Felder aus der Aufspaltung von Spektrallinien (Zeemann- und Stark-Effekt).

    Fotografie

    Die Erfindung L. J. M. Daguerres und J.-N. Niepce’, mit Hilfe des Lichts die Wirklichkeit abzubilden, stammt aus dem Jahre 1838 und war das Ergebnis einer längeren Kette früherer Versuche verschiedener Chemiker, die chemische Wirkung der Lichtstrahlen auszunutzen. Der berühmte französische Astronom D. F. J. Arago, von Daguerre als einer der ersten in die Geheimnisse des neuen Verfahrens eingeweiht, gab der Pariser Academie des Sciences im Januar 1839 einen vorläufigen ausführlichen Bericht darüber. Mit wissenschaftlichem Weitblick und untrüglichem Sinn für die Entwicklungsfähigkeit der sensationellen Neuheit entwarf Arago schon in diesem Vortrag ein Bild von den eventuellen zukünftigen Anwendungsmöglichkeiten der „neuen Verf ahrungsart”. Auch die Astronomie fehlte darunter nicht; denn Daguerre selbst hatte bereits auf Anregung A. v. Humboldts einen Versuch unternommen, den natürlichen Trabanten der Erde abzubilden, freilich mit sehr geringem Erfolg: der Mond hinterließ nur einen deutlichen weißen Abdruck, mehr nicht. Dessenungeachtet waren aber die Astronomen überall in der Welt hellhörig geworden, denn sie hatten es ausschließlich mit Licht zu tun. So waren es dann auch zwei Astronomen, die noch im Jahre 1839 den heute üblichen Namen für das Verfahren vorschlugen: J. H. Mädler und J. Herschel nannten Daguerres Erfindung „Photographie”.

    Während das Interesse für fotometrische und spektroskopische Fragen nur in der wissenschaftlichen und technischen Fachwelt vorhanden war, erfaßte die Begeisterung für die Fotografie praktisch jedermann. Unmittelbar daraus resultierte die Möglichkeit, die fotografische* Abbildung von Gebäuden und Personen zu einem lukrativen Geschäft auszubauen. Fabrikanten entwickelten optische Instrumente und fotografische Apparate, und allerorts entstanden fotografische Ateliers. Hervorragende Daguerreotypien erregten auf den Weltausstellungen Mitte des Jahrhunderts größte Aufmerksamkeit. Dadurch machte die Entwicklung der Verfahren sehr rasche Fortschritte, was seinerseits das Interesse aller Kreise, besonders aber aus Kunst und Wissenschaft, noch anschwellen ließ. Sogar mit astronomischen Fotografien waren Geschäfte zu machen, wie der Verkauf von wohlgelungenen Mondfotos des amerikanischen Pioniers der Fotografie L. M. Rutherfurd beweist. W. H. F. Talbots Erfindung des Papiernegativs und des gesamten Negativ-Positiv-Verfahrens schuf die ersten Möglichkeiten, fotografische Aufnahmen zu vervielfältigen. Schließlich brachte die Erfindung der Bromsilbergelatine-Trockenplatte Ende der sechziger Jahre eine spezielle fotografische Industrie hervor. Fotografische Fachjournale und Vereinigungen schossen in Amerika. England, in den deutschen Ländern und in Frankreich wie Pilze aus dem Boden. Zu den Mitgliedern der 1859 gegründeten ..American Photographical Society” gehörten auch zwei der bekanntesten Pioniere der Astrofotografie: H. Draper und L. M. Rutherfurd. Draper bemühte sich seit 1840 um eine Fotografie des Mondes. Seine früheste, heute noch erhaltene Mondfotografie stammt aus dem Jahre 1863 und wurde an einem 40-Zentimeter-SpiegelteIeskop gewonnen. Wesentlich schärfere und detailreichere Mondfotografien gelangen in den achtziger Jahren Rutherfurd. Die ersten fotografischen Abbildungen der Sonne ließen etwas länger auf sich warten, da man hier das technische Problern sehr kurzer Belichtungszeiten zu lösen hatte. Bei den sonstigen fotografischen Experimenten gab es diese Frage damals noch nicht, da die Belichtungszeiten im allgemeinen mehrere Minuten betrugen. Nachdem Mitte der vierziger Jahre auch die Sonnenfotografie Fortschritte machte, kam von J. Herschel der Vorschlag, das Hilfsmittel der Fotografie zur ständigen Überwachung der Sonne einzusetzen, zumal die Sonnenflecken auf den Aufnahmen klar hervortraten. Aus dieser Aufzählung verhältnismäßig rasch einander ablösender Erfolge darf aber nicht geschlossen werden, daß sich die Fotografie in der Astronomie widerstandslos durchsetzte. Es gab vielmehr entschiedene Skeptiker, die zunächst noch mit der mangelhaften Qualität der Aufnahmen argumentierten. Die damals bekannten und in Zeichnungen wiedergegebenen Details der Mondoberfläche konnten keineswegs schon mit Hilfe der Fotografie abgebildet werden. Bei der fotografischen Wiedergabe von Fixsternen traten noch größere Schwierigkeiten auf. Zwar gelang es der Fotografin Mrs. Whipple am Harvard-Observatorium unter der Anleitung des Astronomen W. C. Bond, den hellsten Fixstern des nördlichen Sternhimmels, Wega in der Leier, abzubilden; dies blieb aber für die nächsten Jahre der einzige Erfolg. Die erforderlichen längeren Belichtungszeiten wiesen mit allem Nachdruck auf die Notwendigkeit von automatischen Uhrwerksantrieben der parallaktisch montierten Fernrohre hin. Für die speziellen Zwecke der Doppelsternuntersuchungen in Dorpat hatte Fraunhofer den dortigen Refraktor schon 1842 mit einem solchen Antrieb ausgerüstet, aber allgemein verbreitet war diese Technik nicht.

    Die technische Möglichkeit immer längerer Belichtungszeiten und die durch eine zügige Entwicklungsarbeit ständig steigende Empfindlichkeit des fotografischen Materials gestatteten bald die Abbildung sehr lichtschwacher astronomischer Objekte. So fotografierte Rutherfurd im Jahre 1865 unter Benutzung eines Fernrohres mit 27,5 cm Objektivöffnung bereits Sterne bis zur Helligkeit von 9,5m bei nur dreiminütiger Belichtung.

    Die weitere Anwendung der Fotografie bedingte die Herstellung spezieller Refraktoren, die später bis zum Astrografen, einem ausschließlich der Himmelsfotografie dienenden Instrument, entwickelt wurden.

    Die Sternfotografie ließ es schon damals immerhin als möglich erscheinen, manche schwierige Vermessungsarbeit, die bis dahin unter den ungünstigen Bedingungen unmittelbar am astronomischen Beobachtungsinstrument vorgenommen werden mußte, zukünftig ins Laboratorium zu verlegen.

    Um 1857 hatte Bond aus einer Reihe fotografischer Aufnahmen von Doppelsternen Distanzmessungen vorgenommen, die einen kleineren Fehler aufwiesen als die wegen ihrer Präzision berühmten Mikrometermessungen von W. Struve. Trotz dieser hoffnungsvollen Anfänge war die Zeit für eine umfassende Anwendung der Fotografie im Dienste der Positionsastronomie noch nicht gekommen. Dies mußten auch die Astronomen erfahren, die 1874 anläßlich des Venusdurchganges den Versuch machten, die erforderlichen Daten mit Hilfe der Fotografie zu gewinnen. Die Ergebnisse waren so unbefriedigend, daß der Einsatz des neuen Hilfsmittels bei dem zweiten Venusdurchgang des 19. Jahrhunderts, 1882, unterblieb. Eindeutig überlegen erwies sich die Himmelsfotografie gegenüber der visuellen Fernrohrbeobachtung bei der Untersuchung nebliger Objekte. Schon in den achtziger Jahren zeigten die Aufnahmen des Orionnebels mehr Einzelheiten, als dem Auge selbst am besten Fernrohr zugänglich waren. Vor allem wurde der subjektiven Wiedergabe der Objekte durch das neue, objektive Verfahren energisch ein Riegel vorgeschoben. Als M. Wolf und E. E. Barnard dann die kurzbrennweitigen Porträtobjektive in die Himmelsfotografie einführten, erschienen auf den Platten Nebelgebilde, die kein Auge je zuvor am Himmel gesehen hatte. Dem Kosmos wurden hier bereits durch den Einsatz der Fotografie ungeahnte Geheimnisse entlockt. Die rasche Entwicklung der Astrofotografie geht eindrucksvoll daraus hervor, daß der ungarische Astrophysiker N. v. Konkoly bereits 1887 eine monographische „Praktische Anleitung zur Himmelsphotographie” vorlegte.

    Bei allen wissenschaftlichen Erwartungen, die man an die Fotografie knüpfte, behielt schließlich doch Arago recht, der darauf hinwies, daß man hier hauptsächlich auf das zu rechnen habe, was man nicht vorhersehen könne.

    Zur vollen Wirksamkeit gelangten alle astrophysikalischen Verfahren erst dadurch, daß sie miteinander kombiniert wurden. So bat die Fotometrie durch ihre Verbindung mit der Fotografie bedeutende Fortschritte mit sich gebracht, nachdem durch Schwarzschilds Klärung des quantitativen Zusammenhanges zwischen Intensität, Belichtungszeit und Schwärzung die Voraussetzungen für die Entwicklung der fotografischen Fotometrie gegeben waren. Aus der Verbindung der Spektroskopie mit der Fotografie entstand die Spektrografie. Ohne die fotografische Aufzeichnung der Spektren mit der Möglichkeit einer speziellen Auswertung im Laboratorium wäre die Sternspektroskopie auf einem sehr primitiven Stand stehengeblieben.

    Von größter Bedeutung war auch die Entstehung der Spektralfotometrie aus der Zusammenführung der Spektroskopie und Spektrografie mit der Fotometrie. Schon Fraunhofer unternahm einen Versuch, das Spektrum der Sonne in bezug auf seinen Helligkeitsverlauf zu untersuchen. Er benutzte dazu ein visuelles Fotometer, mit dessen Hilfe er die Helligkeit einer Standardlichtquelle mit den Helligkeiten verschiedener Teile des Sonnenspektrums verglich. Als Bezugshelligkeit wählte er die Helligkeit im Spektrum zwischen den Linien D und E. Obwohl er nur ungenügende Resultate erhielt (er kannte z.B. nicht die spektrale Empfindlichkeitsfunktion des menschlichen Auges), stellen diese Untersuchungen die historisch früheste Spektralfotometrie dar. Die enorme Bedeutung der Spek-tralfotometrie erklärt sich vor allem aus der zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt gewordenen Tatsache, daß im Helligkeitsverlauf von Spektren wichtige physikalische Informationen verborgen sind.

    Die Astrophysik im 19. Jahrhundert beschränkte sich aber nicht auf die Ausarbeitung der grundlegenden Forschungsmethoden und -hilfsmittel. Vielmehr wurden gleichzeitig bereits erste Anstrengungen zur Lösung spezieller Fragen unternommen und großangelegte Datensammlungen in die Wege geleitet.

    So entstanden noch im 19. Jahrhundert große Helligkeits- und Spektraldurchmusterungen des Himmels, neue Forschungsgebiete, wie die Sonnenphysik und das weite Feld der veränderlichen Sterne, wurden neue Einsichten in das Wesen der Kometen und Nebel gewonnen, und mit der Anwendung des Dopplerschen Prinzips waren erstmals Zugänge zur Erforschung von Bewegungskomponenten astronomischer Objekte geschaffen, die man vorher nicht gekannt hatte.

    Helligkeitskataloge

    Mit dem Aufkommen fotometrischer Meßapparaturen war zwar ein erheblicher Gewinn an Genauigkeit verbunden, einen bestimmten wissenschaftlichen Verwendungszweck für die Helligkeitsmessungen konnte man jedoch noch nicht angeben. Zöllner erklärte z. B. noch 1861: „Ob es dereinst möglich sein wird, das auf photometrischem Wege gesammelte Beobachtungsmaterial in ähnlicher Weise… zur Erweiterung unserer Kenntnis der Fixsternwelt zu verwerten, wie dies auf dem Wege der Positionsbestimmungen in so glänzender und erfolgreicher Weise geschehen ist — dies zu entscheiden, muß der Zukunft… überlassen bleiben.” Ungeachtet der ungeklärten Frage nach dem Nutzen fotometrischer Untersuchungen haben sich die Astronomen dennoch mit großem Aufwand diesem Problem gewidmet und innerhalb kurzer Zeit umfassende Bestandsaufnahmen des Himmels erarbeitet, und Zöllner hat wenige Jahre später eine Reihe von Fragen über die Natur der Sterne formuliert, die mit Hilfe der Fotometrie zu klären waren. Die umfangreichste Sammlung fotometrischer Daten ist in der großangelegten Durchmusterung des Himmels enthalten, die von Arge-lander und seinen Mitarbeitern E. Schönfeld und Krüger an der Sternwarte Bonn von 1852 bis 1868 durchgeführt wurde (Bonner Durchmusterung; BD). Mit immenser Ausdauer bestimmten die Autoren dieses berühmten Werkes die genäherten Positionen und schätzten die Helligkeiten aller Sterne bis zur Grenzheliigkeit 9,5m vom Himmelsnordpol bis zu einer Deklination von -2°. Als Beobachtungsinstrument diente ein Fraun/ioferscher Kometensucher mit 76 mm Öffnung (f = 650 mm). Der Sehfelddurchmesser betrug 6°. Jeder Stern, über den eine Angabe im Katalog erscheint, wurde im Durchschnitt 2,5mal beobachtet, so daß der Beobachtungsumfang fast eine Million Helligkeitsschätzungen betrug. Bei der Herstellung des Katalogs sind drei Perioden zu unterscheiden: bis 1854 erfolgten die Schätzungen in ganzen Größenklassen (20 % aller Beobachtungen). In der zweiten Periode (bis 1857) wurden noch zwei Zwischengrößen eingeschoben (50% aller Beobachtungen). Die verbleibenden Objekte wurden in 1/10 Größenklassen geschätzt. Da die Helligkeitsangaben nicht das Hauptziel der Arbeit gewesen.sind, wurden sie nicht ausnahmslos unter den besten atmosphärischen Bedingungen gewonnen. Die Fortführung der BD für den Südhimmel (133659 Sterne) durch Söhönfeld wurde bereits erwähnt. Die ausführlichste Fortsetzung der BD für den Südhimmel nahmen J. Thome, R. H. Tucker und C. D. Perrinne vor. Sie beobachteten von 1885 bis 1908 mehr als eine halbe Million Sterne bis zu einer Grenzhelligkeit von 10m und bis zu -62° Deklination. Der mittlere Fehler in den Helligkeitsschätzungen beträgt ± 0,2m.>

    Allein wegen ihres Umfanges besitzen diese Arbeiten einen eigenständigen historischen Wert. Auch später, als genauere Helligkeitsmessungen zur Verfügung standen, wurde immer wieder auf diese Bestandsaufnahmen Bezug genommen. So ist es erklärlich, daß die Astronomen auch erhebliche Anstrengungen unternahmen, die Relationen zwischen den durch diese Kataloge gegebenen Hellig-keitssystemen und anderen Beobachtungen abzuleiten. Die Verbesserung der Beobachtungsmethoden führte sehr bald zu wesentlich genaueren “Resultaten. Unter Verwendung fotometrischer Apparaturen wurden daher neue Durchmusterungen in Angriff genommen. Freilich waren diese nicht mehr so umfassend wie die schon genannten Arbeiten. Die bedeutendsten Unternehmungen dieser Art wurden von E. Ch. Pickering, Ch. Pritchard sowie G. Müller und P. Kempf an den Sternwarten in Cambridge (USA), Oxford und Potsdam in Angriff genommen. Die am Harvard Observatory unter Pickerings Leitung durchgeführte Meßreihe erstreckte sich von 1879 bis zur Publikation der „Harvard Revised Photometry” im Jahre 1907.. Pickering und seine Mitarbeiter benutzten ein Polarisations-Meridianfotometer mit Nicolprisma. Als Vergleichsstern diente zeitweilig der Polarstern, zeitweilig auch andere polnahe Sterne. Von großer praktischer Bedeutung war die Tatsache, daß E. Ch. Pickering mit seinem fotometrischen Werk zugleich den Begriff der Größenklasse durchsetzte und sich der von N. R. Pogson schon im Jahre 1856 vorgeschlagenen Skala anschloß.

    Die Oxforder Fotometrie wurde unter Verwendung eines Keilfotometers durchgeführt und war insofern von methodischem Interesse. Ansonsten stellte sie praktisch eine Wiederholung der Harvard-Fotometrie dar.

    Die genauesten Sternhelligkeiten leiteten die Deutschen Müller und Kempf in der noch heute vielzitierten Potsdamer Durchmusterung ab. Von 1886 bis 1905 wurden am Astrophysikalischen Observatorium Potsdam die Helligkeiten sämtlicher Sterne der BD bis zur Größe 7,5m gemessen. Die Anregung zu dieser Durchmusterung geht auf Zöllner zurück, der sie seinem Schüler H. C. Vogel unterbreitete, was dazu führte, daß dieser später — in seiner Eigenschaft als Direktor des Potsdamer Observatoriums — die Realisierung veranlaßte. Müller und Kempf verwendeten für ihre Fotometrie ein Zöllner-sches Fotometer, das sie für ihre speziellen Zwecke modifizierten. Der erste Teilabschnitt der Potsdamer Durchmusterung enthält die 3522 Objekte der Zone 0° bis +20° Deklination. Für die Helligkeitsbestimmungen dieser Sterne nahmen die beiden Autoren etwa 45 000 Einzelablesungen vor. Die Beobachtungen nahmen allein für diesen Teilabschnitt des Gesamtwerkes 405 Nächte (während der Jahre 1886—1893) in Anspruch. Gleichzeitig widmeten Müller und Kempf der Helligkeitsbestimmung für 144 Fundamentalsterne größte Sorgfalt; deren Helligkeiten wurden mit der höchsten erreichbaren Genauigkeit bestimmt und als Anschlußwerte für die anderen Messungen benutzt.

    Das gesamte Werk wurde im Jahre 1907 vorgelegt. Genauere Resultate sind durch visuelle fotometrische Verfahren nie erreicht worden. Wie die Harvard-Fotometrie schloß sich auch das Potsdamer System an die BD an und verwendete den Pogsonsehen Skalenvorschlag.

    Als die Potsdamer Durchmusterung erschien, führten die Astrophysiker schon lebhafte Debatten über das Problem der Entwicklung der Sterne. Der Wert, den die Helligkeitsmessungen für die eventuelle Klärung solcher Fragen haben könnte, wurde — besonders nach der Zöllnerschen Entwicklungstheorie der Sterne — immer höher eingeschätzt. Man meinte, daß die Helligkeitsänderungen der Sterne, auch solche, die sich erst nach längeren Zeiträumen bemerkbar machen, möglicherweise Aufschlüsse über die” Veränderungen der physischen Beschaffenheit der Sterne geben könnten. Diese naive Entwicklungstheorie war aber nur ein Argument zugunsten der Helligkeitsmessungen; andererseits konnten Helligkeitsmessungen auch „einen gewissen Ersatz für die mit großen Schwierigkeiten verbundenen Parallaxenmessungen bieten”, so daß es auch in dieser Hinsicht als Pflicht des Zeitalters erschien, „mit allen zu Gebote stehenden Mitteln ein getreues Bild des Fixsternhimmels zu entwerfen und damit späteren Geschlechtern eine zuverlässige Grundlage für weitere Spekulationen über die Vorgänge im Weltall zu überliefern”.

    Eine erhebliche Rationalisierung der Arbeit bedeutete die Einführung der fotografischen Fotometrie; die umständliche und mühselige Arbeit am Fernrohr entfiel und konnte durch die Arbeit im Laboratorium ersetzt werden; denn am Fernrohr wurden lediglich die Platten exponiert, auf denen zahlreiche Objekte gleichzeitig abgebildet werden konnten.

    Eine der bedeutendsten Bestandsaufnahmen von Sternhelligkeiten unter Verwendung der Fotografie ist die Göttinger Aktinometrie von K. Schwarzschild (1910). Sie umfaßt die Helligkeiten aller Sterne heller als 7,5m in der Zone von 0° bis + 20° Deklination. Ursprünglich als fotografisches Pendant zur Potsdamer Durchmusterung konzipiert, ist das Unternehmen dann allerdings nicht weitergeführt worden. Die Resultate waren noch genauer als die der Potsdamer Durchmusterung.

    Weitere z. T. sehr umfangreiche Verzeichnisse fotografischer Helligkeiten brachten die Observatorien in Pulkowo, Leiden u. a. heraus. Zu den Helligkeitsdurchmusterungen sind auch die umfangreichen Arbeiten zu zählen, die auf Vorschlag von J. Kapteyn durchgeführt wurden. Sie hatten den Zweck, in ausgewählten Feldern (Selected Areas), sozusagen stichprobenartig, alle erfaßbaren Daten der Sterne festzustellen, darunter auch die Helligkeiten. Diese Untersuchungen verfolgten das konkrete Ziel, die Struktur des Milchstraßensystems zu erforschen. Anden Arbeiten für diese Datensammlungen waren Sternwarten in aller Welt beteiligt, darunter die Observatorien in Groningen, Göttingen, Potsdam und Cambridge (USA).

    Als J. Fraunhofer sein Spektroskop ab 1817 auch auf die Sterne richtete, machte er die Feststellung, daß die Spektren der verschiedenen Fixsterne keineswegs identisch sind. Später bestätigten vor allem L. M. Rutherfurd und Sir William Huggins diese Beobachtung, und die Engländer hoben außerdem hervor, daß die Spektren der Sterne deutlich voneinander unterscheidbare Gruppen repräsentieren. Der italienische Astrophysiker A. Secchi teilte die Spektren 1866 in drei Klassen ein und schuf damit die Anfänge der Spektralklassifikation. Er unterschied die Spektren der weißen, gelben und roten Sterne. Secchi erkannte bald, daß durch dieses strenge Klassifikationsschema nicht die ganze Vielfalt der Sternspektren wiedergegeben werden kann, sondern daß auch Übergänge, d. h. Zwischenklassen vorkommen, die er durch die Annahme unterschiedlicher Sternatmosphären erklärte.

    Die Klassifikationskriterien waren verständlicherweise noch recht unsicher. Als Secchi im Laufe der Jahre eine größere Zahl von Sternspektren untersucht hatte, erweiterte er sein Schema noch um weitere Klassen (1868, 1878).

    Im Jahre 1874 schuf auch H. C. Vogel ein Klassifikationssystem. Er ließ sich dabei aber nicht — wie Secchi — lediglich vom äußeren Erscheinungsbild der Spektren leiten, sondern ging von der Auffassung aus, ein Klassifikationssystem müsse die Entwicklungsphasen der Weltkörper widerspiegeln. Damit hat er die zeitgenössischen Vorstellungen über die Sternentwicklung, die noch äußerst unvollkommen waren, in die Klassifikation der Sternspektren eingeführt. Ähnlich ging in den Jahren nach 1888 auch der englische Astrophysiker J. N. Lockyer vor. Diese Verfahrensweise hat sich jedoch nicht bewährt, weil alle Änderungen der Hypothesen über die Sternentwicklung zu Änderungen in der Spektralklassifikation führten. E. Ch. Pickering, W. P. Fleming, Miß A. C. Maury und Miß A. J. Cannon vom Harvard Observatory knüpften deshalb bei ihren Bemühungen um eine Klassifikation der Sternspektren auch wieder an die Secch/schen Vorarbeiten an. Den Harvard-Mitarbeitern standen jedoch nach 1890 bereits wesentlich weiterentwickelte Hilfsmittel zur Verfügung, so daß die Sternspektren auch viel mehr Einzelheiten auswiesen. Deshalb führten auch Pickering und Fleming schon in der ersten Phase ihrer Arbeiten eine bedeutend größere Zahl von Sternspektren ein, die sie mit den großen Buchstaben des Alphabets von B bis Q bezeichneten. Miß Cannon hat dann 1901 noch dezimale Untergruppen hinzugefügt und die Reihenfolge so abgeändert, daß die Klassen O bis B noch vor A kommen. Damit war die heute allgemein gebräuchliche Spektralklassifikation der Sternspektren in ihren Grundzügen vollendet. Spätere Ergänzungen und Verfeinerungen waren das Ergebnis der mit neuen technischen Hilfsmitteln gewonnenen neuen Erkenntnisse. So z. B. die Einführung der Klassen R und S (1908 und 1922). Die International Solar Union hat das Harvard-Klassifikationssystem bereits im Jahre 1913 übernommen. Mit einer Reihe von Zusätzen hat es die Internationale Astronomische Union im Jahre 1922 zur allgemeinen Verwendung empfohlen. Die Einteilung der Spektren in die verschiedenen Klassen ist nach Secchis äußeren Gesichtspunkten erfolgt; man wollte nicht gegen die Folge der Farben von blau bis rot, die sogenannte Abkühlungssequenz, verstoßen. Die Harvard-Spektralklassifikation ist daher eine Temperaturskala geworden; die Spektralklassen schreiten von hohen zu tieferen Temperaturen fort. Nicht zuletzt auf dieser Tatsache beruht die internationale Annahme des Systems. Die physikalische Begründung dafür, daß das Aussehen der Spektren im wesentlichen von der Temperatur der Sternatmosphären bestimmt wird, wurde 1921 in den Arbeiten des indischen Astrophysikers M. N. Saha und des Engländers R. H. Fowler gegeben. Ein weiterer Grund, der dem Harvardsystem zu internationaler Anerkennung verhalf, war die Tatsache, daß dieses System allen Astronomen in einer benutzbaren Form zugänglich war; die Harvard-Mitarbeiter haben es nämlich in einer großangelegten Spektraldurchmusterung des Himmels, dem Henry-Draper-Katalog, manifestiert. Er erschien während der Jahre 1918-1924 und wurde später noch ergänzt. Diesem großen Unternehmen waren früher schon andere Durchmusterungen vorausgegangen. Im Jahre 1842 entwickelte der österreichische Physiker Ch. Doppler auf theoretischer Grundlage den wichtigen Satz, daß die Frequenz, mit der man eine Licht- oder Schallquelle wahrnimmt, scheinbare Veränderungen erleidet, wenn die Quelle sich radial gegen den Beobachter oder der Beobachter sich radial gegen die Quelle bewegt. Die Richtigkeit der Dopp/erschen Theorie konnte mit Hilfe der gerade aufkommenden Eisenbahnen für die Akustik bald bewiesen werden. Der Beweis des optischen Teils der Theorie hingegen stieß auf Schwierigkeiten, da sich die Frequenzänderungen nur dann deutlich bemerkbar machen, wenn die Radialgeschwindigkeit der Lichtquelle in die Größenordnung der Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichtes fällt. Doppler behauptete, daß die Fixsterne solche raschen Bewegungen ausführen; die verschiedenen Farben der Sterne sollten sogar ausschließlich auf die unterschiedlichen Geschwindigkeiten zurückzuführen sein, während die natürliche Farbe aller Sterne weiß sei. Diese Behauptung rief verständlicherweise erheblichen Widerspruch hervor, zumal die Abhängigkeit der Farbe leuchtender Substanzen von der chemischen Zusammensetzung und anderen Faktoren schon bekannt war. Die übertrieben polemische Art allerdings, mit der Doppler seine Interpretation der Sternfarben verteidigte, hat der Durchsetzung seiner Theorie einen schlechten Dienst erwiesen.

    Eine neue Situation entstand erst nach der Schaffung der Spektralanalyse. Damals beschäftigte sich der junge deutsche Physiker Ernst Mach mit diesem Problemkreis und wies nach, daß im Licht der Gestirne tatsächlich Informationen über die Radialbewegungen enthalten sind. Die aus den Bewegungen resultierenden Farbänderungen dürften aber so gering sein, daß ein Nachweis mit dem bloßen Auge nicht möglich sei. Um die geringfügigen Frequenzverschiebungen nachzuweisen — so arbeitete Mach in Übereinstimmung mit Kirchhoff heraus —, ist der Einsatz des Spektroskops erforderlich. Die Radialbewegung muß sich dann in einer Verschiebung der Linien gegenüber den Linien eines Laboratoriumsspektrums bemerkbar machen, und zwar je nach der Bewegungsrichtung der Lichtquelle zum roten oder blauen Ende des Spektrums hin. Nachdem dieser rationale Kern der Dopplertheorie herausgearbeitet war, lag der Weg zur Ausarbeitung der entsprechenden Methoden frei. Allerdings waren Erfolge auf diesem Gebiet nur jenen beschieden, die fest von der Nachweisbarkeit der Linienverschiebungen überzeugt waren; denn nur diese Gelehrten setzten alles daran, solche Verschiebungen zu entdecken. Einer der nachdrücklichsten Befürworter solcher Versuche war Zöllner. Er entwickelte eigens zu diesem Zweck sein sogenanntes Reversionsspektroskop, mit dem die Linienverschiebungen verstärkt werden konnten, und regte seinen Schüler H. C. Vogel an, mit diesem Instrument die aus der Sonnenrotation zu erwartenden Linienverschiebungen der Spektren der beiden Sonnenränder zu messen. Dieser Versuch gelang im.Jahre 1871, wenn auch nicht mit so genügender Genauigkeit, daß daraus die Rotationsgeschwindigkeit der Sonne hätte abgeleitet werden können. Als CA. Young fünf Jahre später ein Rutherfurdsches Diffraktionsgitter zu Hilfe nahm, konnte er die Verschiebungen wesentlich genauer feststellen und erzielte Übereinstimmung des von ihm erarbeiteten Wertes für die Rotationsgeschwindigkeit der Sonne mit den aus der Wanderung der Sonnenflecken ermittelten Angaben. Mit der Bestimmung der Radialgeschwindigkeiten von Fixsternen begann Huggins im Jahre 1867. Vogel setzte diese Beobachtungen ebenfalls fort. Die visuelle Untersuchung der Sternspektren und die Ableitung von Linienverschiebungen brachte aber so große Schwierigkeiten mit sich, daß die Resultate nicht nur sehr ungenau, sondern größere Beobachtungsreihen überhaupt in Frage gestellt waren.

    Später kam Vogel jedoch auf dieses Problem zurück. Sein entscheidender Grundgedanke war, das inzwischen relativ hochentwickelte Hilfsmittel der Fotografie zu nutzen. Im April 1887. hatte Vogel den internationalen Kongreß für Astrofotografie in Paris besucht und war dort vermutlich in seinen Ideen bestärkt worden. Ein knappes Jahr später legte er der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin das erste Resultat seiner Forschungen unter dem Titel „Über die Bestimmung der Bewegung von Sternen im Visionsradius durch spektrographische Beobachtung” vor. Darin teilte er die gemeinsam mit J. Scheiner abgeleiteten Dopp/erver-schiebungen von Spektrallinien in den Spektren der Sterne Sirius, Prokyon, Rigel und Arktur mit. Die Ergebnisse erregten stärkstes internationales Aufsehen. Damit war die Epoche der Radial-geschwindigkeitsmessung von Sternen eingeleitet. Die Genauigkeit war gegenüber den visuellen Messungen um den Faktor 10 gestiegen, so daß die Radialgeschwindigkeiten von Sternen bis auf einige km/s genau bestimmt werden konnten. Zu den überzeugendsten Erfolgen, die Vogel mit seinen Mitarbeitern errang, zählte die Entdeckung der spektroskopischen Doppelsterne und die genaue Untersuchung des Algolsystems. Die Bedeutung des Dopplerprinzips für die astronomische Forschung lag nun klar auf der Hand. Zahlreiche ausländische Astronomen kamen nach Potsdam, um von Vogel und seinen Mitarbeitern die Technik der Radialgeschwindigkeitsmessung von Sternen zu erlernen, u. a. E. B. Frost vom Yerkes Observatory und A. A. Belopolsky, der bekannte russische Astrophysiker von der Sternwarte Pulkowo. 1877 wies W. Abney auf die Möglichkeit hin, aus Linienverbreiterungen in den Spektren von Sternen auch auf deren Rotationsgeschwindigkeiten zu schließen. Es ist interessant, mit welchen Argumenten ausgerechnet Vogel, der Pionier der Fotografie von Spektren, gegen Abneys optimistische Prognosen polemisierte: „Wie Herr Abney… die Hoff nung aussprechen kann, daß die Photographien von Sternspektren in der von ihm angeregten Frage von Bedeutung werden können, ist mir ganz unverständlich, da bei so schwachen Objekten, wie die Sternspektren im Allgemeinen sind, die Photographie stets der gewöhnlichen Okularbetrachtung nachstehen wird.”" Tatsächlich hat aber gerade die Fotografie auf diesem Gebiet ebenso revolutionierend gewirkt wie auf dem Gebiet der Dopplermessungen bei der Bestimmung von Radialgeschwindigkeiten. Die spätere umfassende Durchmusterung der Sterne nach ihren Rotationsgeschwindigkeiten, besonders die Abhängigkeit der vorgefundenen Werte von Spektraltypen der Sterne, hat interessante, kosmogonisch wichtige Resultate geliefert. Die enorme Rationalisierung der Sternspektroskopie durch die Verwendung von Objektivprismen, mit deren Hilfe gleichzeitig die Spektren sehr vieler Sterne gewonnen werden können, brachte Pickering auf die Idee, auf diese Weise auch Radialgeschwindigkeiten massenweise zu messen. Seine ersten diesbezüglichen Vorschläge datieren aus dem Jahre 1891. Leider kann man aber dabei keine Vergleichsspektren auf die Platten kopieren. Um diese Schwierigkeiten zu meistern, versuchte Pickering, eine künstliche Absorptionslinie auf die Platten zu bringen, indem er eine Küvette mit einer speziellen Lösung vor die fotografische Platte setzte. Schwarzschild, der die Methode anwendete, erzielte damit recht brauchbare Resultate (1913). Noch besser geeignet erschien hingegen die Pickeringsche „Reversionsmethode”, bei der dieselbe Sterngegend mit einem Objektivprisma zweimal auf derselben Platte aufgenommen wird; für die zweite Aufnahme wird das Prisma 180° um die Kameraachse gedreht. Die beiden entgegengerichtet verlaufenden Spektren jedes Einzelsterns zeigen dann die doppelte Verschiebung der Linien. Auch diese Methode ist namentlich durch Schwarzschild anwendbar gemacht und theoretisch durchgearbeitet worden (1913).

    Astrophysik der Sonne

    Die Forschungen und Entdeckungen Kirchhoffs legten den Grund für eine wissenschaftliche Erforschung der Sonne. Damit war es möglich, konkrete wissenschaftliche Feststellungen für eine Aussage über die Natur der Sonne heranzuziehen. Kirchhoff zog aus seinen Untersuchungen selbst den Schluß, daß der Sonnenkern eine Lichtquelle von hinreichender Intensität sein müsse, der selbst weißes Licht, also ein kontinuierliches Spektrum aussendet. Der Nachweis der dunklen Linien mußte demnach das Vorhandensein einer Sonnenatmosphäre anzeigen, von der die entsprechenden Stellen im kontinuierlichen Spektrum des Kerns so weit abgeschwächt werden, daß dunkle Linien erscheinen. Demnach handelte es sich um einen hocherhitzten Sonnenkern, der von einer gasförmigen Atmosphäre geringerer Temperatur umgeben wird.

    Kirchhoff glaubte, daß der Sonnenkern fest oder flüssig wäre, da er sich das kontinuierliche Spektrum nur auf diese Art erklären konnte; daß auch ausgedehnte Schichten erhitzter und unter hohem Druck stehender Gase kontinuierliche Spektren emittieren, wurde erst später bekannt.

    Als erster vetrat Secchi die Ansicht, daß der Sonnenkern gasförmig ist und die Sonnentemperatur von außen nach innen zunimmt. Einen wissenschaftlichen Beweis mußte aber auch er noch schuldig bleiben, denn über die Temperatur der Sonnenoberfläche fehlten noch exakte Kenntnisse. Wichtig war daher der Vorschlag, aus dem der Erde zugestrahlten Energiebetrag auf die von der Sonne ausgestrahlte Energie zu schließen. Die meßtechnische Erfassung des je Flächen- und Zeiteinheit auf die Erdoberfläche senkrecht einfallenden Energiebetrags (Solarkonstante) war kein einfaches Problem; noch schwieriger gestaltete sich aber die Ausschaltung der Absorption in der Erdatmosphäre. Wollte man jedoch aus der Solarkonstante die Temperatur an der Sonnenoberfläche ableiten, so war dazu noch die Kenntnis des Zusammenhanges zwischen Energieausstrahlung und Temperatur erforderlich. Diese Beziehung wurde aber erst 1879 in Form des Stefan-Boltzmannschen Gesetzes gefunden. Bis dahin standen zwei andere Beziehungen zur Verfügung, die Newton sowie Dulong und Petit angegeben hatten. Das Newfonsche Gesetz besagte, daß zwischen der Strahlungsenergie und der Temperatur Proportionalität bestünde — diese Beziehung wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den Physikern allgemein akzeptiert. Dulong und Petit leiteten 1817 aus einer Reihe von Experimenten eine andere Beziehung ab: Die Temperaturen sollten arithmetisch wachsen, während die emittierte Strahlung einer geometrischen Reihe folgt. Beide Beziehungen entsprachen nicht den Tatsachen und lieferten außerdem verständlicherweise stark voneinander abweichende Werte für die Sonnentemperatur. So leitete z. B. C. S. M. Pouillet unter Benutzung des von Dulong und Petit erkannten Gesetzes eine Sonnentemperatur von 1750° ab, während /. J. Waterston die Sonrientemperatur 1860 mit Hilfe des Newtonschen Gesetzes zu 13000000° erhielt. Erst gegen Ende des Jahrhunderts lieferte das Stefan-Boltzmannsche Gesetz im Zusammenwirken mit den inzwischen sehr präzisen Werten der Solarkonstanten reale Werte, wie z. B. das Resultat von W. E. Wilson mit 6590° (1901).

    Die Schaffung der Spektralanalyse legte eine sorgsame Vermessung aller Linien des Sonnenspektrums nahe, weil es dadurch möglich erschien, durch vergleichende Untersuchungen die auf der Sonne vorkommenden Elemente kennenzulernen. Auch auf diesem Gebiet tat Kirchhoff, gemeinsam mit seinem Schüler K. Hofmann, den ersten Schritt, indem sie im Jahre 1860/61 den ersten Atlas des Sonnenspektrums herausbrachten. Bei aller Präzision der Wellenlängenmessungen hatte dieser Atlas allerdings den Nachteil, daß die Skala wegen der prismatischen Dispersion mit der Wellenlänge variierte und die Wellenlängen selbst in willkürlichen Einheiten angegeben waren. Deshalb veröffentlichte A. J. Angström bereits im Jahre 1869 einen neuen Atlas des Sonnenspektrums, der mittels eines Gitters hergestellt worden war und für die. Angaben der Wellenlängen eine spezielle, auf dem metrischen System beruhende Einheit, das später sogenannte „Angström” (10″,0m) verwendete. Eine qualitativ noch höherstehende Leistung stellt der fotografische Atlas des Sonnenspektrums dar, den H. A. Rowland im Jahre 1890 veröffentlichte und der heute noch verwendet wird. Er umfaßt den Wellenlängenbereich von 3000 bis 7000 Ängström und enthält rund 20000 Linien.

    Schon Kirchhoff gelang es, auf Grund der entsprechenden Absorptionslinien eine ganze Reihe von Elementen in der Sonnenatmosphäre nachzuweisen, u. a. Kalzium, Kupfer, Barium, Strontium, Magnesium, Nickel, Kobalt, Eisen, Zink und Gold. Die ständige sorgfältige Überwachung des Sonnenspektrums führte im Jahre 1863 zur Entdeckung von Linien, die durch die Absorption des Sonnenlichtes in der Erdatmosphäre hervorgerufen werden. Brewster und Gladstone fanden nämlich, daß bestimmte Linien im Sonnenspektrum nur bei besonders tiefem Sonnenstand auftraten oder doch dann wesentlich deutlicher hervortraten als zur Zeit der Sonnenkulmination. Großangelegte Laboratoriumsversuche von Janssen zeigten, daß es sich hierbei hauptsächlich um Absorptionen handelte, die vom atmosphärischen Wasserdampf hervorgerufen werden.

    Wichtige Erkenntnisse versprach man sich von der ungestörten spektroskopischen Beobachtung des Sonnenrandes, die bei totalen Sonnenfinsternissen möglich wird. Die Sonnenfinsternisse seit dem Jahre 1860 standen daher im Blickpunkt aller Astrophysiker. Nie zuvor sind so viele Expeditionen in die Totalitätsgebiete von Sonnenfinsternissen ausgerüstet worden wie in der Zeit nach dem Aufkommen der astrophysikalischen Methoden. Erste Resultate wurden während der mit fast 6 1/2 Minuten Totalitätsdauer ungewöhnlich langen Finsternis vom 18. August 1868 erzielt. Obwohl die eingesetzten Spektroskope für die Untersuchung des Sonnenrandes z. T. noch schlecht geeignet waren, entdeckte man doch sofort das Verschwinden der bekannten Absorptionslinien. Eine wenig ausgeprägte gelbe Emissionslinie wurde zunächst allgemein als Indikator für Natrium angesehen. Doch dann wies der französische Astrophysiker P. J. C. Janssen eine Differenz gegenüber der Lage der Na-Linie nach, und J. N. Lockyer kam zu dem Schluß, daß diese Linie keinem bekannten irdischen Element zugeordnet werden könne. So wurde das Element „Helium” entdeckt, dessen irdischer Nachweis erst im Jahre 1895 durch W. Ramsay gelang.

    Während der Sonnenfinsternis von 1869 entdeckten C. A. Young und W. Harkness im Koronaspektrum wiederum eine Linie, die keinem irdischen Element entsprach. Diesmal glaubte man, ein weiteres typisches „Sonnenelement” gefunden zu haben, das auf den Namen „Koronium” getauft wurde. Später stellte sich aber heraus, daß diese Deutung nicht zutraf.

    Von großem Interesse war auch die genauere Untersuchung der erst 1842 bei einer Sonnenfinsternis wiederentdeckten Protuberanzen. Über die Natur dieser Gebilde herrschten äußerst unklare Vorstellungen: z.T. wurden sie als optische Täuschungen gewertet, andere deuteten sie als Phänomene des Mondrandes. Die spektroskopische Untersuchung lehrte nun, daß es sich um gasförmige Gebilde mit einem hohen Anteil von Wasserstoff handelt. Die widersprüchlichen Angaben der verschiedenen Beobachter ließen es wünschenswert erscheinen, diese Phänomene auch außerhalb der seltenen und für den einzelnen Beobachter schwer zugänglichen totalen Sonnenfinsternisse erforschen zu können. Zu diesem Zweck entwickelten Janssen und Lockyer — beinahe gleichzeitig — das Protuberanzenspektroskop. Sie gingen dabei von der Tatsache aus, daß sich das Licht der Protuberanzen von dem der Sonnenphoto-sphäre erheblich unterscheidet. Das Photosphärenlicht verteilt sich nämlich auf das ganze Spektrum, während die Protuberanzen nur in einigen diskreten Wellenlängen strahlen. Betrachtet man nun das Spektrum mit Hilfe eines stark brechenden Spektroskops in einem Bereich, der den Wellenlängen des Protuberanzenlichts entspricht, so beobachtet man das Protuberanzenlicht praktisch mit voller Intensität, während das übrige Sonnenlicht stark geschwächt erscheint. Außerdem sind die Linien des Sonnenspektrums dunkel und die der Protuberanzen hell, so daß sich das Protuberanzenspektrum sogar bis ins Innere des Sonnenrandes verfolgen läßt. Unter Mitwirkung von Huggins und Zöllner wurde diese Methode so vervollkommnet, daß nicht allein die Linien des Protuberanzenspektrums, sondern auch die Gestalt der gesamten Protuberanz im Spektroskop sichtbar wurde.

    Der naheliegende Wunsch, die gesamte Sonnenoberfläche in monochromatischem Licht zu fotografieren, führte seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu einer Reihe von Versuchen, die schließlich in dem von G. E. Hak (1893) und A. Deslandres (1894) entwickelten Spektroheliographen gipfelten. Das Gerät arbeitet mit zwei Spalten, die beweglich angeordnet sind. Der eine Spalt wird über die Sonnenoberfläche geführt und dient in Verbindung mit einem Gitter zur Erzeugung eines Spektrums. Der andere Spalt blendet diejenige Linie aus dem Spektrum aus, in deren Licht die Sonne fotografiert werden soll. Er wird so über die Plattenoberfläche geführt, daß die Sonnenoberfläche nacheinander im Licht einer Spektrallinie abgebildet wird.

    Später erfuhr der Spektroheliograph noch verschiedene Verbesserungen. Heute werden extrem schmalbandige Interferenzfilter verwendet, um Bilder der Sonne im Licht ausgewählter Wellenlängen zu erhalten. Das Studium der Sonnenumgebung führte also verhältnismäßig rasch zu dem Befund, daß die Sonne von einer Gashülle umgeben ist, die hauptsächlich aus Wasserstoff besteht. Wegen der farbigen Linien im Spektrum dieser Hülle wurde sie von Lockyer auf den Namen „Chromosphäre” getauft. Die Protuberanzen waren offenbar Auswürfe gasförmiger Materie, die über diese Chromosphäre hinausragten und sich bis in die Korona erstreckten. Die Chromosphäre wurde richtig als eine Schichtung der Sonnenatmosphäre angesehen, die der Photosphäre unmittelbar folgt, aber wesentlich größere Dimensionen besitzt.

    Dafür, daß Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, nicht zuletzt angeregt durch die Heliumentdeckung, die Sonnenphänomene sehr sorgfältig untersuchten, spricht die Tatsache, daß Ch. A. Young schon 1872 ein Verzeichnis von Linien im Chromosphärenspektrum (Flashspektrum) herausbrachte, das 273 Linien enthält. Die spätere Möglichkeit, die Linien in den verschiedenen Gebieten der Sonnenatmosphäre atomphysikalisch zu deuten, hat zu noch umfassenderen Untersuchungen geführt. Um 1930 waren allein im Chromosphärenspektrum mehr als 3000 Linien bekannt. Große Aufmerksamkeit wurde auch den Sonnenflecken gewidmet, die zu den ältesten bekannten Phänomenen der Sonne zählen. In der gesamten vorspektroskopischen Zeit der Erforschung der Sonnenoberfläche wurden diese verhältnismäßig rasch erscheinenden und sich wieder auflösenden Gebilde sorgfältig beobachtet — über ihre Natur konnte man jedoch nur spekulieren. Eine der weit verbreiteten Ansichten war die Theorie von F. W. Herschel, der die Sonnenflecken als Öffnungen in der Atmosphäre ansah, durch die man auf den dunkleren Sonnenkern blicke. Hierfür gab es anscheinend gute Gründe: A. Wilson hatte schon im 18. Jahrhundert auf Grund von Beobachtungen die These aufgestellt, daß die Sonnenflecken trichterförmige Vertiefungen der Sonnenoberfläche sind. Er verfolgte ab 22. 11. 1769 einen großen Sonnenfleck mit deutlich ausgeprägter Umbra und Penumbra über eine Rotationsperiode hinweg. Dabei stellte er fest, daß dieses in der Sonnenmitte nahezu kreisförmige Gebilde mit seiner Annäherung an den Rand systematische Formveränderungen erfuhr: Der Kern wurde immer schmaler, der „Hof” nahm aber auf der westlichen Seite nur langsam an Breite ab. Schließlich war der Fleck in unmittelbarer Randnähe vollkommen zusammengeschrumpft, während der „Hof” immer noch einen schmalen Streifen darstellte. Beim Wiederauftauchen des langlebigen Gebildes am östlichen Sonnenrand nach 13 Tagen war dasselbe Phänomen wieder zu beobachten; diesmal wuchs die Breite des östlichen Teils der Penumbra rascher als die des Kerns. Wilson deutete diese Erscheinung als einen perspektivischen Effekt trichterförmiger Flecken, deren Kern tiefer liegen mußte als der „Hof”.

    Die wissenschaftlichen Resultate beschränkten sich auf die Erkenntnis der Gesetze des Auftretens der Sonnenflecken. 1843 hatte S. H. Schwabe entdeckt, daß die Häufigkeit des Auftretens der Sonnenflecken einem etwa lOjährigen Zyklus unterliegt. R. Wolf bewies 1852 durch Auswertung von Fleckenbeobachtungen der zurückliegenden 242 Jahre, die er aus vielen weitverstreuten Quellen zusammensuchte, daß dies eine allgemeine Gesetzmäßigkeit ist; er leitete eine Sonnenfleckenperiode von 11,1 Jahren ab. Wolf hat 1850 auch die noch heute bei der Sonnenfleckenbeobachtung gebräuchlichen „Relativzahlen” eingeführt.

    Äußerst überraschende Zusammenhänge des Sonnengeschehens mit bestimmten Kenngrößen aus der Physik der Erde wurden unmittelbar darauf entdeckt: Die Phänomene des Erdmagnetismus waren im 19. Jahrhundert Gegenstand sehr weitreichender Untersuchungen. Niemals zuvor gab es so viele experimentelle und theoretische Arbeiten über den Magnetismus der Erde wie in jener Zeit. A. v. Humboldt hatte sich lebhaft für eine großangelegte magnetische Vermessung der ganzen Erde eingesetzt und damit die Grundlagen der internationalen geomagnetischen Beobachtungen gelegt. Die größte Leistung hinsichtlich der Theorie des Erdmagnetismus seit T. Mayer, L. Euler und C. Hansteen vollbrachte Gauß mit seiner klassischen Arbeit „Allgemeine Theorie des Erdmagnetismus” (1839). Auf dem Gebiet der erdmagnetischen Messungen war J. v. Lamont rege tätig; er bestimmte die magnetischen Konstanten in einer Reihe von europäischen Orten und verfolgte über viele Jahre die täglichen und jährlichen Variationen der erdmagnetischen Kennziffern. Wolf, Sabine, Gautier und Lamont bemerkten nun im Jahre 1852 eine Parallelität zwischen dem Sonnenfleckengeschehen und den erdmagnetischen Daten. Die Entdeckung des Zusammenhanges zwischen zwei räumlich so weit voneinander getrennt liegenden Himmelskörpern begründete eine ganze Forschungsrichtung, die sich mit den solar-terrestrischen Beziehungen beschäftigt. Mit dem Einsatz der Spektroskopie begann auch in der Sonnen-fleckenforschung eine neue Epoche. Im Jahre 1866 führte Lockyer Untersuchungen der Spektren von Sonnenflecken durch und erforschte damit erstmals spezielle Teile der Sonnenoberfläche mit dem Spektroskop. Zweifellos war es seine Absicht, anhand dieser Untersuchungen etwas über die Natur der Sonnenflecke zu erfahren. Tatsächlich waren die Ergebnisse hoffnungsvoll, denn die Sonnen-f leckenspektren waren dem Spektrum der Photosphäre sehr ähnlich — Huggins behauptete sogar, daß sie völlig identisch seien. Damit war klar erwiesen, daß die Sonnenflecken ebenfalls gasförmige Gebilde sein mußten, womit die Theorie von Herschel widerlegt war. Eine stichhaltige wissenschaftliche neue Theorie war jedoch aus den Resultaten noch nicht abzuleiten. Vielmehr gingen die Meinungen der verschiedenen Forscher weit auseinander: Einige sahen die Sonnenflecken als Erscheinungen in der ausgedehnten Sonnenatmosphäre an, wie z. B. Kirchhoff und Sparer. Ähnlich den Vorgängen in der Erdatmosphäre sollte es auch in der Atmosphäre der Sonne zu lokalen Temperaturunterschieden und damit zu Wolkenbildungen kommen, die als Sonnenflecken in Erscheinung treten. 5. H. Schwabe und Secchi hielten die Sonnenflecken für Vertiefungen in der Photosphäre, Zöllner sprach von „Schlacken”. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es noch immer keine stichhaltige Theorie der Sonnenflecken; auch fehlte es an einer zufriedenstellenden Begründung für das periodische Auftreten der Sonnenflecken, die einige Astronomen als „Ebbe-Flut-Wirkungen” verschiedener Planeten auf die Sonne zu erklären suchten. Wie weit entfernt man damals von einer Lösung des Problems noch war und wie kompliziert die Prozesse in Wirklichkeit waren, wurde erst durch die neuen Erkenntnisse klar, welche die Deutung der schon während des 19. Jahrhunderts beobachteten Linienaufspaltungen in den Spektren der Sonnenflecken mit sich brachte. G. E. Haie deutete dieses Phänomen 1908 als Zeemaneffekt und wies damit nach, daß die Sonnenflecken mit dem Auftreten starker Magnetfelder verbunden sind. Die detaillierten Untersuchungen, die dieser Entdekkung folgten, wurden von Haie und S. B. Nicholson 1938 in dem umfangreichen zweibändigen Werk „Magnetic Observations of Sunspots” niedergelegt, in dem die wichtigsten heute bekannten Gesetze des Magnetismus der Sonnenflecken enthalten sind. Insbesondere sind darin auch die Gesetzmäßigkeiten der bipolaren Fleckengruppen sowie die zwei Sonnenfleckenzyklen umfassende magnetische Periode dargelegt.

    Daß auch die Sonne als Ganzes ein Magnetfeld besitzt, wurde bereits frühzeitig auf Grund der Form der Sonnenkorona vermutet. Die Messungen, die Haie ab 1913 durchführte, schienen dies auch zu bestätigen; allerdings waren die Linienaufspaltungen auf Grund des Zeemaneffektes so gering, daß keine genügende Sicherheit bestand. Um dieses Phänomen auch unabhängig von den seltenen Gelegenheiten totaler Sonnenfinsternis studieren zu können, bemühten sich die Sonnenphysiker etwa seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts um die Konstruktion eines Apparates, der die Beobachtung und Fotografie der Sonnenkorona zu jeder Zeit gestattete. Hier mußten jedoch zunächst, vor allem infolge der Unkenntnis der Koronaeigenschaften, mehrere Fehlschläge hingenommen werden. Erst im Jahre 1930 gelang dem Franzosen B. Lyot die Konstruktion eines brauchbaren Koronographen. Er beruht auf dem Prinzip der Erzeugung einer künstlichen Sonnenfinsternis im Fernrohr. Zur Klärung der Natur der Sonnenflecken haben entscheidend die Messungen von Dopp/erverschiebungen an schwachen Fraunhofer-linien der Sonnenfleckenspektren beigetragen, die J. Evershed 1909 begann. Er leitete daraus die Strömungsverhältnisse in den Sonnenflecken ab und konnte zeigen, daß die tieferen Schichten der Sonnenflecken Einströmungen und die höheren Schichten Ausströmungen gasförmiger Materie darstellen. Die nähere Untersuchung dieser Erscheinungen führte bald zu der Überzeugung, daß es sich bei den Sonnenflecken um gewaltige Wirbelbewegungen der gasförmigen Materie der Photosphäre handelt.

    Die außerordentliche Fülle der Erkenntnisse ließ eine geschlossene Theorie der Sonnenflecken auch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts noch als ein sehr schwieriges Problem erscheinen. Schließlich galt es neben der Theorie des Einzelflecks (Magnetfeld, Abkühlung gegenüber der ungestörten Photosphäre) auch die zahlreichen statistischen Befunde, wie Fleckenzonen, Zonenwanderung, Periodizitäten und Polaritätswechsel, widerspruchsfrei zu erklären.

    Die auf diesem Gebiet unternommenen Bemühungen, zu denen besonders H. N. Russell, E. A. Milne und H. AlfvSn bedeutende Beiträge lieferten, führten nicht zu einer endgültigen und allgemein anerkannten Theorie.

    In den letzten Jahren ist es unter wesentlicher Mitwirkung von M. Steenbeck und seinen Mitarbeitern gelungen, auf der Grundlage der Magnetohydrodynamik den 22-Jahres-Zyklus des Sonnenflecken-geschehens zu klären.

    Die Erforschung der Sonne nach dem Aufkommen der Astrophysik hat nicht nur bedeutende Erkenntnisse über die Sonne als Individuum unter den Sternen erbracht. Gleichzeitig wurde die Rolle der Sonne als Prototyp eines Fixsterns für die Astrophysik der Fixsterne erkannt. Auf Grund der relativ geringen Entfernung der Sonne war es möglich, zahlreiche Probleme der allgemeinen Sternphysik anhand der Sonne zu studieren und wichtige methodische Hilfsmittel für die Erforschung anderer Fixsterne zu entwickeln. Dies trifft u. a. auf die Lösung der Frage nach der Energieerzeugung der Sterne und den Temperaturmessungen zu.

    Veränderliche Sterne

    Zwischen der Entwicklung der Fotometrie und dem Ausbau der Erforschung von Sternen mit veränderlicher Helligkeit besteht ein enger Zusammenhang, da die Erfassung von Helligkeitsveränderungen eine fotometrische Aufgabe darstellt. Die frühe Entwicklung der Fotometrie verdankt ihre Ausbildung deshalb auch z.T. dem Interesse an den veränderlichen Sternen, von denen im Jahre 1786 allerdings nur 12 Objekte bekannt waren.

    Als Initiator einer intensiveren Erforschung der veränderlichen Sterne gilt F. W. Argelander. Er veröffentlichte im Jahre 1844 eine „Aufforderung an Freunde der Astronomie”, in der er zu einer systematischen Beobachtung der veränderlichen Sterne aufrief; nicht zuletzt setzte und verfolgte er damit das Ziel, weitere solcher Objekte zu entdecken. Obwohl über die Bedeutung der veränderlichen Sterne für die Astronomie damals noch nichts bekannt war, beschwor Argelander seine Leser dennoch förmlich, sich den Genuß zu verschaffen, den das Bewußtsein bringe, sein „Scherflein beigetragen zu haben zur Erkenntnis der wundervollen Einrichtung des Weltgebäudes”. Durch die zu erwartenden Schwierigkeiten solle sich niemand entmutigen lassen, schließlich ginge es darum, den wissenschaftlichen Nachkommen „die Bahn zu ebnen”. In der „Aufforderung” ist auch eine neue Methode enthalten, die Helligkeiten der Sterne ohne instrumenteile Hilfsmittel genauer zu schätzen, die sogenannte Argelandersche Stufenschätzungsmethode. Der Aufruf verfehlte seine Wirkung nicht; es wurden tatsächlich fortan in rascher Folge immer neue veränderliche Sterne bekannt, besonders nach dem Aufkommen der fotometrischen Meßapparate, mit dem Beginn der großen Durchmusterungen und der Arbeitsrationalisierung durch die Fotografie.

    Zur Erklärung des Phänomens der veränderlichen Sterne schlug Zöllner die Annahme vor, daß es sich dabei um Sterne in der Abkühlungsphase ihrer Entwicklung handelt. Die dabei auftretenden Schlacken sollten bei der Rotation dazu führen, daß die Helligkeiten periodisch schwanken. Diese Theorie erfreute sich ein Vierteljahrhundert hindurch allgemeiner Anerkennung. Die zielgerichtete Suche nach veränderlichen Sternen wurde seit 1890 vor allem am Harvard Observatory betrieben, wodurch die Anzahl der bekannten Objekte rasch in die Höhe schnellte. Die großen Unterschiede in den Lichtkurven der verschiedenen Veränderlichen waren bereits im 18. Jahrhundert aufgefallen. Ähnlich wie bei anderen Kenngrößen, etwa den Spektren oder Helligkeiten, begann man auch hier mit einer Klassifizierung der Objekte nach ihren Lichtkurven. Dies war eine wichtige Voraussetzung für die spätere Erkenntnis der Natur der verschiedenen Typen. Pickering schlug 1881 fünf Klassen vor, die hauptsächlich nach den Prototypen benannt wurden: die Mira-Ceti-Sterne, die 8-Cephei-Sterne, die Algolsterne sowie die Novae und die Sterne mit unregelmäßigem Lichtwechsel. Dieser frühe Klassifikationsversuch wurde später entsprechend dem ständig neu hinzukommenden Material weiter ausgebaut, wobei als Klassifikationsmerkmale außer der Lichtkurve auch noch andere Eigenschaften, wie z. B. die absolute Helligkeit oder der Spektraltyp hinzukamen. Die Spektralanalyse der Novae brachte neue Einsichten: Erstmals gelang es W. Huggins 1866, ein Novaspektrum zu untersuchen. Solchen Forschungen gebührte größte Aufmerksamkeit, denn es gab keine wissenschaftliche Theorie über diese Sterne. Die alten Ansichten besaßen keine Anhänger mehr. Niemand glaubte daran, daß man hier Zeuge von Sterngeburten war, wie es noch Tycho Brahe angenommen hatte. Ebenso widersinnig erschien die Hypothese, die Novae seien einseitig leuchtende Sterne, die dem irdischen Betrachter urplötzlich ihre beleuchtete Seite zukehrten. Eine neue Theorie war aber auch nicht vorhanden.

    Huggins beobachtete nun, daß sich das Novaspektrum aus zwei Einzelspektren zusammensetzte: ein normales Sternspektrum mit Absorptionslinien, dem ein ausgeprägtes, auf das Vorhandensein leuchtender Gase hindeutendes Emissionsspektrum überlagert war. Huggins zog daraus den Schluß, daß es sich beim Novaphänomen um eine mit außerordentlicher Gasentwicklung verbundene Sternkatastrophe handelt.

    Als mit den verbesserten Hilfsmitteln mehr Details bekannt wurden, komplizierten sich auch die Theorien immer weiter. Die auftretenden Dopp/erverschiebungen wurden im Sinne einer expandierenden Gashülle gedeutet.

    Völlig ungeklärt blieb allerdings die Frage, ob das Novaphänomen etwas mit dem Sterninnern zu tun oder ob es, wie H. v. Seeliger vermutete, durch Wechselwirkung mit kosmischen Staubmassen ausgelöst werde.

    Die komplizierten Zusammenhänge, die tatsächlich am Zustandekommen eines Novaausbruches beteiligt sind, konnten bis heute nicht restlos aufgeklärt werden. Eine Aussicht auf ihre Lösung noch im 19. Jahrhundert konnte schon deshalb nicht bestehen, weil keinerlei Kenntnisse über den Aufbau, die Energieerzeugung und die Entwicklung von Sternen vorlagen.

    Bei anderen Typen Veränderlicher gab es größere Erfolge: Im Jahre 1889 gelang es H. C. Vogel, auf Grund von periodisch auftretenden Linienverschiebungen in den Spektren der Sterne Algol 08 Persei) und Spica (a Vir) den Doppelsterncharakter dieser beiden veränderlichen Sterne zu entdecken. Das Spektrum ist praktisch eine Überlagerung aus den beiden Spektren der Komponenten, die sich durch ihre Umlaufbewegung um einen gemeinsamen Schwerpunkt bald von uns entfernen, bald sich uns annähern. Vogel und Scheiner leiteten aus den Spektralaufnahmen des Algolsystems die Bahngeschwindigkeit der helleren Komponente und unter Benutzung der Elemente des Lichtwechsels sowie unter plausiblen Annahmen sogar die Dimensionen des Systems und die Gesamtmasse ab. Damit war das Forschungsgebiet der spektroskopischen Doppelsterne eröffnet. Gleichzeitig war auch das Rätsel des Lichtwechsels von ß Persei geklärt, eines veränderlichen Sterns, der schon seit 1669 bekannt gewesen war und für dessen Veränderlichkeit 220 Jahre hindurch keine sichere Erklärung gegeben werden konnte: Er war ein Bedeckungsveränderlicher. Die Ursache des Lichtwechsels lag im gegenseitigen Umlauf der Komponenten, wobei einmal der hellere den lichtschwächeren und einmal der schwächere den helleren Stern bedeckt.

    In rascher Folge kam es nun zur Entdeckung weiterer spektroskopischer Doppelsterne. Somit schied eine ganze Gruppe von Veränderlichen aus der eigentlichen Problematik dieser Sterne aus, denn die Ursache des Lichtwechsels war ja rein optisch-mechanischer Natur. Die „physischen Veränderlichen” blieben weiterhin rätselhaft. Sie wurden allgemein als seltene Ausnahmen angesehen, die keineswegs als normale Sterne gelten konnten. Diese Meinung mußte aber revidiert werden, nachdem das Hertzsprung^Russell-Diagramm eingeführt worden war. Denn nun fiel es auf, daß die verschiedenen Typen von Veränderlichen an ganz verschiedenen Stellen in diesem Diagramm stehen. Die damals bereits bestehende Deutung des Diagramms als ein Entwicklungsschema führte zwangsläufig zu der Ansicht, daß die Veränderlichen bestimmte Entwicklungsstadien der Sterne repräsentieren. Das war eine besonders grundlegende Erkenntnis. Schon im Jahre 1865 hatte Zöllner die zu den Veränderlichen gezählten Novae als ein entwicklungsmäßig bedingtes Stadium im Leben der Sterne interpretiert. Größte Schwierigkeiten bereitete aber auch nach wie vor die Deutung der von der Astrophysik gesicherten Fakten über die Veränderlichen. Der große Erfolg bei der Interpretation der Lichtkurven der spektroskopischen Doppelsterne ließ es als möglich erscheinen, daß diese Deutung prinzipiell auf alle Veränderlichen zutreffe. 1894 hatte Belopolsky im Spektrum von Veränderlichen eine mit der Lichtwechselperiode übereinstimmende Periode von Dopp/erverschie-bungen gemessen. 1916 fanden H. Shapley und W. S. Adams, daß mit den Helligkeitsänderungen auch systematische Veränderungen im Spektrum auftreten: Während des Helligkeitsmaximums kamen diejenigen Linien stark zum Vorschein, die hohen Temperaturen entsprachen, während des Minimums hingegen traten die den tieferen Temperaturen entsprechenden Linien stärker hervor. Der Deutung dieser Sterne als spektroskopische Doppelsterne standen jedoch zwei andere Tatsachen entgegen: 1. Es war nur ein Spektrum sichtbar, das einer zweiten Komponente fehlte, 2. man beobachtete die Merkwürdigkeit, daß die nach der Dopp/erinterpretation schnellste Annäherung des Sterns mit dem Helligkeitsmaximum, die schnellste Entfernung mit dem Minimum zusammentraf. Trotzdem wurden die Linienverschiebungen ganz allgemein als Überlagerungseffekt zweier Spektren von sich bewegenden Komponenten gedeutet, und mehrere Autoren, darunter A. W. Roberts, K. Schwarzschild, H. D. Curtiss, griffen zu recht künstlich anmutenden Hypothesen, um das Auftreten dieser Effekte mit der Doppelsternnatur des Veränderlichen in Einklang zu bringen. H. Ludendorff durchbrach den Bannkreis dieser Betrachtungen mit der Bemerkung, daß die beobachteten Dopp/erverschiebungen möglicherweise auf andere Ursachen zurückgeführt werden könnten und nicht notwendig auf einen Doppelsterncharakter der Objekte hinweisen müßten. Die konsequente Weiterführung dieses Gedankens durch Shapley führte dann zur Pulsationstheorie der physischen Veränderlichen. Danach stellen diese Sterne instabile Gasmassen dar, die sich in einem Schwingungszustand befinden, so daß die beobachteten Dopp/erverschiebungen auf die radialen Geschwindigkeiten der Gasmassen des sich periodisch aufblähenden und zusammenziehenden Sterns zurückzuführen sind. 1918 hat Eddington die Pulsationstheorie mathematisch durchgearbeitet und damit den Grundstein zur modernen Theorie der physischen Veränderlichen gelegt.

    Die veränderlichen Sterne sind ein wichtiges Forschungsgebiet der modernen Astrophysik. Sie beanspruchen namentlich deswegen ein großes Interesse, weil die Veränderlichkeit höchstwahrscheinlich Ausdruck einer Phase in der Entwicklung dieser Objekte ist. Die Erforschung der veränderlichen Sterne kann daher wichtige Beiträge zur Kosmogonie der Fixsterne liefern.

    Kometen und Nebel

    Grundlegende Erkenntnisse brachte die Spektroskopie auch für die Erforschung der Kometen, über die man bis dahin nur himmelsmechanische Kenntnisse besaß. Mit dem Wesen der Kometen war man keineswegs vertraut. Allein in der „Monatlichen Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmels-Kunde” erschienen von 1800 bis 1813 mehr als 400 Arbeiten über Kometenpositionen und -bahnen sowie Bahnberechnungsverfahren. Über die Natur der Kometen brachte die Zeitschrift in demselben Zeitraum hingegen nur sechs, zudem recht spekulative Aufsätze.

    Je mehr Einzelheiten die ständig verbesserten Fernrohre aber offenbarten, desto deutlicher wurde der Mangel präziserer Vorstellungen über die Kometen spürbar. Anläßlich des eigenartigen Erscheinungsbildes, das der Komet Halley bei seinem Auftauchen im Spätherbst 1835 zeigte, fühlte sich sogar der sonst in dieser Hinsicht so vorsichtige Bessel veranlaßt, Gedanken über die Natur der Kometen zu äußern.

    Insbesondere interessierte er sich dabei für die Ausbildung des Kometenschweifs und für die Ursache des Kometenleuchtens. Die von F. Arago getroffene Feststellung, daß ein Teil des Lichtes der Kometen polarisiert, ein anderer aber unpolarisiert sei, deutete darauf hin, daß der Komet teils Sonnenlicht reflektiert, teils Eigenlicht aussendet. Weitere Einzelheiten waren freilich der Spekulation überlassen.

    Der erste Komet, der nach der Einführung der Spektralanalyse sichtbar wurde, tauchte im Jahre 1864 auf. Huggins, Secchi und Donati richteten in höchster Erwartung ihre Spektroskope auf das Objekt. Sie fanden hauptsächlich das bekannte kontinuierliche Sonnenspektrum. Daneben allerdings traten auch Emissionslinien auf, die auf eine gasförmige Komponente hindeuteten. Damit war aber noch immer nichts über die Natur der reflektierenden Stoffe des Kometen ausgesagt.

    Die weiteren spektroskopischen Kometenbeobachtungen der nächsten Jahre brachten eine Reihe detaillierterer Befunde, sie alle reichten aber nicht hin, um daraus eine befriedigende Vorstellung von der physikalischen Beschaffenheit der Kometen abzuleiten. Auch die geistreichen Laboratoriumsversuche, die J. Tyndall 1869 anstellte, gaben keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Mitverantwortlich für die Schwierigkeiten bei der Klärung des Kometenproblems war die Tatsache, daß kein genügend heller Komet in jenen Jahren für die Untersuchungen zur Verfügung stand. Die Theorien, die dennoch über die Kometen entwickelt wurden, u. a. von W. Zenker und K. F. Zöllner, waren Gegenstand eines lebhaften wissenschaftlichen Meinungsstreits.

    Die zutreffendsten Ansätze einer wissenschaftlichen Theorie der Kometenschweife gelangen dem russischen Astrophysiker Th. Bredichin. Er ging — wie später auch Zöllner — davon aus, daß die Ausbildung des Schweifs durch von der Sonne ausgehende Kräfte bedingt sei und der Komet eine Ansammlung von Staub und Gas darstellt, das gleichzeitig als das Reservoir des in Sonnennähe entstehenden Schweifes anzusehen ist.

    Nachdrückliche Impulse erlebte die Kometenphysik durch das erneute Auftreten des hellen Kometen Halley im Jahre 1910. Dieser Komet war einerseits ein für spektroskopische Untersuchungen ausgezeichnet geeignetes Objekt, andererseits waren die astrophysi-kalischen Methoden inzwischen gut durchgebildet. Hier wurden erstmals in großem Umfang alle astrophysikalischen Methoden angewendet. Mit der wohl umfassendsten Beachtung durch die Wissenschaft, die ein Komet bis dahin je gefunden hatte, begann eine neue Epoche der Kometenforschung, die durch die neuen Erkenntnisse der Physik wesentlich befruchtet wurde. Sie führte zu der grundlegenden Erkenntnis, daß die Kometen eine Wolke von Meteoriten darstellen, die in eine Gashülle eingeschlossen ist und sich in einem fortschreitenden Prozeß der Auflösung befindet. Die zahlreichen Probleme, die auch heute in der Kometenforschung noch offen sind, zeigen die komplizierten und komplexen Erscheinungen dieser ehemals als Schreckensbringer im Aberglauben so tief verwurzelten Mitglieder unseres Sonnensystems. Über die Natur der zahlreichen diffusen, in bizarren Formen hervortretenden nebligen Gebilde am Himmel herrschte seit ihrer Entdeckung Ungewißheit. Nach F. W. Herschel faßte J. Herschel in seinem Nebelkatalog bereits 5097 Objekte zusammen, dem als historisch bedeutsames Produkt der bis heute verwendete „New General Catalogue” (NGC) von Dreyer folgte (1888). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren etwa 8000 Nebel bekannt. Mit der wachsenden Leistungsfähigkeit der Fernrohre stellte sich bei einem ständig wachsenden Anteil dieser Objekte heraus, daß sie aus Sternen bestehen. Damit ergab sich die Frage, ob dies prinzipiell für alle Nebel gilt und ob die Auflösung der noch verbliebenen Objekte lediglich eine Frage noch größerer Teleskope sei oder ob im Kosmos auch „echte” Nebel vorkommen.

    Huggins richtete das Spektroskop zum erstenmal im Sommer des Jahres 1864 auf ein nebliges Objekt: das Spektrum bestand aus drei hellen, voneinander isolierten Linien. Huggins konnte somit feststellen, „daß es nicht ein Haufen besonderer Sterne, sondern wirklicher Nebel ist”.

    Allein diese Erkenntnis war von allergrößter Bedeutung. Damit war unwiderlegbar eine Zustandsform der Materie im Weltall entdeckt, über deren Existenz man vorher nur Vermutungen angestellt hatte. Diese Entdeckung paßte einerseits gut zu den kosmogonischen Vorstellungen von Kant und Herschel — so daß diese Fragen damit wieder an Aktualität gewannen —, andererseits gab sie den Vermutungen über eine allgemein verbreitete, lichtabsorbierende interstellare Materie neue Nahrung. Heute ist die interstellare Materie Gegenstand eines eigenständigen Forschungsgebietes innerhalb der Astronomie. Die Palette der Probleme, deren Lösung durch die Erforschung der Materie zwischen den Sternen gefördert wird, ist äußerst breit: sie reicht von den Fragen der Ausmessung des Weltalls bis zur Kosmogonie und neuerdings sogar bis zur Untersuchung der biologischen Evolution, wie die in jüngster Zeit erfolgten Entdeckungen kompliziert gebauter organischer Moleküle im interstellaren Raum gezeigt haben.

    Während die Astronomen die methodischen Grundlagen für die Gewinnung neuer Fakten ausarbeiteten und große Datensammlungen über die kosmischen Objekte zusammentrugen, bahnten sich in der Physik umwälzende Neuerungen an. Die seit Jahrzehnten schwelen den Widersprüche zwischen physikalischen Beobachtungstat­sachen und anscheinend festgefügten Theorien traten kraß zutage. Die Folge war eine Neuordnung der Physik. Einerseits erreich­ten die Physiker große Fortschritte bei der Bearbeitung wichtiger Fragen über die Welt des Kleinsten, andererseits jedoch stürzten die klassischen Auffassungen von Raum und Zeit zusammen. Die große Revolution in der Physik, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts — jahrzehntelang vorbereitet — vor sich ging, war für die Erforschung des Kosmos von wegweisender Bedeutung. Umgekehrt befruchtete die astronomische Forschung fortan die Klärung vieler aktueller physikalischer Probleme. „Der Weg zur Kenntnis der Sterne führte über das Atom, und wichtige Kenntnis vom Atom ist über die Sterne erzielt worden”, schrieb der Pionier der Sternphysik A. S. Eddington.
    Von besonderer Bedeutung für die Astronomie war die Erforschung der elektromagnetischen Wellen und der Gesetzmäßigkeiten ihrer Entstehung, da es die Astronomie ausschließlich mit strahlenden Objekten zu tun hat, so daß die Analyse der Strahlung wesentliche Informationen über sie liefert.
    Strahlungsgesetz und Atomtheorie

    Die Frage nach den Gesetzen der Strahlung hatte in der Physik seit Kirchhoffs Forschungen ihren festen Platz. Kirchhoff konnte 1860 zeigen, daß das Verhältnis von Absorptions-zu Emissionsvermögen für alle Körper dasselbe ist, lediglich von der Temperatur der Körper und der Wellenlänge der Strahlung abhängt und dem Betrag nach dem Emissionsvermögen eines „Schwarzen Körpers” bei dieser Temperatur entspricht. Als einen Schwarzen Körper definierte Kirchhoff einen Strahler mit dem Absorptions­vermögen 1 (Schwarzer Strahler).
    Diese Erkenntnis bedeutete ein wissenschaftliches Programm, denn es galt, die temperatur- und wellenlängenabhängige Funktion zu finden, die das Emissionsvermögen des Schwarzen Körpers be­schreibt, d. h., der die Energieverteilung im Spektrum eines Schwar­zen Strahlers bei gegebener Temperatur gehorcht. Einen wichtigen Teilerfolg errang /. Stefan im Jahre 1778, als er aus experimentellen Untersuchungen den Zusammenhang zwischen der von einem Schwarzen Körper insgesamt abgestrahlten Energie als Funktion der Temperatur herleitete und dabei fand, daß die Gesamtenergie der vierten Potenz der Temperatur proportional ist. 1884 gelang es L. E. Boltzmann, diesen Zusammenhang theoretisch zu begründen (Stefan-Boltzmannsches Gesetz).
    In der Frage der Energieverteilung war damit freilich nichts ge­wonnen. Größere Fortschritte waren vor allem an die Entwicklung von Meßgeräten für Strahlung und an die möglichst exakte ex­perimentelle Realisierung von Schwarzen Körpern gebunden. Wichtige Impulse, vor allem auf dem Gebiet der Strahlungsmeß­geräte, gingen in jenen Jahren von der sich rasch entwickelnden Lichttechnik aus, hinter der — besonders in Deutschland — eine starke Glühlampenindustrie stand.
    Die Messungen der Energieverteilung des Schwarzen Körpers führten um 1893 zur Aufstellung des sogenannten Verschiebungs­gesetzes durch W. Wien. Es besagt, daß sich das Maximum der Energieausstrahlung mit wachsenden Temperaturen in gesetz­mäßiger Weise nach kürzeren Wellenlängen verschiebt. Dieses für die Astronomie wichtige Gesetz beantwortete aber immer noch nicht die Frage nach der Energie als Funktion von Wellenlänge und Temperatur.

    Im Jahre 1896 fand W. Wien eine mathematische Beziehung, die mit den zahlreichen Messungen im Bereich der kurzen elektromagne­tischen Wellen gut übereinstimmte (Wi’ensches Strahlungsgesetz). Die Formel versagte jedoch, wie die Messungen H. Rubens’ und F. Kurlbaums zeigten, bei höheren Temperaturen und langen Wellen. Seit 1896 beschäftigte sich auch Max Planck mit der Frage der Energieverteilung im Spektrum des Schwarzen Körpers, fand aber zunächst auf Grund seiner Berechnungen lediglich eine Begründung für das Mensche Gesetz. Als Planck nun von den Messungen Kurlbaums und Rubens’ erfuhr, versuchte er, deren Ergebnisse mit den früheren zu vereinigen und in einem mathematischen Ausdruck darzustellen. Sein Strahlungsgesetz trug Planck am 19. Oktober 1900 in der Sitzung der Physikalischen Gesellschaft vor. Rubens prüfte das Gesetz noch in der darauffolgenden Nacht anhand der vorlie­genden Laborprotokolle nach und teilte Planck am nächsten Morgen die völlige Übereinstimmung zwischen Formel und Experiment mit. Somit war die Frage nach der Energieverteilung im Spektrum des Schwarzen Körpers durch das Plancksche Strahlungsgesetz beant­wortet. Planck war aber mit dieser Formel noch nicht zufrieden, denn „selbst wenn man ihre absolut genaue Gültigkeit voraussetzt, würde die Strahlungsformel lediglich in der Bedeutung eines glück­lich erratenen Gesetzes doch nur eine formale Bedeutung besitzen”. Planck stellt sich nun die Aufgabe, seiner Formel „einen wirklichen physikalischen Sinn zu verleihen”. Das Resultat war eine Revolu­tion in der Physik; die Strahlungsformel zwang zu einer neuen Vorstellung, die im Rahmen der klassischen Physik keinen Platz hatte: Die Energie kann bei Strahlungsvorgängen nicht in beliebigen Beträgen, sondern immer nur in bestimmten „Portionen”, den so­genannten Quanten, abgegeben werden. Die Energie dieser Quanten ist durch die Frequenz der Strahlung und durch eine universelle Naturkonstante, das „Plancksche Wirkungsquantum”, bestimmt. Am 14. Dezember 1900 trug Planck dieses Resultat vor der Physika­lischen Gesellschaft in Berlin vor. Der kurz darauf erschienene Druck der Arbeit trug den Titel „Zur Theorie des Gesetzes der Energieverteilung im Normalspektrum”. Damit war der modernen Quantentheorie der Boden bereitet.
    Planck hatte bei seinen Untersuchungen die Frage vollkommen außer acht gelassen, wie die Strahlung eigentlich entsteht. Er hatte nicht einmal die Existenz von Atomen als Strahler vorausgesetzt. Vielmehr war er von sehr unkompliziert gebauten schwingungs­fähigen Gebilden, den „harmonischen Oszillatoren”, ausgegangen. Nachdem schon die Einsteinsche Lichtquantentheorie (1905) und die ebenfalls von Einstein entwickelte Quantentheorie der spezifischen Wärme (1907) die große Bedeutung der Planckschen Quanten­hypothese demonstriert hatten, traten ihre Konsequenzen in ganzem Umfang hervor, als Niels Bohr die Quantenhypothese mit den Vorstellungen über die Konstitution der Atome verband. Der Streit um die Existenz der Atome, die kleinsten chemisch nicht mehr teilbaren Bausteine der Materie, dauerte schon Jahrhunderte. Daltons Gesetz der multiplen Proportionen hatte die Existenz von Atomen bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts plausibel erscheinen lassen. Die kinetische Theorie der Wärme, wie sie von Clausius, Krönig, Maxwell und Boltzmann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt worden war, konnte so grundlegende Phänomene wie die Zunahme des Gasdrucks mit der Temperatur bei konstantem Volumen erklären. Auch das Faradaysche Äquivalent­gesetz der Elektrolyte ist mit der Vorstellung vom diskontinuier­lichen Aufbau der Materie im Einklang.
    Die historisch wichtigsten Hinweise auf den atomaren Aufbau der Materie folgten aber aus den Versuchen mit Gasentladungen in evakuierten Röhren. Ph. Lenard, der später durch seinen wütenden Antisemitismus unrühmlich bekannt gewordene Experimentalphy­siker, hatte in einer Reihe wichtiger Versuche gezeigt, daß die Atome größtenteils leer sind. Er konnte nämlich die Teilchen der Ka­todenstrahlen auch außerhalb der Entladungsröhre nachweisen, nachdem sie eine 3mm dicke Aluminiumschicht durchdrungen hatten. Die aus der kinetischen Gastheorie abgeleiteten Atomdimen­sionen ließen aber darauf schließen, daß in einer solchen Fläche etwa 10000 dicht übereinanderliegende Atomschichten enthalten waren. Daß die sich geradlinig ausbreitenden Elektronen ausgerech­net durch lauter Lücken geschlüpft sein sollten, mußte als außerordentlich unwahrscheinlich angesehen werden. Im Jahre 1912 hat E. Rutherford die Lenardschen Streuversuche mit den schwereren Alphateilchen wiederholt. Dabei konnte er die früheren Resultate präzisieren und weiterentwickeln. Gemeinsam mit seinen Schülern Geiger und Marsden stellte er die Ablenkungs­winkel der Alphateilchen für verschiedene Folienmaterialien und Geschwindigkeiten genau fest und fand, daß eine kleine Zahl von Teilchen an Folien Ablenkungen bis zu 150° gegen die Einfalls­richtung aufwies. Rutherford schlußfolgerte, daß diese extrem starken Ablenkungen auf starke elektrische Felder zurückzuführen sind, die von einem kleinen Volumen ausgehen. Aus dem Vergleich entsprechender Berechnungen mit den Streumessungen an ver­schiedenen Folienmaterialien fand er, daß die Ablenkungen mit dem Atomgewicht des streuenden Elements zunehmen. Es ergab sich der wesentliche Befund, daß die Ladungen — ausgedrückt in Einheiten der Elementarladung e – genau mit der Ordnungszahl des jeweils streuenden Elements im Periodensystem übereinstimmen. Hieraus konnten bedeutende Aufschlüsse über den Aufbau des Atoms ge­wonnen werden: Das Atom mußte aus einem positiv geladenen Kern bestehen, der die seltenen, aber starken Ablenkungen der ebenfalls positiv geladenen Alphateilchen hervorruft. Da das Atom nach außen neutral in Erscheinung tritt, mußte eine der Kernladung (Ordnungs­zahl) entsprechende Zahl von Elektronen den Kern umgeben. Diese Interpretation ist wohl erstmals in aller Klarheit 1913 durch van den Broek ausgesprochen und durch Tatsachen aus der Chemie unter­mauert worden. Damit nun die Elektronen nicht in den Kern stürzen, mußten sie sich um ihn bewegen wie die Planeten um die Sonne, d. h. auf elliptischen Bahnen, nach den Kep/erschen Gesetzen. Dies war das „Planetenmodell” des Atoms, wie es Rutherford und seine Mitarbeiter vertraten.
    Es war jedoch nicht zu übersehen, daß sich dieses Modell zu einer Reihe von theoretischen und experimentellen Tatsachen in schrof­fem Widerspruch befand: Nach den Gesetzen der klassischen Elektrodynamik bildet das den Kern umlaufende Elektron ge­meinsam mit diesem einen Dipol und strahlt ständig Energie in Form elektromagnetischer Wellen ab. Ein stabiles Atom sollte demnach undenkbar sein; die Elektronen müßten nach einigen Umläufen in den Kern stürzen. Außerdem lehrt die Spektroskopie das Auftreten scharfer Linien, deren Zustandekommen völlig unklar blieb. Mit diesen eindringlich hervorgetretenen Fragen beschäftigte sich der damals 27jährige dänische Physiker Niels Bohr. Er hatte die experimentelle Grundlegung des „Planetenmodells” bei Rutherford in Manchester, wo er als Gast geweilt hatte, selbst miterlebt. Inn-nerhalb kürzester Zeit wies Bohr Anfang 1913 einen Ausweg. Unter dem Eindruck des Buches von J. Stark „Prinzipien der Atom­dynamik” (1911) und unter Berücksichtigung der bekannten Tatsachen über die Spektrallinien schuf Bohrdie kühne Konzeption seines Atommodells, das sowohl die Stabilität der Atome wie auch das Zustandekommen der Linienspektren erklärte. Das Entscheidende war, daß er die schon vorhandenen Vorstellungen über das Atom mit dem Konzept der Energiequanten in Verbindung brachte. Bohr postulierte: Es gibt bestimmte, durch ihre Energie gekennzeichnete Elektronenbahnen im Atom, auf denen die Elektronen entgegen der klassischen Theorie strahlungslos umlaufen können. Die Emission des Lichtes kommt dadurch zustande, daß die Elektronen „Sprünge” von einer Bahn in eine energetisch tiefer gelegene ausführen, wobei die Energiedifferenz in Form einer elektromagnetischen Welle einer bestimmten Frequenz freigesetzt wird. In seiner klassischen Arbeit „Über die Konstitution von Atomen und Molekülen” (1913) legte Bohr damit den Grundstein für die quantenmechanische Atom­theorie. Von A. Sommerfeld weiter ausgebaut, wurde daraus die Quantentheorie entwickelt. Das klassische Werk jener Epoche der Atomphysik ist Sommerfelds Buch „Atombau und Spektrallinien” (1919). Der Mechanismus der Aussendung der Spektrallinien, den man seit den Zeiten Kirchhoffs und Bunsens vergeblich gesucht hatte, war damit gefunden.

    Die Deutung der Fixsternspektren
    Für die Deutung der Spektren der kosmischen Objekte, vor allem der Sterne, waren diese Leistungen der theoretischen und experi­mentellen Physik von allergrößtem Wert.
    Anfangs hatte man die starken Unterschiede in den Spektren der Sterne verständlicherweise mit der unterschiedlichen chemischen Zusammensetzung der Objekte in Zusammenhang gebracht. Erst die Atomtheorie und ihre Anwendung auf die Sternspektroskopie haben hier eine grundlegende Wandlung herbeigeführt. Die bedeutendste Leistung für die physikalische Erklärung der Sternspektren vollbrachte der indische Astrophysiker M. N. Saha im Jahre 1920. Saha ging von der Bohr-Sommerfeld’sehen Atomtheo­rie aus und überlegte, welche Ionisierungsprozesse der Atome an den Oberflächen der Sterne infolge der dort herrschenden Tempe­raturen ablaufen. Es gelang ihm, eine exakte Beziehung zwischen Temperatur, Druck und Ionisierungsgrad der verschiedenen Atome herzuleiten. Die heute vielzitierte Originalarbeit M. N. Sahas er­schien den damaligen Herausgebern des „Astrophysical Journal” allerdings als eine allzu gewagte Spekulation, und sie lehnten den Abdruck rundweg ab. Sie erschien dann 1920 im „Philosophical Magazine”. Die Sahasche Ionisationstheorie bestätigte sich aber glänzend und trug wesentlich dazu bei, aus den komplizierten Stern­spektren Aussagen über die physikalischen Zustände in den Stern­atmosphären zu gewinnen. Sahas Theorie schuf überhaupt erst die Grundlage einer wissenschaftlichen Erforschung der Sternatmo­sphären. Die Verbindung zwischen Sahas theoretischen Ableitungen und den Beobachtungsdaten stellte Cecüia H. Payne 1925 in ihrem Buch „Stellar Atmospheres” her.
    Einer der frühesten und überzeugendsten Erfolge der Theorie war die grundlegende Klärung der Häufigkeit der Elemente in den Stern­atmosphären. Das überraschende Resultat war, daß die über­wiegende Mehrzahl der Sterne eine weitgehend gleichartige chemi­sche Zusammensetzung aufweist und daß die Unterschiede in den Spektren lediglich auf die unterschiedlichen Druck- und Temperatur­verhältnisse zurückzuführen sind. Die heiße Atmosphäre eines B-Sterns z. B. enthält einen beträchtlich größeren Bruchteil ionisier­ter Atome als die im Vergleich dazu kühle Atmosphäre eines K-Sterns. So gelang es auf Grund der Sahaschen Theorie, in den Spektren der Sterne eine ganze Reihe früher fragwürdiger Linien zu identifizieren, die zu durchaus bekannten, aber hochgradig ionisier­ten Elementen gehören. Die in den Spektren der B-Sterne vorhan­denen kräftigen Linien ionisierter Metalle gehören zu denselben chemischen Elementen wie die in ganz anderen Spektralbereichen liegenden Linien in den K-Sternen, weil sie dort als gewöhnliche Atomspektren nichtionisierter Metalle auftreten. In der Skala der Harvard-Spektralklassen werden z. B. die Spektren von A bis G morphologisch unter anderem durch die abnehmende Intensität der Wasserstoffabsorptionslinien beschrieben. Die Sä­hasche Ionisationstheorie zeigt, daß dies nicht etwa als ein abneh­mender Wasserstoffgehalt zu interpretieren ist, sondern daß der Wasserstoffionisationsgrad mit wachsenden Temperaturen von K nach A zunimmt und daher immer mehr Wasserstoffatome die Bedingung für die Emission der Linien der Balmerserie des Was­serstoffs aufweisen. So gelang es der Sahaschen Ionisationstheorie, eine physikalische Begründung für die Spektralklassifikation zu geben, indem sie nach­wies, daß die international als verbindlich erklärte Spektralsequenz gleichzeitig eine Temperatursequenz mit fallenden Temperaturen von den „frühen” zu den „späten” Spektralklassen darstellt. An der Weiterentwicklung der Theorie der Sternspektren waren vor allem R. H. Fowler und E. A. Milne beteiligt. Die Folge dieser Anwendungen der Atomphysik auf die Sternspektren war ein enormer Aufschwung der Astrospektroskopie, vor allem der Theorie der Sternatmosphären, die gleichzeitig ein tieferes Eindringen in das Wesen der kosmischen Phänomene bedeutete. Ein anderes Beispiel für die Rolle der Atomtheorie bei der Inter­pretation der Spektren kosmischer Objekte bietet die Untersuchung der Spektren galaktischer Nebel. Die Theorie der Emission in Gas­nebeln ließ sich relativ einfach aus der Anregung ableiten, die vom ultravioletten Teil des Spektrums benachbarter Sterne ausgeht. Aber neben den bekannten, zu erwartenden Linien, z. B. den Emissions­linien der B almerserie des Wasserstoffs, wurden in den Ne­belspektren auch einige Linien gefunden, die keinem bekannten Element zuzuordnen waren. Da diese Linien hauptsächlich im grünen Teil fast aller Nebelspektren zu finden waren, zog man in Analogie zur Heliumentdeckung den Schluß, daß es sich hierbei um ein nur in diesen Nebeln vorkommendes, bislang unbekannt gebliebenes Element handelte: es wurde auf den Namen „Nebulium” getauft.
    Gegen die Nebuliumhypothese sprach aber die von der Stern­spektroskopie erhärtete Erkenntnis des stofflich einheitlichen Auf­baus der Welt sowie die Tatsache, daß um 1925 nur ein kleiner Teil der bekannten Linien der Sternspektren noch der Deutung harrte. Im Jahre 1927 gelang dann I. S. Bowen und A. Fowler die Lösung des Rätsels der Nebuliumlinien, und zwar nicht durch die Erzeugung der Linien im Laboratorium, sondern durch theoretische Über­legungen: Aus der Bohrschen Atomtheorie war bekannt, daß die Anregungsdauer der normalen angeregten Zustände des Atoms sehr kurz ist; nach etwa 10~8 Sekunden „springt” ein angehobenes Elektron unter Lichtemission in den Grundzustand zurück. Daneben gibt es aber auch noch Anregungsniveaus, in denen das Elektron wesentlich länger verweilt, die „metastabilen Zustände”. Ein Über­gang zu Zuständen geringerer Energie ist hier im allgemeinen nicht möglich; er ist nach bestimmten „Auswahlregeln” verboten. Die metastabilen Zustände führen deshalb auch im allgemeinen nicht zur Lichtemission, sondern geben ihre Energie bei Zusammenstößen mit anderen Atomen ab. Solche Zusammenstöße finden nun aber in den äußerst dünnen galaktischen Nebeln nur sehr selten statt, so daß die metastabilen Zustände zur Emission von „verbotenen Linien” führen. Speziell die „Nebuliumlinien” entpuppten sich als „ver­botene Linien” der bekannten Elemente Stickstoff und Sauerstoff. Ähnlich klärten sich auch die Linien des „Koronium” in der Son­nenkorona auf.

    Die Temperaturen der Sterne
    Bis zum Jahre 1900 hatte das gesamte theoretische Rüstzeug der Astrophysik im Kirchhoffschen Gesetz der Hohlraumstrahlung, im Dopp/erschen Prinzip und in den Gasgesetzen bestanden. Für eine Bestimmung der Sterntemperaturen reichten diese Kenntnisse nicht aus. Lediglich für die Sonne war die Ableitung von Oberflächentem­peratur auf Grund der Solarkonstanten und unter Verwendung des Stefan-Boltzmannsehen Gesetzes gelungen . Das Mensche Verschiebungsgesetz war nur in begrenztem Umfang anwendbar, da die Intensitätsmaxima schon für Temperaturen über 7000° so weit in den kurzwelligen Spektralbereich hineinreichen, daß eine Messung mit den damals zu Gebote stehenden Hilfsmitteln nicht möglich war. Für die Ableitung von Sterntemperaturen unter Be­nutzung des Stefan-Boltzmannschen Gesetzes fehlte im allgemeinen die Kenntnis der strahlenden Oberflächen. Deshalb machte erst das P/anc/csche Strahlungsgesetz alle Sterne einer Temperaturmessung zugänglich. Neben zahlreichen experimentellen Problemen, die dabei zu lösen waren, mußte nun aber auch die Rolle der at­mosphärischen Extinktion, d. h. der Abschwächung des Sternlichts in den einzelnen Wellenlängen durch die Atmosphäre, genau unter­sucht werden, wie dies unter anderen J. Wilsing getan hat. Zöllner hatte schon 1873 die Vermutung ausgesprochen, daß die Kenntnis des Intensitätsverlaufs im Spektrum der Sterne es gestatten müßte, „die Temperaturverhältnisse derselben wenigstens qualitativ zu bestimmen, d. h. zu entscheiden, welcher von zwei Sternen eine höhere Temperatur besitzt”4. 1880 wagte Vogel nach gründlichen und unter schwierigen experimentellen Bedingungen gewonnenen spektralfotometrischen Meßreihen die Aussage, daß die roten Sterne annähernd die Temperatur des elektrischen Flammenbogens besit­zen (etwa 4000°). An diesen Befund schloß er die Zuversicht an, daß es mittels der Kirchhoffschen Funktion dereinst gelingen könnte, die Temperaturen der Sterne exakt abzuleiten. Vogel wies damit den richtigen Weg. Andere Versuche hingegen, z. B. aus dem Auftreten bestimmter Laboratoriumslinien auf die Temperatur zu schließen, führten nicht zum Erfolg. Die mühsamen spektralfotometrischen Untersuchungen aber, die Vogel und Müller 1880 durchgeführt und zu qualitativen Aussagen über die Sterntemperaturen benutzt hatten, dienten 1901 sogar als Grundlage einer exakten Ableitung von Stern­temperaturen. B. Harkänyi bestimmte daraus die Temperaturen von Sonne, Sirius, Wega, Aldebaran und Beteigeuze. Die Benutzung des P/andcschen Strahlungsgesetzes für die Tem­peraturbestimmung der Sterne lag zwar seit 1900 auf der Hand, es bestanden aber noch erhebliche experimentelle Schwierigkeiten in der Durchführung der Spektralfotometrie. Wieder waren es Pots­damer Astrophysiker, J. Wilsing und J. Scheiner, die 1909 auf diesem Gebiet Pionierarbeit leisteten. Sie verglichen ausgewählte Teile von Sternspektren mit den entsprechenden Stellen in Vergleichs­spektren. Allein dies barg vielerlei Tücken in sich. Hernach mußte aber noch die physikalische Aufgabe gelöst werden, die Intensitäts­verteilung im Spektrum der Vergleichsquelle mit der eines Schwar­zen Strahlers bestimmter Temperatur in Beziehung zu bringen. Das Resultat der äußerst mühevollen Arbeit war ein Verzeichnis der Temperaturen von 109 hellen Fixsternen. Die auf diese Art ge­messenen Farbtemperaturen waren ein wesentlicher Beitrag für die Entwicklung von Temperaturbestimmungsmethoden. Später arbeitete Rosenberg eine fotografische Methode zur Tem­peraturbestimmung aus, bei der die IntensitätsVerteilung in den Spektren spektralfotometrisch gewonnen wird. Dabei stellte sich jedoch heraus, daß denselben Spektraltypen je nach der angewen­deten Methode z.T. sehr abweichende Temperaturen zugeordnet werden mußten, d. h., daß Abweichungen in der Farbskala auftraten. Vor allem A. Brill hat sich daher mit der Ableitung einer einheitlichen Temperaturskala beschäftigt. Dabei machte er den wichtigen Vor­schlag, die Farbtemperatur der Sterne aus dem von K. Schwarz­schild eingeführten Farbenindex (FI) zu bestimmen. Der FI gibt die Differenz der Helligkeiten des zu untersuchenden Objektes in zwei verschiedenen Spektralbereichen an und ist ein Maß für die In­tensitätsverteilung, das außerdem gegenüber Störungen des Inten­sitätsverlaufs relativ wenig anfällig ist. Solche Störungen treten aber in den Sternspektren unvermeidlich auf, da es sich bei den Sternen nicht um ideale Schwarze Strahler handelt. Die praktische Realisierung der Messungen geschah in Form von Relativbestimmungen, d.h., die Spektren der einzelnen Sterne wurden miteinander verglichen, und der Anschluß an absolute Werte wurde dann im Laboratorium vollzogen. Dieser Anschluß ist der komplizierteste Teil der Sterntemperaturbestimmung, vor allem wegen der großen Differenz zwischen der Temperatur der Sterne und der des Schwarzen Strahlers.
    Das Problem der Temperaturbestimmungen von Sternen hatte aber damit nicht den Endpunkt seiner Geschichte erreicht. Vielmehr sind verschiedene Methoden zur Bestimmung der Temperatur möglich, die auch stets zu etwas voneinander abweichenden Werten führen. Neben der historisch am frühesten bestimmten Farbtemperatur erhält man bei Anwendung anderer Methoden die sogenannte Gradationstemperatur, die Strahlungstemperatur und andere. Von größtem Interesse für die Astrophysik ist der Übergang von diesen verschiedenen Temperaturen zu einer eindeutigen, der sogenannten effektiven Temperatur. Ein Stern besitzt definitionsgemäß die effektive Temperatur Te, wenn er je Flächeneinheit die gleiche Gesamtenergie emittiert wie ein Schwarzer Strahler der Temperatur Te. Offensichtlich ist es erforderlich, die Flächenhelligkeiten der Fixsterne zu kennen und daraus die effektiven Temperaturen ab­zuleiten. Dazu ist nur eine kleine Zahl von Sternen (Sonne, einige Bedeckungsveränderliche und einige Sterne mit interferometrisch bestimmbarem Durchmesser) geeignet. Die Skala der effektiven Temperaturen ist daher auch heute noch verhältnismäßig unsicher. W. Becker versuchte um 1940 empirisch, unter Benutzung von 8 Cepheiden und Bedeckungsveränderlichen, eine Beziehung zwi­schen Farbtemperaturen und effektiven Temperaturen zu finden. Das Auffinden dieser Relation hat die astrophysikalische Bedeutung der Farbtemperaturen dadurch erhöht, daß sie nun unmittelbar in effektive Temperaturen umgewandelt werden konnten, die als Grundlage für strahlungsenergetische Rechnungen dienen.

    Das Hertzsprung-Russell-Diagramm und die Entwicklung der Sterne
    Mit der wachsenden Kenntnis von Sternparallaxen wurde auch der Zugang zu einer weiteren wichtigen Zustandsgröße der Fixsterne geschaffen: der absoluten Helligkeit. Daß die Sterne unterschiedlich hell erscheinen, ist durch ihre unterschiedlichen Entfernungen mit­bedingt. Daher sind die scheinbaren Helligkeiten keine Zustands-größen der Sterne. Reduziert man sie aber auf eine Einheitsentfer­nung, so stellen die dann gewonnenen „absoluten Helligkeiten” echte Zustandsgrößen der Sterne dar; sie sind ein Maß für die Leuchtkraft und damit für die je Zeiteinheit von den Sternen abgestrahlte Energie.
    Schon Mädler hatte aus den sehr voneinander abweichenden schein­baren Helligkeiten der Komponenten von Doppelsternsystemen den Schluß gezogen, daß die absoluten Helligkeiten der Sterne unter­schiedlich seien. In größerem Umfang konnte diese Frage aber erst untersucht werden, als durch umfassende Parallaxenbestimmungen genügend Sternentfernungen bekannt wurden. So kommt es, daß man erst um 1900 die großen Streuungen in den absoluten Hellig­keiten der Sterne kennenlernte.
    Gleichzeitig standen um jene Zeit Fragen der Spektralklassifikation im Mittelpunkt des Interesses der Astrophysiker, und diese hatten von Anbeginn starken Einfluß auf die Vorstellungen von einer möglichen Entwicklung der Sterne ausgeübt. Die allgemeine Ent­wicklungsauffassung ging dahin, daß die Sterne im Laufe ihres Lebens einen Abkühlungsprozeß durchmachen und dabei ihre Farbe der Reihenfolge der Spektralklassen entsprechend von weiß nach rot verändern. Diese Auffassung vom Entwicklungsweg der Sterne hat zu der noch heute gebräuchlichen Unterscheidung in „frühe”, „mittlere” und „späte” Spektralklassen geführt. Nimmt man nun an, daß die Sterne im allgemeinen gleich beschaffen sind, so kann man erwarten, daß die absoluten Helligkeiten der Sterne von den „frü­hen” zu den „späten” Spektralklassen abnehmen. Damit erwachte notwendig das Interesse an der näheren Untersuchung der Bezie­hung zwischen den absoluten Helligkeiten und den Spektralklassen der Sterne.
    Schon um 1893 beschäftigte sich der irische Privatastronom W. H. S. Monck mit der eventuellen Abhängigkeit zwischen den absoluten Helligkeiten der Sterne und ihrem Spektraltyp. Jedoch waren damals weder die Spektralklassifikation noch das Material über die Ent­fernungen der Sterne weit genug entwickelt, um hier zu eindeutigen Aussagen zu kommen. Als sich der junge dänische Ingenieur und Spezialist für Fotochemie Ejnar Hertzsprung mehr als ein Jahrzehnt später derselben Frage zuwendete, waren die Erfolgsaussichten schon wesentlich günstiger. Inzwischen war die Spektralklassifika­tion durch die Mitarbeiter des Harvard-Observatoriums wesentlich verfeinert worden. Freilich an Sternparallaxen mangelte es noch immer. Jedoch konnten die bereits vorliegenden Messungen und die Aussagekraft der Eigenbewegungen bei kritischer Durchsicht diesen Mangel wenigstens teilweise beheben.
    Die Grundidee von Hertzsprung bestand darin, aus den schon vor­liegenden Beobachtungen der Parallaxen und Eigenbewegungen die absoluten Helligkeiten der Sterne herzuleiten und aus den ebenfalls vorliegenden Materialien der Spektralkataloge die Beziehung zwi­schen den absoluten Helligkeiten und den Spektralklassen zu er­mitteln. Um den eventuell bestehenden Zusammenhang nicht durch ungenaue Meßwerte zu verdunkeln, zog er es vor, sich auf eine relativ kleine Zahl zuverlässig bestimmbarer absoluter Helligkeiten zu beschränken.
    Hertzsprung veröffentlichte seine Erkenntnisse 1905 und 1907 in einer zweiteiligen Publikation unter dem Titel „Zur Strahlung der Sterne”. Leider brachte er diese klassische Untersuchung in der „Zeitschrift für wissenschaftliche Photographie” heraus, so daß der Inhalt den Astronomen erst allmählich bekannt wurde. Später hat Hertzsprung die wesentlichen Resultate in erweiterter Form noch einmal in den „Astronomischen Nachrichten” publiziert, und dies war für die Verbreitung seiner Ideen sehr wichtig. In der Folgezeit zeigte sich nämlich, daß die in diesen vom Umfang her relativ unscheinbaren Arbeiten ausgesprochenen Erkenntnisse und Vermutungen Wegweisend für die weitere Erforschung des Wesens der Sterne waren und zu hoher Bedeutung gelangten, die sie bis heute bewahrt haben. Hertzsprung kam in diesen Arbeiten zu dem wichtigen Schluß, daß die absolute Helligkeit der Sterne im allgemeinen mit ihrer Rotheit abnimmt, d. h., je weiter sich die Farbe der Sterne nach rot verschiebt, um so geringer sind die absoluten Helligkeiten. Darüber hinaus entdeckte Hertzsprung — und dies war eine Über­raschung —, daß für einige Sterne der Spektralklassen G bis M trotz gleichen Spektraltyps große Unterschiede der absoluten Helligkeiten ‘ zu verzeichnen waren. Dies kam praktisch der Entdeckung gleich, daß die Sterne der späten Spektraltypen im Gegensatz zu den an­deren in zwei Gruppen zerfallen: solche mit großen absoluten Helligkeiten und solche mit kleinen absoluten Helligkeiten. Der eindeutige Zusammenhang zwischen Spektraltyp und absoluter Helligkeit fehlte also hier. Obwohl Hertzsprung sich nicht darüber im klaren war, auf welche Ursachen dieses unterschiedliche Verhalten zurückgeführt werden könnte, vermutete er in den Sternen der späten Spektraltypen mit hoher Leuchtkraft bereits „Riesen”-Sterne. Den Namen hatte aller­dings schon Ende des 19. Jahrhunderts W. H. S. Monck in der englischen Version „giants” gebraucht. Mit dieser Bezeichnung wurde aber zunächst keine konkrete Vorstellung verbunden; sie sollte einfach die großen Helligkeiten zum Ausdruck bringen. Die klassischen Arbeiten Hertzsprungs enthalten noch einen wei­teren wegweisenden Gedanken, der ein interessantes Zeugnis für die Rolle des Spürsinns in der wissenschaftlichen Forschung darstellt. Hertzsprung vertrat nämlich mit Nachdruck die Auffassung, daß sich die großen Unterschiede in den absoluten Helligkeiten der Sterne der späten Spektralklassen auf irgendeine Weise auch im Spektrum dieser Sterne ausdrücken müßten, obwohl die für die Klassifizierung maßgeblichen Merkmale übereinstimmten. Für diese Vermutung gab es im Jahre 1905 nur sehr spärliche Anhaltspunkte, und doch hat Hertzsprung damit die Grundidee der Bestimmung von spektroskopischen Parallaxen ausgesprochen, die knapp 10 Jahre später realisiert wurde.
    Die Kriterien für die absolute Helligkeit in den Sternspektren wurden 1914 von Adams und Kohlschütter entdeckt. Als besonders geeignet erwies sich das Verhalten bestimmter Absorptionslinien, deren In­tensität eine signifikante Abhängigkeit von den absoluten Hellig­keiten besitzt. Adams und Kohlschütter eichten das Verfahren mit Hilfe von Sternen, deren Parallaxen gut bekannt waren. Sie haben damit eine in ihrer allgemeinen Anwendbarkeit sehr bedeutsame Methode der Entfernungsmessung von Sternen geschaffen. Bis zum Jahre 1935 wurden etwa 6000 Sterne aller Spektralklassen nach der Methode der spektroskopischen Parallaxen vermessen. Was Hertzsprungs Erkenntnisse anlangt, so ist die Feststellung aufschlußreich, daß sie im Grunde Früchte reiner Schreibtischarbeit gewesen sind. Hertzsprung hat kaum Materialien herangezogen, die nicht bereits in gedruckter Form vorgelegen hätten, also nur solche Materialien benutzt, in denen seine Ergebnisse gleichsam als ver­steckte Informationen bereits enthalten waren. Welche Erfolge brachten nun die Befunde Hertzsprungs für die Kenntnis der Sternentwicklung?
    K. Schwarzschild stellte 1909 fest: „Es ist an sich höchst merk­würdig und durch keine Theorie über die Entwicklung der Sterne vorauszusehen, daß so zerstreut zwischen den gewöhnlichen Sternen diese Giganten liegen”, d. h., daß die neuentdeckten Riesen mit den vorhandenen Auffassungen nicht in Einklang zu bringen waren. Hertzsprung hatte versucht, diesen Einklang herzustellen, indem er eine Teilung der Sterne in zwei kollaterale Serien annahm. In beiden Serien sollte die absolute Helligkeit den Erwartungen der herrschen­den Entwicklungstheorie entsprechend mit wachsender Rotheit abnehmen. Die vorgefundene Häufigkeitsverteilung der Sterne sollte durch die Zeit gegeben sein, die ein Stern während seines Lebens in jeder Spektralklasse zubringt. Später ist Hertzsprung auf diese Ideen jedoch nicht wieder zurückgekommen, zumal sich während der weiteren Forschung erwies, daß andere Vorstellungen na­heliegender waren.
    In den genannten Originalpublikationen von Hertzsprung wird man übrigens das berühmte Hertzsprung-Russell-Diagramm (HRD) ver­gebens suchen. Hertzsprung ließ es dabei bewenden, die von ihm untersuchten Zusammenhänge in Form von Tabellen zu publizieren. Erst im Jahre 1911 stellte er den Zusammenhang zwischen den Farben und den Helligkeiten für die Sterne der Plejaden und der Hyaden als erstes Farben-Helligkeits-Diagramm (FHD) grafisch dar. Die erste grafische Darstellung des Zusammenhanges zwischen Spektraltyp und absoluter Helligkeit der Sterne wurde von H. N. Russell im Jahre 1913 gegeben. Russell hatte sich unabhängig von Hertzsprung mit demselben Problem beschäftigt und war dabei zu denselben Ergebnissen gekommen wie Hertzsprung vor ihm. Rus­sell schlug für die Sterne der späten Spektraltypen mit geringen absoluten Helligkeiten als Gegenstück zu den Riesen die Bezeich­nung „Zwerge”  vor. Er war es auch, der die wichtige Frage klärte, was die Riesen und Zwerge eigentlich ihrem Wesen nach sind; denn bis dahin hatte man die Begriffe Riesen und Zwerge verwendet, ohne zu wissen: Waren die Riesen von derselben Konsistenz wie die Zwerge, aber viel massereicher, oder waren die Massen der Riesen und Zwerge annähernd gleich, während die Riesen eine viel größere Ausdehnung und damit eine wesentlich geringere Dichte als die Zwerge haben?
    Russell konnte aus sorgfältigen Untersuchungen an Bedeckungs­veränderlichen einwandfrei nachweisen, daß die superhellen roten Sterne im Verhältnis zu den roten Sternen geringer Leuchtkraft riesige Durchmesser haben, während ihre Massen mit denen der anderen Sterne annähernd vergleichbar sind. Dieser Befund war nun für Russell ein ganz wesentlicher Anstoß zur Modifikation der herrschenden Entwicklungstheorie der Sterne. Er gliederte die Gi­ganten in den Lebensweg der Sterne ein, indem er sie an den Anfang der Sternentwicklung stellte. Die Sterne sollten ihren Weg demnach als Objekte sehr großer Ausdehnung und niedriger Temperatur als Riesensterne des Spektraltyps M beginnen. Unter der Wirkung der Gravitation sollte eine Verkleinerung des Durchmessers und eine Erhöhung der Temperatur zustande kommen, bis der Stern als Objekt des Spektraltyps B einen Platz links oben im HRD erreicht. Nach Beendigung der Kontraktionsphase — und dies entspricht wieder weitgehend der schon früher vertretenen Auffassung — be­ginnt der Abkühlungsprozeß. Dadurch wird der Stern wieder durch die einzelnen Spektralklassen hindurchgeführt — diesmal aber in umgekehrter Reihenfolge. Er endet wieder als ein Stern des Spek­traltyps M. Während er aber in seiner Jugend ein gigantisches Gebilde sehr geringer Dichte und großer absoluter Helligkeit war, bildet er im Alter ein relativ kleines Objekt mit geringer absoluter Hellig­keit.
    Diese Theorie der Sternentwicklung erfuhr noch eine weitere inter­essante Korrektur, als Russell — wenn auch nur aus einem relativ spärlichen Beobachtungsmaterial von Doppelsternen — ableitete, daß die Massen der roten Riesen größer sind als die Massen der anderen Sterne. Im Jahre 1911 hatte nämlich Ludendorff aus Unter­suchungen an spektroskopischen Doppelsternen gefunden, daß auch die Sterne des Spektraltyps B eine wesentlich größere Masse be­sitzen als andere Sterne der Hauptreihe des HRD. Russell versuchte nun, diese beiden Befunde in seiner Sternentwicklungstheorie zu verarbeiten. So kam er zu dem Schluß, daß die massereichen roten Riesen den Kulminationspunkt ihrer Entwicklung als Sterne des Spektraltyps B erreichen, während der Umkehrpunkt in der Ent­wicklung masseärmerer Sterne bei späteren Spektralklassen liegt, d. h., die masseärmeren jungen Sterne erreichen die Klasse B gar nicht erst, sondern der Kontraktionsprozeß geht schon vorher in den Abkühlungsprozeß über.
    Die Summe der vorhandenen Kenntnisse legte also schon damals die Annahme nahe, daß die Sternentwicklung von der Ausgangsmasse abhängt.
    Diese Entwicklungstheorie erfreute sich allgemeiner Anerkennung. Kommende Erkenntnisse über die Zustandsgrößen der Sterne schienen sie noch unerschütterlicher zu machen: Aus Dop­pelsternsystemen mit gut bekannten Parallaxen und Massenverhält­nissen hatte Hertzsprung im Jahre 1919 empirisch einen Zusammen­hang zwischen der Masse und der Leuchtkraft der Sterne abgeleitet, den schon 1911 J. K. E. Halm angedeutet hatte. Dieser besagte, daß massereichere Sterne auch die höheren Leuchtkräfte besitzen. Diese Beziehung war von sehr großer Wichtigkeit für verschiedene Teil­gebiete der modernen Astrophysik, unter anderem natürlich auch für die Bestimmung von Sternmassen, wenn damit auch keine allzugroße Genauigkeit erzielt werden konnte.
    Für die Interpretation des HRD bedeutete die Aufdeckung dieser Beziehung, daß die Massen der Sterne entlang der Hauptreihe von links oben nach rechts unten immer kleiner wurden. Dies konnte nur als eine Stütze der herrschenden Entwicklungstheorie angesehen werden, da man sich eine ständige Energieproduktion nur in Verbindung mit einer ständigen Massenabnahme der Sterne vorzustellen vermochte.
    Im Jahre 1933 entwickelte B. Strömgren eine dem Kenntnisstand entsprechende neue Interpretation des Diagramms, wobei er wesent­liche Erkenntnisse, wie die inzwischen auch theoretisch abgeleitete Masse-Leuchtkraft-Beziehung und das Eindeutigkeitstheorem des Sternauf baus von Vogt und Russell verwenden konnte. Strömgren führte damals auch die heute übliche Bezeichnung Hertzsprung-Russell-Diagramm ein, um damit auch die Verdienste Hertzsprungs bei der Erforschung des Zusammenhangs der Zustandsgrößen zu würdigen.
    Strömgren deutete an, daß die Geschwindigkeit der Sternentwick­lung von der Masse der Sterne abhängen könne und daß die genaue Untersuchung der Sterne in Sternhaufen, bei denen man gleiches Alter voraussetzen könne, geeignet sei, diese Frage näher zu klären. Gerade das Vogt-Russell-Theorem, nach dem die Entwicklung von Sternen nur möglich ist, wenn sich die Masse eines Sterns oder seine chemische Zusammensetzung oder beide ändern, verwies aber be­sonders deutlich auf die Grenzen, die einer begründeten Entwick­lungstheorie der Sterne um 1930 noch gesetzt waren. Denn für die Änderungen der Massen oder der chemischen Konstitution der Sterne sind natürlich die Prozesse maßgebend, aus denen die Energie der Sterne gewonnen wird. Und gerade darüber hatte man nur Vermutungen. Strömgren betonte daher in seinem wichtigen Aufsatz „On the Interpretation of the Hertzsprung-Russell-Diagram” zu Recht, daß man endgültige Antworten auf die Frage nach der Sternentwicklung erst erwarten könne, wenn man die Energiequellen der Sterne aufgedeckt habe .

    Blick ins Innere der Sterne
    Die Erforschung des Sterninnern, ohne die das Wesen der Sterne letztlich nicht verstanden werden kann, begegnet einer entscheiden­den Schwierigkeit: Alle Strahlung der Sterne, die unserer Unter­suchung zugänglich ist, stammt aus einer im Verhältnis zum Radius der Sterne sehr dünnen äußeren Schicht. Eine direkt meßbare Botschaft aus dem Innern der Sterne gelangt nicht zu uns—scheinbar eine völlig aussichtslose Situation. Daß die Frage nach dem inneren Aufbau der undurchsichtigen Sterne dennoch mit Erfolg in Angriff genommen werden konnte, hängt wiederum sehr eng mit den Er­rungenschaften anderer wissenschaftlicher Disziplinen zusammen. Die hohen Temperaturen der Sterne, die man schon kannte, ehe das Plancksche, Strahlungsgesetz den exakten Zugang zur Tem­peraturmessung brachte, legten es nahe, sich die Sterne als Kugeln in gasförmigem Aggregatzustand vorzustellen. Dann läßt sich auf mathematischem Weg und unter Verwendung der Gasgesetze etwas über das geheimnisvolle Innere der Sterne in Erfahrung bringen. Die erste Abhandlung, die solche Überlegungen enthält, stammt aus dem Jahre 1870 von dem englischen Physiker J. H. Lane und trägt den Titel: „Über die theoretische Temperatur der Sonne aufgrund der Hypothese einer gasförmigen Masse, die ihr Volumen infolge ihrer inneren Wärme aufrechterhält und die den Gasgesetzen gehorcht, wie sie aus irdischen Versuchen bekannt sind”. Lane nahm also an, daß die bekannten Gasgesetze auch für den Sonnenkörper gültig sind, und tauchte mit dem Rüstzeug des Theoretikers ins Sonnenin­nere. Dabei postulierte er ein ständiges Gleichgewicht zwischen dem nach innen wirkenden Gewichtsdruck der Gasmassen und dem nach außen wirkenden Gasdruck der Sternmaterie. Nach Lane haben sich verschiedene andere Gelehrte mit dieser Frage beschäftigt. In klassischer Weise gelanges dem Astrophysiker R. Emden im Jahre 1907, den inneren Aufbau der Sonne in seinem Buch „Gaskugeln” darzustellen. Es ist interessant, daß dieses weg­weisende Buch nach den eigenen Angaben des Autors aus dem Bestreben entstand, die abstrakte Behandlung der Thermodynamik an den Hochschulen durch praktische Anwendungsbeispiele zu beleben. Die Behandlung der Sterne als Gaskugeln ist ein weiteres Beispiel für die enge Zusammenarbeit der verschiedensten Dis­ziplinen bei der Klärung astronomischer Forschungsprobleme. Hier wurde ein Knoten geschurrt, „dessen Fäden aus fast allen Gebieten der Physik zusammenliefen”.
    An die Arbeit von Emden knüpfte vor allem A. S. Eddington an, der die heute noch gültigen Grundlagen der modernen Theorie des inneren Aufbaus der Sterne geschaffen hat. Ihm gelang es, aus der Masse und dem Radius eines Sterns das Temperaturgefälle im Stern-innern zu berechnen und daraus die Leuchtkraft der Sterne theore­tisch herzuleiten. Zunächst scheint es plausibel, daß die Kenntnis der chemischen Zusammensetzung des Sterns eine sehr wesentliche Größe für die Berechnung der inneren Temperatur ist; denn die Temperatur kann nur ermittelt werden, wenn der Druck bekannt ist, und dieser hängt natürlich vom mittleren Gewicht der Teilchen ab. Tatsächlich treten aber bei den Temperaturen der Sterne alle Atome ionisiert auf. Jedes Atom ist also auseinandergebrochen, die Elek­tronen sind vom Kern getrennt. Nun läßt sich zeigen, daß dann das mittlere Gewicht der Teilchen nahezu unabhängig von der che­mischen Zusammensetzung des Gases ist, denn schwerere Elemente besitzen entsprechend ihrer Kernladung auch mehr Elektronen als leichte. Als mittleres Molekulargewicht stellt sich demnach ein Wert um 2 ein. Eine beträchtliche Abweichung von diesem Mittelwert ergibt sich lediglich für Wasserstoff. Das Wasserstoffatom besteht aus dem Proton im Kern und dem Elektron in der Hülle. Nach Ionisierung ergibt sich als mittleres Atomgewicht daher 0,5. Somit stand Eddington zwar nicht vor der allgemeinen Frage nach der chemischen Zusammensetzung der Sterne, wohl aber vor der Frage nach dem Wasserstoffgehalt. Setzt man einen niedrigen Wasser­stoffgehalt der Sterne an, so resultiert daraus ein wesentlich höherer Druck und eine wesentlich höhere Temperatur im Sterninnern als bei höheren Wasserstoffanteilen. Eddington ging nun zunächst von einem verschwindend geringen Wasserstoffgehalt aus. Die bei vor­gegebenen Radien und Massen der Sterne ermittelten Leuchtkräfte — so zeigten es die Messungen —fielen stets zu hoch aus. Dies konnte nun zweierlei Ursachen haben: Entweder war der tatsächliche Wasserstoffgehalt wesentlich höher als der angenommene oder die zugrunde gelegten Mechanismen der Ausbreitung der elektromagne­tischen Wellen vom Zentrum des Sterns bis an die Oberfläche waren falsch. Denn auch dieser Faktor war mit Unsicherheit behaftet. Die Wellenmechanik war gerade in jenen Jahren in einer stürmischen Entwicklung begriffen, und niemand vermochte zu sagen, ob man nicht die Ausbreitung der Strahlung innerhalb des Sterns bis an seine Oberfläche falsch ausgerechnet hatte.
    Anfang der dreißiger Jahre war diese Frage theoretisch und praktisch geklärt: Die Ausbreitung hatte man im wesentlichen zutreffend beschrieben, so daß die gemessenen Differenzen nur auf die An­nahme eines falschen Wasserstoffgehalts zurückzuführen sein konnten. Ende der zwanziger Jahre hatte die durch die Sahasche Ionisationstheorie möglich gewordene Deutung der Sternspektren zudem den enorm hohen Wasserstoff gehalt in den Sternatmosphären erwiesen, so daß damit klar war: Die Sterne besitzen einen hohen Anteil Wasserstoff und einen demgegenüber nur verschwindend kleinen Anteil schwererer Elemente.
    Schwierigkeiten bereitete lediglich eine Entscheidung der Frage, wie die Energiefreisetzung im Stern überhaupt vor sich geht und ob sie von der Temperatur und der Dichte und damit vom Ort innerhalb des Sterns abhängt. Eddington hatte angenommen, daß die vom Stern abgestrahlte Energie durch einen nicht näher zu bezeichnenden Mechanismus ständig nachgeliefert wird. Ferner, daß sich die Frei­setzung der Energie gleichmäßig über den ganzen Stern verteilt. Andere Sternmodelle hatten als Ausgangspunkt, daß die Energie im Sternzentrum freigesetzt wird (Punktquellenmodell). Daß diese Frage nicht entschieden werden konnte, hatte zunächst wenig Ein­fluß auf die praktische Brauchbarkeit der Sternmodelle. In jedem Fall gelang es, aus Radius und Masse die Zentraltemperatur zu bestimmen, aus Radius und Zentraltemperatur das mittlere Tem­peraturgefälle abzuleiten und dann mit Hilfe des Strahlungsleit­vermögens die durch die Flächeneinheit strömende Energie aus­zurechnen. Die Multiplikation mit der Oberfläche liefert dann die Leuchtkraft. Die Differenzen der Leuchtkräfte, die aus den unter­schiedlichen Modellen folgten, waren sehr gering. Bei Sternen mit bekannter Masse, gegebenem Radius und gemessener Leuchtkraft konnte man wegen der Abhängigkeit der Leuchtkraft vom Wasserstoffgehalt diesen sogar aus den bekannten Größen errechnen. Eddington leitete schließlich aus seiner Theorie des inneren Auf baus der Sterne die für die Astrophysik sehr wichtige Masse-Leuchtkraft-Beziehung ab.
    Es ist erstaunlich, wieviel detaillierte Kenntnisse man sich über den inneren Aufbau der Sterne und über den Zusammenhang der „in­neren Zustandsgrößen” mit den meßbaren Zustandsgrößen ver­schaffen konnte, ohne Kenntnisse von den Prozessen zu besitzen, die für die Freisetzung der Energie maßgebend sind.

    Kosmische Strahlung
    Die Entdeckung und Erforschung der kosmischen Strahlung ist ein weiteres charakteristisches Beispiel für die Wechselbeziehung zwischen der Erforschung des Mikrokosmos und des Makrokosmos. Im Zusammenhang mit aktuellen physikalischen Fragestellungen untersuchten C. T. R. Wilson sowie Elster und Geitel die elektrische Leitfähigkeit von Gasen. Die Feststellung, daß sich ein Elektroskop mit der Zeit wieder entlädt, wurde als Beweis dafür angesehen, daß die Luft eine bestimmte Leitfähigkeit besitzt. Wilson ging der Frage nach, wie man sich diese Leitfähigkeit der Luft erklären könne, und kam dabei im Jahre 1900 zu der Überzeugung, daß hierfür eine aus dem Kosmos eindringende Strahlung verantwortlich sei. Er gab seine Hypothese jedoch wieder auf, nachdem er bei Versuchen mit Bleiabschirmungen und Leitfähigkeitsmessungen in einem Eisen­bahntunnel eine viel geringere Abschwächung gefunden hatte, als zu erwarten war.
    Doch auch die Radioaktivitätsmessungen mit Ionisationskammern zeigten einen ähnlich merkwürdigen Effekt. Nachweisgeräte liefer­ten stets einen Reststrom, der weder durch die Verwendung von weitgehend inaktivem Wandmaterial noch durch hochgereinigte Füllgase zu beseitigen war.
    Um 1901 wurden daher wiederum Vermutungen laut, daß diese Erscheinung einer aus dem Weltall kommenden durchdringungs­fähigen Strahlung zuzuschreiben sei. Andererseits konnte es sich aber auch um Einwirkungen der Radioaktivität der Erde, des Mauerwerks der Laboratorien oder anderes handeln. Um diese Einflüsse auszuschalten, wurden Versuche mit Ionisationskammern auf hohen Türmen angestellt. Messungen auf dem Eiffelturm in Paris zeigten 1909 eine wesentlich geringere Schwächung des Reststroms, als auf Grund des Abstandes vom Erdboden zu erwarten gewesen wäre, wenn es sich ausschließlich um „Erdstrahlen” gehandelt hätte. Dies sprach wieder zugunsten der kosmischen Strahlung. Aber die Resultate wurden keineswegs allgemein anerkannt, sondern von vielen Physikern z. T. mit drastischen Bemerkungen ins Reich der Phantasie verwiesen. In Graz wurde sogar eine Dissertation verteidigt, die zu beweisen suchte, daß es eine aus dem Kosmos kommende durchdringende Strahlung gar nicht geben könne. Zu den entschiedenen Anhängern der Hypothese von der kos­mischen Strahlung zählten V. Hess und W. Kolhörster. Hess stellte auch als erster den Ballon in den Dienst seiner Untersuchungen und fand bei einem Aufstieg bis 5000 m eine beachtliche Zunahme der Strahlungsintensität. Kolhörster erhärtete diesen Befund bei einem Ballonaufstieg bis in 9000 m Höhe. Obwohl diese experimentellen Resultate während der Jahre 1910—1913 gewonnen wurden, gab es selbst 10 Jahre später noch keine uneingeschränkte Zustimmung. 1923 versuchte R. A. Millikan — ebenfalls bei Ballonaufstiegen — die Ergebnisse seiner Vorgänger zu widerlegen. Erst um 1926 setzte sich die Idee von der Existenz einer aus dem Kosmos stammenden Strahlung allgemein durch. Die Frage nach der Herkunft der Strahlung leitete nun eine Reihe von Untersuchungen ein, die dem Zusammenhang zwischen kosmischen Vorgängen und Ionisationsstrom galten.
    Das erste Ergebnis dieser Forschungen war die Feststellung, daß die Intensität der Strahlung von der wahren Sonnenzeit abhängt, so daß auf einen solaren Ursprung geschlossen wurde. Dagegen sprachen allerdings Versuche, die während der totalen Sonnenfinsternis am 21. August 1914 und am 29. Juni 1927 vorgenommen wurden und bei denen sich keine merkliche Abnahme der Intensität der Strahlung feststellen ließ.
    Noch umstrittener war die Kopplung der Intensität der Strahlung mit der Sternzeit, die auf Quellen innerhalb oder außerhalb des Milch­straßensystems hingewiesen hätte. Auf Anregung von W. Nemst hatte sich Kolhörster 1923 mit dieser Frage beschäftigt und eine Korrelation der Strahlung mit der Sternzeit gefunden; sie wurde aber später von anderen Autoren wieder bestritten. Wesentliche Fort­schritte wurden erst mit der Weiterentwicklung der Meßtechnik erzielt, die durch die Entwicklung der Atomphysik und Radio­aktivitätsforschung stimuliert wurde. Vor allem die Einführung des Geiger-Müller-Zählrohres (1928) war für die weitere Erforschung der Höhenstrahlung bedeutsam. Unter Verwendung dieses neuen Nach­weisgerätes entwickelten Bothe und Kolhörster eine Koinzidenz­anordnung mit dem Ziel, die aus der kosmischen Strahlung stammenden Zählereignisse von anderen zu unterscheiden. Während man zunächst allgemein die Ansicht vertreten hatte, es handele sich um eine extrem harte Gammastrahlung, zeigten die Experimente mit den neuen Hilfsmitteln eindeutig, daß die kos­mische Strahlung korpuskularen Charakter besitzt. Man vermutete nun, daß hauptsächlich hochbeschleunigte Elektronen darin ent­halten seien. Doch auch diese Annahme mußte bald aufgegeben werden: Im Jahre 1929 fand der sowjetische Physiker D. W. Skobelzyn, daß die Teilchen der kosmischen Strahlung auch in der Wilson sehen Nebelkammer nachgewiesen werden können. Aus der Ablenkung der Teilchen in magnetischen Feldern ergab sich dann, daß es sich nicht um Elektronen handeln konnte. Nach 1930 setzte eine komplexe Erforschung der kosmischen Strahlung ein. Dabei wurde sowohl die Zusammensetzung aus verschiedenen Elementarteilchen (Mesonen, Positronen und andere) als auch die wichtige Tatsache festgestellt, daß die in Erdbodennähe gefundenen Teilchen der Strahlung nicht mit der primär in den Bereich der Erde gelangenden kosmischen Strahlung identisch sind, sondern bereits Wechselwirkungsresultate mit der Erdatmosphäre darstellen. Die Frage der Herkunft der kosmischen Strahlung konnte auf dem Boden des bis dahin verfügbaren Wissens nicht geklärt werden und ist auch heute noch nicht endgültig beantwortet.

    Das Milchstraßensystem
    Die Erforschung des Sternsystems hatte nach den Arbeiten von F. W. und J. Herschel sowie von W. Struve während des 19. Jahr­hunderts keinerlei echte Fortschritte gemacht. Zwar hatten einige Astronomen, darunter Proctor, Celoria, Stratonoff und Easton, sich zu Problemen der Verteilung der Sterne im Raum geäußert, jedoch fehlte es an einer durchgreifenden Zunahme des Beobachtungs­materials und einer entsprechenden Weiterentwicklung der Metho­den. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen sich erfolg­versprechende Wege zur weiteren Bearbeitung des Problems ab­zuzeichnen
    Die Untersuchung der Struktur des Sternsystems und die Versuche, auch die Kinematik und schließlich die Dynamik des Systems aus den Beobachtungen zu erschließen, gestalteten sich aber zu einer äußerst komplizierten Aufgabe, deren Schwierigkeiten in dem fol­genden kurzen Abriß nur angedeutet werden können. Immerhin ging es darum, die Verteilung der Sterne im Raum und ihre eventuelle Anordnung zu einer selbständigen kosmischen Einheit „von innen heraus” zu erkunden, ohne den eigenen Standort dabei zu kennen. Die gesuchte Größe ist die Anzahl der Sterne je Raumeinheit an jeder Stelle des Raumes (Dichtefunktion). Dabei muß aber der nahe­liegendste Weg, die Bestimmung der Dichtefunktion durch die Messung der Entfernung der Einzelobjekte, wegen der großen Anzahl der Sterne ausgeschlossen werden. So wurden die Astrono­men zwangsläufig dazu geführt, methodisch wieder an die von Herschel ausgearbeiteten Verfahren anzuknüpfen und von statisti­schen Daten über die Sterne auszugehen. In der ersten Phase der Stellarstatistik wurde die Verteilung der Sterne als rotationssymmetrisch zur Sonne angenommen, so daß es gerechtfertigt erschien, den Dichteverlauf mit Hilfe von analytischen Verfahren zu ermitteln. Auf diesem Gebiet haben sich vor allem H. v. Seeliger, K. Schwarz­schild und C. W. L. Charlier hervorgetan. Von den Arbeiten Seeligers ausgehend, leitete Schwarzschild im Jahre 1910die Grund­gleichung der Stellarstatistik ab, eine Integralgleichung, die den mathematischen Zusammenhang zwischen der Dichtefunktion, der Leuchtkraftfunktion und jener aus Beobachtungen zu gewinnenden Funktion darstellt, die die Verteilung der Sterne auf die scheinbaren Helligkeiten angibt. Neu war die Berücksichtigung der Leuchtkraft­funktion. Sie war erforderlich, weil die Ableitung absoluter Hellig­keiten gezeigt hatte, daß die von Herschel gemachte Voraussetzung gleicher Leuchtkräfte für alle Sterne nicht zutreffend ist. Im Zusammenhang mit statistischen Untersuchungen ist die Verteilung der Leuchtkräfte eine sehr wichtige Kenngröße, denn in einem unter­suchten Himmelsgebiet erscheinen gleichzeitig nahe Sterne geringer Leuchtkraft und entfernte Sterne hoher Leuchtkraft, d. h., von den nahen Sternen werden praktisch alle erfaßt, von den entfernten jedoch nur die Riesensterne. Diese Verfälschungen der ermittelten Sternverteilung können durch die Kenntnis der Leuchtkraftfunktion vermieden werden.
    Das Resultat der Analyse war ein Sternsystem, das stark sche­matisierte Züge aufwies: Die Sterne verteilen sich innerhalb eines abgeplatteten Rotationsellipsoids mit der Sonne im Zentrum und abnehmender Dichte nach allen Richtungen hin, in Richtung zum Pol allerdings sehr viel rascher als in Richtung zur Milchstraßenebene. Die Dimensionen sollten durch etwa l0000pc Länge und 2000 pc Dicke (Abplattung 1:5) gegeben sein.
    Daß dieses Bild des Sternsystems stark vereinfacht war, haben auch die Pioniere der Stellarstatistik empfunden; ein Blick in das Stern­gewimmel der Milchstraße zeigte eindringlich, daß ein auffallender Zug der Sternverteilung in diesem Modell überhaupt nicht erfaßt wurde: die äußerst ungleichmäßige Verteilung der Sterne, die starke Konzentration in den Sternwolken und die oft unvermittelt daneben klaffenden Sternleeren. Auch die Mittelpunktsstellung der Sonne war letztlich unbefriedigend, weil unwahrscheinlich. Außerdem hatte die Untersuchung der Sternzahlen in der Milchstraßenebene auch eine auffällige Abhängigkeit von der galaktischen Länge er­geben mit einer erhöhten Sterndichte in der Richtung zum Sternbild Schütze (Galaktische Länge \ ~ 325°) und einer besonders geringen Sterndichte in der entgegengesetzten Richtung (X ~ 145°). Diese schon bei der Betrachtung der scheinbaren Verteilung der Sterne auffallenden Tatsachen fanden in dem schematischen Sternsystem aber keinerlei Widerspiegelung. Deshalb vertraten einige Astrono­men die Ansicht, daß Methoden entwickelt werden sollten, die ein elastischeres Eingehen auf die beobachteten Besonderheiten ge­statten. An der Ausarbeitung solcher numerischer Verfahren, im Grunde Fortführungen der von Herschel begründeten „Stern­eichungen”, haben unter anderem Pannekoek, Malmquist, Seares und Kapteyn mitgewirkt. Besonders die Arbeiten von Kapteyn erlangten zeitweilig große Bedeutung. Kapteyn hatte sich schon um 1890 mit dem Problem der Struktur des Sternsystems beschäftigt und frühzeitig festgestellt, daß es vor allem an geeignetem Beobachtungsmaterial mangelte. Als er sich dieser Frage zuwendete, waren nur einige Dutzend Sternparallaxen, wenige Eigenbewegungen für Sterne mit Helligkeiten unter lm und kaum Daten von Sternen mit Helligkeiten unter 9m bekannt. Um jedoch alle erforderlichen Materialien möglichst rasch zu erlangen, reichte die Arbeitskraft eines Observatoriums nicht aus; dazu war eine internationale Zusammenarbeit und eine ausgezeichnete Orga­nisation erforderlich. Deshalb entwickelte Kapteyn seinen „Plan of Selected Areas” (Plan der ausgewählten Felder, „Kapteynsche Eichfelder”). In einer 82 Seiten umfassenden Publikation unterbreitete er dieses Projekt im Jahre 1906 der Fachwelt. Nach seinem Vorschlag sollten von Hunderttausenden von Sternen in 206 über den ganzen Himmel gleichmäßig verteilten Feldern alle zugänglichen Daten gesammelt werden, d.h. Positionen, Helligkeiten, Eigen­bewegungen, Parallaxen, Spektraltypen und Radialgeschwindig­keiten. Später wurde der Plan noch durch Hinzufügung von 18 Feldern in der galaktischen Ebene ergänzt, um für diese besonders wichtige Zone noch umfassendere Daten zu erlangen. Im Gegensatz zu den großen Durchmusterungen des 19. Jahrhunderts war das Projekt der „Selected Areas” also streng auf einen bestimmten wissenschaftlichen Zweck orientiert.
    Der Plan Kapteyns hat allgemeine Zustimmung gefunden, und zahl­reiche Sternwarten haben daran mitgearbeitet. Das Harvard-Obser­vatorium z.B. steuerte eine fotometrische Durchmusterung von Sternen bis zur Helligkeit 16m bei, am Mt.-Wilson-Observatorium ging man sogar bis 18m, in Potsdam und Bergedorf wurden spektrale Durchmusterungen bis 12m bzw. 13m in Angriff genommen. Die Vollendung des ganzen Projektes der Kapfeynschen Eichfelder zog sich allerdings dennoch mehrere Jahrzehnte hin. Bei den Versuchen, die Struktur des Sternsystems durch Anwendung numerischer Methoden zu erschließen, blieb die interstellare Ab­sorption, ebenso wie früher bei den analytischen Methoden, zu­nächst unberücksichtigt. Gerade auf die Bestimmung der Dichtefunktion konnte diese historisch bedingte Unterlassung aber nicht ohne schwere Folgen bleiben: Die scheinbaren Helligkeiten der Sterne, die letztlich das Maß für die Entfernungen darstellen, wurden dadurch kleiner, als es der Entfernung entspricht, d. h., die Ent­fernungen wurden zu groß angenommen. Die Folge davon ist die Feststellung einer Abnahme der Sterndichte nach allen Richtungen. Das Kapteynsche Universum sah daher dem schon erwähnten rota­tionssymmetrischen Gebilde sehr ähnlich. Da es jedoch keine siche­ren Anzeichen für die Existenz einer allgemein verbreiteten licht­absorbierenden Materie gab, wurde das Resultat als eine im großen und ganzen zutreffende Beschreibung des Sternsystems an­gesehen.
    Daß dieses Bild jedoch prinzipielle Mängel aufwies, wurde bald überzeugend klar, als eine sehr spezielle Gruppe von Objekten, die sogenannten Kugelsternhaufen, den Zugang zu den Dimensionen des Gesamtsystems vermittelte.
    Die Kugelsternhaufen, sternreiche Gebilde mit einer starken Kon­zentration der Sterne zum Zentrum, waren schon längere Zeit Gegen­stand der Aufmerksamkeit gewesen. Eine besondere Eigentümlich­keit war ihre scheinbare Verteilung am Firmament: Ein Drittel aller Kugelhaufen ist im Sternbild Schütze zu finden, die restlichen stehen nicht weit davon entfernt. Diese Feststellung entzog sich jeder plausiblen Erklärung, bis es schließlich gelang, die tatsächliche räum­liche Verteilung der Kugelhaufen aufzudecken. Wichtigste Vor­aussetzung dafür war aber ein sicheres Verfahren für die Bestim­mung der Entfernungen der einzelnen Kugelhaufen. Ein solches Verfahren ergab sich überraschend aus den Untersuchungen an einer Gruppe veränderlicher Sterne, deren Lichtwechsel dem der Proto­typen 8 Cephei und RR Lyrae folgt.
    1908 publizierte Miß H. Leavitt einen Katalog von 1777 veränder­lichen Sternen in der Kleinen Magellanschen Wolke am südlichen Sternhimmel. Auf Grund des vorliegenden Plattenmaterials konnten die Perioden von 16 dieser Sterne bestimmt werden. Sie lagen zwischen 1,25 und 127 Tagen. Schon in dieser Arbeit machte Miß Leavitt die interessante Feststellung, daß die helleren Sterne die längeren Perioden des Lichtwechsels aufwiesen. Vier Jahre später hatte sie das Beobachtungsmaterial weiter vervollständigt und formulierte klar, daß die scheinbaren Helligkeiten dieser Sterne etwa linear mit dem Logarithmus ihrer Perioden anwachsen. Da die betrachteten Veränderlichen alle annähernd die gleiche Ent­fernung von der Erde aufweisen, war damit gleichzeitig ein Zusam­menhang zwischen den Perioden und den absoluten Helligkeiten dieser Sterne gefunden. Miß Leavitt wies auch darauf hin, daß es außerhalb der Magellanschen Wolke veränderliche Sterne mit ähn­lichen Lichtkurven gäbe. Wenn es gelänge, die Parallaxen einiger dieser Sterne zu messen, so könnte damit praktisch eine Eichung der Beziehung zwischen Periode und absoluter Helligkeit vorgenommen werden. Dadurch würde diese Beziehung zu einer Bestimmungs­methode für absolute Helligkeiten und somit auch für Entfernungen. Nun fanden sich in den Kugelsternhaufen verschiedene Veränder­liche des Typs RR Lyrae und 8 Cephei. Die Perioden-Helligkeits-Beziehung glich derjenigen, die man für die Cepheiden der Kleinen Magellanschen Wolke abgeleitet hatte. Auf der anderen Seite waren die absoluten Helligkeiten der RR Lyrae-Sterne mit 0M recht genau bekannt, so daß sie als Eichobjekte geeignet schienen. Im Jahre 1918 nahm Harlow Shapley eine von den RR Lyrae-Ster-nen unabhängige neue Eichung der Perioden-Helligkeits-Beziehung vor, indem er die Entfernungen verschiedener Cepheiden auf andere Art, nämlich mit statistischen Methoden bestimmte. Die aus diesen Untersuchungen abgeleiteten absoluten Helligkeiten für die RR Lyrae-Sterne betrugen wieder 0M, so daß man sich in der Frage der Eichung der Perioden-Helligkeits-Beziehung noch sicherer wähnen durfte.
    Als man später detaillierte fotometrische Resultate aus den Ku­gelsternhaufen der Magellanschen Wolken besaß, ergab sich aber, daß die von Shapley abgeleitete Perioden-Helligkeits-Beziehung nicht allgemeingültig war. Vielmehr gab es merkliche Unterschiede je nachdem, ob man die Cepheiden in den Spiralarmen extragalak­tischer Systeme, in den Magellanschen Wolken (Population I) oder in den Kugelsternhaufen (Population II) mit den RR Lyrae-Sternen verglich. Die Cepheiden in den Kugelsternhaufen erwiesen sich um rd. l,5m lichtschwächer als die der Population I. Demnach waren je nach der Zugehörigkeit der Cepheiden zu den beiden Sternpopula­tionen zwei verschiedene Perioden-Helligkeits-Beziehungen gültig. Die weitreichendste Folge dieser (erst 1952 erfolgten) Korrektur war die Verdopplung aller Entfernungen, die mit Hilfe von Cepheiden der Population I bestimmt worden waren.
    Unabhängig von diesen Korrekturen war aber mit der Auffindung der Perioden-Helligkeits-Beziehung seit 1910 ein Mittel gefunden, die Entfernungen der Kugelsternhaufen zu bestimmen. Solche Untersuchungen führte Shapley um 1918 durch und kam dabei zu einem Resultat, das nicht weniger erstaunlich war als die scheinbare Verteilung vorher: Die Sternhaufen waren nämlich über ein riesiges kugelförmiges Gebiet recht gleichmäßig verteilt, das vor allem durch seine Dimensionen verblüffte. Das Zentrum der etwa 100 Kugelhaufen befand sich in Richtung zum Sternbild Schütze, jener Richtung also, die schon bei der Untersuchung der scheinbaren Verteilung durch eine hohe Sterndichte aufgefallen war. Shapley nahm nun an, daß die Mitte des kugelförmigen Raums, in dem die Sternhaufen angeordnet sind, mit dem Zentrum des Milchstraßensy­stems identisch ist. Das gesamte Sternsystem, das von den Kugel­haufen symmetrisch umgeben und durchdrungen war, mußte dem­nach etwa 100 000 pc Breite und lOOOOpc Dicke haben. Im Vergleich zu den Resultaten der Stellarstatistik war dies ein ungeheuer großes System, dessen Dimensionen einen Hinweis dar­auf darstellten, daß man mit Hilfe der stellarstatistischen Methoden nicht weit genug in den Raum vorgedrungen war. Die von Shapley abgeleitete Verteilung der Kugelsternhaufen hat im wesentlichen keine Korrekturen mehr erfahren. Wohl aber die Di­mensionen des Gesamtsystems. Auch Shapley hatte nämlich, dem Stand der Kenntnisse entsprechend, die interstellare Absorption des Sternlichts nicht berücksichtigt. Er hatte sich sogar ausdrücklich zur Vernachlässigung entsprechender Korrekturen berechtigt geglaubt, da er keine Verfärbung des Lichts der Sterne in den Kugelstern­haufen feststellen konnte. Stebbins hat aber später mittels licht­elektrischer Methoden den verfärbenden Einfluß der interstellaren Absorption in einer gesonderten Untersuchung für die Kugelstern­haufen gezeigt, so daß die Entfernungswerte verbessert werden mußten. Der Durchmesser des von den Kugelsternhaufen markierten galaktischen Halos wird heute mit 50kpc angegeben. Nach Shapleys anfangs äußerst heftig bestrittenen Erkenntnissen war eines klar: Das gesamte Sternsystem mußte bedeutend größer sein, als man bis dahin angenommen hatte. Das von der Stellarsta­tistik untersuchte Raumgebiet konnte bestenfalls als „lokales SternSystem” angesprochen werden. Welche Struktur nun das gesamte System hat, war freilich nach wie vor unklar. Hier trifft zu, was E. van der Pahlen später so charakterisierte: „Das eindrucksvolle, von den Altmeistern errichtete Gebäude liegt in Trümmern, und es ist bis jetzt noch nicht gelungen, die auf seinen stellenweise noch intakten Fundamenten errichteten provisorischen Notstandsbauten zu einem einheitlichen Neubau zusammenzufügen.”8 Wichtige Fortschritte innerhalb der Grenzen, in denen die Stellar­statistik von Natur aus befangen ist, ergaben sich aus der Berück­sichtigung der interstellaren Absorption. Seit Beginn des Jahrhun­derts hatten sich die Anzeichen gemehrt, die für die Existenz einer allgemein verbreiteten, lichtabsorbierenden Materie zwischen den Sternen sprachen.
    Vermutungen dieser Art hatte es schon lange gegeben. Olbers hatte z.B. das von ihm 1823 beschriebene berühmte Paradoxon des dunklen Nachthimmels mit der Existenz interstellarer Materie er­klärt. W. Struve war derselben Meinung; er nahm eine Helligkeitsschwächung zwischen 0,lm/kpc und 3,8m/kpc als Folge der licht­absorbierenden Materie an.
    Erst die modernen Verfahren der Astrophysik aber brachten kon­kretere Hinweise, besonders das Hilfsmittel der Fotografie und seine Anwendung durch M. Wolf und E. E. Barnard. Die Fotografie offenbarte die stark zerklüfteten Strukturen im Bereich der Milch­straße, die man zunächst als ausgedehnte Sternleeren interpretierte. Es zeigte sich jedoch, daß die ungleichmäßige Verteilung der Sterne in diesen Gebieten nur scheinbar ist und durch den Sternen vor­gelagerte, riesige Dunkelwolken vorgetäuscht wird. Ausgehend von der Tatsache zunehmender Sternzahlen pro Helligkeitsintervall mit abnehmender scheinbarer Helligkeit, entwickelten M. Wolf und andere Methoden, die es ermöglichen, aus den beobachteten Ab­weichungen der Sternzahlen von den erwarteten Werten die Ent­fernungen, Dimensionen und absorbierende Wirkung der Wolken abzuleiten .
    Es gab aber noch weitere Hinweise auf die Existenz von licht­absorbierender Materie. Einer der eindrucksvollsten war die Ent­deckung einer „nebelfreien Zone” (zone of avoidance) entlang dem galaktischen Äquator. In einem unregelmäßig geformten Band ent­lang der Milchstraße ließen sich keinerlei Nebel nachweisen, wäh­rend diese Objekte im übrigen recht gleichmäßig über den ganzen Himmel verteilt sind. Daraus konnte man zunächst schließen, daß die Nebel eine solche Orientierung auf die Milchstraßenebene auf­weisen. Als sich jedoch herausstellte, daß es sich bei den Nebeln um extragalaktische Systeme handelt, mußte diese Deutung widersinnig erscheinen. Vielmehr mußte man nun in der scheinbaren Verteilung der Nebel einen Beweis für die Absorption durch interstellare Materie erblicken, die nahe der Symmetrieebene des Milchstra­ßensystems angeordnet ist.
    Starken Auftrieb erhielt diese Interpretation durch den Vergleich mit anderen Sternsystemen, so z. B. bei dem Objekt N. G. C. 891, das in der Gegend seines galaktischen Äquators deutlich eine Schicht nicht­leuchtender Materie erkennen läßt. Schließlich deuteten mehrere Phänomene auch darauf hin, daß die interstellare Materie nicht nur in der Nähe des galaktischen Äquators zu Wolken vereinigt vorkommt, sondern innerhalb des Sternsystems ganz allgemein verbreitet ist. Im Jahre 1904 untersuchte J. Hartmann die Radialgeschwindigkeit des spektroskopischen Doppelsterns 8 Orionis. Eine der Spektral­linien zeigte ein merkwürdiges Verhalten: Die Linie des ionisierten Kalziums teilte die durch die Bahnbewegungen bedingten perio­dischen Linienverschiebungen nicht. Diese „ruhende Kalziumlinie” — so schlußfolgerte Hartmann — hat deshalb auch höchstwahr­scheinlich nichts mit der Atmosphäre des Sterns zu tun, sondern sie entsteht durch ein im Raum zwischen den Sternen verbreitetes Kalziumgas. Slipher und andere konnten später nachweisen, daß es sich bei den „ruhenden Kalziumlinien” um eine sehr verbreitete Erscheinung handelt. Nach und nach wurden außerdem zahlreiche andere „ruhende Linien” entdeckt, die anderen Elementen zu­zuschreiben waren und Beweis für die Existenz der interstellaren Materie waren. Endgültige Gewißheit ergab sich aus den Beobachtungen von R. J. Trümpier, der sich um 1930 mit den offenen Sternhaufen beschäftigte. Er konnte zeigen, daß bestimmte Haufen annähernd gleiche Dimensionen haben, so daß die Ausmessung ihrer scheinbaren Durchmesser die Bestimmung der Entfernungen gestattete. Man kann dann mit zunehmender Entfernung eine gesetzmäßige Ab­nahme der Helligkeit dieser Haufen erwarten, die aber von Trümpier in Wirklichkeit stets größer gefunden wurde. Er schloß daraus eben­falls auf eine allgemein verbreitete interstellare Materie. Auf allen diesen Entdeckungen gründete sich seit etwa 1930 ein neues wich­tiges Teilgebiet der modernen Astrophysik, dessen ausschließlicher Gegenstand die interstellare Materie ist.
    Für die weitere Entwicklung der Stellarstatistik war die interstellare Materie von großer Bedeutung. Obwohl man zunächst in Ermange­lung genauerer Kenntnisse eine gleichmäßige Verteilung annahm, also mit einer universell gültigen Absorptionskonstante rechnete, ergaben sich doch bereits einige Änderungen, die noch drastischer wurden, als die Untersuchungen über die Absorption in verschie­denen Richtungen berücksichtigt wurden. Zwar wurde ebenfalls eine abnehmende Sterndichte von der Sonne nach allen Richtungen fest­gestellt, bei Entfernungen über 1000 pc jedoch konnte ein Anstieg der Dichte beobachtet werden. Dies traf besonders auf die schon genannte Vorzugsrichtung von X = 325° zu. Dieser Befund paßte durchaus zu der Vorstellung, daß die Sonne sich zwar in einer relativ dicht mit Sternen bevölkerten Gegend des Universums befindet, die aber nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Gesamtsystem darstellt. Somit mußte es auch als sehr wahrscheinlich angesehen werden, daß der große Raum zwischen den Kugelsternhaufen außerhalb des „lokalen Systems” ebenfalls nicht sternenleer ist. Die nähere Unter­suchung dieser Frage konnte aber bestenfalls mit Hilfe absolut sehr heller Objekte gelingen, weil diese auch aus großen Entfernungen noch mit hinreichender scheinbarer Helligkeit gesehen werden können. Außerdem mußte man auch die Entfernungen dieser Ob­jekte ermitteln können. Ihre Untersuchungen lieferten nun „ein weitmaschiges Gerüst, dessen Zwischenraum wir uns auf Grund der Erfahrungen in der Umgebung der Sonne ausgefüllt denken”9. Eines der wesentlichen Resultate dieser Untersuchungen war wieder die Feststellung eines Häufigkeitsmaximums, das mit dem Mittel­punkt des Kugelhaufensystems zusammenfällt. Sieht man das Vor­kommen der absolut sehr hellen Objekte als Indikatoren für das Vorhandensein von Sternen überhaupt an, so ergibt sich daraus die Vorstellung von einem sehr massereichen Zentrum des Systems, das sich freilich der direkten Beobachtung entzieht. Zu diesen Befunden wurden nun die Ergebnisse kinematischer Untersuchungen hinzugezogen, woraus sich im Großen ein wider­spruchsfreies Bild ableiten ließ, das zugleich die Möglichkeiten zur Entwicklung einer dynamischen Theorie des Milchstraßensystems eröffnete.
    Die Untersuchung der Kinematik des Sternsystems beruht z. T. auf den Methoden der klassischen Positionsastronomie und teilweise auf der Anwendung astrophysikalischer Hilfsmittel, die sich gegenseitig sinnvoll ergänzen.
    Der erste Hinweis darauf, daß die Fixsterne nicht ortsfest am Himmel stehen, stammt von Halley; er stellte beim Vergleich der Beobachtungen aus dem Sternkatalog des Ptolemäus mit zeit­genössischen Positionsangaben im Jahre 1718 fest, daß die Sterne Sirius, Aldebaran und Arktur ihre Örter verändert hatten. Diese interessante Tatsache, die darauf hindeutete, daß die Fixsterne ihren Namen seit Jahrtausenden zu Unrecht trugen, veranlaßte sehr genaue Positionsmessungen und führte zum sicheren Nachweis der Existenz von Eigenbewegungen durch T. Mayer um 1760. Durch sein umfangreicheres Material wurde erstmals die Frage nach den Ge­setzen der Eigenbewegungen der Sterne aufgeworfen. Mayer ging von der Annahme aus, daß die Eigenbewegungen der Sterne nach Richtung und Größe regellos verteilt sind. Sie stellen eine Komponente der Pekuliarbewegungen der Sterne dar. Dann muß sich eine als sehr wahrscheinlich zu betrachtende Pekuliarbe-wegung der Sonne in einem systematischen Bestandteil der Eigen­bewegungen der anderen Sterne widerspiegeln, aus der sich der Zielpunkt der Sonnenbewegung am Himmel (Apex) bestimmen läßt. Erstmals — wenn auch noch sehr fehlerhaft — gelang dies F. W. Herschel 1783. Später wurden Apexbestimmungen aus verbesserten Eigenbewegungen oft abgeleitet und präzisiert und schließlich ab 1885 auch durch die Methodik der Radialgeschwindigkeitsmessun-gen ergänzt, die außerdem eine Bestimmung der Geschwindigkeit der Sonnenbewegung gestattete.
    Die genaue Untersuchung der Elemente der Sonnenbewegung führte um 1915 zu einem außerordentlich wichtigen Befund, der später die Basis der dynamischen Theorie des Milchstraßensystems geworden ist:   Bei   der   Untersuchung  der  Radialgeschwindigkeiten   von Pahlen und Oort diesen Effekt in den Jahren 1923 bis 1928 genauer untersucht. Die Abhängigkeit der Radialgeschwindigkeiten von der galaktischen Länge ergibt in der graphischen Darstellung die Form einer doppelten Sinuswelle mit den Maxima und Minima bei X = 10° und \ = 190° bzw. \ = 100° und X = 280°. Für die Längen 325° und 145° nehmen die pekuliaren Radialgeschwindigkeiten den Wert Null an. Hier begegnete man erstmals bei kinematischen Untersuchungen den bereits wohlbekannten Richtungen zum Zen­trum und zum Antizentrum des Systems wieder. Eine Untersuchung der Doppelwellen für Objekte in verschiedenen Entfernungen zeigte außerdem, daß die Amplituden um so größer ausfallen, je weiter die Objekte entfernt sind. Auch war der Effekt keineswegs nur auf B-Sterne beschränkt.
    Aus alledem war zu entnehmen, daß es sich hier um kinematische Daten handelte, die für die Deutung der Bewegungsvorgänge in­nerhalb des Milchstraßensystems von beträchtlicher Bedeutung sein mußten. Davon gingen auch Lindblad und Oort aus, als sie um ” 1926/27 eine dynamische Theorie der Milchstraße aufstellten. Oort versuchte darin, die gefundenen kinematischen Fakten und die Ergebnisse über die Massenverteilung (abgeplattetes Rotations­ellipsoid mit Massenkonzentration im Zentrum) zu vereinigen. Er schloß auf eine Rotation des gesamten Systems um eine senkrecht zur Milchstraßenebene stehende Achse im Zentrum. Wenn dies der Fall ist, so schlußfolgerte Oort, dann müßten auch die Eigen­bewegungen einen Gang mit der galaktischen Länge aufweisen, der ebenfalls die Gestalt einer Doppelwelle hat und gegenüber der Kurve der Radialgeschwindigkeiten eine Verschiebung um 45° aufweist. Obwohl die Ableitung aus den Beobachtungen mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden war, gelang es Oort doch, eine solche Doppelwelle nachzuweisen, so daß damit eine Rotation des gesamten Systems gesichert schien. Die einzelnen Sterne müßten sich dem­nach annähernd auf Keplerellipsen um das Zentrum des Milch­straßensystems bewegen. Aus der Lage und der Geschwindigkeit der Sonne konnte auf diese Art die Gesamtmasse des Milchstraßensy­stems zu etwa 10” Sonnenmassen abgeleitet werden. Die Erforschung der Einzelheiten der Dynamik war damit freilich ebensowenig abgeschlossen wie die Untersuchungen zur Struktur des Sternsystems. Beide stellen vielmehr noch heute eines der schwierigsten Probleme der Astronomie dar. Für manchen heute gesicherten Befund mußten sogar völlig neue Beobachtungsverfah­ren herangezogen werden, so beispielsweise radioastronomische Messungen für die Aufdeckung der Spiralstruktur des Milchstraßen­systems.
    Viele Erkenntnisse über das Milchstraßensystem verdankt die Astronomie der Untersuchung anderer Sternsysteme im Weltall, die im Gegensatz zum eigenen Sternsystem den Vorteil bieten, von außen als Ganzes betrachtet werden zu können. Allerdings konnte die Realität fremder Sternsysteme in den Tiefen des Raumes erst relativ spät von der Forschung gesichert werden. Noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts galt es als sehr umstritten, ob außerhalb des Sternsystems überhaupt kosmische Objekte existieren oder ob nicht vielmehr alle sichtbaren Objekte Bestandteile des eigenen Sternsystems sind.
    Huggins glaubte, daß es sich beim Andromedanebel um ein Planetensystem im Stadium der Evolution handele. A. M. Clerke hat um 1890 ganz entschieden bestritten, daß es Nebel außerhalb des Milchstraßensystems gebe. Obwohl Scheiner zweifelsfrei nachwies, daß die Spektren verschiedener Nebel mit denen von Fixsternen identisch sind, bedeutete auch dies keinen Durchbruch der Auf­fassung vom extragalaktischen Charakter der Objekte. Was speziell den Andromedanebel anlangt, so schienen sich um 1907 sogar Beweise dafür zu ergeben, daß er keineswegs, wie manche glaubten, außerhalb des Milchstraßensystems steht. Bohlin ver­öffentlichte nämlich einen Wert für die Parallaxe dieses Objekts, aus dem eine Entfernung von etwa 20 Lichtjahren folgte – ein peinlicher Fehler, denn dieser Wert ist rd. um den Faktor 10000 zu klein. Zutreffender waren die Resultate von H.D.Curtiss im Jahre 1817, die auf der Entdeckung einer Nova im Andromedanebel basierten. Curtiss nahm an, daß die mittlere absolute Helligkeit der Nova mit den Werten für andere Novae übereinstimmte, und leitete aus der Differenz zwischen scheinbarer und absoluter Helligkeit ohne Be­rücksichtigung der interstellaren Absorption einen Wert für die Entfernung des Nebels ab. Er fand eine Distanz von 1 Million pc, die auf den extragalaktischen Charakter des Nebels hindeutete. Allgemeine Anerkennung fand das Resultat jedoch nicht, da der eindeutige Beweis für die Zugehörigkeit der Nova zum Andro­medanebel fehlte.

    Eine wissenschaftliche Klärung dieser für die Erkenntnis des Kosmosaufbaus äußerst wichtigen Frage kam erst durch die ziel­gerichtete Anwendung neuer Erkenntnisse und den Einsatz bis dahin unerreichter technischer Hilfsmittel zustande. Im Jahre 1923 gelang es Hubble unter Anwendung des neuen 2,5-Meter-SpiegelteIeskops des Mt.-Wilson-Observatoriums, die Randpartien des Andromeda-nebels und des Dreiecknebels (M 31 und M 33) in Einzelsterne aufzu­lösen und unter diesen Einzelsternen auch Veränderliche des Typs 5 Cephei zu entdecken. In der Annahme, daß für diese Cepheiden
    die gleiche Perioden-Helligkeits-Beziehung gültig ist wie für die anderen bis dahin untersuchten Objekte dieses Typs, bestimmte Hubble aus der Periode die absolute Helligkeit und dann aus der Differenz zwischen der absoluten und der scheinbaren Helligkeit die Entfernung des Objekts. Obwohl der damals bestimmte Wert wegen der unzutreffenden Eichung der Perioden-Helligkeits-Beziehung gegenüber dem heute angenommenen Wert von 2,2 Millionen Licht­jahren um mehr als 50 Prozent zu klein war, konnte doch nun kein Zweifel mehr daran bestehen, daß sich der „Nebel” weit außerhalb des Milchstraßensystems im Raum befand. Volle Gewißheit in dieser Frage wurde erlangt, als Hubble binnen weniger Jahre die Rand­partien von insgesamt etwa 125 „Nebeln” in Sterne auflöste und in mehreren Objekten zahlreiche Cepheiden identifizierte, deren Un­tersuchung zu noch größeren Entfernungsangaben führte als beim Andromedanebel.
    Mit dem detaillierten Studium der extragalaktischen Sternsysteme war wiederum ein neuer großartiger Abschnitt der Erforschung des Universums eingeleitet. Die Astronomie war in noch größere Tiefen des Raumes vorgedrungen, von denen sich noch zur Zeit Herschels wohl kaum jemand eine Vorstellung machen konnte.

    Relativitätstheorie und Astronomie
    Der enge innere Zusammenhang zwischen der Astronomie und der Physik des 20. Jahrhunderts beschränkt sich nicht auf die Quanten­physik mit ihrem Brückenschlag zwischen Sternen und Atomen. Vielmehr trat noch ein zweites großes Gedankengebäude der Physik hinzu, das bis zum heutigen Tag nachhaltigen Einfluß auf die Er­forschung und Interpretation des Kosmos ausübt und selbst kräftige Impulse daraus empfängt: die allgemeine Relativitätstheorie Albert Einsteins. Diese bahnbrechende Theorie bedeutete eine Revolution in den überkommenen Vorstellungen von Raum und Zeit und schuf schließlich die theoretischen Voraussetzungen für eine Unter­suchung des Kosmos als Ganzes.
    Die allgemeine Relativitätstheorie ist die Theorie der Gravitation. In ihr gibt es die rätselhaften Neivfonschen Fernwirkungskräfte nicht mehr. Schon Newton selbst und einigen seiner Nachfolger hatte es Unbehagen bereitet, daß diese von Massen ausgehenden Kräfte mit unendlicher Geschwindigkeit, gleichsam unvermittelt durch den leeren Raum bis in die tiefsten Fernen des Kosmos hinein wirken sollten. Einstein gelang es, die mysteriösen Fernkräfte zu beseitigen, so wie die Forschungen von Faraday, Maxwell und H. Hertz im 19. Jahrhundert die Fernkräfte aus den Phänomenen des Elektro­magnetismus getilgt hatten: Ein Magnet oder eine elektrische Ladung wirkten nicht mit unendlicher Geschwindigkeit durch Kräfte auf andere Magnete oder elektrische Ladungen, sondern verleihen dem zwischen ihnen liegenden Raum eine Eigenschaft, die wir als ma­gnetisches oder elektrisches Feld bezeichnen. Obwohl Einstein nun zu einer Feldtheorie der Gravitation kam, ist der Zusammenhang zwischen dem Gravitationsfeld und dem Raum aber anderer Natur als in der elektromagnetischen Feldtheorie: Die Massen verleihen dem Raum, der als vierdimensionales raumzeit­liches Kontinuum zu verstehen ist, nämlich eine bestimmte Struktur, und diese bestimmt umgekehrt die Bewegung der Massen. Die Raumstruktur ist im allgemeinen nichteuklidisch, es handelt sich um einen gekrümmten (Riemannschen) Raum. Die Planeten bewegen sich z. B. dank ihrer Trägheit entsprechend der durch die Sonne beeinflußten Raumstruktur. Die Relativitätstheorie stellt nämlich fest, daß die physikalische Struktur des Gravitationsfeldes mit der lokalen geometrischen (metrischen) Struktur der Raum-Zeit-Welt identisch ist.
    Nun hatten aber die Astronomen, besonders während des gesamten 19. Jahrhunderts, für die Newtonsche Theorie Triumph an Triumph gereiht. Inwieweit wurden diese bewährten Grundlagen der klas­sischen Theorie durch die Relativitätstheorie in Frage gestellt?—Die Einstein sehe Theorie hat das Gebäude der klassischen Mechanik keineswegs einfach über- Bord geworfen, sondern im dialektischen Doppelsinn aufgehoben: Einerseits ist die Newronsche Physik in der Einstein sehen Theorie als Grenzfall aufbewahrt, andererseits wird sie durch weiterreichende Aussagen ersetzt. Für kleine Massen und Relativgeschwindigkeiten, die klein sind im Vergleich zur Licht­geschwindigkeit, gehen die relativistischen Gleichungen in die der klassischen Physik über. Sind diese Bedingungen aber nicht erfüllt, so ergeben sich Konsequenzen, die in der Newton sehen Physik nicht enthalten und in ihrem Rahmen völlig unverständlich sind. Die Einsteinsche Relativitätstheorie trifft also wesentlich allgemeinere und umfassendere Aussagen als die klassische Mechanik und schließt daher auch konkrete Verbesserungen der Newtonschen Himmelsmechanik ein.
    Für die Relativitätstheorie hing verständlicherweise alles davon ab, wie es gelingen würde, diese Verbesserungen an der Natur zu über­prüfen. Hier liegt eine wichtige Verbindung zwischen Relativitäts­theorie und Astronomie.
    Schon seit 1911 hatte Einstein mit dem jungen Potsdamer Astrophy­siker E. Freundlich über eventuelle Nachweismöglichkeiten für seine damals noch im Entstehen begriffene Theorie diskutiert. Dabei ergaben sich drei sogenannte relativistische Effekte, die für die Entscheidung über die Theorie herangezogen werden konnten: Das erste war eine Merkwürdigkeit in der Bewegung der Planeten, die in der Newtonschen Physik fehlte; die sonnennächsten Punkte der Planetenbahnen (Perihel) sollten eine zusätzliche Drehung in Richtung des Planetenumlaufs vollführen, die für den sonnennäch­sten Planeten Merkur 43 Bogensekunden pro Jahrhundert aus­machen mußte.
    Der Nachweis dieser relativistischen Periheldrehung war nicht pro­blematisch für die Astronomen — sie war ihnen nämlich bereits seit mehr als 50 Jahren bekannt, hatte sich aber jeder Deutung entzogen. U. J. J. Leverrier hatte schon 1859 beim Studium der Merkur­bewegung bemerkt, daß zwischen der Newtonschen Theorie und der tatsächlichen Bewegung eine systematische Differenz auftrat, die einer Drehung des Perihels von etwa 41 Bogensekunden pro Jahr­hundert entsprach. Im Rahmen von himmelsmechanischen Unter­suchungen wertete der amerikanische Astronom S. Newcomb um 1895 das gesamte vorliegende Beobachtungsmaterial über den Pla­neten Merkur nochmals gründlich aus. In den 200 Jahren, aus denen die von ihm herangezogenen Beobachtungsdaten stammten, hatte der Planet immerhin 850 Sonnenumläufe vollendet. Auch Newcomb stellte fest, daß das Perihel der Planetenbahn sich mit einer Winkel­geschwindigkeit von 5600 Bogensekunden pro Jahrhundert bewegt, wobei ein Restbetrag von 43 Bogensekunden sich im Rahmen der Newtonschen Physik nicht erklären ließ. Ein bekannter Versuch, diese Eigenart der Merkurbewegung mit der Himmelsmechanik in Einklang zu bringen, war die Hypothese von der Existenz eines Planeten, der noch innerhalb der Merkurbahn um die Sonne läuft. Dieser Planet (Vulkan) wurde aber nicht gefunden. Die allgemeine Relativitätstheorie erklärte nun diese Periheldrehung nicht nur, sondern forderte sie geradezu. So war die Theorie im Rahmen der Meßgenauigkeit bestätigt und gleichzeitig ein altes Rätsel gelöst. Prinzipiell treten ähnliche Drehungseffekte auch bei den anderen Planeten auf, sie sind dort aber wegen der größeren Sonnenabstände wesentlich kleiner und daher bedeutend schwieri­ger nachzuweisen; für die Venus beträgt die relativistische Peri-heldrehung beispielsweise nur noch 8,6 Bogensekunden pro Jahr­hundert und für den Jupiter sogar nur 0,06. Eine zweite Schlußfolgerung, mit der man an keinerlei bereits vor­handene Beobachtungen anknüpfen konnte, ergab sich aus der Relativitätstheorie für die Ausbreitung des Lichts: Ein Lichtstrahl sollte sich in Gravitationsfeldern krummlinig bewegen, entsprechend der Geometrie des Raumes, wie sie durch die Massen bestimmt wird. Trifft dies zu, so müßte der Ort eines Sterns, dessen Licht Gebiete in der Nähe des Sonnenrandes passiert, gegenüber seinem Ort am Nachthimmel geringfügig verschoben erscheinen. Da nun die Sonne infolge des Erdumlaufs eine scheinbare Bahn am Himmel beschreibt, die sie im Laufe eines Jahres einmal durch den gesamten Tierkreis hindurchführt, stehen auch ständig Fixsterne in der Nähe des Sonnenrandes, die einige Monate später am Nachthimmel zu finden sind. Die Lichtablenkung im Schwerefeld der Sonne mußte deshalb prinzipiell geeignet sein, diese kühne Behauptung der Relativitäts­theorie zu überprüfen. Da nun aber die Sterne am Tageshimmel nicht gesehen werden können, wurde vorgeschlagen, die Sternörter der Sonnenumgebung während einer totalen Sonnenfinsternis mit größt­möglicher Präzision zu erfassen und dann später in Abwesenheit der Sonne erneut zu messen und mit den früheren Werten zu vergleichen. Daß es sich hierbei um eine meßtechnisch äußerst komplizierte Aufgabe handeln würde, war klar: Man mußte eine große Anzahl von möglichen Meßfehlern einkalkulieren, außerdem war der von der Theorie geforderte Wert nur von sehr geringem Betrag. Für einen Stern unmittelbar am Sonnenrand forderte die Theorie nämlich nur eine Ablenkung von 1,75 Bogensekunden.
    Im Sommer des Jahres 1914 reiste eine deutsche Forscherexpedition unter Leitung von Freundlich nach Feodosia auf der Krim, um die wichtigen Messungen durchzuführen. Das Unternehmen scheiterte an der Politik des imperialistischen Deutschland, das am 1. August 1914 Rußland den Krieg erklärte. Die deutschen Wissenschaftler wurden zum Teil in Rußland interniert, zum Teil ausgewiesen. Erst 5 Jahre später griff eine englische Expedition dieses Problem wieder auf. Eddington, Crommelin und Davidson rüsteten zwei Expedi­tionen aus, die am 29. Mai 1919 in Sobral (Brasilien) und auf der Insel Principe (Westafrika) tätig wurden.
    Den englischen Gelehrten gelang das schwierige Unternehmen: Als sie in Auswertung der zahlreichen Aufnahmen den Wert von 1,98 Bogensekunden, bezogen auf Sterne am Sonnenrand, angaben, wurde dies allgemein als eine befriedigende Bestätigung angesehen. Spätere Messungen haben etwas andere Werte ergeben, aber alle wiesen die Existenz der Lichtablenkung aus. Der Nachweis dieses in der klassischen Theorie nicht enthaltenen winzigen Effekts löste in der Öffentlichkeit größte Anteilnahme und Begeisterung aus. Die Messungen der Lichtablenkung im Schwerefeld der Sonne waren wesentlich beteiligt an der ungeheuren Popularität, die Einstein mit seiner ansonsten in breiten Kreisen unverstandenen Theorie er­langte. Dieses außergewöhnliche Echo, wie es wissenschaftlichen Leistungen nur sehr selten zuteil wird, hat bis in die Kreise der deutschen Regierung hineingewirkt: sie fühlte sich veranlaßt, die finanziellen Mittel zum Bau des Einsteinturmes für Sonnenphysik in Potsdam bereitzustellen, da sie befürchtete, die Forschungen auf diesem von einem Deutschen begründeten zukunftsträchtigen Ge­biet könnten sonst von Ausländern an sich gezogen werden. Noch einen dritten Effekt berechnete Einstein aus der Relativitäts­theorie: die Rotverschiebung der Spektrallinien im Schwerefeld. Ein Atom, das im Schwerefeld Strahlung aussendet, emittiert elektro­magnetische Wellen geringerer Frequenz als dasselbe Atom außerhalb des Schwerefeldes — die Wellenlängen der emittierten Strahlen sind nach rot verschoben.
    Zunächst wurde versucht, den Effekt im Schwerefeld der Sonne nachzuweisen. Die hohe Genauigkeit, mit der man die Wellenlängen der Linien des Sonnenspektrums bestimmen kann, ließ ein Gelingen erhoffen. Doch dann türmten sich die Schwierigkeiten unerwartet hoch; denn obwohl die zu erwartenden Linien Verschiebungen durch­aus im Bereich der Meßgenauigkeit lagen, wurde der Effekt von viel beträchtlicheren anderen Effekten überdeckt. Die Meinungen über die erzielten Meßwerte gingen daher weit auseinander, und das Problem der relativistischen Rotverschiebung blieb eine ständige Aufgabe der Astrophysik. Erst in neuerer Zeit ist eine Trennung der verschiedenen Effekte erzielt und der von der Relativitätstheorie geforderte Wert für randnahe Gebiete der Sonne bestätigt worden. Versuche, die relativistische Rotverschiebung in den Spektren massereicher kleiner Fixsterne zu finden, begegneten neuen Schwierigkeiten; denn um den theoretischen Wert zu bestimmen, sind sehr genaue Angaben über die Massen und Radien der Sterne erforderlich. Zwar hat man die Rotverschiebung in den Spektren verschiedener Weißer Zwerge gefunden, doch ist die Sicherheit der Werte nicht ausreichend, um von einer quantitativen Bestätigung sprechen zu können. Um 1960 ist es dann allerdings gelungen, in der Frage der Rotverschiebung von den astrophysikalischen Verfahren freizukommen, da die Messung der Verschiebung unter Verwendung des Mößbauereffektes auch im Schwerefeld der Erde möglich und dabei Übereinstimmung zwischen Theorie und Messung erzielt wurde.

    Relativitätstheorie und Kosmologie
    Die von Einstein entwickelten Vorstellungen waren ihrer Natur nach prädestiniert, Aussagen über die Welt als Ganzes zu gewinnen, denn als Theorie des Gravitationsfeldes beschäftigt sich die Relativitäts­theorie mit der einzigen uns bekannten universellen Wechselwir­kung. So uralte Fragen, wie die nach der Struktur des Kosmos und nach seiner Endlichkeit oder Unendlichkeit, wurden daher durch diese Theorie in völlig neue Bahnen gelenkt. Alle modernen kos-mologischen Untersuchungen fußen auf der allgemeinen Relativi­tätstheorie.
    Einstein selbst unternahm bald nach der Publikation seiner Theorie den Versuch, ein Modell des Kosmos als Ganzes zu entwerfen. Außer seiner abgeänderten Relativitätstheorie benutzte er als Basis lediglich das für alle Kosmologien grundlegende Prinzip, daß in dem von uns überblickbaren Teil des Universums die durchschnittliche Dichte konstant und damit die Materieverteilung im gesamten Uni­versum dieselbe ist (Homogenität) und daß es keine bevorzugten Richtungen gibt (Isotropie). Einsteins Resultat war, daß die Welt als Ganzes einen statischen Kugelraum darstellt, wie er aus der .Riemannsehen Geometrie bekannt ist. Die Summe aller durch kos­mische Massen hervorgerufenen Raumkrümmungen bewirkt prak­tisch eine Gesamtkrümmung des Raum-Zeit-Kontinuums, durch die der Kosmos einen geschlossenen, zwar grenzenlosen, aber nicht unendlichen Raum darstellt. Wie eine Kugeloberfläche (als zwei­dimensionales Analogon) eine endliche und doch grenzenlose Fläche besitzt, so ist auch das Volumen dieses Kugelraumes endlich. Ein Lichtstrahl, der in diesem nichteuklidischen Kosmos irgendwo ausgestrahlt wird, würde nach Ablauf einer entsprechenden Zeit zum Ausgangspunkt zurückkehren.
    Dieses von Einstein entwickelte Modell des Kosmos war ein Uni­versum ohne Entwicklung. Es besaß einen unter bestimmten An­nahmen ausrechenbaren Radius, der sich nicht veränderte. Im Jahre 1922 trat der bedeutende sowjetische Mathematiker und Physiker A. A. Friedmann mit einer neuen konsequenten Anwendung der rela­tivistischen Gleichungen in der Kosmologie hervor. In seiner Arbeit „Über die Krümmung des Raumes”, die allerdings zunächst weit­gehend unbekannt blieb, führte er den Nachweis, daß die Annahme eines statischen, sich nicht entwickelnden Kosmos mit der all­gemeinen Relativitätstheorie gar nicht vereinbar ist. Im Gegenteil: Der Kosmos als Ganzes muß sich entweder ausdehnen oder zusam­menziehen. Nach Friedmann haben — teilweise unabhängig von ihm — auch H. P. Robertson, Eddington, O. Heckmann und andere Gelehrte dieses Resultat gewonnen, aus dem sich die Vorhersage ergab, daß die Linien in den Spektren entfernter Sternsysteme eine systematische Verschiebung nach dem roten oder violetten Ende aufweisen sollten. Diese Prognose erschien den meisten Physikern ausgesprochen absurd, und als die Relativitätstheorie selbst noch im lebhaften wissenschaftlichen Streit der Meinungen stand, verwies man allgemein auf die Unbrauchbarkeit der Theorie bei der Lösung kosmologischer Fragen.
    Es dauerte jedoch nur wenige Jahre, bis die experimentelle Astrophysik eine der erregendsten wissenschaftlichen Entdeckun­gen des Jahrhunderts bekanntgab: Die Flucht der Spiralnebel. Dieses folgenreiche Resultat war die Frucht einer beinahe 20jährigen Forschungsarbeit auf diesem Gebiet. Sie wurde also begonnen, lange bevor die allgemeine Relativitätstheorie mit ihren kosmologischen Konsequenzen entstanden war. Mehr noch: Die ersten Spektren von Nebeln, die zum Nachweis von Dopplerverschiebungen der Ab­sorptionslinien geeignet waren, standen schon zur Verfügung, als der , extragalaktische Charakter dieser Objekte noch umstritten gewesen ist. Slipher vom Lowell-Observatorium legte solche Dokumente erstmals im Jahre 1912 vor. Bis zum Jahre 1925 hatte er Radial-geschwindigkeitsmessungen an mehr als 50 Objekten gewonnen, die durchweg sehr hohe Geschwindigkeiten, bis zu 100 km/s, aufweisen. Schon damals waren Andeutungen einer Abhängigkeit der Größe der Linienverschiebungen von der Entfernung der Objekte zu erkennen. Um diesem Verdacht aber mit Erfolg nachgehen zu können, waren unbedingt Messungen an lichtschwächeren, d. h. weiterentfernten Nebeln sowie präzisere Kenntnisse über die Ent­fernungen selbst erforderlich. Hierfür kam nur ein Instrument in Frage: der neue lOOzöllige Hookerspiegel des Mt.-Wilson-Obser-vatoriums, der schon geholfen hatte, den extragalaktischen Charak­ter des Andromedanebels aufzudecken. In Verbindung mit einer neuartigen Kameraoptik des Spektrographen dieses Instruments konnten Nebelspektren mit einer bis dahin nicht dagewesenen Dispersion erzeugt werden. Hubble und Humason stellten unter Anwendung höchstmöglicher Belichtungszeiten Spektren von 65 extragalaktischen Objekten der unterschiedlichsten Entfernungen zusammen. Das Resultat war im Jahre 1929 eine lineare Beziehung zwischen der Radialgeschwindigkeit der Nebel und ihrer Entfernung; es traten ausschließlich Verschiebungen der Spektrallinien nach dem roten Ende des Spektrums auf. Dieser sensationelle Be­fund bedeutet praktisch eine Expansion des Universums und sprach eindeutig zugunsten des von Friedmann entwickelten Modells des Kosmos.
    Die Absicherung der von der Relativitätstheorie entwickelten Vor­stellungen über den Kosmos durch diesen Beobachtungsbefund war ein wichtiges Ereignis für die weitere Entwicklung der modernen Kosmologie. Sie bedeutete freilich in keiner Weise einen Endpunkt; im Gegenteil — sie war erst der Beginn einer intensiven theoretischen und experimentellen astrophysikalischen Tätigkeit, die unvermin­dert anhält. Die Bestätigung des Friedmannschen Evolutionskosmos durch die Entdeckung der Rotverschiebung in den Spektren der Galaxien brachte z. B. keine Entscheidung über die Endlichkeit oder Unendlichkeit des Kosmos. Diese Entscheidung kann nur durch noch weiterreichende astronomische Beobachtungen, als sie gegen­wärtig möglich sind, erbracht werden. Bisher haben die Beobach­tungen keine Aussage darüber zugelassen, ob die mittlere Krümmung des Raumes positiv, negativ oder null ist. Die mit Einsteins Relativi­tätstheorie begonnene neue Etappe der Kosmologie steht daher noch immer vor großen Aufgaben, die in den letzten Jahren zu einem zentralen Anliegen vieler Forschergruppen in aller Welt geworden sind.
    Solange die Wissenschaft aber Aussagen über die Welt als Ganzes macht, haben diese im Brennpunkt philosophischer Auseinanderset­zungen zwischen materialistischer und idealistischer Philosophie gestanden. Auch die Entdeckung des Evolutionskosmos durch Friedmann wurde von den Vertretern religiös-philosophischer bürgerlicher Strömungen zur Wiederbelebung überholter Ansichten, insbesondere des Schöpfungsgedankens, benutzt. Dabei gingen diese Philosophen etwa von folgender Überlegung aus: Wenn man im Expansionsmodell den Vorgang der Ausdehnung zurückrechnet, so ergibt sich für eine Zeit, die nach neuesten Messungen der Hubble-Konstanten etwa 18 Milliarden Jahre zurückliegt, ein Widerspruch zu dem mathematischen Ausgangspunkt der Betrachtungen, den Einsteinschen Gleichungen. Demnach müsse zu diesem Zeitpunkt die „göttliche Schöpfung des Universums” erfolgt sein. In Wirklich­keit weist, wie Treder hervorhob, aber die Existenz dieser „kosmologischen Singularität” lediglich darauf hin, daß zu jener Zeit entweder völlig andere Materiezustände geherrscht haben oder daß die bei den Rechnungen vorausgesetzte Identität bestimmter ma­thematischer Größen der Relativitätstheorie mit meßbaren astrophysikalischen Größen nicht für alle Zeiten gültig ist. Der super­dichte Zustand der Materie, wie er als physikalische Konsequenz der kosmologischen Singularität folgt, muß außerdem keineswegs not­wendig bestanden haben, wenn eine absolute Rotation der kos­mischen Materie angenommen werden darf. Auch solche Welt­modelle (Gödel-Kosmen) sind entwickelt worden, sie führen allerdings zu anderen Schwierigkeiten hinsichtlich der Übereinstimmung von Theorie und Beobachtung.
    Das Zurückrechnen auf den total zusammengeschrumpften Kosmos ist völlig bedeutungslos, da unter den damaligen abnormen physika­lischen Verhältnissen offenkundig andere Zustandsgieichungen der Materie gültig sind; es gibt also keinerlei Berechtigung, für ideali­stische Spekulationen. Die Tatsachen zeigen aber, daß die Vertreter aller möglichen Spielarten des Idealismus ihre Bemühungen nicht aufgegeben haben, die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft für ihre Zwecke zu mißbrauchen. Bezeichnenderweise müssen sie dabei stets auf solche Probleme ausweichen, die sich gerade im „Schmelztiegel der Forschung” befinden. Diese Tatsache demon­striert eindrucksvoll die historische Perspektivlosigkeit solcher Versuche.

    Die Entwicklung der astronomischen Instrumente

    Seit der Erfindung des Fernrohrs um 1609 stellen die astronomischen Beobachtungsinstrumente eine der entscheidenden materiellen Bedingungen für die Entwicklung der Astronomie dar. Alle Er­rungenschaften der Astronomie, jeder Schritt, der das forschende Subjekt tiefer in das Wesen der kosmischen Prozesse führt, ist gebunden an Fortschritte in der Technik der Beobachtungs- und Meßinstrumente. Der Bau astronomischer Meß- und Beobachtungs­instrumente stellt hohe Anforderungen an die verschiedenen Teil­gebiete der Technik und Wissenschaft, vor allem an die Optik und Feinmechanik. Die Entwicklung dieser technischen Disziplinen steht wiederum in einem engen wechselseitigen Zusammenhang mit der Entwicklung der Produktivkräfte. Selbst in solchen Phasen der Astronomie, in denen sie die Bedeutung einer Grundlagenwissen­schaft annahm, sind ihre Forschungsprobleme daher mit der ge­sellschaftlich determinierten Situation auf dem Gebiet der Ökonomie und Produktion aufs engste verbunden. Das 18. und 19. Jahrhundert, durch die weitere Entfaltung des Bürgertums und den Siegeszug der Maschine gekennzeichnet, er­möglichte auch auf dem Gebiet des Baus astronomischer For­schungsinstrumente immense Fortschritte. Feinmechanische Ferti­gungsverfahren, Materialbearbeitungs- und -herstellungsmethoden wurden durch das Aufkommen der maschinellen Produktion wesent­lich stimuliert. Dieselben Fertigkeiten, die zur Herstellung von Dampfmaschinen oder Webstühlen nützlich waren, fanden auch Eingang in die Produktion astronomischer Instrumente. Andererseits darf man die hohen spezifischen Anforderungen nicht übersehen, die an die astronomischen Instrumente gestellt werden mußten. Sie führten zu einer Weiterentwicklung der verschiedensten Techniken, die dann auch anderen Gebieten zugute kamen. Der enge Zusammen­hang von Ökonomie, Technik und dem Bau astronomischer Instru­mente zeigt sich eindrucksvoll unter anderem darin, daß anfangs die besten Instrumentenbauer in den Niederlanden, in England und Frankreich wirkten. Erst im 19. Jahrhundert gelang es auch deut­schen Technikern, eine führende Position auf diesem Gebiet zu erringen, wobei eine enge Kommunikation zu den englischen und französischen Produzenten eine wichtige Voraussetzung für die schnelle Einführung und Weiterentwicklung des Präzisionsin­strumentenbaus war. Dies gilt auch allgemein: A. Hamann, der erste Deutsche, der fabrikmäßig Drehbänke herstellte, hatte fünf Jahre an Ort und Stelle die Erfahrungen der Engländer studiert. In früheren Entwicklungsphasen der Astronomie waren die Stern­forscher meist auch die Hersteller der Instrumente. Mit der Mas­sennachfrage nach Uhren und Sextanten — vor allem für die Schiff­fahrt — bahnte sich hier um 1700 ein Wandel an, der zur Arbeits­teilung und damit zur Entstehung eines neuen Berufes, des Her­stellers wissenschaftlicher Präzisionsinstrumente, führte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts bildete sich die industriemäßige Produktion astronomischer Instrumente heraus. Dies geschah in enger Wechselwirkung mit der Entwicklung von Meßinstrumenten, Geräten und technischen Hilfsmitteln der anderen Wissenschaften. Fotometer benötigte man z. B. auch für die sich stürmisch entwik-kelnde Beleuchtungstechnik und Spektroskope für die Spektral­analyse in der Chemie. Die Hersteller astronomischer Instrumente hatten im allgemeinen ein breit gefächertes Fertigungsprogramm, zu dem Brillen, Mikroskope, Mikrometer, Zeichengeräte, Waagen und Kompasse gehörten.

    Bei der Entwicklung der astronomischen Instrumente ging es vor allem um drei Ziele: Erstens galt es, immer lichtstärkere Fernrohre zu schaffen und damit beobachtungsmäßig in immer größere Tiefen des Raumes vorzudringen. Zweitens mußten im Zug der himmels­mechanischen Aufgaben immer präzisere Positionsbestimmungen ermöglicht werden. Drittens kam es darauf an, immer vielfältigere Informationen aus dem Licht der Sterne zu gewinnen. Dies war ein höchst anspruchsvolles Programm für Wissenschaft und Technik. Es verlangte wachsende Dimensionen der Optik, Verbesserungen der Montierungen, eine ausgefeilte Instrumententheorie und alle astronomischen Kenntnisse zur Reduktion der Beobachtungen sowie eine enge Gemeinschaftsarbeit zwischen Astronomen und Instrumentenmachern. Das Resultat war eine Fülle verschiedener Instrumentaltypen einschließlich ausgeklügelter Zusatzinstrumente. Prinzipiell gab es zwei Möglichkeiten der optischen Abbildung astronomischer Objekte, die fast gleichzeitig entstanden: Lin­senfernrohr (Refraktor; seit 1609) und Spiegelteleskop (Reflektor; seit 1616). Seit diese beiden Instrumententypen die historische Bühne betreten hatten, standen sie im „Kampf” miteinander. Bald schien der Refraktor das bessere Instrument für die Forschung zu sein, bald obsiegte der Reflektor. Erst im 20. Jahrhundert haben sich die Spiegelteleskope für die entscheidenden Forschungsvorhaben der Astronomie als dominierender Instrumententyp vollends durch­gesetzt.

    Anfangs war der Spiegel gegenüber dem Linsenfernrohr dadurch im Vorteil, daß er keine chromatische Aberration aufwies. Der erste Sieg des Refraktors wurde daher durch die Erfindung des Achromatismus (Dollond 1758) errungen — er war allerdings nicht von langer Dauer; denn bei allem Fortschritt, den die achromatischen Fernrohre bedeuteten, gab es eine zunächst unüberwindliche Schwierigkeit: Es gelang nicht, größere Krön- und Flintglasscheiben der erforderlichen Qualität herzustellen. Über Objektivdurchmesser von etwa 10— 12 cm kam man nicht hinaus. Dies war die Haupt­ursache dafür, daß die größten Beobachter Ende des 18. Jahrhun­derts mit Spiegelteleskopen arbeiteten; die Durchmesser der Spiegel erreichten dabei das lOfache der größten möglichen Linsendurch­messer. Damit war ein enormer Gewinn an Reichweite und Auf­lösungsvermögen verbunden.

    Der große Meister der Herstellung von Spiegelteleskopen im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts war F. W. Herschel. Seine Instrumente waren eine entscheidende Voraussetzung für seine Erfolge. Herschel hat eine erstaunliche Anzahl von Spiegeln geschliffen. In sechs bis sieben Jahren entstanden z. B. nach seinen eigenen Angaben mehr als 400 Spiegel. Von jeder Serie wählte er die besten aus und verglich diese dann mit den besten aus anderen Serien. Da es keine wissenschaftlichen Prüfmethoden für die Spiegel gab, mußte er not­gedrungen dieses sehr umständliche, aber sichere Mittel der Auswahl aus einer Fülle hergestellter Spiegel anwenden. Die zahlreichen kleinen Teleskope Herschels waren sehr begehrt und weit verbreitet. In Deutschland besaß z.B. J. H. Schroeter Instrumente mit Herschelspiegeln. Andere, größere Herschel -instrumente befanden sich in Petersburg, Madrid und Göttingen. Die größten von Herschel hergestellten Spiegel besaßen Durch­messer von 50 und 122 cm und stellten damit absolute Spitzenlei­stungen der Optik seiner Zeit dar. Besonders das größere der beiden Instrumente, das 40-Fuß-Teleskop, errang eine legendäre Berühmt­heit. Diese kühne Riesenkonstruktion mit einem gigan­tischen Balkengerüst zur Aufnahme und Bewegung des Teleskops hatte eine Gesamtmasse von 30000 kg. Der zylindrische Tubus von mehr als 12 m Länge war aus einzelnen Platten zusammengefügt. Bei der Formung und Verbindung dieser Metallplatten wurden Tech­nologien angewendet, die auch bei der Herstellung von Brücken­bögen und Ofenrohren üblich waren. Zeitweise beschäftigte Her­schel mehr als 40 Arbeiter gleichzeitig mit der Herstellung des Riesenteleskops.

    Herschels Arbeiten auf dem Gebiet des Teleskopbaus wirkten nicht weniger bahnbrechend als seine wissenschaftlichen Forschungen. Die von ihm gewiesenen Wege wurden aufgegriffen und weiter­entwickelt, u. a. von seinen Zeitgenossen Ramage und N. S. Carrochez, vor allem aber von W. Lassell und von W. Parsons Earl of Rosse, einem reichen irischen Adligen. Letzterer fand durch Pro­bieren und durch Vergleiche von Spiegeln, die nach verschiedenen Verfahren hergestellt worden waren, eine Reihe von Grundsätzen, die bei der Herstellung von Spiegeln guter Qualität zu berücksich­tigen waren. Lord Rosse beschäftigte sich auch systematisch mit den Legierungen für die Metallspiegel. Er experimentierte unter anderem auch mit „Facettenspiegeln” und verfertigte einen aus 16 Metall­platten zusammengefügten 90-Zentimeter-Spiegel. Das berühmteste Stück von Lord Rosse war ein Massivspiegel von 1,8 m Durchmesser, den er im Jahre 1842 fertigstellte. Die Masse des Metallspiegels betrug 4000 kg, so daß eine sorgfältig durchdachte mechanische Lagerung des Spiegels erforderlich war. In diesem Punkte ging er wesentlich über Herschel hinaus. Das Riesenteleskop des Lord Rosse, bekannt geworden unter dem Namen Leviathan, war eines der Meisterwerke der astronomischen Beobachtungstech­nik im 19. Jahrhundert. Die von Lord Rosse im Zusammenhang mit dem Bau seiner Teleskope entwickelten Methoden und Verfahren stellten einen wichtigen Beitrag zur Technologie der Herstellung großer Spiegelteleskope dar, die später von Lasseil und Grubb über­nommen wurden und Grundlagen für die Errichtung der modernen Spiegelteleskope im 20. Jahrhundert bildeten. Um die Wende zum 19. Jahrhundert bahnte sich indes eine neue Epoche der Refraktoren an, und zwar vor allem dadurch, daß es gelang, größere Krön- und Flintglasstücke herzustellen. Die rasche Entwicklung auf diesem Gebiet war vor allem durch die englische Monopolstellung lange Zeit verhindert worden. Aber Frankreich und Deutschland ließen nichts unversucht, dieses Monopol zu brechen, zumal durch die französisch-englischen Auseinandersetzungen nicht einmal der ständige Nachschub aus England gesichert war. Die Pariser Akademie der Wissenschaften hatte schon 1773 einen Preis auf die Verfertigung von Krön- und Flintglas ausgesetzt, ohne daß sich der erwartete Erfolg einstellte. Dies war weniger eine Folge fehlender Anstrengungen als vielmehr des allgemeinen Standes der Glasindustrie. Flintglas für astronomische Gläser kann nämlich aus technologischen Gründen nur in solchen Fabriken hergestellt wer­den, die bedeutende Mengen dieser Glasart produzieren. Der erste erfolgreiche Flintglasproduzent zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Dufougeray, Besitzer einer Kristallfabrik in du Creuzot. Größere Mengen produzierten hingegen d’Arügues und Chauchoix. In Deutschland entschloß sich J. v. Utzschneider zur Herstellung astronomischer Gläser. Er beteiligte sich an der 1802 von Reichen­bach und Liebherr gegründeten feinmechanisch-optischen Werkstätte, zu der später auch Fraunhofer geholt wurde. Die Zu­sammenarbeit dieser Männer charakterisiert die breite Palette von Problemen, die mit der Herstellung wertvoller Refraktoren verbun­den war: Utzschneider war der Typ des frühkapitalistischen Unter­nehmers mit Geschäftssinn und Organisationstalent, Reichenbach verstand es, wissenschaftliche Erkenntnisse kongenial in die Tech­nik zu überführen, und Fraunhofer war der geniale theoretische und praktische Optiker. Es ist bezeichnend, daß Reichenbach seine Kenntnisse in Maschinenbau, Hüttenwesen und Instrumentenkunde als ehemaliger Zögling einer englischen Militärakademie im „ge­lobten Land der Technik” erworben hatte.

    Utzschneider ließ eine Glashütte in Benediktbeuren errichten, die vornehmlich von P. Guinand betreut wurde, der in der Schweiz bereits Erfahrung in der Homogenisierung großer Glasschmelzen gesammelt hatte. Als Reichenbach nach den ersten Anfängen das „Mathematisch-mechanische Institut” in München gründete, erhielt er sowohl von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften als auch von dem neugegründeten Topographischen Büro bedeutende Zuschüsse. Der staatliche Auftrag zur Aufnahme einer militärisch-geographischen Karte Bayerns hatte den Mangel an geeigneten Qualitätsinstrumenten deutlich werden lassen. Bayerns betontes Interesse an militärwissenschaftlichen Unternehmungen wird verständlich, wenn man bedenkt, daß es eines der ersten deutschen Länder war, die am Interventionskrieg gegen die revolutionäre französische Republik teilnahmen. In den Münchener Werkstätten wurde Pionierarbeit geleistet. Fraun­hofer arbeitete auf dem Gebiet der Theorie der achromatischen Objektive, entwickelte Methoden zur genaueren Bestimmung der Brechungsvermögen der Gläser und schuf wegweisende Tech­nologien der Glasbearbeitung. Reichenbach berücksichtigte bei den mechanischen Konstruktionen für die Fernrohrmontierungen Wärmeausdehnung und Durchbiegung der Metalle, erleichterte bei kleiner werdenden Abmessungen und geringerem Gewicht die Hand­habung der Fernrohre. Er trug auch wesentlich zur Steigerung der Meßgenauigkeit bei. Von ihm stammen Kreisteilmaschinen, die eine Präzision der Teilung ermöglichten, wie sie zuvor nur von Ramsden und Gambay in England und Frankreich erreicht worden waren. Später hat vor allem Repsold die Präzision der für die Messungen am Sternhimmel entscheidenden Kreisteilungen noch weiter getrie­ben, und der Berliner Mechaniker Oertling ist dann mit auto­matischen Teilmaschinen hervorgetreten.

    Die Münchner Werkstätten waren die erste großangelegte Produk­tionsstätte für astronomische Instrumente. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts belieferten sie praktisch alle Sternwarten von Rang. Das Produktionsprogramm war äußerst vielgestaltig und umfaßte Mikroskope, mathematische Geräte, Theodolithe, Refraktoren großer Dimensionen, Äquatoriale, Meridiankreise und Passage­instrumente. Alle Produkte dieser Werkstätten standen in höchstem Ansehen. Die Preise waren hoch und die Lieferfristen lang. Die Entwicklung der Instrumente vollzog sich in engstem Kontakt mit den Auftraggebern, wovon z.B. die Briefwechsel zwischen Fraunhofer und den Astronomen Struve, Bessel und anderen Zeugnis ablegen. Die gesamte Geschichte dieser bedeutsamen In­strumentenfabrik ist ein Beweis für den unlösbaren Zusammenhang zwischen Wissenschaft, Technologie und Produktion einerseits und den wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erfordernissen an­dererseits.

    Das größte von Fraunhofer gefertigte Instrument war der Refraktor für die russische Sternwarte in Dorpat, den der Astronom W. Struve bestellt hatte. Der Refraktor, in jeder Hinsicht ein Spitzenerzeugnis seiner Zeit, besaß ein Objektiv von 24,4 cm Durchmesser und eine Brennweite von 41,33 m. In der Öffentlichkeit erregte die Mitteilung größtes Aufsehen, daß man mit dem Objektiv des Dorpater Refrak­tors das „Journal de Paris” auf 250m Entfernung lesen konnte. Struves bahnbrechende Arbeiten auf dem Gebiet der Doppelsternforschungen sind zum großen Teil diesem ausgezeichneten Werk­zeug zu verdanken.

    Ähnliches trifft auf das Heliometer zu, das Bessel in München bestellte. Es wurde von Utzschneider im Jahre 1829 nach Königs­berg geliefert. Entscheidend war hierbei die Präzision des Objektiv­kopfes und die Einrichtung zur meßbaren Verschiebung der beiden Objektivhälften, d. h. die Mikrometerschraube. Die von Bessel mit diesem Instrument gemessene erste Fixsternparallaxe bedeutete z. B. mechanisch eine Verschiebung der beiden Objektivhälften um knapp 5 tausendste] Millimeter.

    Vor allem durch das Wirken von Fraunhofer war eine neue Epoche der Refraktoren herbeigeführt worden. Das Monopol auf diesem Gebiet blieb noch geraume Zeit nach Fraunhofers Tod in München, wo die Firma durch Merz mit dem Mechaniker Mahler weitergeführt wurde. Ein berühmtes Fernrohr von Merz und Mahler war der Große Refraktor für die russische Sternwarte in Pulkowo mit einer Öffnung von 76 cm. Refraktoren ähnlicher Dimensionen wurden von Sternwarten aus aller Welt bestellt, darunter auch von den amerikanischen Astronomen, die bei der instrumenteilen Aus­rüstung ihrer Sternwarten auf die europäischen Spitzenerzeugnisse angewiesen waren. So erhielt das neugegründete Observatorium des Harvard College von Merz einen Refraktor, der dem Pulkowoer Instrument glich. Merz und Mahler gelang es, Linsen in Größe von beinahe 50 cm herzustellen. Die Firma ruhte jedoch unter der Leitung von Merz letztlich auf den Erfolgen Utzschneiders, Reichenbachs und Fraunhofers aus und verlor so allmählich den Anschluß an die Entwicklung.

    Vor allem auch in Frankreich, England und schließlich auch in den USA begann eine rege Wirksamkeit auf den Gebieten der Optik und des Instrumentenbaus. In den USA gelang es den Optikern A. Clark und A. G. Clark, Objektive zu schaffen, die hinsichtlich ihrer Di­mensionen die bereits vorhandenen erheblich übertrafen. Für einen neuen Refraktor der Sternwarte Pulkowo schuf A. Clark ein Ob­jektiv mit 76 cm Durchmesser, und im Jahre 1897 gelang seinem Sohn A. G. Clark die Herstellung des größten jemals erzeugten Objektivs für den Refraktor des Yerkes Observatory mit 102 cm Durchmesser .

    Die Clarks waren ausgesprochene Empiriker; die Gütekontrolle ihrer Linsen führten sie anhand von Sternbeobachtungen durch: Sie verbesserten die Objektive so lange, bis sie mit der Qualität der Bilder zufrieden waren. Spätere exakte Prüfungen des Yerkes-Objektivs haben jedoch ergeben, daß es in optischer Hinsicht eines der besten der jemals hergestellten Objektive war.

    Schließlich gab es auch in Deutschland wieder ein Unternehmen, das dem nun erreichten Niveau in der Herstellung optischer Instrumente voll entsprach; unübersehbar an die Münchner Tradition knüpfte die Firma Carl Zeiss in Jena an.

    Carl Zeiss war Optiker und Mechaniker, Ernst Abbe kam als Theo­retiker hinzu, und O. F. Schott hatte als Chemiker große Erfahrun­gen im Erschmelzen von Gläsern. Der Erfolg der Werkstatt Zeiss, die bald zu einer Weltfirma für optische Erzeugnisse emporstieg, zeigte wiederum, daß die mit den komplizierten Produktionsauf­gaben zusammenhängenden Probleme nur in engem Zusammen­gehen von Feinmechanik, Glastechnik und optischer Theorie zu lösen waren.

    Die Gründung der optischen Werkstatt in Jena durch C. Zeiss lag schon ein halbes Jahrhundert zurück, als es auf Initiative des mit der Astronomie eng verbundenen E.Abbe zur Gründung einer Abteilung für den Bau astronomischer Instrumente kam, die sich rasch zu einem international angesehenen leistungsstarken Betrieb entwickelte, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts große Optiken bis zu 65 cm Öffnung herzustellen vermochte. Neben der Entwicklung von Astrooptiken wurden auch Montierungen für große Instrumente in die Produktion einbezogen. Die astromechanischen Fertigkeiten von Zeiss haben sich bei der Aufstellung großer Refraktoren hervor­ragend bewährt, so z. B. bei dem 65-Zentimeter-Refraktor der Stern­warte Babelsberg, der mit 11 m Brennweite erhebliche Anforderun­gen an die Montierung stellte. An der Entwicklung der Astromecha-nik in der Firma Zeiss hatte besonders F. Meyer großen Anteil. Von ihm stammt u. a. die weltweit verbreitete Entlastungsmontierung, bei der die mechanischen Kräfte der beträchtlichen Massen großer Fernrohre durch ein separates Entlastungssystem aufgenommen werden.

    Um die Jahrhundertwende waren die Dimensionen der großen Linsen indessen an einer nicht mehr überschreitbaren Grenze an­gekommen. Schon einige Jahre früher hatten sich auf dem Gebiet der Herstellung großer Spiegelteleskope einige Verbesserungen von so prinzipieller Bedeutung ergeben, daß damit eine neue Epoche der Spiegelteleskope eingeleitet wurde, die schließlich vor allem hin­sichtlich der freien Öffnungen die Refraktoren weit hinter sich ließen. Die wohl bedeutendste Neuerung war die Schaffung einer Methode zur Versilberung von Glasflächen durch J. v. Liebig im Jahre 1835. Später haben vor allem C. A. Steinheil und L. J. B. Foucault dieses Verfahren weiterentwickelt und um 1857 die ersten Erfolge bei der Herstellung oberflächenversilberter Glasspiegel für Teleskope er­zielt. Der verhältnismäßig rasche Einzug der versilberten Glasspiegel in die astronomische Beobachtungspraxis ist einer Reihe von Vor­zügen zu verdanken, die sie gegenüber den Metallspiegeln und Linsen auszeichnen: Das Reflexionsvermögen ist wesentlich höher, gleichzeitig besitzen sie ein bedeutend geringeres Gewicht und lassen sich außerdem besser polieren. Die optische Qualität des Glases braucht nicht die hohen Anforderungen zu erfüllen, die bei der Linsenherstellung zu berücksichtigen sind. Schließlich kommt eine wesentliche Errungenschaft hinzu, die dem Physiker Foucault zu verdanken ist: Er entwickelte eine hochempfindliche, aber gleich­zeitig sehr einfache Methode zur Prüfung der Parabolspiegel, mit der sich noch Abweichungen von der idealen Spiegelform in der Grö­ßenordnung von 1/100 der Wellenlänge des Lichts nachweisen las­sen. Foucault selbst ließ einen Spiegel von 80 cm Durchmesser nach dem neuen Verfahren anfertigen, und wahrscheinlich geht auch das 1,2-Meter-Teleskop der Sternwarte Paris (1878) noch auf seine Anregung zurück.

    Günstig für die weitere Entwicklung der Spiegelteleskope wirkten sich die wissenschaftlichen Erfordernisse aus. Die volle Entfaltung der Astrophysik, die Spektroskopie und Fotografie, das rege Inter­esse an den Problemen der lichtschwachen nebligen Objekte ver­langten erhebliche Steigerungen der Lichtstärken. Dank der Arbeiten von H. Draper, A. A. Common und G. W. Ritchey gab es in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bedeutende Fortschritte in der Herstellung und Montierung größerer Spiegelteleskope. Im Jahre 1908 wurde am Yerkes-Observatorium ein Spiegelteleskop mit 1,5 m Spiegeldurchmesser in Betrieb genommen. Haie, der schon dem Chicagoer Straßenbahnkönig Yerkes die erforderlichen Summen für den Bau des größten Refraktors abgetrutzt hatte, gewann nun einen Geschäftsmann aus Los Angeles, J. D. Hooker, für die Finanzierung eines Riesenspiegelteleskops mit 2,5 m Spiegeldurchmesser. Die Spiegelscheibe wurde in Frankreich bestellt. Die Schwierigkeiten beim Guß so großer Scheiben waren beträchtlich, und erst der vierte Versuch gelang zufriedenstellend. Nach 5jähriger Bearbeitungszeit lagen die Daten des Spiegels so genau fest, daß die endgültige Konstruktion des Teleskops begonnen werden konnte. 1919 wurde das riesige Instrumentarium, dessen bewegliche Teile über 90000 kg Masse besitzen, für systematische Beobachtungen auf dem Mt. Wilson eingesetzt (Abb. 60). Damit war der größte Spiegel der Welt in Betrieb. Die gewaltige Bedeutung dieses Instruments für zahl­reiche Forschungen erwies sich in den folgenden Jahrzehnten in vollem Umfang. Die großen Spiegelteleskope hatten sich endgültig durchgesetzt. Der amerikanische 5,08-Meter-Spiegel (Inbetrieb­nahme 1947) und der sowjetische 6,10-Meter-Spiegel (Inbetrieb­nahme 1974) haben diese Tendenz vollauf bestätigt, und auch die gegenwärtig international projektierten etwa 15 Großinstrumente sind durchweg Spiegelteleskope.

    Es bleibt zu erwähnen, daß die technische Entwicklung in enger Fühlungnahme mit den jeweils entstandenen astronomischen For­schungsproblemen eine Fülle sehr spezieller Instrumente und Zu­satzinstrumente und -gerate hervorgebracht hat, deren Entwicklung zahlreiche Fragen aufwarf, deren Lösung wiederum dem gesamten wissenschaftlichen Gerätebau zugute kam. Die Vielfalt der Pro­bleme, besonders nach dem Aufkommen der Astrophysik, führte zum Bau von Spektrografen, Astrokameras und speziellen fotogra­fischen Refraktoren und Astrografen, zur Entwicklung von Fotome­tern, Plattenmeß- und anderen Auswerteapparaturen. Aber auch die Hauptinstrumente selbst sind von genialen Konstrukteuren, Praktikern und Theoretikern für die verschiedensten Zwecke modifiziert und verfeinert worden. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die für die Ortsmessung der Gestirne entscheidenden Meridiankreise, bei denen es vor allem auf die Stabilität der Aufstellung ankommt und deren technische Ausführung besonders sorgfältig durchdachte Konzeptionen verlangt.

    Das Auflösungsvermögen der Fernrohre, vom Durchmesser des Objektivs bestimmt, wurde durch A. A. Michelsons Konstruktion des Sterninterferometers (1920) erhöht. Damit gelang es, die Ab­stände sehr enger Doppelsterne, die Durchmesser der Jupitermonde und schließlich sogar die Durchmesser einiger roter Riesensterne direkt zu messen.

    Völlig vom Herkömmlichen abweichende Instrumententypen sind für die Erforschung der Sonne entwickelt worden. Die große Hellig­keit der Sonne gestattete die Verwendung langer Brennweiten. Ein erstes Instrument dieser Art war das Snowfernrohr des Mt.-Wilson-Observatoriums (1904/05). Ein Heliostat (Coelostat), wie ihn in ähnlicher Weise schon Astronomen zu Beginn des 19. Jahrhunderts anwendeten, projiziert das Licht der Sonne ständig in ein horizontal liegendes Spiegelteleskop. Dabei ließ sich jedoch die wichtige Be­dingung der Temperaturkonstanz der einzelnen optischen Bestand­teile nicht erfüllen. Daher wurde unter wesentlicher Initiative Haies in den Jahren 1906 bis 1908 das Turmteleskop für Sonnenforschung entwickelt. Der Coelostat befindet sich dabei auf einem hohen Turm und lenkt das Licht in ein senkrecht stehendes Fernrohr, wobei der Spektrograf in einem temperaturkonstanten und erschütterungs­armen Raum untergebracht ist. In ähnlicher Weise, lediglich mit einem horizontalen Spektrografenraum, ist der auch durch seine Architektur bekannt gewordene Einstein-Turm des Astrophysika-lischen Observatoriums Potsdam in den Jahren 1920—1924 angelegt worden. Besondere Aufmerksamkeit widmeten theoretische und praktische Optiker der weiteren Verbesserung der Spiegelteleskope und der immer besseren Anpassung an den jeweiligen wissenschaftlichen Verwendungszweck. Deshalb war es unter anderem erforderlich, die Beseitigung der Koma bei der Abbildung von kosmischen Objekten durch Parabolspiegel anzustreben. Treffen die Strahlen nicht par­allel, sondern geneigt zur optischen Achse auf den Parabolspiegel, so entsteht statt eines Lichtpunktes im Brennpunkt eine Zerstreu­ungsfigur, die als Koma bezeichnet wird und die proportional zum Quadrat der freien Öffnung des Spiegels zunimmt, also gerade bei den großen Spiegeln eine erhebliche Beeinträchtigung darstellt. Unter den Forschern, die sich mit scharfsinnigen Überlegungen um die Abstellung dieses Abbildungsfehlers bemühten, ragt K. Schwarz­schild hervor, der eine mathematische Theorie der Spiegelteleskope entwickelte.

    Den wirkungsvollsten Beitrag zur Entwicklung eines komafreien Spiegelsystems aber leistete der geniale Optiker und Lieb­haberastronom aus Mittweida. B. Schmidt. Schmidt ging bei der Konstruktion seines komafreien Spiegelsy­stems 1931 auf den Kugelspiegel zurück: im Krümmungsmittelpunkt des sphärischen Spiegels brachte Schmidt eine Öffnungsblende an. Gleichgültig, aus welcher Richtung die Strahlen den Spiegel durch diese Blende erreichen, die Abbildung ist in jedem Falle komafrei. Die Bildfläche, auf der die Abbildung erfolgt, ist sphärisch. Der Krümmungsmittelpunkt dieser Bildfläche ist mit dem des Haupt­spiegels identisch. Zur Beseitigung der sphärischen Aberration führte Schmidt nun eine kompliziert geschliffene Korrektionsplatte ein, die am Ort der Öffnungsblende angebracht wird. Durch die Entwicklung des Schmidtspiegels war ein System geschaffen, mit dem große Gesichtsfelder fehlerfrei abgebildet werden können. Die verblüffende Einfachheit der Lösung des Problems hat zu einer weltweiten Verbreitung des Sc/im/c/tsystems geführt. Später wurden verschiedene Versuche unternommen, mit vergleichbaren Hilfs­mitteln ähnliche Erfolge zu erzielen. Bekannt wurde vor allem die von dem sowjetischen Optiker D. D. Maksutow gefundene Lösung, bei der statt der Korrektionsplatte eine Meniskuslinse zur Ver­meidung der sphärischen Aberration eingesetzt wird (Maksutow-spiegel, 1944).

    Sternwarten

    Der enorme Aufschwung der astronomischen Forschung im 19. Jahrhundert ist untrennbar verbunden gewesen mit der Schaffung von Produktionsstätten des astronomischen Wissens: den Stern­warten. Nie zuvor wurden in einer so kurzen Zeitspanne so viele Sternwarten geschaffen wie während des 19. Jahrhunderts. Die Sternwarten sind sowohl Resultat als auch Bedingung der Ent­wicklung der Astronomie. Die Schaffung der Observatorien beruht auf den in einer gegebenen Situation bestehenden ökonomischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten und Erfordernissen. Viele Obser­vatorien verdanken ihre Entstehung z.B. den Bedürfnissen der astronomischen Geographie, obwohl ihre Arbeitsgebiete später eine wesentlich breitere Entwicklung nahmen. In Rußland begann z.B. die Ausbildung einer astronomischen Forschungstradition erst unter Peter /., denn vorher hatte Rußland nicht über Meeresküsten verfügt. Die Keimzelle der russischen Astronomie waren daher die Navigationsschulen.

    Ohne das wissenschaftliche Neuland der Astrophysik wären eben­falls viele bekannte Observatorien nicht entstanden. Andererseits wäre auch eine Weiterentwicklung der Astronomie ohne diese Neugründungen nicht möglich gewesen.

    Bis zum 19. Jahrhundert existierten nur knapp 3 Dutzend bedeutende Observatorien. 100 Jahre später waren es weit über 200, zu denen noch eine große Anzahl kleinerer Stationen kommt, die z.T. nur kurze Zeit bestanden. Die Sternwartengründungen bringen den or­ganischen Entwicklungsprozeß der Astronomie im 19. Jahrhundert in geradezu klassischer Weise zum Ausdruck: Eine statistische Untersuchung über die Gründungen von Observatorien hat den Befund ergeben, daß die Sternwarten sich international nach einem mathematischen Gesetz entwickelt haben, das die Form einer Ex­ponentialfunktion besitzt1, wie sie auch aus anderen Wachstumspro­zessen etwa in Physik und Biologie bekannt ist. Dabei muß man bedenken, daß keiner der Initiatoren von Observatorien ein solches Gesetz (Sternwartengründungsgesetz) kannte und folglich auch nicht bewußt danach handelte, sondern daß es sich um die spontane Durchsetzung eines objektiven Wachstumsgesetzes handelt. Es ist verblüffend, wie empfindlich die internationale Astrono­mie in den einzelnen Ländern auf die gewachsenen Notwendigkeiten reagiert und die entsprechenden Maßnahmen durchgesetzt hat. Die Sternwartengründungen vollzogen sich in den einzelnen Ländern recht unterschiedlich. Der erhebliche Ökonomische Aufwand, der mit der Schaffung leistungsstarker Observatorien verbunden ist, bedingt eine enge Korrelation der Gründungen mit dem Stand der Produktivkräfte in den einzelnen Staaten. Während im 17. und 18. Jahrhundert Frankreich und England die unumstritten leistungs­fähigsten Observatorien besaßen, erlangte während des 19. Jahr­hunderts Deutschland Weltgeltung auf diesem Gebiet. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts rückten jedoch schon die USA an die Spitze. Da die Astronomie mit dem Aufkommen der Astrophysik mehr als zuvor eine Grundlagenwissenschaft darstellte, deren unmittelbarer Nutzen nicht ohne weiteres abzusehen war, mußten bedeutende Gelehrte bei ihren Regierungen oft das ganze Gewicht ihrer Autorität und mitunter auch überbetonte praktische Argumente aufbringen, um die Mittel für große Institutionen zu erlangen. Ein Beispiel dafür ist die ausführliche Denkschrift W. Foersters an den deutschen Kronprinzen, in der er vor allem die Bedeutung der Sonne für das Geschehen auf der Erde schildert und die großangelegte wissen­schaftliche Erforschung der Sonne als zentrales Anliegen von hoher praktischer Bedeutung schildert. Auf diese Weise wurde die Grün­dung des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam vorbereitet. In den Vereinigten Staaten von Amerika war es namentlich der Prestigegedanke, der zur Entstehung neuer Sternwarten führte. Im Jahre 1825 verwies der damalige USA-Präsident auf die große Anzahl europäischer Sternwarten, denen die Vereinigten Staaten nichts entgegenzusetzen hatten. Der mächtige Aufschwung der nord­amerikanischen Staaten vom Unabhängigkeitskrieg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, der sich vor allem in einer stark ansteigenden Industrieproduktion ausdrückt und von einem beachtlichen Anstieg der Bevölkerungszahl begleitet war (1815 rd. 8,4Mill., 1860 rd. 31,5 Mill. Menschen), schuf die ökonomischen Voraussetzungen für eine rasche Entwicklung der Observatorien in den USA. Nicht zufällig entstand als erstes staatliches astronomisches Unternehmen der Vereinigten Staaten das U.S. Coast Survey, die staatliche Küstenvermessungs-Institution. Die Instrumente stammten damals freilich noch von den berühmtesten europäischen Instrumenten­herstellern, und der Direktor, F. R. Hassler, wurde aus der Schweiz berufen. Erst später besaßen die USA eigene Instrumentenhersteller und geeignete Fachkräfte. Die russische Astronomie verfügte im 19. Jahrhundert über verhältnismäßig wenige, aber dafür sehr leistungs­fähige Sternwarten, unter denen besonders die Observatorien von Dorpat und Pulkowo hervorzuheben sind. Diese weltberühmten Forschungsstätten haben bedeutende Beiträge zur Entwicklung der Astronomie in Rußland geleistet.  Die alten Sternwarten wurden zum Teil vollkom­men neu mit Instrumenten ausgerüstet und in ihren Forschungs­möglichkeiten beträchtlich erweitert. Während die Sternwarten im 19. Jahrhundert die ausschließlichen Produktionsstätten des astronomischen Wissens gewesen sind, bahnte sich im 20. Jahrhundert eine Änderung an. Der Anteil von Beiträgen aus theoretischen Instituten, aus den Nachbarwissen­schaften und schließlich aus der Weltraumfahrt stieg ständig an, so daß heute die astronomische Forschung nicht mehr ausschließlich nach der Zahl der bestehenden Sternwarten beurteilt werden kann.

    Kongresse und Vereinigungen

    Mit der wachsenden Zahl der Sternwarten, Astronomen und For­schungsteilgebiete rückte immer mehr das Problem einer engeren Kommunikation der Forscher, der gegenseitigen Abstimmung der Arbeitsprogramme und der Zusammenarbeit in den Vordergrund. Weitblickende Gelehrte erkannten diese Notwendigkeit und ver­suchten durch geeignete Maßnahmen einen schöpferischen Beitrag zur Entwicklung der Astronomie zu leisten. Eine hervorragende Persönlichkeit, ein echter Motor der Entwicklung der internationalen Astronomie war zu Beginn des 19. Jahr­hunderts F. X. v. Zach: Er besaß fachliches Ansehen in der inter­nationalen Gelehrtenwelt. Er verfügte über einen ausgeprägten Sinn für Tendenzen der Forschung und kannte alle bedeutenden Astronomen entweder persönlich, oder er korrespondierte mit ihnen. Zach stellte einen neuen Typ eines Gelehrten dar: Zach war ein Wissen­schaftsorganisator. Einer seiner Grundsätze war: „Großes kann nur durch Vereinigung vieler Talente gelingen”2, und diese Ver­einigung suchte er auf internationaler Basis herbeizuführen. Daß er dabei schwierige Pionierarbeit leisten mußte, war klar. Viele natio­nale, wissenschaftliche und persönliche Vorurteile der Gelehrten waren auszuräumen. Hinzu kam die mißliche Situation im zer­splitterten Deutschland seiner Zeit, die der Lösung dieser Aufgabe als ein mächtiges Hindernis im Wege stand. Weil Deutschland noch keine Nation ausmachte — so formulierte es Zach —, fehlten zentral geförderte wissenschaftliche Anstalten vom Range des englischen Board of Longitude, zerschlugen sich wichtige verlegerische Pläne immer wieder an den „merkantilisch spekulierenden” Buchhändlern. Trotz dieser Widrigkeiten nahm Zach mit außerordentlicher Energie eine Fülle von Projekten in Angriff, die in ihrer Gesamtheit einen beachtlichen Anteil am Aufschwung der Astronomie in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hatten: Er gründete die ersten astronomischen Fachzeitschriften, organisierte wissenschaftliche Kongresse, stiftete eine wissenschaftliche Gesellschaft und widmete dem Nachwuchs größte Aufmerksamkeit.

    Unter den gesellschaftlichen Bedingungen voll ausgeprägter kapitali­stischer Verhältnisse und auf einem fortgeschrittenen wissenschaft­lichen Niveau traten später andere hervorragende Persönlichkeiten auf, denen es gelang, solche Ansätze weit hinter sich zu lassen und z. T. sogar internationale Unternehmungen mit großem Erfolg ins Leben zu rufen. Zu ihnen zählen der amerikanische Astronom und Organisator G. E. Haie und der deutsche Astronom und Organisator W. Foerster.

    Die besondere Eignung beider Männer zur organisatorischen Arbeit beruhte ähnlich wie bei Zach und anderen auf ihrem hohen fach­lichen Ansehen. Besonders Haie hat sich als Pionier der Sonnen­forschung internationalen Ruf erworben. Über seine wissenschaft­lichen Arbeiten hinaus war er ein energischer Organisator. Unter Ausnutzung der besonderen Situation in Amerika verstand er es, geeignete Magnaten und Institutionen zur Finanzierung auf wendiger Projekte wie dem Bau des Yerkes Observatory und des Hooker-Spiegels beim Mt.-Wilson Observatory zu gewinnen. Auch das Pro­jekt des 5-Meter-Spiegels auf dem Mt. Palomar (Haie-Teleskop) ist seiner Initiative zuzuschreiben, wenn auch die Inbetriebnahme des Instruments erst nach seinem Tode erfolgte. Haie begründete das „Astrophysical Journal” und leitete die internationale Zusammen­arbeit auf dem Gebiet der Sonnenforschung durch die Schaffung der „International Union of Solar Research” ein. Als Foreign Secretary of the National Academy of Sciences (NAS) hatte er auch einen bedeutenden Anteil an der Entwicklung der nationalen Astronomie der USA.

    Foerster unterstützte die Gründung der Astronomischen Gesell­schaft und die Organisation der Internationalen Erdmessungen, leitete die Einführung des metrischen Systems in Deutschland und war entscheidend an der Entstehung des Astrophysikalischen Obser­vatoriums in Potsdam beteiligt; er bemühte sich lebhaft um die Gründung der Jenaer Glasproduktion und die Bildung der Physika­lisch-technischen Reichsanstalt. Auf seine Initiative geht die Grün­dung des öffentlichen Zeitdienstes und der Gesellschaft „Urania” in Berlin zurück. Schließlich war es auch Foerster, der die „Zen­tralstelle für astronomische Telegramme” vorschlug und den „Inter­nationalen Breitendienst” mit ins Leben rief. Allein diese Aufzäh­lung macht klar, daß hier eine Arbeit zu leisten war, die hohe Sach­kunde, Talent und einen Blick für die Gesamtentwicklung der Astronomie erforderte.

    Die Entfaltung der Astronomie war ohne die zielstrebige Organi­sation der Forschung nicht mehr möglich. Kongresse und Vereini­gungen sowie die Schaffung fachspezifischer, periodisch er­scheinender Publikationsorgane sind daher ein untrennbarer Be­standteil der Geschichte der Astronomie in jenem Zeitraum. Die Zusammenfassung der Kräfte einzelner ermöglichte eine neue Qualität der Arbeit, indem sie die Kräfte der einzelnen nicht einfach summierte, sondern eine kontinuierliche Arbeit in einem vorher undenkbaren Umfang auch aktivierte.

    Im Prozeß des engeren Zusammenwachsens der Forschungen, die ansonsten individuell geplant und durchgeführt wurden, spielt die persönliche Begegnung der Forscher eine hervorragende Rolle. Zach, der mit zahlreichen Astronomen der Welt zusammengetroffen war, kannte die Vorzüge solcher Kontakte und versuchte auf diesem Gebiet einen gezielten Vorstoß, indem er zum Sommer des Jahres 1798 zahlreiche Astronomen zu einer Zusammenkunft auf der Herzoglichen Sternwarte in Gotha einlud. Das daraufhin zustande gekommene Treffen von 15 europäischen Forschern kann nach Art, Inhalt und Zweck als der erste organisierte Astronomenkongreß der jüngeren Astronomiegeschichte gelten. Die tagelangen ausgiebigen fachlichen Erörterungen, die sogar in einen wissenschaftlichen Beschluß einmündeten, ließen bei den Teilnehmern den Wunsch entstehen, möglichst bald in ähnlicher Weise wieder zusammen­zukommen. Doch es war andererseits auch nicht zu verkennen, daß die herrschenden politischen Verhältnisse in Deutschland für sol­cherlei Projekte kein günstiges Klima boten; allein die Teilnahme des bedeutenden französischen Astronomen Lalande an dem Treffen hatte bei einigen Astronomen, aber mehr noch bei den „bebenden und zitternden kleinen deutschen Fürsten”3 größtes Mißtrauen er­weckt. Ein Teil der eingeladenen Astronomen blieb dem Treffen aus diesem Grunde fern, und der Herzog von Gotha mußte sich sogar seitens der englischen Regierung eine regelrechte Intervention gegen die Zusammenkunft gefallen lasssen. Die Furcht vor dem Eindringen revolutionären Gedankengutes war groß. Schroetcr sprach von einem „französisch-astronomischen Reichstag”4 und zeterte mit anderen Astronomen gegen das metrische System, ein „Kind der Französischen Revolution”, das nach seiner Meinung nur dem Hegemoniestreben Frankreichs Vorschub leisten sollte. Noch schwieriger war es, damals im zersplitterten Deutschland eine le­bensfähige astronomische Vereinigung zu schaffen. Im Jahre 1800 versuchten Zach und Schroeter eine „Vereinigte Astronomische Gesellschaft” ins Leben zu rufen, mit deren Hilfe aktuelle wissen­schaftliche Forschungen unter den Astronomen abgestimmt werden sollten. Zu einer fruchtbringenden Tätigkeit dieser Gesellschaft kam es aber angesichts der politischen Situation in Europa damals nicht. Hingegen entstand in England im Jahre 1820 die „Astronomical Society”, die in den „MonthlyNotices” ab 1831 auch über ein eigenes Publikationsorgan verfügte. Von dieser Vereinigung ist ein merkli­cher Impuls auf die Entwicklung der Astronomie in England aus­gegangen.

    Von den deutschen Vereinigungen besaß nur die „Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte” (gegründet Leipzig 1822) Stabilität. Ihr Initiator, L. Oken, hatte ausdrücklich darauf ver­wiesen, daß die deutschen Naturforscher sich organisieren müßten, wenn die deutsche Wissenschaft z. B. mit der Englands und Frank­reichs Schritt halten sollte. Anläßlich der Versammlung der Gesellschaft 1828 in Berlin wurde auch eine Sektion für „Geographie und Astronomie” ins Leben gerufen. In dieser Sektion tauchte dann etwa 30 Jahre später die Idee auf, eine eigene astronomische Ver­einigung zu schaffen. Als sich endlich im Jahre 1863 insgesamt 25 Astronomen zur Gründung der „Astronomischen Gesellschaft” in Heidelberg zusammenfanden, war damit auch eine selbständige Fachvereinigung entstanden. Von Anfang an bemühten sich deren Initiatoren, auch Astronomen des Auslandes für die Tätigkeit der Gesellschaft zu gewinnen. Tatsächlich gehörten letztendlich zu ihren Mitgliedern (deren Zahl von 173 im Jahre 1865 auf mehr als 500 im Jahre 1930 stieg) fast alle zu ihrer Zeit führenden Astronomen der Welt. So gelangen unter der Organisation der Astronomischen Ge­sellschaft mehrere weltweit durchgeführte Unternehmen, von denen nur der Zonenkatalog der AG genannt sei. In anderen Ländern kam es ebenfalls zur Bildung astronomischer Vereinigungen: In Italien entstand die „Societä degli spettroscopisti Italiani”, in Rußland die „Russische Astrononomische Gesell­schaft”, in Petersburg (1890), in Frankreich die „Soci6t6 astronomi-que de France” (1887), in Kanada „The Royal Astronomical Society of Canada” (1890) und in den USA „The Astronomical and Astrophysical Society of America” (1899). Insgesamt wurden während des 19. Jahrhunderts etwa 20 nationale astronomische Vereinigungen gegründet, die sich die Intensivierung der Forschung zum Ziel setzten. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts setzte sich diese Tendenz fort.

    Der außerordentlich gewachsene Umfang der Probleme, die weit­verzweigte Spezialisierung erforderten aber bald eine noch wir­kungsvollere, internationale Zusammenarbeit der Astronomen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die wenigen Astronomen kaum spezialisiert. Die meisten von ihnen beschäftigten sich gleichzeitig mit mehreren Spezialgebieten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Anzahl der Astronomen etwa auf das 30fache angestiegen (ca. 2000 Astronomen um 1900). Die meisten waren auf sehr spezielle Forschungen ausgerichtet. Denken wir etwa an die Anfänge der Astrophysik, so gab es mitunter innerhalb einer nationalen astrono­mischen Vereinigung nur einige Spezialisten für diese Fragen. Damit rückte das Problem der Zusammenarbeit mit den Spezialisten aus anderen Ländern in den Vordergrund. Der konsequenteste Ausdruck dieser Notwendigkeit war die Gründung der „Internationalen Astronomischen Union” (IAU) im Jahre 1919. In ihr sind die natio­nalen astronomischen Vereinigungen zusammengefaßt, während die verschiedenen spezifischen Probleme in einer großen Zahl von Fachkommissionen bearbeitet und organisiert werden. Die internationale Zusammenarbeit gestaltete sich keineswegs kon­fliktlos; sie ist besonders anfällig gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung. Die starke Konzentration internationaler wissen­schaftlicher Gesellschaften in Deutschland zu Beginn des 20. Jahr­hunderts macht dies sehr deutlich. Sie war zum großen Teil den Leistungen und der Initiative progressiver deutscher Wissenschaft­ler zu danken. Die Politik des deutschen Imperialismus und Militaris­mus machte dieses Werk jedoch innerhalb kurzer Zeit zunichte: Die Niederlage des deutschen Imperialismus im ersten Weltkrieg führte zu einem totalen Boykott der deutschen Wissenschaft, der sogar im Versailler Vertrag seinen Niederschlag fand. Alle Zentralbüros, die in Deutschland gelegen hatten, wurden neu gegründet, deutsche Gelehrte wurden aus internationalen Organisationen gestrichen, Arbeitsgebiete, bei denen die deutsche Mitarbeit unbedingt erfor­derlich war, wurden aufgelöst, Arbeiten deutscher Wissenschaftler wurden in internationalen Bibliographien nicht beachtet, Deutsch­land wurde von internationalen Kongressen ausgeschlossen usw. An diesem Boykott hatte nicht zuletzt auch jener von 93 z.T. welt­bekannten deutschen Geistesschaffenden unterschriebene „Aufruf an die Kulturwelt” vom Oktober 1914 seinen Anteil, der das Vor­gehen des deutschen Imperialismus guthieß und Wilhelm II. sogar als „Schirmherr des Friedens” hinstellte. Der Schaden, den dieses „Manifest” der Entwicklung der Wissenschaft zufügte, konnte auch durch einen kaum bekannt gewordenen, von Einstein und dem Berliner Physiologen G. F. Nicolai verfaßten und von W. Foerster mitunterzeichneten Gegenaufruf nicht wiedergutgemacht werden. Dieses Beispiel, dem sich zahlreiche andere hinzufügen ließen, zeigt, daß der Kampf um wissenschaftliche Erfolge nicht losgelöst vom Kampf um gesellschaftlichen Fortschritt geführt werden kann. Dies haben — besonders nach den bitteren Erfahrungen in unserem Jahr­hundert — immer mehr Wissenschaftler erkannt und sich deshalb auch nicht gescheut, die Bühne der „reinen Wissenschaft” zeitweise zu verlassen, um in ihrer wissenschaftlichen Verantwortung gegen Reaktion und für gesellschaftlichen Fortschritt einzutreten.

    Astronomische Literatur

    Die Literatur ist ein getreuer Spiegel der Entwicklung einer Wissen­schaft. Sie ist Ergebnis und Bedingung wissenschaftlicher Arbeil zugleich.

    Solange die Anzahl der aktiv tätigen Astronomen klein war, blieb auch der Umfang des erzeugten Wissens gering. Die Resultate wurden in Büchern niedergelegt, die im allgemeinen gleichzeitig die für längere Zeit gültigen Standardwerke darstellten. Außerdem standen den Gelehrten die Publikationsorgane der Akademien zur Verfügung: Das französische ,Journal des Savants”, die englischen „Philosophical Transactions” und die deutsche „Acta Eruditorum” sind die ältesten und bekanntesten dieser nichtspezialisierten Akademiezeitschriften. Die Akademien — selbst Produkte der bür­gerlichen Interessen — machten diese Publikationsorgane mehr und mehr zum Sprachrohr der Naturwissenschaften, die praktischen Nutzen besaßen und anwendbar waren.

    Im übrigen tauschten die Gelehrten ihre Resultate und Meinungen durch Briefwechsel untereinander aus. Die Teilnahme an einem „Korrespondentenzirkel” war für junge Gelehrte im 17. und 18. Jahrhundert ein wichtiges Mittel, sich in Fachkreisen bekannt zu machen.

    Zu Beginn des 18. Jh. war der Kreis der Astronomen noch so klein, daß diese Form der Kommunikation effektiv war. Der große Auf­schwung, den die Forschungen aber um die Wende zum 19. Jahr­hundert nahmen, bewirkte, daß die Anzahl der Astronomen ständig wuchs. Damit war die Zeit reif für die Entstehung astronomischer Fachzeitschriften; denn nun war es für den einzelnen Astronomen unmöglich, mit allen aktiv tätigen Astronomen regelmäßig die er­forderliche Korrespondenz zu unterhalten. Der dafür notwendige Zeitaufwand verringerte die Effektivität der unmittelbaren For­schung. Deshalb begann das seit 1774 erscheinende „Astronomische Jahrbuch”, von J. H. Lambert gegründet und von 1777 bis 1829 von J. E. Bode herausgegeben, neben seinem eigentlichen Anliegen, den Ephemeriden, auch einen Abhandlungsteil zu publizieren, der In­formationen aus der internationalen astronomischen Forschung enthielt. Die jährliche Erscheinungsweise des „Jahrbuchs” war freilich wenig geeignet, dem bestehenden Bedürfnis nach rascher Information zu entsprechen. Daher schuf der weitblickende F. X. v. Zach 1798 eine spezifische Fachzeitschrift, die „Allgemeinen Geo­graphischen Ephemeriden”. Hauptzweck dieser Zeitschrift sollte die aktive Förderung der Forschung sein. Zach bevorzugte deshalb die wissenschaftliche Originalabhandlung und förderte den Meinungs­streit. Diese progressiven Grundsätze — damals keineswegs Ge­meingut der Zeitschriftenherausgeber — trugen zu raschen Fort­schritten in der Forschung bei. So konnte Zach schon nach zwei Jahren feststellen, daß es durch die Zeitschrift gelungen sei, geo­graphische Ortsbestimmungen in einer größeren Anzahl als je zuvor zu veranlassen und die Ausarbeitung neuer, genauerer Meß- und Berechnungsverfahren zu stimulieren.

    Allerdings waren die „Allgemeinen Geographischen Ephemeriden” noch wenig spezialisiert. Neben geographischen Beiträgen, die anteilmäßig überwogen, waren auch viele völkerkundliche und meteorologische Beiträge enthalten, so daß auf die Astronomie nur etwa 25 Prozent der Beiträge entfielen.

    Seit 1800 erschien als unmittelbare Fortsetzung der „Ephemeriden” die „Monatliche Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmels-Kunde”, die zunächst wieder von Zach und dann von B. A. v. Lindenau, dem späteren sächsischen Staatsminister, heraus­gegeben wurde. Besonders unter Lindenaus Leitung entwickelte sich die Zeitschrift zu einem der wichtigsten Publikationsorgane für die astronomische Forschung im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. In welch hohem Maße die Zeitschrift der Dynamik der wissenschaft­lichen Produktion entsprach, zeigt die äußerst kurze Zeitspanne zwischen der Ablieferung und dem Erscheinen wichtiger Beiträge. Leider fand die verdienstvolle Zeitschrift infolge der Befreiungskriege nach insgesamt 14 Jahren ihrer Existenz ein ra­sches Ende. Lindenau, ein begeisterter Patriot, nahm teil am Kampf gegen die napoleonischen Truppen, ohne daß für ihn als Astronom ein geeigneter Ersatz vorhanden gewesen wäre. Als Lindenau 1814 nach Gotha zurückkehrte, entwickelte er den Plan einer neuen Zeitschrift, die er gemeinsam mit Bohnenberger ab 1816 unter dem Titel „Zeitschrift für Astronomie und verwandte Wissenschaften” herausgab. Diese Zeitschrift war ein weiterer Fortschritt auf dem Wege zu einer spezifisch astronomischen Fach­publizistik. Der Anteil astronomischer Beiträge betrug hier durch­schnittlich 70 Prozent. Lindenaus unvermeidlicher Übertritt in den Staatsdienst, der gleichzeitig seinen endgültigen Abschied von der Astronomie mit sich brachte, beendete aber auch das Erscheinen dieser Zeitschrift schon nach drei Jahren. Ähnlich wie die Privat­sternwarten waren die Zeitschriften damals noch zu eng an die persönliche Initiative einzelner Gelehrter gebunden; die kaum aus­geprägte Institutionalisierung dieser Einrichtungen bedingte die fehlende Kontinuität. In Deutschland machte es sich besonders hemmend bemerkbar, daß ein politisch und wirtschaftlich starkes Zentrum fehlte, wie es in England und Frankreich bestand. Dort unterlagen die wissenschaftlichen Belange der Förderung des Staa­tes, in den deutschen Ländern kämpften hervorragende Initiatoren oft vergebens gegen die herrschenden Zustände. Unrühmliche Beispiele für die mangelhaften Entfaltungsmöglichkeiten der Wis­senschaft sind die Schwierigkeiten, die bei der Drucklegung so bedeutender Werke wie Bessels „Fundamenta Astronomiae” und Gauss’ „Theoria Motus” auftraten. Nur dem vorbildlichen Einsatz von Zach und Lindenau und der Unterstützung durch Herzog Ernst IL von Sachsen-Gotha war es zu verdanken, daß diese beiden Werke überhaupt gedruckt werden konnten. Selbst vom „Astronomischen Jahrbuch” hatte sich die Berliner Akademie aus finanziellen Grün­den zurückgezogen, so daß Bode gezwungen war, dieses weltweit anerkannte Werk als Privatunternehmen weiterzuführen. Im Jahre 1821 kam es zur Gründung einer dauerhaft bestehenden astronomischen Fachzeitschrift, den „Astronomischen Nachrichten” (Abb. 74). Sie wurde in Altona von H. C. Schumacher her­ausgegeben und finanziell vom dänischen Hof unterstützt, da sich besonders der als Liebhaber und Förderer der Astronomie bekannte dänische Finanzminister v. Mösting für ihre Förderung einsetzte. Die „Astronomischen Nachrichten” entwickelten sich rasch zum literarischen Mittelpunkt der Astronomen aus aller Welt. Die ein­zelnen Nummern der Zeitschrift erschienen zwanglos je nach dem Umfang des vorliegenden Materials, so daß die in der Forschung entstehenden Informationen unverzüglich verbreitet werden konn­ten. Die anfangs noch vorhandene inhaltliche Breite ging mehr und mehr zugunsten spezifisch astronomischer Beiträge zurück, wozu auch die Arbeitsteilung in der Fachpublizistik beitrug. So standen die „Astronomischen Nachrichten” über viele Jahrzehnte ohne Konkurrenz da. Es gibt kaum eine bedeutende astronomische Entdeckung nach 1821, die in den Spalten dieser Zeitschrift nicht ihren Niederschlag gefunden hätte. Lediglich in England bestand mit den „Monthly Notices of the Royal Astronomical Society” ein weiteres astronomisches Publikationsorgan, das aber wegen seiner Bindung an die englische astronomische Gesellschaft nicht die inter­nationale Durchschlagskraft der „Astronomischen Nachrichten” besaß. Die rasche Entwicklung der Astronomie in zahlreichen Ländern führte allerdings später zur Entstehung weiterer astrono­mischer Fachzeitschriften. Die „Astronomischen Nachrichten” übten hierbei die Funktion eines Vorbildes aus, z. B. bei der Grün­dung des „Astronomical Journal” in den USA (1849). Doch nicht nur in Zeitschriften wurde das astronomische Wissen niedergelegt. Vielmehr gründeten auch die einzelnen Sternwarten eigene Publikationsorgane. So entstanden zwischen 1850 und 1900 rund 200 Sternwartenpublikationsreihen. Das Buch verlor allmählich seine Bedeutung als Form der wissen­schaftlichen Primärliteratur; statt dessen dominierten die Original­veröffentlichungen in Zeitschriften. Zusammenfassungen des Stan­des ganzer Wissenschaften oder einzelner ihrer Disziplinen erschie­nen in Monographien. Typische Beispiele für diese Art der Darstellung sind Secchis Buch „Die Sonne” und Müllers „Photometrie der Gestirne”.

    Um bei der Vielfalt der Publikationsorgane den Zugang zu den gesuchten Informationen zu erleichtern, wurde 1899 von W. F. Wislicenus der „Astronomische Jahresbericht” gegründet. Er ent­hält für den Berichtszeitraum eines Jahres eine Übersicht über die wissenschaftliche Literatur der Astronomie und ihrer Grenzgebiete. Für die Mitarbeit am „Astronomischen Jahresbericht” wurden namhafte Wissenschaftler aus aller Welt gewonnen. Als Folge der ra­piden Ausweitung der Astronomie wurde dieses Referatejournal 1969 durch die halbjährlich erscheinenden „Astronomical and Astrophysical Abstracts” ersetzt.

    Im 19. Jahrhundert entwickelte sich auch in verstärktem Umfang die populärwissenschaftliche Literatur auf dem Gebiet der Astronomie, die heute in aller Welt einen festen Platz in der Popularisierung der Wissenschaft einnimmt, weil die Astronomie einen hohen Beitrag zur weltanschaulichen Bildung zu leisten vermag. Einen wichtigen Auftrieb hatte der Gedanke der Popularisierung bereits in der Epoche der europäischen Aufklärung erhalten, in dessen Folge so bedeutende Gelehrte wie Frangois Arago und Alexander v. Humboldt sich zu Anwälten einer weiten Verbreitung astronomischen Wissens machten. Die populären Bücher von Littrow, Bode, Mädler und Diesterweg, zum Teil noch lange nach dem Tode der Verfasser herausgegeben, verbreiteten astronomisches Wissen in weiten Kreisen der Bevölkerung. Ein internationaler Spitzentitel populärer astronomischer Literatur war S. Newcombs „Populär Astronomy”. Sie erschien bis 1910 in sieben Sprachen — die deutsche Übersetzung erlebte z. B. mehrere Auflagen. Außer dieser Schrift verfaßte Newcomb noch weitere populärwissen­schaftliche Arbeiten, so die „Astronomy for Everybody” und „Side-Lights on Astronomy”. Weit verbreitet war auch C. Flammarions „Astronomie populaire” und das gleichnamige Buch von F. Arago, das auch in deutscher Sprache erschien. Darüber hinaus schrieben noch viele andere Wissenschaftler, unter ihnen Astronomen von Weltruf, populäre astronomische Bücher.

    Einzigartig unter allen Naturwissenschaften hat die Astronomie, die sich eines lebhaften Interesses der Öffentlichkeit erfreute, eigene Popularisierungsinstitute, die Volkssternwarten, eigene Vereinigun­gen, die Gesellschaften der Sternfreunde und eine eigene populäre Zeitschriftenliteratur hervorgebracht. Für 10 Jahre gab G. A. Jahn seit 1847 wöchentlich erscheinende „Unterhaltungen im Gebiete der Astronomie, Geographie und Meteorologie” heraus. 1860 versuchte C. A. F. Peters gemeinsam mit K. Pape eine „Zeitschrift für populäre Mitteilungen auf dem Gebiet der Astronomie und verwandter Wis­senschaften” ins Leben zu rufen, von der aber nur wenige Bände erschienen. Erfolgreiches Sprachrohr der populären Astronomie wurde hingegen die Zeitschrift „Sirius” (seit 1868), die 1927 mit der noch heute in Leipzig erscheinenden Zeitschrift „Die Sterne” (ge­gründet 1921) vereinigt wurde. Große Verbreitung erlangten auch die populärwissenschaftlichen Zeitschriften „Himmel und Erde”, die von 1889 bis 1915 als Journal der Gesellschaft Urania erschien, oder die „Himmelswelt” (1920-1950) sowie die von der Treptower Stern­warte in Berlin herausgegebene Monatsschrift „Das Weltall” (1900-1944).

    Die Astronomie verfügt heute über ein weitverzweigtes und gut ausgebautes Netz von Publikationsmitteln, wobei die Tendenz der Vereinigung früherer nationaler Zeitschriften zu internationalen Publikationsorganen zu erkennen ist, um auf diesem Weg die Schwierigkeiten des Zugangs zur Literatur zu erleichtern. Jährlich erscheinen gegenwärtig etwa 10000 Titel astronomischen Inhalts. Die Wissensproduktion ist aber noch im Steigen begriffen; die Zunahme beträgt jährlich etwa 4 Prozent. Daher steht das astrono­mische Publikationswesen heute vor denselben Fragen, die gegen­wärtig allgemein in der Wissenschaft diskutiert werden. Es kommt darauf an, neue Wege der Speicherung und des Zugangs zu den gespeicherten Resultaten zu finden, bei denen der elektronischen Datenverarbeitung eine wichtige Rolle zukommt. Ansätze eines solchen Informationssystems, in dem die Fachzeitschriften ihre frühere Bedeutung allmählich mehr und mehr einbüßen werden, sind bereits zu erkennen.

    Ausblick

    Die einhundertfünfzig Jahre intensiver Forschung vom Ausgang des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts haben das astronomische Weltbild grundlegend gewandelt. In Hertzsprungs Tagen hatte die Forschung mehr erreicht, als ihr die kühnsten Phantasten zu Herschels Zeit je vorausgesagt hätten. Eine Fülle neuer Phänomene war entdeckt worden. Zahlreiche Erscheinungen, denen man früher verständnislos gegenübergestan­den hatte, waren durch Anwendung der ihnen zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten kalkulierbar geworden. Während die messende und rechnende Astronomie zu Herschels Zeit nur rd. 160 Licht­minuten in den Kosmos hinausreichte, überblickten die Zeitgenossen Hertzsprungs bereits Räume mit Millionen von Lichtjahren Tiefe. War es am Beginn des 19. Jahrhunderts noch zweifelhaft, ob die damals bekannten Gesetze bis an die Grenzen des Sonnensystems gültig sind, so war es im 20. Jahrhundert zur Gewißheit geworden, daß die Gesetze überall dort im Raum gelten, wo dieselben Bedin­gungen anzutreffen sind. Die materielle Einheit der Welt, wie sie die astrophysikalischen Forschungsverfahren gelehrt hatten, war eine der großartigsten Erkenntnisse der Astrophysik und eine große Ausweitung des kopernikanischen Gedankens der Gleichheit von Erde und Himmelskörpern.

    Der von kühnen Philosophen und Naturforschern postulierte Ent­wicklungsgedanke — zu Herschels Zeit astronomisch unbeweisbar— hatte sich voll durchgesetzt. Das Problem des Werdens und Ver­
    gehens von Planeten, Sonnen und Sternsystemen entwickelte sich
    zu einem zentralen Anliegen der Forschung.

    Oft war die astronomische Forschung in der Zeit von Herschel bis Hertzsprung an schier unüberwindlich scheinende Grenzen gesto­ßen; aber keine einzige war wirklich unüberwindlich gewesen. Die Praxis der Forschung hatte alle Behauptungen von der Existenz angeblicher Erkenntnisschranken widerlegt. Mit jeder gelösten Frage hatten sich aber — wie immer in der For­schung — neue Fragen ergeben. Jede Erkenntnis trägt zugleich pro­grammatischen Charakter, denn sie stellt nur eine Stufe im un­endlichen Prozeß der Annäherung an die absolute Wahrheit dar. In der Wissenschaft wird niemals ein Stadium erreicht, „wo sie nicht mehr weiter kann, wo ihr nichts mehr übrigbleibt, als die Hände in den Schoß zu legen und die gewonnene absolute Wahrheit an­zustaunen”1. Dabei ergeben sich neue Ansatzpunkte oft aus über­raschenden Entwicklungen, die z. T. aus anderen Wissenschaften stammen. Die Anwendung der Atomphysik — nicht nur mit ihren Erkenntnissen, sondern auch mit ihren meßtechnischen Verfahren— ist ein eindrucksvoller Beweis hierfür. Die Entwicklung der astronomischen Forschung in den letzten Jahrzehnten hat dies noch deutlicher werden lassen: Fast alle grundlegend neuen Erkenntnisse basieren auf der konsequenten Anwendung zahlreicher Errungen­schaften der Wissenschaft und Technik in ihrer ganzen Breite. Ein schwieriges Problem war immer die Frage nach den Energiequellen der Sterne gewesen. Heimholte hatte noch allgemeinen Beifall für die Hypothese von der Energieerzeugung der Sterne aus ihrer Kontraktion geerntet. Nach der Entdeckung der Radioaktivität, mit deren Hilfe eine absolute Altersskala der Erdgeschichte gewonnen werden konnte, zeigte es sich aber, daß diese Hypothese den Sternen eine viel zu kurze Lebenszeit zubilligte. Die Kernphysik erbrachte schließlich die Lösung. In den Jahren 1937/38 konnten H. Bethe und C. F. v. Weizsäcker nachweisen, daß im Sonneninnern ein Prozeß abläuft, der als Kernfusion bezeichnet wird und bei dem Wasserstoffkerne über verschiedene Zwischenstufen zu Helium­ kernen verschmolzen werden (Bethe-Weizsäcker-Zyklus). Mit die­ser Erkenntnis war nicht nur die Möglichkeit der Altersbestimmung der Sterne gegeben; es bestand nun überhaupt erst die elementare Voraussetzung für die theoretische Erfassung der Entwicklungsprozesse der Sterne. Jetzt war es möglich, die physikalischen Vor­gänge und Bedingungen mathematisch zu beschreiben und die Ent­wicklung durch Berechnung von Sternmodellen für verschiedene Zeitpunkte theoretisch darzustellen. Eine große Rolle bei diesen sehr umfangreichen und komplizierten numerischen Verfahren spielen die schnellen Rechenmaschinen. Vorher mußten gezwungenerma­ßen die physikalischen Vorgänge vereinfacht werden, um überhaupt in einer vertretbaren Zeit zu bestimmten Rechenergebnissen zu kommen. Wie sich herausstellte, ist die Energieproduktion der Sterne mit einem vergleichsweise sehr geringen Masseverlust ver­bunden. Während der gesamten, lang dauernden Lebensphase, die durch das „Wasserstoffbrennen” gekennzeichnet ist, verharren die Sterne an ihrem Platz auf der Hauptreihe des Hertzsprung-Russell-Diagramms. Nach dem Versiegen des Wasserstoffs ändern sich die Zustandsgrößen in charakteristischer Weise, was schließlich zur Abwanderung des Sterns von der Hauptreihe führt. Die alte ver­einfachende Deutung des HRD als Entwicklungsdiagramm hatte sich damit als unzutreffend erwiesen. Vielmehr zeigte sich, daß es sich um ein Zustandsdiagramm handelt, dessen unterschiedliche Beset­zungsdichte freilich wichtige Rückschlüsse auf die Entwicklungs­prozesse von Sternen zuläßt. Zwar durchlaufen die Sterne während ihres Lebens einen bestimmten Weg im HRD, aber nicht in der einfachen, früher angenommenen Weise.

    Völlig neue Erkenntnisse ergaben sich aus dem mit der technischen Entwicklung möglich gewordenen Empfang nichtoptischer elektro­magnetischer Wellen aus dem Kosmos.

    Zu Beginn der dreißiger Jahre entdeckte Jansky die kosmische Radiostrahlung, als er feststellte, daß Schwankungen des Emp­fängergeräusches seines UKW-Empfängers mit der Periode eines Sterntages auftraten. Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich durch den Einsatz der inzwischen relativ hochentwickelten Radio­technik daraus ein neuer Zweig der Himmelsforschung, die Radio­astronomie, die bis heute den bestentwickelten Teil der nicht­optischen Astronomie darstellt und bedeutende Erfolge bei der Erforschung des Kosmos zu verzeichnen hat Die Radioastronomie ist es auch gewesen, die wichtige Beiträge zur Erforschung der großräumigen Struktur des Milchstraßensystems lieferte, indem sie mit ihren weitreichenden Instrumenten durch die Beobachtung der 21-Zentimeter-Linie des neutralen Wasserstoffs die Spiralstruktur unseres Sternsystems aufdeckte. Zahlreiche heute vieldiskutierte Erkenntnisse sind ebenfalls diesem Zweig der mo­dernen Astronomie zu verdanken: die Entdeckung der Quasare (1960) und der Pulsare (1967), die Auffindung der 3-Kelvin-Strahlung und der Nachweis vieler komplizierter organischer Moleküle in der Materie zwischen den Sternen.

    Das „Radiofenster” blieb aber nicht der einzige Schritt über die Beobachtung der Lichtwellen hinaus. Insbesondere die Erfolge der Raumfahrt nach der Eröffnung des kosmischen Zeitalters durch die Sowjetunion im Jahre 1957 haben der Astronomie neue Möglich­keiten geschaffen, wodurch in jüngster Zeit die „Röntgenastronomie”, die „Infrarotastronomie” und andere Zweige der zu­kunftsträchtigen extraterrestrischen Astronomie eine rasche Ent­wicklung nahmen. Hand in Hand mit neuen gewaltigen Teleskopen auf der Erde, die gegenwärtig oder in nächster Zukunft errichtet werden, schreitet so die Astronomie systematisch mit der Erkundung des komplizierten Geschehens im Kosmos fort. Aus dem einst monolithischen Block, den die Himmelsforschung noch zu Herschels Zeiten darstellte, ist ein feingliedriges, reich verästeltes inter­disziplinäres Forschungsgebiet geworden. Die moderne astronomi­sche Bibliographie nennt 162 Spezialgebiete der heutigen astrono­mischen Forschung. In unablässiger Forschungsarbeit werden dem Kosmos immer neue Geheimnisse abgerungen. Der Kosmos ist für die Forschung ein gewaltiges Laboratorium, in dem sich Naturvorgänge abspielen, die in den irdischen Experi­mentiersälen mit keinerlei Hilfsmitteln nachgebildet werden können. Die Untersuchung dieser Prozesse wird dem Menschen auch in der Zukunft helfen, weitere Naturgesetze zu erkennen, sie zu seinem Nutzen anzuwenden und seine eigene Stellung im Weltall zu ver­stehen.

    Die Neuzeit der Erdgeschichte beginnt

    Mit dem Tertiär beginnt die erdgeschichtliche Neuzeit. Vorüber ist die Zeit der Saurier; die Säugetiere haben ihren Siegeszug angetreten, der sie schließlich zu Beherrschern der Erde macht. Unter den Pflanzen nehmen die Bedecktsamer die Vorrangstellung ein. Die neue Qualität bedarf nur noch einer Reihe von Vervollkommnungen. um zum heutigen Zustand zu gelangen. Gleiches gilt für das Bild der Erde: Die gegenwärtige Verteilung von Festländern und Meeren, Gebirgen und Tiefländern wird im wesentlichen im Tertiär geschaffen.

    Die Erdkruste ist zu keiner Zeit bewegungslos gewesen. Die Existenz starrer und mobiler Bereiche, die sich den einwirkenden Kräften gegenüber unterschiedlich verhielten, war immer Ursache zumindest lokaler Bewegungen horizontaler oder vertikaler Art, die zu flachen Überflutungen von Krustenteilen oder aber zur Fest-landswerdung führten. Das Tertiär jedoch war offensichtlich eine Zeit stark gesteigerter tektonischer Unruhe. Was in der Jura- und Kreidezeit bereits begann, wurde im Tertiär vollendet: die Aufrichtung der großen jungen Faltengebirge der Erde, besonders jenes gewaltigen Systems, das in Nordwestafrika mit den Atlasketten beginnt, dem Pyrenäen, Alpen, Karpaten, Dinariden, Kaukasus, Balkan, die kleinasiatischen Kettengebirge und die Hochgebirge Zentralasiens mit dem Himalaja angehören und das sich über Südostasien bis zur Inselwelt im Grenzbereich zwischen Indischem und Pazifischem Ozean erstreckt.

    An Mitteleuropa ging die tektonische Beanspruchung ebenfalls nicht spurlos vorüber. Sein Untergrund war längst nicht mehr so mobil wie der im Bereich der alpidischen Gebirgsbildung, sondern bereits durch frühere Ereignisse – vor allem die variskische Gebirgsbildung – versteift, von erstarrten magmatischen Schmelzen durchsetzt und nach einer längeren Phase der Abtragung mit einem jüngeren Deckgebirge verhüllt. Beginnend im Jura, spürbar in der Kreidezeit, besonders kräftig aber im Tertiär, wurden alte Bruchsysteme aktiviert und neue angelegt. An ihnen wurden Schollen der Erdkruste auf-oder abwärts bewegt, schief gestellt oder horizontal gegeneinander verschoben. Das komplizierte Schollenmosaik des mitteleuropäischen Mittelgebirgslandes erhielt seine wesentliche Gestalt. Von den herausgehobenen Schollen wurde das Deckgebirge abgetragen, so daß wie im Harz, dem Thüringer Wald und im Thüringischen Schiefergebirge,den Sudety (Sudeten),dem Spessart, Odenwald und Schwarzwald das Grundgebirge zum Vorschein kam. In den dazwischengelegenen Senken, z.B. in der Thüringer Mulde, der nördlich des Harzes gelegenen Subherzynen Mulde und vor allem in der ausgedehnten norddeutsch-nordpolnischen Senke, ist dagegen das jungpermisch-mesozoische Deckgebirge mehr oder weniger vollständig erhalten geblieben.

    Dieses Deckgebirge wurde aber noch zusätzlich überprägt. Nicht nur die Bruchsysteme d.es tieferen Untergrundes »pausten« sich nach oben durch, sondern auch das im tieferen Teil des Deckgebirges liegende, oft sehr mächtige Zechsteinsalz verursachte besondere Lagerungsformen. So starr das Salz sonst erscheint, auf hohe Druckbeanspruchung reagiert es plastisch, beginnt zu fließen und staut sich lokal an. Dabei wölbt es das Deckgebirge auf, wandert andernorts ab und verursacht Ein-muldungen im Deckgebirge. In Schwächezonen des Deckgebirges dringt es ein und staut sich in sogenannten Diapiren — riesigen Salzpfropfen — oder aber in langgestreckten, mitunter sehr schmalen Salzsattelzonen. Unter Umständen können die Diapire bis an die Erdoberfläche durchbrechen. An den Flanken solcher Salzansammlungen kommt es durch die Salzabwanderung im Untergrund zu Einmuldungen des Deckgebirges,die mit Abtragungsprodukten aufgefüllt werden. Durch das Verdicken des Deckgebirges über den Salzabwanderungszonen und durch die Abnahme seiner Mächtigkeit über den Akkumulationsbereichen des Salzes erhält die Salzbewegung ständig neue Impulse, verstärkt sich also von selbst. Je mächtiger das Deckgebirge ist, um so intensiver wird das Salz im Untergrund ausgepreßt. Im Extremfall kann das gesamte Salz in Diapiren angestaut sein. Kenntnisse über das Vorkommen und die genaue Lage solcher Salzaufpressungszonen sind wirtschaftlich außerordentlich bedeutungsvoll, weil sich in den Schichten an den Diapirflanken unter günstigen Umständen Erdöl und Erdgas in abbauwürdigen Mengen ansammeln können. Solche Salzbewegungen begannen schon in der späten Trias, wirkten sich auch im Jura und in der Kreidezeit aus, erhielten aber im Tertiär besonders kräftige Impulse.

    Wo größere Krustenbereiche zeitweilig absanken, gelang es dem Meer, erneute Vorstöße nach Mitteleuropa zu unternehmen. Vor allem wurde der auch gegenwärtig als Tiefland gekennzeichnete Streifen im nördlichen Mitteleuropa wiederholt überflutet. Besonders weit drang das Meer aus dem Norden im mittleren Tertiär vor und vereinigte sich sogar zeitweilig teils über das Wiener Becken, teils über den im Entstehen begriffenen Oberrheintalgraben mit der Tethys. Im Jungtertiär zog sich das Meer so weit aus Mitteleuropa zurück, daß die britische Insel Anschluß an Westeuropa fand. Dadurch wurde das verkleinerte Nordsee-Nordmeer-Becken vom Weltmeer weitgehend abgetrennt, so daß sich dort sogar eine Sonderfauna entwickeln konnte. Entsprechend dem mehrfachen zeitlichen Wechsel von Meer und Festland und den wiederholten Impulsen der Abtragung entstand eine ebenso wechselvolle Sedimentfolge mariner und festländischer Gesteine.

    An tiefreichenden Schwächezonen der Erdkruste Mitteleuropas stiegen basaltische Schmelzen auf und schufen neben den Schollengebirgen einen weiteren eigenständigen Typ der Mittelgebirge, der durch Basaltkegel, -kuppen und -rücken charakterisiert ist. Zu ihnen gehört der gewaltige Basaltkomplex des Vogelberges, der sich in nördlicher Verlängerung des Oberrheintalgrabens erhebt. Östlich von ihm sind es die eindrucksvollen Kegelberge der Rhön, westlich die des Westerwaldes, des Siebengebirges und der Eifel. Ein weiteres stark ausgeprägtes Vulkangebirge jener Zeit ist das von der Elbe durchflossene Böhmische Mittelgebirge. Neben diesen größeren Vulkangebieten finden sich hier und da vereinzelte Basalt- und Phono-lithkuppen, wie die Gleichberge bei Römhild, Scheiben-und Pöhlberg im Erzgebirge, Hochwald und Lausche in der Oberlausitz. Es wurde nicht nur Lava gefördert, sondern es entstanden auch Explosionskrater, wie sie uns heute z. B. in den wassergefüllten Maaren der Eifel begegnen. Letzte Nachwirkungen finden sich auch in den Kohlensäureaustritten der Eifel und in Mineralquellen. In Südeuropa engte sich die Tethys ein. Schon wahrend der Kreide war es zu ersten kräftigen Faltungen der angehäuften Sedimentmassen und dabei zu einer Teilung des geosynklinalen Meeresraumes in einen Nord- und Südtrog gekommen. In ihnen dauerten gebirgsbildende Bewegungen an und erreichten schließlich im Tertiär ihren Höhepunkt. In dem nördlichen Trog lagerten sich erst kalkige, dann sandige und tonige Sedimente ab. Sie wurden im mittleren Tertiär unter ungeheurem Pressungsdruck gefaltet, deckenartig übereinandergestapelt und weit auf das Vorland überschoben. Es entstanden die Schweizer Alpen, die Ostalpen und die Karpaten) mit ihren außerordentlich komplizierten Lagerungsformen, die den Geologen manches Rätsel aufgeben. Während ältere Faltengebirgssysteme mit mächtigen magmatischen Massen durchsetzt sind, lassen sich diese im Alpengebiet nur in geringem Maße nachweisen. Das dürfte aber darin begründet sein, daß durch die relativ kurze Abtragungszeit hier noch bei weitem kein so tiefes Stockwerk angeschnitten worden ist wie bei den älteren Gebirgssystemen. Der Abtragungsschutt der aufsteigenden Gebirgsketten —Sandsteine und Konglomerate — wurde in den letzten verbleibenden Restvorsenken sedimentiert.

    So wurde das Meer nach und nach aus dem Bereich der Alpen und der mit ihnen zusammen entstandenen Gebirge verdrängt. Östlich der Alpen blieben jedoch zwischen den sich anschließenden alpidischen Faltengebirgssystemen noch größere wassergefüllte Becken bestehen. Zu ihnen gehörten insbesondere das Pannonische Becken, das von den Ostausläufern der Alpen, dem Karpatenbogen und den Dinarischen Ketten umschlossen wurde, weiter im Osten das Schwarzmeerbecken und das Aralo-Kaspische Becken. Zwischen den beiden letztgenannten Becken bildeten das Eiserne Tor und die Manytschsenke schmale Verbindungsstraßen. Während des Tertiärs wechselten dort kräftige Senkungsphasen, in denen gewaltige Sedimentmengen angehäuft wurden, mit kurzzeitigen Stillstands- und Rückzugsphasen des Meeres, in denen die Sedimentation aufhörte oder sogar Abtragung erfolgte.

    In den Braunkohlenwäldern

    Oft wird das Tertiär auch Braunkohlenzeit genannt, weil die Braunkohlenbildung eines ihrer besonderen Merkmale ist. Vielfach verführt diese Bezeichnung aber dazu, die anderen wichtigen Ereignisse der Tertiärzeit zu vergessen.

    Die Braunkohlenbildung erfolgte nicht überall und nicht in jedem Abschnitt der Tertiärzeit. Sie war an Senkungsbereiche gebunden, in denen es zur Versumpfung und zu üppigem Pflanzenwuchs kam. Der Mechanismus der anfänglichen Torfbildung, die der Braunkohlenentstehung vorausging, war derselbe wie bei der Steinkohlenbildung: Bei allmählichem Absinken des Untergrundes und entsprechendem Ansteigen des Grundwasserspiegels geriet die absterbende Pflanzensubstanz ständig unter Wasser, wo bei weitgehendem Sauerstoffabschluß der Vertorfungsprozeß einsetzte. Kräftigere Senkungsbewegungen führten Abtragungsprodukte zu, wie Kiese, Sande und Tone, die heute als Zwischenmittel zwischen den Flözen lagern oder aber die Kohlenbildung überhaupt abschließen.

    Die tertiäre Braunkohle unterscheidet sich von der karbonischen Steinkohle grundsätzlich nicht nur durch den geringeren Inkohlungsgrad, sondern vor allem durch die völlig andere Vegetation, die als Ausgangssubstanz diente. Herrschten in der Steinkohlenzeit urweltliche Riesenformen von Bärlappgewächsen, Schachtelhalmen und Farnen, so war das Bild im Tertiär fast modern. Im älteren Tertiär zeigte sich an geeigneten feuchten Standorten eine tropische bis subtropische Pflanzenpracht, gemischt mit Elementen, die uns heute aus gemäßigten Klimaten bekannt sind. In den Waldsümpfen gediehen Palmen, Zimt-, Kampfer-, Lorbeer-, Feigen- und Oleanderbäume sowie manche andere Vertreter einer immergrünen wärmeliebenden Pflanzengemeinschaft, die sich seinerzeit sogar bis in die heutigen Polargebiete ausgebreitet hatten. Die Wasserlachen, insbesondere deren Uferzonen, waren von einer bunten Wasserpflanzen- und Röhrichtgesellschaft besiedelt. Das beherrschende Element aber waren zwei Nadelbaumarten, die hoch über die anderen Pflanzenbestände hinausragten und deren Holz an der Zusammensetzung der Braunkohle wesentlich beteiligt ist: die Sumpfzypresse und der Mammutbaum.

    Auf dem trockneren Untergrund außerhalb der Braunkohlensümpfe wuchsen immergrüne Eichen, Nußbäume, Platanen, Ahorne, Ulmen und Birken, die dem Vegetationsbild der Gegenwart schon recht nahekamen. Sie nahmen immer mehr den Platz der Palmen und anderen wärmeliebenden Pflanzen ein, die sich im jungen Tertiär allmählich nach Süden zurückzogen. In der Entwicklung der Tierwelt war mit dem Aussterben der Saurier ein wichtiger Abschnitt beendet worden, eine neue Zeit brach an – das Känozoikum, die Neuzeit der Tierwelt. Nur wenige Reptilgruppen wie Krokodile, Schildkröten und Schlangen konnten sich in die neue Zeit hinüberretten und den Stamm weiterführen. Dafür erschienen jetzt die Säugetiere in einer erstaunlichen Formenfülle. Auch sie leiten sich letzten Endes von den Reptilien ab, und zwar – wie man heute annimmt – von den in der Trias lebenden kleinen Ictidosauriern. Sie beschritten aber schon sehr früh ihren eigenen Entwicklungsweg: Sie wurden Warmblüter und gingen dazu über, ihren lebendgeborenen Nachwuchs besonders zu schützen und zu betreuen.

    Da die fossilen Relikte der tertiären Tierwelt, insbesondere der Säugetiere relativ gut erhalten sind, haben wir erstaunlich detaillierte Kenntnisse gewonnen und können den Entwicklungsgang einiger Gruppen fast lük-kenlos überschauen. Das betrifft auch die höheren Säugetiere, von denen bereits im frühen Tertiär Halbaffen und Neuweltaffen auftraten, später die Altweltaffen und die Menschenähnlichen und schließlich die Vorfahren der heutigen Menschenaffen. Ähnliche Entwicklungslinien sind uns von den Huftieren gut bekannt, besonders von den Pferden, ferner von den Rüssel- und den Raubtieren. Die rasche Entfaltung der Säugetiere ist sicherlich nicht zuletzt eine Folge der sehr unterschiedlichen und wechselvollen Umweltverhältnisse im Tertiär, die ständige Anpassungen erforderten, und wohl auch der nicht minder raschen Entwicklung der Blütenpflanzen als der wichtigsten Nahrungsquelle.

    So interessant auch gerade der Entwicklungsgang der Säugetiere ist, es entstünde ein falsches Bild, würde man darüber die anderen Stämme der tertiären Tierwelt vergessen. Zu den berühmten Fundplätzen der Welt, die uns einen Einblick in eine tertiäre Lebensgemeinschaft geben, gehört die frühtertiäre Braunkohle des Geiseltales nahe bei Halle (Saale). Im Gegensatz zu anderen Braunkohlengebieten, in denen tierische Reste durch die Humin-säuren der einstigen Moore sehr bald zerstört wurden, wurden hier die sauren Wässer durch eindringende Kalklösungen neutralisiert und die Fossilien daher geradezu wunderbar erhalten. Außerdem hatten sich durch Gipsauslaugung im Untergrund und durch Nachsinken der Deckschichten Erdfälle gebildet, die sich mit Wasser füllten und den Tieren als Tränkstelle dienten, zugleich aber auch zu Massengräbern wurden. Unzählbare Reste einer frühtertiären Lebensgemeinschaft konnten hier geborgen werden. Zu ihnen gehören zahllose Insekten, unter denen Käfer eine besondere Vorrangstellung einnehmen. Schnelle Einbettung bewirkte die Erhaltung vieler Einzelheiten, unter anderem der prächtig schillernden Farben der Flügeldecken. Schmetterlinge und Libellen tummelten sich in der Luft. Ihnen stellten Vögel verschiedenster Art, Fledermäuse, Halbaffen und Insektenfresser nach. In den Tümpeln der Braunkohlenwälder gab es Fische, die unseren heutigen Hechten, Lachsen und Barschen verwandt waren, weiterhin Olme, Molche und Frösche sowie auch Muscheln und Schnecken. Zahlreich vertreten waren auch die Kriechtiere – Schildkröten, Brauneidechsen, Panzerechsen und Blindschleichen. Als gefährliche Räuber der Braunkohlensümpfe machten Krokodile die Tränkstellen unsicher.

    Von größter Bedeutung sind jedoch die im Geiseltal ausgegrabenen zahlreichen Säugetierreste, so die eines frühen Verwandten des Tapirs und vor allem Reste eines Urpferdchens, das einst im Walde bzw. in der Buschsteppe lebte und von dem sogar ein vollständiges Skelett prachtvoll erhalten geblieben ist. Es ist klein, etwa 70 cm hoch und zeigt an den Vorderbeinen vier, an den Hinterbeinen drei Zehen, d. h., die Zehen waren noch nicht zu den heutigen Einhufen umgestaltet. Das Gebiß mit seinen auffälligen Eckzähnen ist raubtierartig. Auch im Meere hatte sich eine neuzeitliche Lebewelt eingestellt. In den marinen Sedimenten finden sich zuweilen außerordentliche Mengen an gut erhaltenen Schalen bzw. Gehäusen von Muscheln und Schnecken, die den gegenwärtig lebenden durchaus ähneln.

    Die große quartäre Eiszeit

    Der jüngste Abschnitt der Erdgeschichte, das Quartär, wird trotz seiner geringen Zeitdauer von nur reichlich 1,5 Millionen Jahren als selbständiges System angesehen. Noch einmal änderte sich das geologische Milieu grundlegend. Schon gegen Ende des Tertiärs hatte sich eine merkliche Klimaverschlechterung angebahnt. Es wurde zunehmend kühler, durchaus nicht kontinuierlich, sondern in einem langzeitlichen Wechsel kühlerer und wärmerer Phasen. Schließlich erreichte die Temperatur einen Tiefstand, der etwa sechs bis sieben Grad unter dem heutigen Jahresmittel lag. Besonders in den höheren Breiten fielen die Niederschläge als Schnee, und die geringe Wärme der kühleren Sommer reichte nicht aus, die angehäuften Schneemassen wieder abzutauen. Höhergelegene Gebiete begannen zu vergletschern, und breite Gletscherfronten schoben sich in die Vorländer hinaus. In Europa lassen sich Vereisungsspuren bis 50°n.Br. nachweisen, in Nordamerika bis 40°n.Br. und in Nordasien bis 60° n. Br. Für Nordeuropa wurden besonders die skandinavischen Gebirge zum Nährgebiet gewaltiger Inlandeismassen, die bald ganz Skandinavien bedeckten und auch das flache Ostseebecken erfüllten. Als der Nachschub kein Ende nehmen wollte, quollen sie über die Beckenränder und begruben den nördlichen Teil Mitteleuropas unter sich. Auch von den Alpen her schoben sich Gletscher weit in das Vorland hinaus. Während jedoch über Norddeutschland eine riesige Inlandeismasse ausgebreitet lag, blieb es hier bei einer ausgedehnten Gebirgsvergletscherung. Auch die höchsten Gipfel der Mittelgebirge trugen Firnkappen und manche — wie der Schwarzwald — besaßen sogar ansehnliche Gletscher. Zwischen den Vereisungsgebieten aber dehnte sich weithin die Froststeppe.

    Eine langsame Erwärmung brachte das Eis nach Jahrzehntausenden zum Abschmelzen und machte das Land wieder wohnlich, bis die Gletscher erneut vorstießen. In mehrfachem Wechsel lösten Kalt- und Warmzeiten einander ab. Im Bereich der Alpenvereisung hat man bereits sehr früh eine Folge von vier Kaltzeiten erkannt, die man nach kleinen Alpenflüssen als Günz-, Mindel-, Riß- und Würmeiszeit bezeichnet. Für das norddeutsch-nordpolnische Vereisungsgebiet lassen sich mindestens drei größere Kaltzeiten nachweisen: Elster-, Saale- und Weichseleiszeit. Sie entsprachen vermutlich den drei letzten alpinen Vereisungen. Nicht jedesmal dehnten sich die Eismassen gleich weit aus. Während das Elster- und das Saaleeis annähernd bis an den Fuß der Mittelgebirge vorstieß, drang das Weichseleis nur bis in das Brandenburger Gebiet ein. Der Eisrand war außerdem während einer Kaltzeit wiederholten Schwankungen ausgesetzt. Neuere Forschungen haben es wahrscheinlich gemacht, daß diesen Kaltzeiten, die sich in entsprechenden Ablagerungen widerspiegeln, weitere vorausgingen, allerdings nicht von gleicher Intensität. Die Gesamtheit der quartären Kalt- und Warmzeiten pflegt man als Eiszeit oder Pleisto-zän zu bezeichnen.

    Wo das Eis die Landschaft unmittelbar überfuhr, wurde sie charakteristisch umgestaltet. Alles, was das Eis in seinem Nährgebiet und auf seinem langen Wanderweg an Gesteinsmaterial und Verwitterungsschutt aufnahm, transportierte es, teils am Grunde schiebend, teils eingeschmolzen. Feineres Material wurde dabei zerrieben. Nach dem Abschmelzen des Eises blieb das verfrachtete Material auf »fremdem Boden« zurück.

    Die flach ausgebreiteten Gletschersedimente stellen die Grundmoräne dar. Sie besteht aus einer lehmig kalkigen Grundsubstanz, dem Geschiebemergel, und ist mit Gesteinsbrocken durchsetzt, den Geschieben. Meist sind die oberen Teile der Grundmoräne durch die Oberflächenwässer entkalkt und werden dann als Geschiebelehm bezeichnet. Er bildet die Grundlage weiter fruchtbarer Landstriche. Die in der Grundmoräne eingebackenen Geschiebe, auch Findlinge genannt, sind meist aus den Feldern herausgelesen und an den Wegrändern angehäuft. Mitunter können Findlinge erhebliche Ausmaße erreichen, wie die Markgrafensteine in den Rauenschen Bergen bei Fürstenwalde. Menschen, die wahrend der jüngeren Steinzeit im ehemals vereisten Gebiet siedelten, verwendeten große Findlinge zur Errichtung von Großsteingräbern (Megalithgräber).

    Wo der Stirnrand des Eises beim Zurückschmelzen längere Zeit verharrte, wurde der mitgeführte Gesteinsschutt ständig ausgestoßen und zu hohen Wällen angehäuft, die sich girlandenförmig dem jeweiligen Eisrand anpaßten. Schmelzwässer wuschen die feinen Teilchen heraus, so daß ein sandig-kiesiger Gletscherschutt übrigblieb. Als meist kiefernbestandene Endmoränen heben sich diese Wälle in der Landschaft deutlich von der landwirtschaftlich genutzten Grundmoräne ab. Vor den Endmoränen sind von den abströmenden und sich oft verzweigenden Schmelzwässern ausgedehnte Sandflächen ausgebreitet worden, die heute meist mit Heiden bedeckten Sander. Sie erstrecken sich bis zu den breiten Urstromtälern, in denen die Schmelzwässer abflössen. Eine größere Zahl hintereinander gestaffelter, mehr oder weniger ausgeprägter Verweilstadien des Eisrandes mit der typischen Folge von Grundmoräne, Endmoräne, Sander und Urstromtal wird auch als glaziale Serie bezeichnet und gibt dem norddeutsch-nordpolnischen Tiefland sein charakteristisches Gepräge. Einen besonderen Reiz aber erhält das ehemals vereiste Gebiet durch zahlreiche Seen. Für die Entstehung zumindest mancher von ihnen mag Toteis verantwortlich sein. Man versteht darunter unterschiedlich große Eismassen, die beim Ersterben des Inlandeises von dessen Stirn losgetrennt wurden und — von Moränenschutt bedeckt — noch lange Zeit verharrten, bis sie ebenfalls schmolzen und wassererfüllte Hohlformen zurückließen. Kleine, meist rundliche Wannen dieser Art werden als Solle bezeichnet. Vor dem Eise aber wurde in beckenartig aufgestauten Zuflüssen ein feinschichtiges Sediment abgesetzt, der sogenannte Bänderton. Er verdankt den Namen seiner Ablagerung in ausgeprägt jahreszeitlichem Rhythmus, bei dem je eine hellere (Sommer-) und eine dunklere (Winter-) Schicht dem Absatzeines Jahres entsprechen.

    Wo das Eis beim Vordringen über festen Felsuntergrund hinwegglitt, etwa über die Muschelkalkberge von Rüders-dorf bei Berlin oder über die Porphyrkuppen des Halle-Leipziger Raumes, wurden — ähnlich den Schären an den skandinavischen Küsten —Rundhöcker geschaffen,die mit Gletscherschliffen und -schrammen bedeckt sind. Sie zeigen sehr deutlich die lokale Schubrichtung des Eises an.

    Doch nicht nur die unmittelbar vom Eise überfahrenen Gebiete wurden in typischer Weise umgestaltet, sondern auch die zwar eisfreien, aber völlig unter dem Einfluß des Frostklimas stehenden Vorländer der eiszeitlichen Gletscher. Unter Einwirkung der Frostverwitterung herrschte mechanischer Gesteinszerfall vor. Die Flüsse, die nur wenig Wasser führten oder wegen des Staues vor dem Eisrande ihre Strömungskraft verloren, konnten den Transport des Gesteinsschutts nicht mehr bewältigen und füllten ihre Täler mit Schottermassen auf. In den Warmzeiten schnitten sie sich dagegen erneut ein. Im Tundrenboden bildeten sich, wie auch noch gegenwärtig in arktischen Gebieten, beim wechselnden Gefrieren und Wiederauftauen typische Strukturen heraus. Fließbewegungen wurden ausgelöst, die mit einer Sortierung groben und feinen Materials verbunden waren. Dabei entstandene Streifen-, Brodel- und Taschenböden (nach typischen Bodenmustern so bezeichnet) sind fossil an den Wänden von Kiesgruben oft im Querschnitt zu sehen. Ebenso haben sich Spaltennetze, die im gefrorenen Boden aufrissen und beim Auftauen mit Lockermaterial gefüllt wurden, oft gut konserviert. Besonders starker Frostverwitterung warder Felsenuntergrund der Mittelgebirge ausgesetzt. Mächtige Mäntel von Frostschutt verhüllen die Flanken der Berge. Taute der gefrorene Boden zeitweilig an der Oberfläche auf, dann kam bei spürbarer Hangneigung der Frostschutt ins Fließen; es entstanden Blockströme (sogenannte Felsmeere) und Fließerdedecken. Winde, die vom Eise her in das eisfreie Vorland hinausbliesen, wehten aus den Moränen und Schmelzwasserablagerungen das feinste Material heraus und breiteten es in einiger Entfernung, vor allem am Fuße der Mittelgebirge, als einen mehr oder weniger mächtigen Schleier von Staublehm aus, dem sogenannten Löß, auf dem sich fruchtbare Schwarzerdeböden entwickelten.

    Pflanzen- und Tierwelt paßten sich dem Wechsel von Kalt- und Warmzeiten an. Im Bereich des Inlandeises war das Leben fast völlig verdrängt, nicht aber im eisfreien Vorland. Dort herrschte die Tundra. Während des größten Teiles des Jahres, wenn der Boden durch und durch bis in große Tiefen gefroren war und eisige Stürme darüber hinwegfegten, erschien sie fast leblos. In den kurzen, nur etwa drei Monate währenden Sommern aber taute die oberste Bodenschicht auf, das Leben erwachte, und die Tundra überzog sich mit einem bunten Blütenflor. Neben Moosen und Flechten — besonders der Rentierflechte — gediehen verschiedenartige Gräser, Silberwurz, Steinbrechgewächse, bunte Azaleen und hier und da auch einige niedrige Weiden und Birken. Die anspruchsvolleren Pflanzen hatten sich weiter nach Süden zurückgezogen. Dort ging die Tundra allmählich in die Steppe über, in der sich neben Gräsern Heidekrautteppiche ausbreiteten, aber auch Sträucher und vereinzelt Baumbestände mit Weiden, Birken, Zwergformen der Kiefer und Wacholder gediehen. Schließlich folgten zusammenhängende Nadel- und Laubwaldbestände. In den Warmzeiten fand die vor dem Eise geflüchtete anspruchsvollere Vegetation wieder genügend Zeit, die einst verlassenen Gebiete zurückzuerobern und das Land erneut wohnlich zu machen. Zeitweilig waren während der Warmzeiten die klimatischen Bedingungen sogar etwas günstiger als heute.

    Die Tierwelt, die empfindlich auf Klima- und Vegetationsänderungen reagierte, paßte sich den jeweiligen Umweltbedingungen an oder wanderte in Gebiete aus, die ihren Lebensgewohnheiten entsprachen. In den Froststeppen vor dem Eisrande lebten kälteliebende Tiere, deren bekanntester Vertreter das Mammut war. Das etwa 3,5 m hohe elefantenartige Tier war durch ein dichtes, langhaariges Fell, unter dem eine dicke Fettschicht saß, gut gegen die Kälte geschützt. An dem mächtigen Kopf saßen zwei große, einwärts gekrümmte Stoßzähne, mit denen es in dem langen Polarwinter den Schnee beiseite fegen konnte, um an die kümmerliche Vegetationsdecke zu gelangen. Auf dem Rücken war ein mächtiger Fettbuckel entwickelt, von dem das Tier anscheinend zehren konnte, wenn die Nahrung ausblieb. Die gute Zeit brach für die Mammute an, wenn im Frühjahr und Frühsommer die Tundra zu blühen begann. Wann die letzten Mammute ausgestorben sind, ist nicht sicher bekannt. Im Frostboden Sibiriens konservierte Kadaver, bei denen nicht nur das Knochengerüst, sondern auch die Körpergewebe, ja sogar der Mageninhalt erhalten sind, sprechen für eine Existenz noch bis in die frühe Nacheiszeit hinein. Ein Begleiter des Mammuts, der den eisigen Stürmen ebenfalls gut trotzen konnte, war das Wollhaarnashorn, das im Gegensatz zu seinen noch lebenden Verwandten ein dichtes, zottiges Fell trug. Zu diesen beiden Großen gesellten sich Rentiere, Moschusochsen, Lemminge, Schneehasen, Eisfüchse, Schneemäuse und Schneehühner. In den klimatisch begünstigteren Steppen dagegen lebten Antilopen, Wildpferde, Wildesel, Bisons, Edel- und Riesenhirsche, Ziesel und Springmäuse, in den Sumpfgebieten Elche, in den Wäldern Raubtiere und Waldelefanten. In europäischen Höhlen finden sich darüber hinaus massenhaft Skelettreste des am Ende des Eiszeitalters ausgestorbenen Höhlenbären, der den gegenwärtigen Braunbären an Größe wesentlich übertraf.

    Das bedeutsamste entwicklungsgeschichtliche Ereignis seit Beginn des Pleistozäns ist jedoch das Erscheinen des Menschen. Sein Stammbaum dürfte weit in das Tertiär zurückreichen, in dem die Entwicklung von Mensch und Menschenaffen aus gemeinsamen Vorfahren erfolgte. Die eigentliche Menschwerdung vollzog sich aber erst in mehreren Etappen im Quartär. Der Frühmensch, von dem Skelettreste aus Ostafrika, China, Djawa (Java) und Mauer bei Heidelberg bekannt geworden sind, besaß noch eine flache, fliehende Stirn, Überaugenwülste, eine vorspringende Kieferpartie mit kräftigen Zähnen und ein geringes Gehirnvolumen. Die Ahnen des heutigen Menschen erschienen etwa in der Mindel-Riß-Warmzeit. Ihr Schädel war bereits höher gewölbt, das Hirnvolumen hatte wesentlich zugenommen. Aus ihnen entwickelte sich schließlich der Altmensch, der Neandertaler, und über weitere Zwischenstufen der Gegenwartsmensch, der Homo sapiens, der bereits seit der Würmkaltzeit Mitteleuropa besiedelte. Wegen seines Vermögens zu denken, zu sprechen und zu arbeiten, durch die Entwicklung wesentlich verbesserter Werkzeuge, von Viehzucht und Ackerbau und schließlich durch Aneignung zunehmend höherer Produktionstechniken wurde er zum Beherrscher der Erde. Während seines Entwicklungsganges sah der Mensch die eiszeitlichen Gletscher kommen und gehen, war Zeitgenosse jener Tierwelt, jagte Mammut und Höhlenbär und nahm teil an den durch Klimaänderungen verursachten Wanderungen der Tier- und Pflanzenwelt.

    Die Ursachen der Eiszeiten

    Die quartäre Eiszeit, die nach geologischen Zeitmaßstäben zur jüngsten erdgeschichtlichen Vergangenheit gehört, hat bei den Menschen — und besonders bei denen, die in ehemals vereisten Gebieten wohnen — von jeher großes Interesse erweckt. Je nach dem Kenntnisstand schwanken die Vorstellungen darüber in weiten Grenzen. Dieses Interesse ist nicht verwunderlich, denn die Spuren der quartären Vereisung, die Grund- und Endmoränen, die Sander und Urstromtäler, besonders aber die mitunter gewaltigen Findlinge, deren Ortsfremdheit man schon sehr früh erkannte, und ebenso die mächtigen Knochen und Stoßzähne des Mammuts – alles das ist noch relativ frisch und eindrucksvoll und fordert die Frage nach der Herkunft geradezu heraus.

    Trotz zahlreicher interessanter Ansichten über die Ursachen der Eiszeiten ist die Wissenschaft bisher noch nicht über das Stadium der Theorien hinausgekommen.

    Unter Eiszeittheorien, die mit außerirdischen Faktoren rechnen, wird wohl am meisten die des serbischen Astronomen Milankovitch diskutiert. Ausgehend von den bekannten Effekten der Massenanziehung zwischen Erde, Mond, Planeten und Sonne berechnete er die im Verlaufe längerer Zeiten entstehenden Änderungen der Ekliptikschiefe, der Exzentrizität der Erdbahn und der Wanderung des Frühlingspunktes. Dabei ergaben sich Intensitätsschwankungen der Sonneneinstrahlung mit Perioden von rund 21000, 41000 und 97000 Jahren. Die verringerte Sonneneinstrahlung muß sich besonders in mittleren und höheren Breiten bemerkbar machen, weil der Schnee, der in den längeren Wintern fällt, dann in den kühleren Sommern zurückbleibt und sich anhäuft. Milankovitch berechnete daraus für die quartäre Eiszeit eine Strahlungskurve, deren Minima eine recht gute Übereinstimmung mit den Kaltzeiten bzw. mit größeren Schwankungen des Eisrandes innerhalb einer Kaltzeit zeigen. Wiederholte Korrekturen trugen zu einer weitgehenden Präzisierung dieser Kurve bei, so daß mit ihrer Hilfe die Temperaturschwankungen der pleistozänen Eiszeit erklärbar erscheinen.

    Andere Wissenschaftler haben an das Auftreten direkter periodischer Schwankungen in der Sonnenstrahlung gedacht, etwa vergleichbar dem elfjährigen Sonnenflecken-zyklus, aber von weit längerer Dauer. Über eine solche Periodizität ist jedoch kaum etwas bekannt. Man hat auch erwogen, ob das Sonnensystem nicht zeitweilig vielleicht größere kosmische Nebelmassen passiert haben könnte, die die Sonneneinstrahlung erheblich verminderten. Zweifellos könnten dadurch Eiszeiten ausgelöst werden, exakte Beweise dafür fehlen jedoch.

    Zu den Theorien, die alle Eiszeitphänomene auf irdische Ursachen zurückführen, gehört eine interessante, wenn auch umstrittene Hypothese der Amerikaner Ewing und Donn. Sie gehen von der heute weitgehend anerkannten Auffassung aus, daß sich im Laufe der geologischen Zeiten die Erdachse verlagert hat. Befindet sich nun durch diese Verlagerung einer der Pole in einem nahezu umschlossenen Meer, wie das gegenwärtig in der Arktis der Fall ist, so bildet sich ein instabiles System heraus. Wenn nämlich das Polarmeer zugefroren ist, wird die Lieferung von Feuchtigkeit in den Polargebieten wesentlich herabgesetzt. In den randlichen Festlandsbereichen verkleinern sich daher die Gletscher wegen des verringerten oder auch ausbleibenden Schneefalls. Dem Weltmeer wird dadurch Wasser zugeführt, und der Meeresspiegel steigt an. Das wiederum begünstigt eine zunehmende Zirkulation und damit einen verstärkten Austausch von Wasser und Wärme zwischen den Ozeanen. Als Folge davon taut die Eisdecke des Polarmeeres langsam ab. Das wiederum bewirkt eine verstärkte Lieferung von Feuchtigkeit und damit erhöhte Niederschläge, Vergrößerung der Gletscher, Absenkung des Meeresspiegels, Verringerung der Zirkulation in den Weltmeeren und schließlich ein erneutes Zufrieren des Polarmeeres. Damit ist die Ausgangsposition zum nächsten Zyklus gegeben. Dieser Mechanismus würde zwar den Wechsel von Kalt- und Warmzeiten innerhalb einer Eiszeit ebenso erklären können wie den Beginn und das Ende einer Eiszeit bei entsprechender Verlagerung der Pole. Aber auch hier sind die notwendigen Beweise noch nicht erbracht. Eine Abwandlung dieser Theorie sieht die Ursache des Wechsels von Kalt- und Warmzeiten in einem ähnlich begründeten Auf- und Abbau des antarktischen Eisschildes. An eine Störung der Zirkulation in den Weltmeeren wird auch in einer Theorie gedacht, die als Grund submarine tektonische Vorgänge, also Veränderungen im Relief des Meeresbodens, ansieht.

    Eine weitere Gruppe von Theorien sucht die Ursache der Eiszeiten darin, daß der sogenannte Treibhauseffekt der Atmosphäre verringert wird. Wasserdampf und Kohlendioxid in der Erdatmosphäre bilden einen wirksamen Wärmeschutz für die Erde. Sie erlauben zwar die kurzwellige Einstrahlung von der Sonne her, sind aber nicht in gleichem Maße für die langwellige Wärmerückstrahlung der Erde durchlässig. Wenn aus irgendeinem Grunde Wasserdampf und Kohlendioxid in der Erdatmosphäre angereichert werden, was in Zeiten verstärkter Ge-birgsbildung und damit verbundenem Vulkanismus denkbar ist, so wären klimatisch günstige Bedingungen die Folge. Die Entwicklung würde einem Höhepunkt zustreben, an dem eine Umkehrung des Prozesses eintreten könnte, etwa der erhöhte Verbrauch von Kohlendioxid durch eine sich üppig entwickelnde Vegetation. Dann würde sich das Klima merklich verschlechtern. Ein solcher noch nicht völlig geklärter Zusammenhang zwischen Gebirgsbildungen und Vulkanismus, starker Vegetationsentwicklung und darauffolgenden Eiszeiten scheint sich für das Phanerozoikum anzudeuten. So war mit der vanskischen Gebirgsbildung die kräftige Entwicklung der Steinkohlenvegetation verbunden, an die sich die karbonisch-permische Eiszeit anschloß. Ahnlich war mit der alpidischen Gebirgsbildung die reiche Entfaltung der Braunkohlenwälder verknüpft, worauf die quartäre Eiszeit folgte. Auch einer Eiszeit im frühesten Kambrium ging eine Zeit bedeutender Gebirgsbildungen voraus, wenn auch damals noch ohne Entwicklung einer Landvegetation. Den Rhythmus von Kalt- und Warmzeiten innerhalb einer Eiszeit können aber diese Theorien ohne Annahme eines zusätzlichen Mechanismus auch nicht erklären.

    Man könnte den aufgeführten Ansichten eine Reihe weiterer hinzufügen. Viele sachlich begründete Argumente für und gegen die eine oder andere Theorie sind vorgebracht worden, so daß es vorerst noch schwerfällt, einer den Vorrang zuzuerkennen.

    In diesem Zusammenhang ist auch die Frage des öfteren aufgeworfen worden, ob die quartäre Eiszeit tatsächlich zu Ende gegangen ist oder ob wir gegenwärtig in einer Warmzeit leben. Wenn man bedenkt, daß der Beginn der quartären Eiszeit etwa 1,5 Millionen Jahre zurückdatiert wird und daß seitdem mehrere Kaltzeiten mit Warmzeiten gewechselt haben, so fügt sich der seit dem Abschmelzen der letzten Gletscher der Weichselkaltzeit verstrichene Zeitabschnitt von weniger als 10 000 Jahren sehr gut einer Warmzeit ein. Im Gegensatz zu vergangenen Jahrzehnten, in denen die recht oft gestellte Frage: »Kommt eine neue Eiszeit?« meist als wissenschaftlich nicht diskutabel abgetan wurde, wird heute die Auffassung, daß wir in einer Warmzeit leben, ernsthaft diskutiert. Teilweise wird dabei die Meinung vertreten, daß wir in einigen Jahrzehntausenden mit erneuten Vorstößen der Eismassen rechnen müssen. Natürlich hängt das auch davon ab, in welchem Maße der Mensch in das Gleichgewicht der natürlichen Umweltverhältnisse eingreifen wird. Abgesehen davon, brauchen wir uns aber über diesen Zeitpunkt keine Sorgen zu machen. Er liegt noch in weiter Ferne, und die Klimaverschlechterung würde für Generationen kaum merkbar erfolgen. Zudem wäre mit einiger Sicherheit der Mensch wohl schon in der Lage, solche Situationen zu meistern.

    Es wird Gegenwart

    Mit der vor reichlich 20000 Jahren langsam einsetzenden Klimaverbesserung näherte sich die Weichselkaltzeit ihrem Ende. Man bezeichnet den damit beginnenden und bis zur Gegenwart reichenden Abschnitt der Erdgeschichte als Nacheiszeit oder Holozän. Dieser Zeitraum ist viel zu kurz, um im geologischen System einen nennenswerten Platz einzunehmen, für die menschliche Vorstellungskraft aber ist er immer noch unermeßlich lang. Weil die Spuren des geologischen Geschehens in diesem gegenwartsnahen Zeitabschnitt oft recht gut erhalten sind, lassen sich zahlreiche Einzelheiten der letzten Entwicklungsphase des heutigen Erdbildes erkennen.

    So wissen wir, daß vor etwa 20000 Jahren das Eis noch im nördlichen Teil des norddeutsch-nordpolnischen Tieflandes stand und die großen, noch recht formenfrischen Endmoränen des Pommerschen Stadiums aufschüttete. Langsam schmolz es dahin und gab Streifen um Streifen des Landes wieder frei. Zurück blieben die kräftig gewellten Moränen aus aufgeschüttetem oder zusammengestauchtem nordischem Gesteinsschutt und die flachen Ebenen der Geröll- und Sandfelder, durch die sich die Schmelzwässer ihren Weg zu den Urstromtälern bahnten. Das Abschmelzen des Eises läßt sich gut verfolgen. Vor etwa 17 000 Jahren reichte es noch bis Dänemark, vor 14 000 Jahren stand der Eisrand in Südschweden, nach weiteren 4000 Jahren in Mittelschweden, ehe vor mehr als 8000 Jahren die Aufspaltung des Resteises und seine allmähliche Auflösung einsetzten.

    Die durch das Eis abgedrängten Flüsse suchten, soweit das möglich war, wieder ihre alten Flußbetten auf oder benutzten die von den Schmelzwässern geschaffenen Abflußrinnen. In den Tiefländern, wo sie träge und mäanderbildend dahinflössen, setzten sie als typisches nacheiszeitliches Sediment den Auelehm ab.

    Mit dem Dahinschmelzen des Eises begann zugleich eine sehr wechselvolle Geschichte Mittel- und Nordeuropas, die sich am auffälligsten in der mehrfachen Veränderung der Küstenumrisse widerspiegelt. Verschiedene Ursachen wirkten dabei zusammen. Einesteils hob sich der von der Eislast in zunehmendem Maße befreite skandinavische Krustenblock langsam heraus, während seine Randgebiete, darunter auch das norddeutsch-nordpolnische Tiefland, langsam absanken. Zum andern aber stieg mit dem Abschmelzen des Eisschildes, in dem gewaltige Wassermengen gebunden waren, das Weltmeer an und ertränkte flach zum Meer hin abfallende Küstenstriche. Dazu kommen echte tektonische Bewegungen, deren Anteil schwer zu übersehen ist; denn das Aufsteigen Skandinaviens und das Absinken seiner Randgebiete geschahen nicht gleichmäßig, sondern wurden von zeitweiligen gegenläufigen Bewegungen unterbrochen.

    Mit der Freigabe durch das Eis begann sich vor ungefähr 18000 Jahren die flache Ostseesenke mit Schmelzwasser aufzufüllen. Es entstand ein ausgedehnter Süßwassersee, der als Baltischer Eissee bezeichnet wird. Sein Wasser floß durch den Großen Belt zur Norwegischen Rinne ab, einem tief nach Süden vorgestreckten Arm des Nordmeeres. Mit dem weiteren Abschmelzen vergrößerte sich der Eissee, so daß sein Südrand bald nördlich der Insel Rügen lag und im Osten sogar der Ladogasee einbezogen wurde. Als vor etwa 10000 Jahren das Eis in Mittelschweden die tiefliegenden Gebiete um den Vättersee und Billingfors freigab, konnte reichlich Wasser abfließen, so daß sich der Eissee wieder verkleinerte. Durch das zunehmende Ansteigen des Weltmeeres und wohl auch durch zeitweilige Senkungen in Mittelschweden konnte in das Ostseebecken schließlich salziges Meerwasser eindringen. Mit ihm hielt eine kaltwasserliebende Meeresfauna Einzug, darunter die Muschel Yoldia arctica, nach der dieses marine Stadium der Ostsee als Yoldiameer bezeichnet wird. Die weitere Heraushebung Skandinaviens, in die auch die dänischen Wasserstraßen einbezogen wurden, machte die Ostsee erneut zum Binnensee, der allmählich aussüßte und dessen Ablagerungen durch Gehäuse der Süßwasserschnecke Ancylus fluviatilis gekennzeichnet sind. Nach ihr wird dieses Stadium der Ostsee-Entwicklung Ancylussee genannt. Dann aber, vor etwa 7000 Jahren, drang im Zusammenhang mit weiteren Senkungen des baltischen Randgebietes das Meer erneut durch die Belte und den Sund in das Ostseebecken ein und setzte zu seinem großen Vorstoß an, der sogenannten Litorinatransgression. Damals entstanden annähernd die gegenwärtigen Küstenumrisse. Namengebend für dieses Entwicklungsstadium der Ostsee war die mit dem Salzwasser einwandernde Meeresschnecke Litorina litorea. Höher aufragende Aufschüttungs- und Stauchmoränen, von der vordringenden See umgriffen, wurden zu Inselarchipelen. Wind, Frost und Brandung nagten an ihnen, Strömungen trugen das losgelöste Material von einer Insel zur anderen und schütteten schmale, flache Bänder von Sand und Geröll — die Nehrungen — auf. Die Inselkerne wurden auf diese Weise miteinander verbunden, und es entstanden solche komplizierten Inselgebilde wie Rügen, Darß, Zingst und Usedom.

    Auch die Nordsee hat eine nicht minder interessante nacheiszeitliche Geschichte. Ihr südlicher Teil war in der frühen Nacheiszeit — wahrscheinlich aber auch schon während der Weichselkaltzeit — bis weit über die Doggerbank hinaus Festland. Der Kanal bestand noch nicht, die britische Insel war fest mit dem Kontinent verbunden. Noch vor etwa 9000 Jahren mündete der Rhein, nachdem er Themse und Humber aufgenommen hatte, östlich von Schottland in die Nordsee, später, mit deren weiterem Vordringen, in Höhe der Doggerbank. Die Elbe erreichte die Nordsee zwischen Dogger- und Jütlandbank. Noch lange Zeit ragte die Doggerbank über das vordringende und sie von allen Seiten umgreifende Meer hinaus. Zunächst entstand hinter ihr ein ausgedehntes Haff, später aber wurde sie völlig zur Insel, ehe sie schließlich überspült wurde. Erst vor etwa 7000 Jahren entstand der Kanal.

    Dem weichenden Eis folgte langsam die anspruchsvollere Vegetation. Die kälteliebende Tierwelt zog sich, soweit sie nicht überhaupt ausgestorben war, weit nach Norden zurück. Ihren Platz nahm nach und nach die gegenwärtige Tierwelt ein, mit ihr besiedelte der Mensch erneut die einst verlassenen Gebiete. Aus dem Pollengehalt verschieden alter Schichten nacheiszeitlicher Moore läßt sich das Vordringen der Vegetation in die ehemals vereisten Landstriche – und damit auch die Klimageschichte – ablesen. Als im Norden der Baltische Eissee herrschte und das Klima Mitteleuropas schon milder geworden war, begannen die Birke und schließlich die Kiefer einzuwandern, die zunächst wohl schüttere Bestände bildeten. Langsam überzogen sich die ausgedehnten öden Flächen eiszeitlichen Gesteinsschutts mit einem grünen Teppich. Zur Zeit des Yoldiameeres ermöglichte das inzwischen von subarktisch auf kühlkontinental umgeschlagene Klima größeren Kiefernbeständen das Vordringen. Seit etwa 9000 Jahren aber setzte eine rasche Erwärmung ein. Damit begann die Hasel aus ihren Zufluchtgebieten wieder nach Mitteleuropa einzuwandern. Unter warmkontinental werdenden Umweltverhältnissen breitete sich schließlich — anfangs noch von Kiefernbeständen durchsetzt — der Eichenmischwald aus, der bald — begünstigt durch ein nacheiszeitliches Klimaoptimum — die Vorherrschaft antrat. Zu jener Zeit stießen Ost- und Nordsee zu ihren heutigen Grenzen vor. Klimatisch machten sich wieder atlantische Einflüsse bemerkbar.

    Die nacheiszeitliche Wiederbesiedlung Mitteleuropas gehört in ihrer frühesten Phase zwar noch der ausgehenden Altsteinzeit an, erfolgte aber im wesentlichen in der Mittel-und der Jungsteinzeit — in der sich auch der Übergang zu Ackerbau und Viehzucht und damit zur Seßhaftigkeit vollzog — sowie in den anschließenden historischen Zeitabschnitten. Während des nacheiszeitlichen Klimaoptimums hatten sich Vegetation, Tier und Mensch schon weit nach Norden ausgebreitet. Dabei wurden auch Plätze besiedelt, die das Meer, als es begann, zu seinen gegenwärtigen Küsten vorzustoßen, wieder unter sich begrub. Sehr wahrscheinlich hatten Mensch und Tier Gelegenheit, dem Meer auszuweichen, obwohl das Vordringen zeitweilig von heftigen, sturmflutartigen Einbrüchen begleitet gewesen sein mag. Dabei ertranken hier und da vom Menschen der Mittelsteinzeit angelegte Siedlungen. Torfklumpen, die Fischer zuweilen mit ihren Netzen vom Grunde der See heraufholen, Reste von Bäumen überfluteter Wälder, Knochenreste von Landtieren oder vom Menschen bearbeitete Steinwerkzeuge, Knochen und Geweihstücke erinnern daran, daß vor Tausenden von Jahren im südlichen Ost- und Nordseegebiet Wälder grünten und Menschen siedelten.

    Buntsandsteinwüste, Muschelkalkmeer und Keupersümpfe

    Trockenwarme klimatische Bedingungen und vertikale Krustenbewegungen in Mitteleuropa, in deren Folge zeitweilig flache Meere eindrangen, waren auch zu Beginn des Mesozoikums wirksam. Trias (d.h. Dreiheit) hat man das erste System des neuen Zeitalters wegen seiner Gliederung in die Abteilungen Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper genannt. Wahrend im Buntsandstein und im Keuper das Festland vorherrschte, war die Muschelkalkzeit durch größere Meereseinbrüche gekennzeichnet. Im Grunde genommen setzte sich die mit dem Zechstein im mitteleuropäischen Räume begonnene Entwicklung fort. Davon zeugen lokale Salzausscheidungen, die allerdings nicht mehr die Bedeutung der Zechsteinsalze erreichen.

    Welches Bild mag die mitteleuropäische Buntsandsteinlandschaft geboten haben? Für wüstenartige Umweltverhältnisse sprechen außer roten Sedimentfarben auch Dünenstrukturen mit Kreuz- und Schrägschichtungen, ferner zu Windkantern abgeschliffene und polierte Gerolle, wie man sie in heutigen Wüsten findet, aber auch Trockenrisse in den tonigen Absätzen periodischer Wasserlachen sowie die Sedimentausfüllungen der Trockenrisse, die sogenannten Netzleisten. Von Wasseransammlungen mit oasenartigem Charakter künden ausgedehnte tonig-sandige Einschaltungen in der Sandsteinfolge, in denen oft unzählige Schalen kleiner Muschelkrebse eingebettet liegen, weiterhin Reste von Panzerlurchen sowie Abdrücke von Nadelhölzern und Farnen mit großen Wedeln, die keinesfalls ohne Wasser auskommen konnten. Andererseits entdeckt man hier und da eingeschaltete Muschel- und Wurmröhrenbänke sowie fossile Wellenrippeln, die man mit ähnlichen Erscheinungen in gegenwärtigen Sedimenten des Wattenmeeres vergleichen kann. Zeitweilig war man deshalb auch der Ansicht, daß in der Buntsandsteinzeit das Meer geherrscht habe. Dem widersprechen aber die meisten der zu beobachtenden Fakten. Vielmehr lassen sich die marinen Einschaltungen als Folge wiederholter kurzfristiger Meeresvorstöße in die Buntsandsteinlandschaft deuten. Dies zeigt gleichsam an, daß jenes Meer, das am Ende der Zechsteinzeit zurückgewichen war, alle geringen Senkungsbewegungen des Landes nutzte, um die verlorenen Positionen wiederzugewinnen — wenn auch vorerst ohne nachhaltigen Erfolg. Im oberen Buntsandstein, dem Röt, lassen jedoch Gips- und Salzeinschaltungen in bunten Tonen, Mergeln und Dolomiten den erneut wachsenden Einfluß des Meeres erkennen.

    Zu Beginn der mittleren Trias, der Muschelkalkzeit, gab es einen größeren Meereseinbruch von Süden her durch die Oberschlesische Pforte. Das Meer strömte erneut in das flache, versalzte Germanische Becken. Ebenso wie der Begriff Buntsandstein wird die Bezeichnung Muschelkalk sowohl zeitlich als auch für die kalkigen Sedimente gebraucht, die zahlreiche marine Versteinerungen führen. Der Muschelkalk beginnt mit einer Folge dünnplattiger, gewellter Kalke, dem sogenannten Wellenkalk. In ihn eingeschaltet sind einige 5 bis 10 m mächtige kompakte Bänke, die z. T. hervorragendes Baumaterial liefern. .

    Das von der Tethys her einbrechende Meer brachte auch deren Lebewelt mit. Wenngleich ihre fossilen Reste in manchen Horizonten massenhaft auftreten, war — wohl infolge des höheren Salzgehalts und der geringen Tiefe des Meeres — die Fauna im Vergleich zur Tethys relativ artenarm. Als sich die Oberschlesische Pforte im mittleren Muschelkalk schloß, dampfte das Meer wiederum ein, Dolomit, Anhydrit bzw. Gips und Salze wurden ausgeschieden. Im oberen Muschelkalk drang das Meer erneut, diesmal jedoch von Südwesten her über die Burgundische Pforte in das Germanische Becken ein. Seine Sedimentfolge beginnt meist mit einer wenige Meter mächtigen Kalkbank, in der sich Stielglieder (sogenannte Trochiten) von Seelilien finden, die manchmal fast konglomeratisch miteinander verbacken sind. Darüber lagern die kalkigen bis tonigen Ceratitenschichten, benannt nach den für sie typischen Ammoniten, insbesondere dem Ceratites nodosus, dem knotigen Ammonshorn. Der Meereseinbruch während des oberen Muschelkalks dauerte aber nur verhältnismäßig kurze Zeit. Zu Beginn des letzten Abschnittes der Trias, des Keupers — dieser Name wird im Coburger Gebiet für bunte Gewebe verwendet und ist wohl wegen der Gesteinsfarben auf die obere Trias übertragen worden —, wird das Meer infolge schwacher Krustenhebungen wiederum aus dem mitteleuropäischen Raum verdrängt. In Lagunen und Süßwasserseen ausgeschiedene Mergel- und Sandsteinschichten schließen den Muschelkalk nach oben hin ab und führen als Einschaltungen schwache Kohlenflözchen, die nachdrücklich eine Verlandung beweisen. Diese untere Abteilung wird Lettenkohlenkeuper genannt.

    Mit dem weiteren Aufstieg des Landes gelangten erneut große Schuttmassen in das trockengefallene Becken. Charakteristisch sind verfestigte Tone, die sich im Verein mit Mergeln und Gips in seichten Binnengewässern absetzten. Größere Fluten schwemmten Sandfahnen von gelegentlich erheblicher Mächtigkeit ein, die als Schilf- und Stubensandstein bezeichnet werden. Der Schilfsandstein leitet seinen Namen von zahlreichen Schachtelhalmabdrücken ab, der Stubensandstein von seiner früheren Verwendung als Streusand für die Stuben. Beide Sandsteine liefern in manchen Gebieten ein geschätztes Baumaterial, das z.B. am Kölner Dom und am Ulmer Münster verwendet wurde.

    Im Rät, dem oberen Keuper, stieß das Meer abermals vor. Nicht nur von Südwesten, sondern diesmal auch von Nordosten her wurden größere Teile Mitteleuropas überflutet. Dunkle Schiefertone und helle, feinkörnige Sandsteine sind die typischen Sedimente des Rats.

    Dieser Germanischen Trias steht im Bereich der Tethys eine völlig andersartige Schichtenfolge gegenüber. Sie wird nach dem Gebiet, in dem sie besonders typisch entwickelt ist, als Alpine Trias bezeichnet. Während die Germanische Trias epikontinentalen Charakter hat, d.h. sich in einem Meere absetzte, das einen kontinentalen Bereich zeitweilig nur flach überflutete, hat die Alpine Trias vorwiegend Tiefmeercharakter und kann einige tausend Meter Mächtigkeit erreichen.

    Dem Mittelalter der Tierwelt war der Beginn des Mittelalters der Pflanzenwelt schon um einige Millionen Jahre vorausgegangen. Bereits im Oberperm war die Steinkohlenflora fast gänzlich verschwunden. Was sich von dieser Pflanzengemeinschaft noch in die neue Zeit hinübergerettet hatte, war mit nur wenigen Ausnahmen an ein feuchtes, sumpfiges Milieu gebunden. Nur dort kam es zur Vermehrung. Schon deshalb wurde für diese Pflanzen in den trockenwarmen, zeitweilig wüstenhaften Abschnitten der Trias der Lebensraum erheblich eingeengt. Übrig blieben noch Schachtelhalmröhrichte, die sich an feuchten Stellen sowohl der Buntsandstein- als auch der Keuperlandschaft fanden. Mit ihnen zusammen trat eine Anzahl Farne auf, daneben in der Buntsandsteinlandschaft die den Bärlappen nahestehende Pleuromeia, die auf dem unverzweigten Stamm in etwa 3 m Höhe eine kolbenartige schmalblättrige Krone trug. Die bereits im Perm erscheinenden Nacktsamer drangen mit ihren höherorganisierten und besser geschützten Samenanlagen auch in die Trockengebiete vor. Besonders bestimmten die Nadelbäume Voltzia und Ullmannia das Bild der Vegetation. Dazu kamen eiben- und tannenartige Bäume, Vorfahren des Ginkgo, Araukarien und Zypressen sowie verschiedene Zykadeenarten.

    Doch auch in der Fauna machte sich eine entscheidende Wende bemerkbar. Eine großartige Entfaltung der Reptilien setzte ein. Sie herrschten fast das gesamte Mesozoikum hindurch so eindrucksvoll, daß man es auch als Zeitalter der Reptilien oder Zeitalter der Saurier bezeichnet. Die amphibischen Panzerlurche, die im Devon erschienen, die Karbonsümpfe bewohnt hatten und auch im Perm noch herrschten, verschwanden allmählich und starben gegen Ende der Trias aus. Ihre letzten Vertreter erreichten noch einmal außergewöhnliche Größen. Im Röhricht der Keupersümpfe lebte Mastodonsaurus, ein Panzerlurch mit Froschleib und kurzem Schwanz, dessen Schädel etwa 1 m lang war. Unter den Reptilien entwickelte sich eine Fülle von Formen, mit der die enorme Entfaltung im Jura schon angekündigt wurde. Zu den bekanntesten Vertretern in der Trias gehörten die Piacoden, etwa 2 m lange, schlanke, kurzhalsige Tiere mit langen Schwänzen. Ihre gepanzerten Mäuler enthielten knopfartige Zähne, mit denen sie beim Abweiden der Muschel- und Brachio-podenbänke des Muschelkalkmeeres die Schalen aufbrechen konnten. Ein gefährlicher Räuber war der bis zu 3 m lange Nothosaurus, ein Vorfahre der jurassischen Schlangenhalsdrachen, der sich auch auf dem festen Land fortbewegen konnte. Im Keuper erschienen die ersten Dinosaurier, bis 10 m lange, kräftige Räuber, die sich halb aufgerichtet auf den Hinterbeinen vorwärts bewegten und den Schwanz als Stütze benutzten. Neben ihnen tauchten Vorläufer der’ Krokodile und Schildkröten auf. Zu den rätselhaftesten Lebewesen aber gehörte das die Buntsandsteinwüste bewohnende Chirotherium, das Handtier. Von ihm fand man ursprünglich nur zahlreiche Fußabdrücke und versuchte, aus deren Größe, Abstand und Eindruckstiefe das gesamte Tier zu rekonstruieren. In verschiedenen Gebieten, z. B. in der Schweiz, ausgegrabene Knochen von Tieren, die entsprechende Fährten hinterlassen haben, scheinen anzudeuten, daß das Chirotherium ein Archosaurier (Ursaurier) war.

    Auch die Gemeinschaft der im Meer lebenden Wirbellosen hatte sich in der Trias sehr verändert. Manche der beherrschenden Gruppen der paläozoischen Meere waren ausgestorben, vor allem die Trilobiten. Die vierzähligen Altkorallen waren durch neue sechszählige abgelöst worden. Obwohl die Seelilien im oberen Muschelkalk sogar gesteinsbildend auftraten, zeigten sie nicht mehr die alte Formenfülle. Muscheln und Schnecken entfalteten sich enorm. Besonders charakteristisch aber werden die Ammoniten — unter ihnen vor allem die Ceratiten — und die Belemniten.

    Am bunten Mosaik des geologischen Bildes von Mitteleuropa sind Triaslandschaften mehrfach beteiligt. Sie treten heute besonders in Muldenbereichen zwischen herausgehobenen Hochschollen älterer Gesteine auf, z.B. im lothringisch-pfälzischen Gebiet, in Schwaben, Franken, Hessen und Thüringen. Aber auch im norddeutsch-nordpolnischen Tiefland ist die Trias unter dem mächtigen jüngeren Deckgebirge weit verbreitet. Das alles spricht für einen einstigen ausgedehnten Ablagerungsraum. Später wurde er allerdings mit der Zerstückelung der mitteleuropäischen Kruste in einzelne Schollen, die sich teils hoben, teils senkten, stark aufgegliedert. Im Bereich der abgesunkenen Schollen blieb die Trias — und das gilt ebenso für Jura und Kreide —erhalten, während sie auf den herausgehobenen Schollen weitgehend oder völlig abgetragen wurde. Musterbeispiel einer solchen Landschaft ist die Thüringer Triasmulde zwischen den an Brüchen herausgehobenen Schollen des Thüringer Waldes und des Thüringer Schiefergebirges im Süden und des Harzes im Norden. Da sich die einzelnen Glieder der triassischen Schichtenfolge gegenüber der Abtragung sehr unterschiedlich verhalten — vor allem unterer Muschelkalk und Trochitenkalk, teilweise auch Buntsandstein sind sehr widerständig —, hat sich eine wechselvolle Stufenlandschaft herausgebildet. Der unterschiedliche Gesteinsuntergrund zeichnet sich deutlich in der heutigen Vegetation ab. Während auf den Höhen der Buntsandsteinlandschaft der Nadelwald herrscht, prägen im Muschelkalkgebiet meist prächtige Buchenbestände das Bild. In ihrem Schatten gedeihen Orchideen und andere seltene Pflanzen, die das Muschelkalkgebiet für den Botaniker zu einer bedeutenden Fundstätte werden lassen. Für den geologisch Interessierten aber bieten sich die anziehendsten Landschaftsbilder dort, wo sich Flüsse tief in die Schichtenfolge eingeschnitten und besonders an ihren Prallhängen das Gestein freigelegt haben — wie im Saaletal bei Jena. Ein weiteres bekanntes Muschelkalkvorkommen Thüringens ist auch die Schichtstufe des Großen Hörseiberges.

    Doch auch außerhalb der geschlossenen Triasgebiete treten hier und da einzelne Schichtglieder der Trias aus jüngeren Ablagerungen hervor, so der in großen Steinbrüchen gewonnene Muschelkalk von Rüdersdorf bei Berlin. Zu den eindrucksvollsten Einzelvorkommen gehört wohl die aus den Fluten der Nordsee auftauchende kleine Buntsandstein-Felseninsel Helgoland.

    Im alpinen Bereich ist die Trias, die dort in erheblicher Mächtigkeit auftritt, in das außerordentlich kompliziert gefaltete und durch deckenartige Überschiebungen gekennzeichnete Gebirgssystem einbezogen.

    Eine besondere Erscheinungsform der Alpinen Trias bietet Ungarn. In den Geosynklinalräumen des Karpaten-und Südalpen-Dinariden-Bereichs, die das Pannonische Becken ursprünglich umschlossen, besitzen die triassischen Schichtenfolgen auch die von den Alpen her bekannten Mächtigkeiten,den typischen Faltenbau und die Deckenüberschiebung. Dagegen sind die Triasschichten im Becken selbst in einem anscheinend flacheren Meer auf versteiftem Untergrund abgelagert worden und meist nicht oder nur schwach gefaltet, sondern eher bruchtektonisch überprägt. Im Gegensatz zu den alpinen Hochgebirgen weisen die an Brüchen herausgehobenen Gebirge Ungarns — die transdanubischen Gebirge, Mecsek, das Villänyer Gebirge, Bükk und Aggteleker Karst — Mittelgebirgs-charakter auf. In späterer Zeit verkarsteten die Triaskalke stellenweise, besonders eindrucksvoll in dem zuletzt genannten Gebiet, in dem sich auch die längsten und schönsten, mit wunderbarem Tropfsteinschmuck ausgekleideten Höhlen Ungarns befinden. Über die höckerig verkarstete Oberfläche des weißen Kalkgebirges breitet sich ein ziegelrot leuchtender Verwitterungslehm aus, auf dem trotz der sonstigen Trockenheit der Karstoberfläche Buchen und Bergwiesen gedeihen.

    Die hohe Zeit der Saurier

    Jura und Kreide, die auf die Trias folgenden Systeme des Mesozoikums, sind durch Überflutungen großer Festlandteile gekennzeichnet. Sedimentfolgen, die sich in Flachmeeren auf nur wenig unter den Wasserspiegel getauchten Kontinentalbereichen absetzten, sind nicht nur in Europa verbreitet. Daneben gab es auch ausgedehnte globale marine Sammelmulden, in denen sich mächtige Sedimentmassen des Juras und der Kreide anhäuften. Sie bildeten das Baumaterial künftiger bedeutender Faltengebirgssysteme, die vor allem im Bereich der sich zunehmend einengenden Tethys und längs der Westküste Amerikas entstanden.

    Die jurassische Entwicklung Mitteleuropas wurde bereits im Rät eingeleitet, als das Meer von Norden und von Süden vordrang und größere, durch Inseln gegliederte Senkungsbereiche erfüllte, vor allem ein Nord- und ein Süddeutsches Becken. Beide Becken waren von Untiefen und Schwellen umgeben und durch eine größere Schwelle voneinander getrennt. Zeitweilig bestand jedoch über die Hessische Straße eine Verbindung zwischen den Becken. Die Abteilungen des Juras (Lias, Dogger und Malm), nach den in ihren Sedimenten vorherrschenden Farben auch als schwarzer, brauner und weißer Jura bezeichnet, weisen eine außerordentliche Mannigfaltigkeit an Gesteinen auf. Im Lias sind es in den inneren Beckenteilen dunkelgraue bis schwarze bituminöse Tone, die mit Kalkbänken wechsellagern und nach den Beckenrändern zu völlig durch Kalke ersetzt werden. Die vorwiegend braunen Farben der Doggersedimente entstanden durch einen hohen Gehalt an Eisenverbindungen, die z.T. abbauwürdige Eisenerze bildeten, wie die lothringischen, schwäbischen und fränkischen Vorkommen. Der Erzgehalt dürfte festländischen Verwitterungsprodukten entstammen. Krustenbewegungen trennten gegen Ende des Doggers das Nord- und das Süddeutsche Becken. Im Süddeutschen Becken, das sich zunehmend verflachte, wucherten im Malm an den Rändern mächtige Riffklötze aus hellen Schwammkalken empor. Sie zeichnen sich noch heute eindrucksvoll in der Landschaft ab. In den dazwischenliegenden Lagunen wurde feiner Kalkschlamm sedimentiert. Seine Verfestigungsprodukte sind die bekannten Plattenkalke — die Lithographenschiefer — von Solnhofen und Eichstätt. Im Norddeutschen Becken, das sich demgegenüber zunächst noch etwas vertiefte, entstanden mächtige Kalksteine und Mergel.

    Am Ende des Juras wurde im Gefolge von Bodenbewegungen das Meer weitgehend aus Mitteleuropa verdrängt. Das Süddeutsche Becken wurde landfest, im Norddeutschen Becken verblieb ein flaches, brackig-limnisches Restgewässer, in dem sich ein dunkler, pflanzenführender Ton absetzte, der Wälderton. Lokal sind in ihm auch Steinkohlenflözchen eingeschaltet. Mit dem Wälderton wurde die Kreidezeit eingeleitet. Erneut brach das Meer in das Norddeutsche Becken ein und lagerte in den zentralen Beckenteilen die Hils-Tone, in den randlichen die Hils-Sandsteine ab. Die lokal eingestreuten Trümmererze sind Aufarbeitungsprodukte der im Jura gebildeten Eisenkrusten auf den umgebenden Festländern.

    Eine neue Situation entstand am Beginn der Oberkreide. Die Krustenbewegungen des Juras und der Unterkreide in Mitteleuropa standen im Zusammenhang mit gleichzeitigen Bewegungsvorgängen im südeuropäischen Bereich der Tethys. Teile der Tethys vertieften sich bei zunehmender Einengung und nahmen mächtige Sedimentmassen auf. Zeitweilig wurde die Absenkung beschleunigt oder auch gehemmt und im Jura von einem kräftigen Vulkanismus begleitet. An der Wende von Unter- und Oberkreide erfolgten dort die ersten kräftigen Faltungen, die besonders im Tertiär schließlich zur Aufrichtung des großen europäisch-asiatischen Faltengebirgssystems führten. Vorerst aber wurden von den Faltungen nur die Bereiche der heutigen Penninischen Alpen, der nördlichen Ostalpen und der Dinarischen Ketten erfaßt. In den nördlicher gelegenen, längst versteiften Krustenbereichen Europas jedoch kam es zu einer ausgedehnten Überflutung durch das Meer der oberen Kreidezeit, die den jurassischen Meereseinbrüchen in keiner Weise nachstand.

    Gegenüber den vorangegangenen Zeiten mögen die Jura-und die Kreidelandschaft ein recht farbenfrohes Bild abgegeben haben, vor ajlem dank der in dem milden feuchtwarmen Klima wesentlich weiterentwickelten Pflanzenwelt. Hier und da gab es zwar an Tümpeln und in sumpfigen Niederungen noch Farn- und Schachtelhalmbestände, die z.T. ansehnliche Höhe erreichten — vorherrschend aber war eine vielgestaltige Welt der Nackt-samer. Bemerkenswerte Vertreter waren Zykadeen und Bennettiteen mit teils faßförmigen, teils säulenförmigen Stämmen, auf denen sich eine Krone palmwedelartiger Blätter entfaltete, die bei den Bennettiteen noch durch farbenprächtige Blüten ergänzt wurden. Mit diesen Pflanzen traten schon Merkmale auf, die für Bedecktsamer typisch sind. Dazu kamen zahlreiche Vertreter der Nadelhölzer, unter ihnen Ginkgogewächse, Vorfahren der Eiben und Tannen, ja auch schon die später im Tertiär so bedeutsamen Zypressen und Sequoien.

    Ein entscheidender Wandel in der Zusammensetzung der Pflanzenwelt macht sich an der Grenze von der Unter-zur Oberkreide bemerkbar. Während die Unterkreide noch völlig die Züge des Mesophytikums trug, begannen in ihrem jüngsten Abschnitt die Bedecktsamer die Herrschaft zu übernehmen, d.h., mit der Oberkreide setzte das Känophytikum (Neuzeit der Pflanzenwelt) ein, das bis in die Gegenwart reichende Zeitalter der Bedecktsamer. Zweifellos leiten sich die Bedecktsamer von den Nacktsamern ab, stellen aber mit ihren in Früchte eingeschlossenen Samen und ihrer Blütengestaltung (Stempel, Staubgefäße und Blütenblätter) eine höhere Entwicklungsstufe dar. In der oberen Kreide entwickelten sich die Bedecktsamer erstaunlich schnell zu einer überraschenden Formenfülle, die weitgehend an gegenwärtige Vegetationsbilder erinnert. Das dunklere Grün der Nadelwälder wurde auf großen Flächen von dem helleren Grün belaubter Urwälder durchsetzt. Neben Magnolien und Liliengewächsen erschienen Eukalypten und Nußbäume, zu denen sich — wohl besonders in höheren Breiten — Vorfahren der Eichen, Buchen, Weiden und Birken gesellten. Ohne Zweifel mußten solche einschneidenden Veränderungen der Pflanzenwelt entsprechende der Tierwelt nach sich ziehen.

    Die reichhaltige und vielgestaltige fossile Lebewelt des Juras und der Kreide ist nicht nur Fachleuten und interessierten Laien bekannt. Wer hätte nicht schon einmal von Sauriern und Ammonshörnern gehört oder gelesen!

    Unter den weltweit günstigen klimatischen Bedingungen während des Juras und der Kreide entwickelte sich in den Meeren eine vielgestaltige marine Tierwelt. Korallen und Schwämme bauten mächtige Riffe. Im Wasser wimmelte es von Mikroorganismen,besonders von Foraminiferen, weiterhin von zahlreichen Muscheln, Schnecken, Armkiemern und Stachelhäutern. Besonders auffällig aber entfalteten sich die Ammoniten, die eine fast unübersehbare Fülle kurzlebiger und teilweise prächtiger Formen hervorbrachten. Bei den in der Ebene spiralig aufgerollten, gekammerten Gehäusen begannen die Verwachsungsnähte der Kammerscheidewände mit der Außenschale zunehmend komplizierter zu werden, da sich die Kammerscheidewände wellten und falteten. Gleichzeitig wurden auf die Außenschalen Skulpturen aufgesetzt, gekrümmte und gegabelte Rippen, schließlich Punkte. Manche Formen wuchsen neben ihren nur wenige Millimeter großen Verwandten ins riesenhafte, wie Pachy-discus seppenradensis, der einen Durchmesser von 2,50 m aufweist. Schließlich brachten die Ammoniten in der jüngeren Kreidezeit Sonderformen hervor, die als Entartungserscheinungen aufgefaßt werden. Die Umgänge der Gehäuse begannen sich abzulösen und streckten sich sogar in die Gerade. Damit wurde am Ende der Kreidezeit die Entwicklung der Ammoniten abgeschlossen. Die gesamte Ordnung starb aus und erschien mit Anbruch der Erdneuzeit nicht mehr. Ähnlich erging es verwandten Kopffüßern, den Belemniten. Ihre zigarrenförmigen Hartteile — letzte Fortsätze einer ins Innere der Weichteile verlegten Schale — werden im Volksmunde als Donnerkeile bezeichnet und sind häufig in Jura- und Kreideablagerungen zu finden.

    Die auffallendste Erscheinung der jurassisch-kreidezeitlichen Tierwelt aber waren die Reptilien, die als Saurier (gr.: Echsen) die schon in der Trias angedeutete Entwicklung ins großartige steigerten und sämtliche Lebensräume zu beherrschen begannen. Verschiedenartige Umweltverhältnisse brachten mannigfaltige und teilweise seltsame Anpassungsformen hervor, die den Fabelwesen aus Märchen und Sagen in keiner Weise nachstehen.

    Die bekanntesten auf dem Festlande lebenden Echsen waren die Dinosaurier, Reptilien von sehr unterschiedlicher Gestalt und Größe. Unter ihnen gab es wahrhafte Riesenexemplare. Die vierbeinigen gewaltigen Fleischkolosse trugen einen eidechsenartigen Schwanz und einen schlangenförmigen Hals, der in einem für die Größe der Tiere viel zu kleinen Kopf endete. Zu ihnen gehörten der in den Jurasümpfen Nordamerikas lebende 18 m lange Brontosaurus und der Diplodocus, der sogar 27 m Länge erreichte. Die größten jedoch dürften der ostafrikanische Brachiosaurus und der südamerikanische Arctosaurus gewesen sein. Dem kleinen Kopf der Tiere entsprach eine ebenso geringe Gehirnmasse, doch war bei diesen »Schreckenssauriern« außerdem ein Schwanz-wurzelnervenzentrum ausgebildet, das ein Mehrfaches des Kopfhirns ausmachte. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren diese Riesenechsen Pflanzenfresser, denen »kleinere«, nur 10 bis 15 m große und mit scharfen Zahnen bewaffnete Fleischfresser, wie Tyrannosaurus, äußerst gefährlich werden konnten.

    Doch nicht nur das feste Land, sondern auch die jurassischen Seen und Meere wurden von den Sauriern beherrscht — wohl von solchen Formen, die sich erneut dem Wasserleben angepaßt hatten. Die meisten von ihnen waren gefährliche Räuber. Zu den bekanntesten Fundplätzen dieser Tiere gehört der dunkle liassische Ölschiefer von Holzmaden in Württemberg. Viele wohlpräparierte, bis 10 m lange Exemplare des delphinartigen Ichthyosaurus sind von hier in die Museen der Welt gelangt, Exemplare, bei denen nicht nur das Knochengerüst, sondern auch Abdrücke der Haut, der Inhalt des Magens — Belemniten, Fische — und sogar Embryonen entdeckt wurden. Nicht minder bekannt sind die Holzmadener Schlangenhals-drachen, die Plesiosaurier, die sich wie Flachboote im Wasser bewegten, da ihre ursprünglich tragenden Gliedmaßen zu Paddeln umgestaltet waren. Selbst einige Krokodilformen waren durch Umgestaltung der Extremitäten zu Flossen völlig dem Leben im Meer angepaßt. Andere jurassische Reptilien, die Pterosaurier, hatten als Gleitflieger den Luftraum erobert. Pterodactylus, Pteranodon und Rhamphorhynchus durchsegelten die Luft mit Hilfe von Flughäuten, die sich zwischen Körper und Vordergliedmaßen spannten. Doch die Jurazeit hat noch einen Fortschritt ganz besonderer Art hervorgebracht: In den hellen Plattenkalken von Solnhofen und Eichstätt in Bayern fanden sich Skelette des ersten, echten Urvogels (Archaeopteryx). Der bezahnte Schnabel, die krallenbewehrten Vordergliedmaßen und der eidechsenartige Schwanz erinnern nachdrücklich an die Ahnen; das im Abdruck erhaltene Federkleid zeigt aber den großen Schritt nach vorn.

    Die entwicklungsgeschichtlichen Beziehungen sind jedoch nicht bei den Flugsauriern zu suchen, sondern bei den sogenannten Pseudosuchiern des Perms und der Trias, aus denen Formen hervorgingen, die sich zunächst auf die Hinterbeine aufrichteten und später ihr Schuppenkleid zu Federn umbildeten. Archaeopteryx war sicherlich noch kein guter Flieger, sondern dürfte seine Schwingen fallschirmartig gebraucht haben. In den Kreideschichten Nordamerikas erscheinen weitere Urvögel, deren Flugvermögen ebenfalls unbedeutend war, die aber als typische Strandbewohner gut tauchen und den Fischen nachstellen konnten.

    Mit dem Ende der Kreidezeit und damit auch des Mesozoikums ergab sich eines der bedeutendsten entwicklungsgeschichtlichen Probleme: Die Tierwelt erlebte eine ihrer schwersten Krisen, der ganze Gruppen zum Opfer fielen, neben den Ammoniten und den Belemniten auch die Saurier. Innerhalb geologisch kurzer Zeit starben diese Beherrscher des jurassisch-kreidezeitlichen Festlandes, der Meere und des Luftraumes aus. Mit Ausnahme weniger Reptilordnungen, die neben diesen »Großen« ein bescheidenes Schattendasein geführt hatten, erschien mit Anbruch der Erdneuzeit keine der Riesenechsen mehr. In einer völlig veränderten Lebensgemeinschaft übernahmen die bis dahin nur unscheinbar entwickelten Säugetiere die Herrschaft.

    Der Name Jura ist mit verschiedenen Landschaften verbunden. Zu den klassischen Juralandschaften, die seit langem wegen des außerordentlichen Fossilreichtums ihrer Schichtenglieder eingehend studiert worden sind, gehören ohne Zweifel Schwaben und Franken, deren mittel-gebirgsartige Höhenzüge auch die Namen Schwäbischer und Fränkischer Jura tragen. Noch ausgeprägter als bei der Trias findet sich dort eine bunte und wechselvolle Folge widerständiger und durch die abtragenden Kräfte leicht ausräumbarer Gesteinsschichten. Wo diese Schichtenfolgen geneigt sind und die Abtragung darüber hinwej»-gegriffen hat, ist eine typische Schichtstufenlandschaft entstanden, die als geradezu klassisches Beispiel gilt. Besonders die gegen Abtragung widerständigen hellen Kalke des Malms sind eine schützende Decke für die unterlagernden Schichten und brechen mit einer Steilstufe — Albtrauf genannt — ab. Unter ihr bilden die Schichten des Doggers und Lias sanftere Treppen. Vielfach finden sich vor der Albkante sogenannte Zeugenberge, die durch abdeckende Reste der Malmkalktafel erhalten geblieben sind. Hier und da, besonders eindrucksvoll in Franken, durchsetzen auch massige helle Dolomitriffe die Schichtenfolge und bilden Felsenlabyrinthe, die teilweise verkarstet sind und von weitläufigen Höhlensystemen durchzogen werden.

    Wie schon bei der Trias weicht auch im Jura die Schichtenfolge im Gebiet der aus der Tethys hervorgegangenen europäisch-asiatischen Faltengebirgssysteme von der mitteleuropäischen ab. Hier liegen die jurassischen Schichtenglieder wiederum z.T. in tief meerischer Ausbildung vor und erreichen erhebliche Mächtigkeiten.

    Der Name Kreide für das letzte System des Mesozoikums wurde der Schreibkreide entlehnt, einem feinkörnigen Kalkstein, der in besonders eindrucksvoller Weise an den Küsten Rügens und Dänemarks, aber auch beiderseits des Kanals an den Küsten Englands und Frankreichs zu finden ist.

    Die steilen Kreidefelsen an der Küste Rügens, die nördlich von Saßnitz an der Stubbenkammer und bei Kap Arkona unvermittelt aus dem Meere aufragen und im Königsstuhl (Abb. 39) sogar eine Höhe von 120 m erreichen, sind mit eiszeitlichen Moränenablagerungen intensiv verschuppt. Daraus resultiert auch das wechselvolle Bild des Küstenstriches nördlich von Saßnitz. Zwischen den steil aufragenden Kreidefelsen sind die wenig verfestigten eiszeitlichen Mergel und Sande durch die Abtragung weitgehend ausgeräumt worden, so daß der prächtige Buchenwald der Stubbenkammer an solchen Stellen bis an den Küstenstreifen hinunterreicht.

    Die Kreidekalke sind aber letztlich nur ein Teil der Sedimentfolge der kreidezeitlichen Meere, im Falle Rügens sogar nur ein Teil der Oberkreide. Es wäre falsch, dieses Gestein mit dem Systembegriff Kreide gleichzusetzen. Außer der Kreide haben auch Tone, Mergel und vor allem Sandsteine einen bedeutenden Anteil. Sie sind besonders in solchen Gebieten Mitteleuropas, in denen die kreidezeitliche Schichtenfolge auf eingesunkenen Krustenbereichen der Abtragung teilweise entgangen ist, erhalten und durch die Erosion zu mitunter bizarren Felsenlandschaften ausgeformt worden. Eines der schönsten Beispiele dafür ist das Elbsandsteingebirge, das, zwischen dem Granitmassiv der Lausitz und dem Gneisgebiet des Erzgebirges eingesenkt, von der Elbe und ihren Nebenflüssen modelliert worden ist. Über ausgedehnten Ebenheiten, die durch die Seitenerosion pendelnder Flüsse — vor allem der Elbe — geschaffen wurden, steigen die Tafelberge und Felsengärten steil auf. Ein ähnliches Erscheinungsbild bieten die Sandsteine der Südlausitz und der Sudety (Sudeten). Sind die kreidezeitlichen Schichten im Eibsandsteingebirge nur wenig geneigt, so sind sie im nördlichen Harzvorland in Falten gelegt, wobei Sattel- und Muldenstrukturen entstanden sind, die die Abtragung im Laufe der Zeit einebnete. Besonders harte Sandsteinschichten aber haben ihr kräftigen Widerstand entgegengesetzt, und wo sie an den Sattel- bzw. Muldenflanken ausstreichen, durchziehen sie die Landschaft als weithin verfolgbare schmale Hügelreihen, aus denen bizarre Felsgebilde mauerartig aufragen, wie die Teufelsmauer bei Blankenburg (Harz).

    Ähnlich wie bei der Schichtenfolge der Trias und des Juras ist auch die der Kreide im Gebiet der Alpen und der ihnen entsprechenden Faltengebirge anders ausgebildet als in Mitteleuropa. Sie weist dort erhebliche Mächtigkeiten und einen besonderen Fossilinhalt auf.

    Einst gab es keinen Atlantik

    Schon bei der Betrachtung des Kaledonischen Gebirgssystems wurden die modernen Auffassungen angedeutet, nach denen die Auffaltung des Gebirges mit dem Aufeinanderzutreiben von Kontinentalschollen und der gleichzeitigen »Schließung« eines dazwischenliegenden Ozeans verbunden war, dessen Sedimente zusammengeschoben wurden und das Baumaterial für dieses Faltengebirge lieferten. Die frühen nordamerikanisch-kanadischen Kontinentalkerne (Laurentia und Eria) sollen sich dabei mit dem europäischen (Fennosarmatia) vereinigt haben. Es ist schwer, diese frühen Vorgänge zu rekonstruieren und sich ein Gesamtbild von der damaligen Verteilung von Land und Meer im globalen Maßstab zu machen. Eine andere Gruppe von Forschern neigt zur Auffassung des »Fixismus«, wonach horizontale Bewegungen von Kontinenten gegenüber vertikalen eine nur unbedeutende Rolle gespielt haben sollen. Das würde bedeuten, daß die Ozeane immer den gleichen Platz eingenommen haben oder dort entstanden sind, wo alte Kontinente versanken.

    Gegenwärtig setzt sich jedoch in zunehmendem Maße die Auffassung des »Mobilismus« durch, wobei die frühere Theorie der Kontinentaldrift, die Alfred Wegener im Jahre 1912 aufgestellt hatte, gewisse Abwandlungen erfahren hat. Man nimmt heute an, daß die Kontinente nicht – wie Wegener glaubte – selbständig auf einer fließfähigen Unterlage treiben wie Eisschollen im Wasser, sondern daß große Platten der Erdkruste (der Lithosphäre) in ständiger – wenn auch langsamer – Bewegung sind. Während dabei basaltische ozeanische bzw. tiefere Kruste dauernd neu entsteht und abgebaut wird, treibt granitische Oberkruste in Form von Kontinentalschollen auf ihr mit. Der Begriff granitisch bezieht sich dabei nicht nur auf das Gestein Granit, sondern umfaßt das gesamte Gesteinsinventar der Kontinente, das eine geringere Dichte als die basaltische ozeanische Kruste aufweist.

    Den Mechanismus stellt man sich – stark vereinfacht – so vor: Inmitten der Ozeane befinden sich die mittelozeanischen Rücken, an denen basaltische Schmelzen aus dem Erdmantel aufquellen. Wenn das am Grunde der Ozeane erfolgt, ist davon wenig zu bemerken. Geringe Teile der mittelozeanischen Rücken aber überragen, z.B. im mittleren Atlantik, als Inseln die Meeresoberfläche. In diesen Gebieten ist dann zuweilen das Aufsteigen der Schmelzen als aktiver Vulkanismus zu beobachten, wie es in den letzten Jahren besonders vor Island mehrfach eindrucksvoll demonstriert wurde. Durch wiederholte (nach geologischen Zeitmaßen ständige) Förderung basaltischer Schmelzen wird dort der Meeresboden immer neu gebildet, breitet sich nach den Seiten aus und trägt auf ihm befindliche Kontinentalschollen mit sich fort. Andererseits aber gibt es Zonen, in denen die basaltische ozeanische Kruste abtaucht und vom Erdmantel wieder aufgezehrt wird, die sogenannten Verschluckungszonen. Sie werden im Bereich der Tiefseegräben angenommen. Die Förderzonen der mittelozeanischen Rücken, die Verschluckungszonen der Tiefseegräben und eine dritte Gruppe von Zonen, an denen horizontale Ausgleichsbewegungen stattfinden, umschließen die erwähnten Lithosphäreplatten. Auf den Platten mittreibende Kontinentalschollen können wegen ihrer geringeren Dichte an den Verschluckungszonen nicht mit abtauchen, dagegen können an ihrer Stirnfront im Meere angehäufte Sedimente zusammengeschoben und — wie die südamerikanischen Anden — dem Kontinent als Faltengebirge angegliedert werden. An solchen Verschluckungszonen können aber auch zwei aufeinander zutreibende Kontinentalschollen kollidieren, wobei dann zwischen ihnen, wie im Falle der Alpen oder des Himalaja, Gebirge aus den zusammengeschobenen Meeressedimenten aufgefaltet werden. Eingeschuppte Reste ozeanischen Bodens künden dann zuweilen von der einstigen Existenz eines Ozeans, der sich geschlossen hat.

    Kehren wir wieder zu den Ereignissen im Mesozoikum zurück! So unsicher Bewegungen von Lithosphäreplatten und mit ihnen treibender Kontinente zu rekonstruieren sind, scheint sich jedoch abzuzeichnen, daß am Ende des Paläozoikums kein Atlantischer Ozean, sondern eine riesige Landmasse existierte, die Pangea. Der große Südkontinent Gondwana bildete einen Teil von ihr. Zwischen ihm und dem eurasiatischen Anteil zeichnete sich die Tethys ab, ansonsten herrschte ein Pazifik. In der frühen Trias brach diese Landmasse auf, Förderzonen basaltischen Mantelmaterials entstanden, und zwischen Nordafrika und Nordamerika entstand der Atlantik in seiner ersten Phase. Auch der Gondwanakontinent spaltete auf, und die Tethys begann sich einzuengen, was mit ersten, zunächst noch schwachen Faltungen der darin angehäuften Sedimente verbunden war. Der indische Subkontinent fing an, nach Norden zu driften. Antarktika, das noch mit Australien verbunden war, löste sich von Afrika. In der Kreidezeit war die Aufspaltung schon deutlich vorangeschritten. Der Südatlantik und Teile des Nordatlantiks waren weitgehend aufgerissen. Nur über Grönland hinweg scheint zunächst noch ein Zusammenhang zwischen Nordamerika und Eurasia bestanden zu haben, der sich aber später, wahrscheinlich in der jüngeren Kreidezeit, löste. Im Tertiär öffnete sich dann die Labradorstraße, zugleich aber schloß sich die Tethys. Es ist erstaunlich, wie gut sich die Entwicklung des großen alpidischen Ge-birgssystems in dieses Bewegungsbild einfügt. Als letzte Reste der einstigen Tethys werden das Mittelmeer und das Schwarze Meer angesehen. Mit der Ausbreitung des Atlantiks, die auch gegenwärtig meßbar ist (1-5cm/Jahr), geht zugleich eine Einengung des Pazifiks einher, dessen Ränder von Verschluckungszonen begleitet werden.

    Die Mobilisten, wie man die Vertreter dieser Auffassung nennt, erbringen gegenwärtig für Einzelheiten dieser Vorgänge ständig neue Fakten und vermitteln ein hochinteressantes Bild von den Bewegungen der Erdkruste.
    Buntsandsteinwüste, Muschelkalkmeer und Keupersümpfe

    Trockenwarme klimatische Bedingungen und vertikale Krustenbewegungen in Mitteleuropa, in deren Folge zeitweilig flache Meere eindrangen, waren auch zu Beginn des Mesozoikums wirksam. Trias (d.h. Dreiheit) hat man das erste System des neuen Zeitalters wegen seiner Gliederung in die Abteilungen Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper genannt. Wahrend im Buntsandstein und im Keuper das Festland vorherrschte, war die Muschelkalkzeit durch größere Meereseinbrüche gekennzeichnet. Im Grunde genommen setzte sich die mit dem Zechstein im mitteleuropäischen Räume begonnene Entwicklung fort. Davon zeugen lokale Salzausscheidungen, die allerdings nicht mehr die Bedeutung der Zechsteinsalze erreichen.

    Welches Bild mag die mitteleuropäische Buntsandsteinlandschaft geboten haben? Für wüstenartige Umweltverhältnisse sprechen außer roten Sedimentfarben auch Dünenstrukturen mit Kreuz- und Schrägschichtungen, ferner zu Windkantern abgeschliffene und polierte Gerolle, wie man sie in heutigen Wüsten findet, aber auch Trockenrisse in den tonigen Absätzen periodischer Wasserlachen sowie die Sedimentausfüllungen der Trockenrisse, die sogenannten Netzleisten. Von Wasseransammlungen mit oasenartigem Charakter künden ausgedehnte tonig-sandige Einschaltungen in der Sandsteinfolge, in denen oft unzählige Schalen kleiner Muschelkrebse eingebettet liegen, weiterhin Reste von Panzerlurchen sowie Abdrücke von Nadelhölzern und Farnen mit großen Wedeln, die keinesfalls ohne Wasser auskommen konnten. Andererseits entdeckt man hier und da eingeschaltete Muschel- und Wurmröhrenbänke sowie fossile Wellenrippeln, die man mit ähnlichen Erscheinungen in gegenwärtigen Sedimenten des Wattenmeeres vergleichen kann. Zeitweilig war man deshalb auch der Ansicht, daß in der Buntsandsteinzeit das Meer geherrscht habe. Dem widersprechen aber die meisten der zu beobachtenden Fakten. Vielmehr lassen sich die marinen Einschaltungen als Folge wiederholter kurzfristiger Meeresvorstöße in die Buntsandsteinlandschaft deuten. Dies zeigt gleichsam an, daß jenes Meer, das am Ende der Zechsteinzeit zurückgewichen war, alle geringen Senkungsbewegungen des Landes nutzte, um die verlorenen Positionen wiederzugewinnen — wenn auch vorerst ohne nachhaltigen Erfolg. Im oberen Buntsandstein, dem Röt, lassen jedoch Gips- und Salzeinschaltungen in bunten Tonen, Mergeln und Dolomiten den erneut wachsenden Einfluß des Meeres erkennen.

    Zu Beginn der mittleren Trias, der Muschelkalkzeit, gab es einen größeren Meereseinbruch von Süden her durch die Oberschlesische Pforte. Das Meer strömte erneut in das flache, versalzte Germanische Becken. Ebenso wie der Begriff Buntsandstein wird die Bezeichnung Muschelkalk sowohl zeitlich als auch für die kalkigen Sedimente gebraucht, die zahlreiche marine Versteinerungen führen. Der Muschelkalk beginnt mit einer Folge dünnplattiger, gewellter Kalke, dem sogenannten Wellenkalk. In ihn eingeschaltet sind einige 5 bis 10 m mächtige kompakte Bänke, die z. T. hervorragendes Baumaterial liefern. .

    Das von der Tethys her einbrechende Meer brachte auch deren Lebewelt mit. Wenngleich ihre fossilen Reste in manchen Horizonten massenhaft auftreten, war — wohl infolge des höheren Salzgehalts und der geringen Tiefe des Meeres — die Fauna im Vergleich zur Tethys relativ artenarm. Als sich die Oberschlesische Pforte im mittleren Muschelkalk schloß, dampfte das Meer wiederum ein, Dolomit, Anhydrit bzw. Gips und Salze wurden ausgeschieden. Im oberen Muschelkalk drang das Meer erneut, diesmal jedoch von Südwesten her über die Burgundische Pforte in das Germanische Becken ein. Seine Sedimentfolge beginnt meist mit einer wenige Meter mächtigen Kalkbank, in der sich Stielglieder (sogenannte Trochiten) von Seelilien finden, die manchmal fast konglomeratisch miteinander verbacken sind. Darüber lagern die kalkigen bis tonigen Ceratitenschichten, benannt nach den für sie typischen Ammoniten, insbesondere dem Ceratites nodosus, dem knotigen Ammonshorn. Der Meereseinbruch während des oberen Muschelkalks dauerte aber nur verhältnismäßig kurze Zeit. Zu Beginn des letzten Abschnittes der Trias, des Keupers — dieser Name wird im Coburger Gebiet für bunte Gewebe verwendet und ist wohl wegen der Gesteinsfarben auf die obere Trias übertragen worden —, wird das Meer infolge schwacher Krustenhebungen wiederum aus dem mitteleuropäischen Raum verdrängt. In Lagunen und Süßwasserseen ausgeschiedene Mergel- und Sandsteinschichten schließen den Muschelkalk nach oben hin ab und führen als Einschaltungen schwache Kohlenflözchen, die nachdrücklich eine Verlandung beweisen. Diese untere Abteilung wird Lettenkohlenkeuper genannt.

    Mit dem weiteren Aufstieg des Landes gelangten erneut große Schuttmassen in das trockengefallene Becken. Charakteristisch sind verfestigte Tone, die sich im Verein mit Mergeln und Gips in seichten Binnengewässern absetzten. Größere Fluten schwemmten Sandfahnen von gelegentlich erheblicher Mächtigkeit ein, die als Schilf- und Stubensandstein bezeichnet werden. Der Schilfsandstein leitet seinen Namen von zahlreichen Schachtelhalmabdrücken ab, der Stubensandstein von seiner früheren Verwendung als Streusand für die Stuben. Beide Sandsteine liefern in manchen Gebieten ein geschätztes Baumaterial, das z.B. am Kölner Dom und am Ulmer Münster verwendet wurde.

    Im Rät, dem oberen Keuper, stieß das Meer abermals vor. Nicht nur von Südwesten, sondern diesmal auch von Nordosten her wurden größere Teile Mitteleuropas überflutet. Dunkle Schiefertone und helle, feinkörnige Sandsteine sind die typischen Sedimente des Rats.

    Dieser Germanischen Trias steht im Bereich der Tethys eine völlig andersartige Schichtenfolge gegenüber. Sie wird nach dem Gebiet, in dem sie besonders typisch entwickelt ist, als Alpine Trias bezeichnet. Während die Germanische Trias epikontinentalen Charakter hat, d.h. sich in einem Meere absetzte, das einen kontinentalen Bereich zeitweilig nur flach überflutete, hat die Alpine Trias vorwiegend Tiefmeercharakter und kann einige tausend Meter Mächtigkeit erreichen.

    Dem Mittelalter der Tierwelt war der Beginn des Mittelalters der Pflanzenwelt schon um einige Millionen Jahre vorausgegangen. Bereits im Oberperm war die Steinkohlenflora fast gänzlich verschwunden. Was sich von dieser Pflanzengemeinschaft noch in die neue Zeit hinübergerettet hatte, war mit nur wenigen Ausnahmen an ein feuchtes, sumpfiges Milieu gebunden. Nur dort kam es zur Vermehrung. Schon deshalb wurde für diese Pflanzen in den trockenwarmen, zeitweilig wüstenhaften Abschnitten der Trias der Lebensraum erheblich eingeengt. Übrig blieben noch Schachtelhalmröhrichte, die sich an feuchten Stellen sowohl der Buntsandstein- als auch der Keuperlandschaft fanden. Mit ihnen zusammen trat eine Anzahl Farne auf, daneben in der Buntsandsteinlandschaft die den Bärlappen nahestehende Pleuromeia, die auf dem unverzweigten Stamm in etwa 3 m Höhe eine kolbenartige schmalblättrige Krone trug. Die bereits im Perm erscheinenden Nacktsamer drangen mit ihren höherorganisierten und besser geschützten Samenanlagen auch in die Trockengebiete vor. Besonders bestimmten die Nadelbäume Voltzia und Ullmannia das Bild der Vegetation. Dazu kamen eiben- und tannenartige Bäume, Vorfahren des Ginkgo, Araukarien und Zypressen sowie verschiedene Zykadeenarten.

    Doch auch in der Fauna machte sich eine entscheidende Wende bemerkbar. Eine großartige Entfaltung der Reptilien setzte ein. Sie herrschten fast das gesamte Mesozoikum hindurch so eindrucksvoll, daß man es auch als Zeitalter der Reptilien oder Zeitalter der Saurier bezeichnet. Die amphibischen Panzerlurche, die im Devon erschienen, die Karbonsümpfe bewohnt hatten und auch im Perm noch herrschten, verschwanden allmählich und starben gegen Ende der Trias aus. Ihre letzten Vertreter erreichten noch einmal außergewöhnliche Größen. Im Röhricht der Keupersümpfe lebte Mastodonsaurus, ein Panzerlurch mit Froschleib und kurzem Schwanz, dessen Schädel etwa 1 m lang war. Unter den Reptilien entwickelte sich eine Fülle von Formen, mit der die enorme Entfaltung im Jura schon angekündigt wurde. Zu den bekanntesten Vertretern in der Trias gehörten die Piacoden, etwa 2 m lange, schlanke, kurzhalsige Tiere mit langen Schwänzen. Ihre gepanzerten Mäuler enthielten knopfartige Zähne, mit denen sie beim Abweiden der Muschel- und Brachio-podenbänke des Muschelkalkmeeres die Schalen aufbrechen konnten. Ein gefährlicher Räuber war der bis zu 3 m lange Nothosaurus, ein Vorfahre der jurassischen Schlangenhalsdrachen, der sich auch auf dem festen Land fortbewegen konnte. Im Keuper erschienen die ersten Dinosaurier, bis 10 m lange, kräftige Räuber, die sich halb aufgerichtet auf den Hinterbeinen vorwärts bewegten und den Schwanz als Stütze benutzten. Neben ihnen tauchten Vorläufer der’ Krokodile und Schildkröten auf. Zu den rätselhaftesten Lebewesen aber gehörte das die Buntsandsteinwüste bewohnende Chirotherium, das Handtier. Von ihm fand man ursprünglich nur zahlreiche Fußabdrücke und versuchte, aus deren Größe, Abstand und Eindruckstiefe das gesamte Tier zu rekonstruieren. In verschiedenen Gebieten, z. B. in der Schweiz, ausgegrabene Knochen von Tieren, die entsprechende Fährten hinterlassen haben, scheinen anzudeuten, daß das Chirotherium ein Archosaurier (Ursaurier) war.

    Auch die Gemeinschaft der im Meer lebenden Wirbellosen hatte sich in der Trias sehr verändert. Manche der beherrschenden Gruppen der paläozoischen Meere waren ausgestorben, vor allem die Trilobiten. Die vierzähligen Altkorallen waren durch neue sechszählige abgelöst worden. Obwohl die Seelilien im oberen Muschelkalk sogar gesteinsbildend auftraten, zeigten sie nicht mehr die alte Formenfülle. Muscheln und Schnecken entfalteten sich enorm. Besonders charakteristisch aber werden die Ammoniten — unter ihnen vor allem die Ceratiten — und die Belemniten.

    Am bunten Mosaik des geologischen Bildes von Mitteleuropa sind Triaslandschaften mehrfach beteiligt. Sie treten heute besonders in Muldenbereichen zwischen herausgehobenen Hochschollen älterer Gesteine auf, z.B. im lothringisch-pfälzischen Gebiet, in Schwaben, Franken, Hessen und Thüringen. Aber auch im norddeutsch-nordpolnischen Tiefland ist die Trias unter dem mächtigen jüngeren Deckgebirge weit verbreitet. Das alles spricht für einen einstigen ausgedehnten Ablagerungsraum. Später wurde er allerdings mit der Zerstückelung der mitteleuropäischen Kruste in einzelne Schollen, die sich teils hoben, teils senkten, stark aufgegliedert. Im Bereich der abgesunkenen Schollen blieb die Trias — und das gilt ebenso für Jura und Kreide —erhalten, während sie auf den herausgehobenen Schollen weitgehend oder völlig abgetragen wurde. Musterbeispiel einer solchen Landschaft ist die Thüringer Triasmulde zwischen den an Brüchen herausgehobenen Schollen des Thüringer Waldes und des Thüringer Schiefergebirges im Süden und des Harzes im Norden. Da sich die einzelnen Glieder der triassischen Schichtenfolge gegenüber der Abtragung sehr unterschiedlich verhalten — vor allem unterer Muschelkalk und Trochitenkalk, teilweise auch Buntsandstein sind sehr widerständig —, hat sich eine wechselvolle Stufenlandschaft herausgebildet. Der unterschiedliche Gesteinsuntergrund zeichnet sich deutlich in der heutigen Vegetation ab. Während auf den Höhen der Buntsandsteinlandschaft der Nadelwald herrscht, prägen im Muschelkalkgebiet meist prächtige Buchenbestände das Bild. In ihrem Schatten gedeihen Orchideen und andere seltene Pflanzen, die das Muschelkalkgebiet für den Botaniker zu einer bedeutenden Fundstätte werden lassen. Für den geologisch Interessierten aber bieten sich die anziehendsten Landschaftsbilder dort, wo sich Flüsse tief in die Schichtenfolge eingeschnitten und besonders an ihren Prallhängen das Gestein freigelegt haben — wie im Saaletal bei Jena. Ein weiteres bekanntes Muschelkalkvorkommen Thüringens ist auch die Schichtstufe des Großen Hörseiberges.

    Doch auch außerhalb der geschlossenen Triasgebiete treten hier und da einzelne Schichtglieder der Trias aus jüngeren Ablagerungen hervor, so der in großen Steinbrüchen gewonnene Muschelkalk von Rüdersdorf bei Berlin. Zu den eindrucksvollsten Einzelvorkommen gehört wohl die aus den Fluten der Nordsee auftauchende kleine Buntsandstein-Felseninsel Helgoland.

    Im alpinen Bereich ist die Trias, die dort in erheblicher Mächtigkeit auftritt, in das außerordentlich kompliziert gefaltete und durch deckenartige Überschiebungen gekennzeichnete Gebirgssystem einbezogen.

    Eine besondere Erscheinungsform der Alpinen Trias bietet Ungarn. In den Geosynklinalräumen des Karpaten-und Südalpen-Dinariden-Bereichs, die das Pannonische Becken ursprünglich umschlossen, besitzen die triassischen Schichtenfolgen auch die von den Alpen her bekannten Mächtigkeiten,den typischen Faltenbau und die Deckenüberschiebung. Dagegen sind die Triasschichten im Becken selbst in einem anscheinend flacheren Meer auf versteiftem Untergrund abgelagert worden und meist nicht oder nur schwach gefaltet, sondern eher bruchtektonisch überprägt. Im Gegensatz zu den alpinen Hochgebirgen weisen die an Brüchen herausgehobenen Gebirge Ungarns — die transdanubischen Gebirge, Mecsek, das Villänyer Gebirge, Bükk und Aggteleker Karst — Mittelgebirgs-charakter auf. In späterer Zeit verkarsteten die Triaskalke stellenweise, besonders eindrucksvoll in dem zuletzt genannten Gebiet, in dem sich auch die längsten und schönsten, mit wunderbarem Tropfsteinschmuck ausgekleideten Höhlen Ungarns befinden. Über die höckerig verkarstete Oberfläche des weißen Kalkgebirges breitet sich ein ziegelrot leuchtender Verwitterungslehm aus, auf dem trotz der sonstigen Trockenheit der Karstoberfläche Buchen und Bergwiesen gedeihen.

    Die hohe Zeit der Saurier

    Jura und Kreide, die auf die Trias folgenden Systeme des Mesozoikums, sind durch Überflutungen großer Festlandteile gekennzeichnet. Sedimentfolgen, die sich in Flachmeeren auf nur wenig unter den Wasserspiegel getauchten Kontinentalbereichen absetzten, sind nicht nur in Europa verbreitet. Daneben gab es auch ausgedehnte globale marine Sammelmulden, in denen sich mächtige Sedimentmassen des Juras und der Kreide anhäuften. Sie bildeten das Baumaterial künftiger bedeutender Faltengebirgssysteme, die vor allem im Bereich der sich zunehmend einengenden Tethys und längs der Westküste Amerikas entstanden.

    Die jurassische Entwicklung Mitteleuropas wurde bereits im Rät eingeleitet, als das Meer von Norden und von Süden vordrang und größere, durch Inseln gegliederte Senkungsbereiche erfüllte, vor allem ein Nord- und ein Süddeutsches Becken. Beide Becken waren von Untiefen und Schwellen umgeben und durch eine größere Schwelle voneinander getrennt. Zeitweilig bestand jedoch über die Hessische Straße eine Verbindung zwischen den Becken. Die Abteilungen des Juras (Lias, Dogger und Malm), nach den in ihren Sedimenten vorherrschenden Farben auch als schwarzer, brauner und weißer Jura bezeichnet, weisen eine außerordentliche Mannigfaltigkeit an Gesteinen auf. Im Lias sind es in den inneren Beckenteilen dunkelgraue bis schwarze bituminöse Tone, die mit Kalkbänken wechsellagern und nach den Beckenrändern zu völlig durch Kalke ersetzt werden. Die vorwiegend braunen Farben der Doggersedimente entstanden durch einen hohen Gehalt an Eisenverbindungen, die z.T. abbauwürdige Eisenerze bildeten, wie die lothringischen, schwäbischen und fränkischen Vorkommen. Der Erzgehalt dürfte festländischen Verwitterungsprodukten entstammen. Krustenbewegungen trennten gegen Ende des Doggers das Nord- und das Süddeutsche Becken. Im Süddeutschen Becken, das sich zunehmend verflachte, wucherten im Malm an den Rändern mächtige Riffklötze aus hellen Schwammkalken empor. Sie zeichnen sich noch heute eindrucksvoll in der Landschaft ab. In den dazwischenliegenden Lagunen wurde feiner Kalkschlamm sedimentiert. Seine Verfestigungsprodukte sind die bekannten Plattenkalke — die Lithographenschiefer — von Solnhofen und Eichstätt. Im Norddeutschen Becken, das sich demgegenüber zunächst noch etwas vertiefte, entstanden mächtige Kalksteine und Mergel.

    Am Ende des Juras wurde im Gefolge von Bodenbewegungen das Meer weitgehend aus Mitteleuropa verdrängt. Das Süddeutsche Becken wurde landfest, im Norddeutschen Becken verblieb ein flaches, brackig-limnisches Restgewässer, in dem sich ein dunkler, pflanzenführender Ton absetzte, der Wälderton. Lokal sind in ihm auch Steinkohlenflözchen eingeschaltet. Mit dem Wälderton wurde die Kreidezeit eingeleitet. Erneut brach das Meer in das Norddeutsche Becken ein und lagerte in den zentralen Beckenteilen die Hils-Tone, in den randlichen die Hils-Sandsteine ab. Die lokal eingestreuten Trümmererze sind Aufarbeitungsprodukte der im Jura gebildeten Eisenkrusten auf den umgebenden Festländern.

    Eine neue Situation entstand am Beginn der Oberkreide. Die Krustenbewegungen des Juras und der Unterkreide in Mitteleuropa standen im Zusammenhang mit gleichzeitigen Bewegungsvorgängen im südeuropäischen Bereich der Tethys. Teile der Tethys vertieften sich bei zunehmender Einengung und nahmen mächtige Sedimentmassen auf. Zeitweilig wurde die Absenkung beschleunigt oder auch gehemmt und im Jura von einem kräftigen Vulkanismus begleitet. An der Wende von Unter- und Oberkreide erfolgten dort die ersten kräftigen Faltungen, die besonders im Tertiär schließlich zur Aufrichtung des großen europäisch-asiatischen Faltengebirgssystems führten. Vorerst aber wurden von den Faltungen nur die Bereiche der heutigen Penninischen Alpen, der nördlichen Ostalpen und der Dinarischen Ketten erfaßt. In den nördlicher gelegenen, längst versteiften Krustenbereichen Europas jedoch kam es zu einer ausgedehnten Überflutung durch das Meer der oberen Kreidezeit, die den jurassischen Meereseinbrüchen in keiner Weise nachstand.

    Gegenüber den vorangegangenen Zeiten mögen die Jura-und die Kreidelandschaft ein recht farbenfrohes Bild abgegeben haben, vor ajlem dank der in dem milden feuchtwarmen Klima wesentlich weiterentwickelten Pflanzenwelt. Hier und da gab es zwar an Tümpeln und in sumpfigen Niederungen noch Farn- und Schachtelhalmbestände, die z.T. ansehnliche Höhe erreichten — vorherrschend aber war eine vielgestaltige Welt der Nackt-samer. Bemerkenswerte Vertreter waren Zykadeen und Bennettiteen mit teils faßförmigen, teils säulenförmigen Stämmen, auf denen sich eine Krone palmwedelartiger Blätter entfaltete, die bei den Bennettiteen noch durch farbenprächtige Blüten ergänzt wurden. Mit diesen Pflanzen traten schon Merkmale auf, die für Bedecktsamer typisch sind. Dazu kamen zahlreiche Vertreter der Nadelhölzer, unter ihnen Ginkgogewächse, Vorfahren der Eiben und Tannen, ja auch schon die später im Tertiär so bedeutsamen Zypressen und Sequoien.

    Ein entscheidender Wandel in der Zusammensetzung der Pflanzenwelt macht sich an der Grenze von der Unter-zur Oberkreide bemerkbar. Während die Unterkreide noch völlig die Züge des Mesophytikums trug, begannen in ihrem jüngsten Abschnitt die Bedecktsamer die Herrschaft zu übernehmen, d.h., mit der Oberkreide setzte das Känophytikum (Neuzeit der Pflanzenwelt) ein, das bis in die Gegenwart reichende Zeitalter der Bedecktsamer. Zweifellos leiten sich die Bedecktsamer von den Nacktsamern ab, stellen aber mit ihren in Früchte eingeschlossenen Samen und ihrer Blütengestaltung (Stempel, Staubgefäße und Blütenblätter) eine höhere Entwicklungsstufe dar. In der oberen Kreide entwickelten sich die Bedecktsamer erstaunlich schnell zu einer überraschenden Formenfülle, die weitgehend an gegenwärtige Vegetationsbilder erinnert. Das dunklere Grün der Nadelwälder wurde auf großen Flächen von dem helleren Grün belaubter Urwälder durchsetzt. Neben Magnolien und Liliengewächsen erschienen Eukalypten und Nußbäume, zu denen sich — wohl besonders in höheren Breiten — Vorfahren der Eichen, Buchen, Weiden und Birken gesellten. Ohne Zweifel mußten solche einschneidenden Veränderungen der Pflanzenwelt entsprechende der Tierwelt nach sich ziehen.

    Die reichhaltige und vielgestaltige fossile Lebewelt des Juras und der Kreide ist nicht nur Fachleuten und interessierten Laien bekannt. Wer hätte nicht schon einmal von Sauriern und Ammonshörnern gehört oder gelesen!

    Unter den weltweit günstigen klimatischen Bedingungen während des Juras und der Kreide entwickelte sich in den Meeren eine vielgestaltige marine Tierwelt. Korallen und Schwämme bauten mächtige Riffe. Im Wasser wimmelte es von Mikroorganismen,besonders von Foraminiferen, weiterhin von zahlreichen Muscheln, Schnecken, Armkiemern und Stachelhäutern. Besonders auffällig aber entfalteten sich die Ammoniten, die eine fast unübersehbare Fülle kurzlebiger und teilweise prächtiger Formen hervorbrachten. Bei den in der Ebene spiralig aufgerollten, gekammerten Gehäusen begannen die Verwachsungsnähte der Kammerscheidewände mit der Außenschale zunehmend komplizierter zu werden, da sich die Kammerscheidewände wellten und falteten. Gleichzeitig wurden auf die Außenschalen Skulpturen aufgesetzt, gekrümmte und gegabelte Rippen, schließlich Punkte. Manche Formen wuchsen neben ihren nur wenige Millimeter großen Verwandten ins riesenhafte, wie Pachy-discus seppenradensis, der einen Durchmesser von 2,50 m aufweist. Schließlich brachten die Ammoniten in der jüngeren Kreidezeit Sonderformen hervor, die als Entartungserscheinungen aufgefaßt werden. Die Umgänge der Gehäuse begannen sich abzulösen und streckten sich sogar in die Gerade. Damit wurde am Ende der Kreidezeit die Entwicklung der Ammoniten abgeschlossen. Die gesamte Ordnung starb aus und erschien mit Anbruch der Erdneuzeit nicht mehr. Ähnlich erging es verwandten Kopffüßern, den Belemniten. Ihre zigarrenförmigen Hartteile — letzte Fortsätze einer ins Innere der Weichteile verlegten Schale — werden im Volksmunde als Donnerkeile bezeichnet und sind häufig in Jura- und Kreideablagerungen zu finden.

    Die auffallendste Erscheinung der jurassisch-kreidezeitlichen Tierwelt aber waren die Reptilien, die als Saurier (gr.: Echsen) die schon in der Trias angedeutete Entwicklung ins großartige steigerten und sämtliche Lebensräume zu beherrschen begannen. Verschiedenartige Umweltverhältnisse brachten mannigfaltige und teilweise seltsame Anpassungsformen hervor, die den Fabelwesen aus Märchen und Sagen in keiner Weise nachstehen.

    Die bekanntesten auf dem Festlande lebenden Echsen waren die Dinosaurier, Reptilien von sehr unterschiedlicher Gestalt und Größe. Unter ihnen gab es wahrhafte Riesenexemplare. Die vierbeinigen gewaltigen Fleischkolosse trugen einen eidechsenartigen Schwanz und einen schlangenförmigen Hals, der in einem für die Größe der Tiere viel zu kleinen Kopf endete. Zu ihnen gehörten der in den Jurasümpfen Nordamerikas lebende 18 m lange Brontosaurus und der Diplodocus, der sogar 27 m Länge erreichte. Die größten jedoch dürften der ostafrikanische Brachiosaurus und der südamerikanische Arctosaurus gewesen sein. Dem kleinen Kopf der Tiere entsprach eine ebenso geringe Gehirnmasse, doch war bei diesen »Schreckenssauriern« außerdem ein Schwanz-wurzelnervenzentrum ausgebildet, das ein Mehrfaches des Kopfhirns ausmachte. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren diese Riesenechsen Pflanzenfresser, denen »kleinere«, nur 10 bis 15 m große und mit scharfen Zahnen bewaffnete Fleischfresser, wie Tyrannosaurus, äußerst gefährlich werden konnten.

    Doch nicht nur das feste Land, sondern auch die jurassischen Seen und Meere wurden von den Sauriern beherrscht — wohl von solchen Formen, die sich erneut dem Wasserleben angepaßt hatten. Die meisten von ihnen waren gefährliche Räuber. Zu den bekanntesten Fundplätzen dieser Tiere gehört der dunkle liassische Ölschiefer von Holzmaden in Württemberg. Viele wohlpräparierte, bis 10 m lange Exemplare des delphinartigen Ichthyosaurus sind von hier in die Museen der Welt gelangt, Exemplare, bei denen nicht nur das Knochengerüst, sondern auch Abdrücke der Haut, der Inhalt des Magens — Belemniten, Fische — und sogar Embryonen entdeckt wurden. Nicht minder bekannt sind die Holzmadener Schlangenhals-drachen, die Plesiosaurier, die sich wie Flachboote im Wasser bewegten, da ihre ursprünglich tragenden Gliedmaßen zu Paddeln umgestaltet waren. Selbst einige Krokodilformen waren durch Umgestaltung der Extremitäten zu Flossen völlig dem Leben im Meer angepaßt. Andere jurassische Reptilien, die Pterosaurier, hatten als Gleitflieger den Luftraum erobert. Pterodactylus, Pteranodon und Rhamphorhynchus durchsegelten die Luft mit Hilfe von Flughäuten, die sich zwischen Körper und Vordergliedmaßen spannten. Doch die Jurazeit hat noch einen Fortschritt ganz besonderer Art hervorgebracht: In den hellen Plattenkalken von Solnhofen und Eichstätt in Bayern fanden sich Skelette des ersten, echten Urvogels (Archaeopteryx). Der bezahnte Schnabel, die krallenbewehrten Vordergliedmaßen und der eidechsenartige Schwanz erinnern nachdrücklich an die Ahnen; das im Abdruck erhaltene Federkleid zeigt aber den großen Schritt nach vorn.

    Die entwicklungsgeschichtlichen Beziehungen sind jedoch nicht bei den Flugsauriern zu suchen, sondern bei den sogenannten Pseudosuchiern des Perms und der Trias, aus denen Formen hervorgingen, die sich zunächst auf die Hinterbeine aufrichteten und später ihr Schuppenkleid zu Federn umbildeten. Archaeopteryx war sicherlich noch kein guter Flieger, sondern dürfte seine Schwingen fallschirmartig gebraucht haben. In den Kreideschichten Nordamerikas erscheinen weitere Urvögel, deren Flugvermögen ebenfalls unbedeutend war, die aber als typische Strandbewohner gut tauchen und den Fischen nachstellen konnten.

    Mit dem Ende der Kreidezeit und damit auch des Mesozoikums ergab sich eines der bedeutendsten entwicklungsgeschichtlichen Probleme: Die Tierwelt erlebte eine ihrer schwersten Krisen, der ganze Gruppen zum Opfer fielen, neben den Ammoniten und den Belemniten auch die Saurier. Innerhalb geologisch kurzer Zeit starben diese Beherrscher des jurassisch-kreidezeitlichen Festlandes, der Meere und des Luftraumes aus. Mit Ausnahme weniger Reptilordnungen, die neben diesen »Großen« ein bescheidenes Schattendasein geführt hatten, erschien mit Anbruch der Erdneuzeit keine der Riesenechsen mehr. In einer völlig veränderten Lebensgemeinschaft übernahmen die bis dahin nur unscheinbar entwickelten Säugetiere die Herrschaft.

    Der Name Jura ist mit verschiedenen Landschaften verbunden. Zu den klassischen Juralandschaften, die seit langem wegen des außerordentlichen Fossilreichtums ihrer Schichtenglieder eingehend studiert worden sind, gehören ohne Zweifel Schwaben und Franken, deren mittel-gebirgsartige Höhenzüge auch die Namen Schwäbischer und Fränkischer Jura tragen. Noch ausgeprägter als bei der Trias findet sich dort eine bunte und wechselvolle Folge widerständiger und durch die abtragenden Kräfte leicht ausräumbarer Gesteinsschichten. Wo diese Schichtenfolgen geneigt sind und die Abtragung darüber hinwej»-gegriffen hat, ist eine typische Schichtstufenlandschaft entstanden, die als geradezu klassisches Beispiel gilt. Besonders die gegen Abtragung widerständigen hellen Kalke des Malms sind eine schützende Decke für die unterlagernden Schichten und brechen mit einer Steilstufe — Albtrauf genannt — ab. Unter ihr bilden die Schichten des Doggers und Lias sanftere Treppen. Vielfach finden sich vor der Albkante sogenannte Zeugenberge, die durch abdeckende Reste der Malmkalktafel erhalten geblieben sind. Hier und da, besonders eindrucksvoll in Franken, durchsetzen auch massige helle Dolomitriffe die Schichtenfolge und bilden Felsenlabyrinthe, die teilweise verkarstet sind und von weitläufigen Höhlensystemen durchzogen werden.

    Wie schon bei der Trias weicht auch im Jura die Schichtenfolge im Gebiet der aus der Tethys hervorgegangenen europäisch-asiatischen Faltengebirgssysteme von der mitteleuropäischen ab. Hier liegen die jurassischen Schichtenglieder wiederum z.T. in tief meerischer Ausbildung vor und erreichen erhebliche Mächtigkeiten.

    Der Name Kreide für das letzte System des Mesozoikums wurde der Schreibkreide entlehnt, einem feinkörnigen Kalkstein, der in besonders eindrucksvoller Weise an den Küsten Rügens und Dänemarks, aber auch beiderseits des Kanals an den Küsten Englands und Frankreichs zu finden ist.

    Die steilen Kreidefelsen an der Küste Rügens, die nördlich von Saßnitz an der Stubbenkammer und bei Kap Arkona unvermittelt aus dem Meere aufragen und im Königsstuhl (Abb. 39) sogar eine Höhe von 120 m erreichen, sind mit eiszeitlichen Moränenablagerungen intensiv verschuppt. Daraus resultiert auch das wechselvolle Bild des Küstenstriches nördlich von Saßnitz. Zwischen den steil aufragenden Kreidefelsen sind die wenig verfestigten eiszeitlichen Mergel und Sande durch die Abtragung weitgehend ausgeräumt worden, so daß der prächtige Buchenwald der Stubbenkammer an solchen Stellen bis an den Küstenstreifen hinunterreicht.

    Die Kreidekalke sind aber letztlich nur ein Teil der Sedimentfolge der kreidezeitlichen Meere, im Falle Rügens sogar nur ein Teil der Oberkreide. Es wäre falsch, dieses Gestein mit dem Systembegriff Kreide gleichzusetzen. Außer der Kreide haben auch Tone, Mergel und vor allem Sandsteine einen bedeutenden Anteil. Sie sind besonders in solchen Gebieten Mitteleuropas, in denen die kreidezeitliche Schichtenfolge auf eingesunkenen Krustenbereichen der Abtragung teilweise entgangen ist, erhalten und durch die Erosion zu mitunter bizarren Felsenlandschaften ausgeformt worden. Eines der schönsten Beispiele dafür ist das Elbsandsteingebirge, das, zwischen dem Granitmassiv der Lausitz und dem Gneisgebiet des Erzgebirges eingesenkt, von der Elbe und ihren Nebenflüssen modelliert worden ist. Über ausgedehnten Ebenheiten, die durch die Seitenerosion pendelnder Flüsse — vor allem der Elbe — geschaffen wurden, steigen die Tafelberge und Felsengärten steil auf. Ein ähnliches Erscheinungsbild bieten die Sandsteine der Südlausitz und der Sudety (Sudeten). Sind die kreidezeitlichen Schichten im Eibsandsteingebirge nur wenig geneigt, so sind sie im nördlichen Harzvorland in Falten gelegt, wobei Sattel- und Muldenstrukturen entstanden sind, die die Abtragung im Laufe der Zeit einebnete. Besonders harte Sandsteinschichten aber haben ihr kräftigen Widerstand entgegengesetzt, und wo sie an den Sattel- bzw. Muldenflanken ausstreichen, durchziehen sie die Landschaft als weithin verfolgbare schmale Hügelreihen, aus denen bizarre Felsgebilde mauerartig aufragen, wie die Teufelsmauer bei Blankenburg (Harz).

    Ähnlich wie bei der Schichtenfolge der Trias und des Juras ist auch die der Kreide im Gebiet der Alpen und der ihnen entsprechenden Faltengebirge anders ausgebildet als in Mitteleuropa. Sie weist dort erhebliche Mächtigkeiten und einen besonderen Fossilinhalt auf.

    Einst gab es keinen Atlantik

    Schon bei der Betrachtung des Kaledonischen Gebirgssystems wurden die modernen Auffassungen angedeutet, nach denen die Auffaltung des Gebirges mit dem Aufeinanderzutreiben von Kontinentalschollen und der gleichzeitigen »Schließung« eines dazwischenliegenden Ozeans verbunden war, dessen Sedimente zusammengeschoben wurden und das Baumaterial für dieses Faltengebirge lieferten. Die frühen nordamerikanisch-kanadischen Kontinentalkerne (Laurentia und Eria) sollen sich dabei mit dem europäischen (Fennosarmatia) vereinigt haben. Es ist schwer, diese frühen Vorgänge zu rekonstruieren und sich ein Gesamtbild von der damaligen Verteilung von Land und Meer im globalen Maßstab zu machen. Eine andere Gruppe von Forschern neigt zur Auffassung des »Fixismus«, wonach horizontale Bewegungen von Kontinenten gegenüber vertikalen eine nur unbedeutende Rolle gespielt haben sollen. Das würde bedeuten, daß die Ozeane immer den gleichen Platz eingenommen haben oder dort entstanden sind, wo alte Kontinente versanken.

    Gegenwärtig setzt sich jedoch in zunehmendem Maße die Auffassung des »Mobilismus« durch, wobei die frühere Theorie der Kontinentaldrift, die Alfred Wegener im Jahre 1912 aufgestellt hatte, gewisse Abwandlungen erfahren hat. Man nimmt heute an, daß die Kontinente nicht – wie Wegener glaubte – selbständig auf einer fließfähigen Unterlage treiben wie Eisschollen im Wasser, sondern daß große Platten der Erdkruste (der Lithosphäre) in ständiger – wenn auch langsamer – Bewegung sind. Während dabei basaltische ozeanische bzw. tiefere Kruste dauernd neu entsteht und abgebaut wird, treibt granitische Oberkruste in Form von Kontinentalschollen auf ihr mit. Der Begriff granitisch bezieht sich dabei nicht nur auf das Gestein Granit, sondern umfaßt das gesamte Gesteinsinventar der Kontinente, das eine geringere Dichte als die basaltische ozeanische Kruste aufweist.

    Den Mechanismus stellt man sich – stark vereinfacht – so vor: Inmitten der Ozeane befinden sich die mittelozeanischen Rücken, an denen basaltische Schmelzen aus dem Erdmantel aufquellen. Wenn das am Grunde der Ozeane erfolgt, ist davon wenig zu bemerken. Geringe Teile der mittelozeanischen Rücken aber überragen, z.B. im mittleren Atlantik, als Inseln die Meeresoberfläche. In diesen Gebieten ist dann zuweilen das Aufsteigen der Schmelzen als aktiver Vulkanismus zu beobachten, wie es in den letzten Jahren besonders vor Island mehrfach eindrucksvoll demonstriert wurde. Durch wiederholte (nach geologischen Zeitmaßen ständige) Förderung basaltischer Schmelzen wird dort der Meeresboden immer neu gebildet, breitet sich nach den Seiten aus und trägt auf ihm befindliche Kontinentalschollen mit sich fort. Andererseits aber gibt es Zonen, in denen die basaltische ozeanische Kruste abtaucht und vom Erdmantel wieder aufgezehrt wird, die sogenannten Verschluckungszonen. Sie werden im Bereich der Tiefseegräben angenommen. Die Förderzonen der mittelozeanischen Rücken, die Verschluckungszonen der Tiefseegräben und eine dritte Gruppe von Zonen, an denen horizontale Ausgleichsbewegungen stattfinden, umschließen die erwähnten Lithosphäreplatten. Auf den Platten mittreibende Kontinentalschollen können wegen ihrer geringeren Dichte an den Verschluckungszonen nicht mit abtauchen, dagegen können an ihrer Stirnfront im Meere angehäufte Sedimente zusammengeschoben und — wie die südamerikanischen Anden — dem Kontinent als Faltengebirge angegliedert werden. An solchen Verschluckungszonen können aber auch zwei aufeinander zutreibende Kontinentalschollen kollidieren, wobei dann zwischen ihnen, wie im Falle der Alpen oder des Himalaja, Gebirge aus den zusammengeschobenen Meeressedimenten aufgefaltet werden. Eingeschuppte Reste ozeanischen Bodens künden dann zuweilen von der einstigen Existenz eines Ozeans, der sich geschlossen hat.

    Kehren wir wieder zu den Ereignissen im Mesozoikum zurück! So unsicher Bewegungen von Lithosphäreplatten und mit ihnen treibender Kontinente zu rekonstruieren sind, scheint sich jedoch abzuzeichnen, daß am Ende des Paläozoikums kein Atlantischer Ozean, sondern eine riesige Landmasse existierte, die Pangea. Der große Südkontinent Gondwana bildete einen Teil von ihr. Zwischen ihm und dem eurasiatischen Anteil zeichnete sich die Tethys ab, ansonsten herrschte ein Pazifik. In der frühen Trias brach diese Landmasse auf, Förderzonen basaltischen Mantelmaterials entstanden, und zwischen Nordafrika und Nordamerika entstand der Atlantik in seiner ersten Phase. Auch der Gondwanakontinent spaltete auf, und die Tethys begann sich einzuengen, was mit ersten, zunächst noch schwachen Faltungen der darin angehäuften Sedimente verbunden war. Der indische Subkontinent fing an, nach Norden zu driften. Antarktika, das noch mit Australien verbunden war, löste sich von Afrika. In der Kreidezeit war die Aufspaltung schon deutlich vorangeschritten. Der Südatlantik und Teile des Nordatlantiks waren weitgehend aufgerissen. Nur über Grönland hinweg scheint zunächst noch ein Zusammenhang zwischen Nordamerika und Eurasia bestanden zu haben, der sich aber später, wahrscheinlich in der jüngeren Kreidezeit, löste. Im Tertiär öffnete sich dann die Labradorstraße, zugleich aber schloß sich die Tethys. Es ist erstaunlich, wie gut sich die Entwicklung des großen alpidischen Gebirgssystems in dieses Bewegungsbild einfügt. Als letzte Reste der einstigen Tethys werden das Mittelmeer und das Schwarze Meer angesehen. Mit der Ausbreitung des Atlantiks, die auch gegenwärtig meßbar ist (1-5cm/Jahr), geht zugleich eine Einengung des Pazifiks einher, dessen Ränder von Verschluckungszonen begleitet werden.

    Die Mobilisten, wie man die Vertreter dieser Auffassung nennt, erbringen gegenwärtig für Einzelheiten dieser Vorgänge ständig neue Fakten und vermitteln ein hochinteressantes Bild von den Bewegungen der Erdkruste.

    Die altzeitliche Meeresherrschaft

    Über die Entwicklung der Festländer und Meere sowie des irdischen Lebens seit Beginn des Erdaltertums kann man zunehmend bessere Aussagen machen. Der Versuch, die in den Gesteinen enthaltenen Informationen zu einem entwicklungsgeschichtlichen Ablauf zusammenzufassen, läßt eine Folge wechselhafter und eindrucksvoller Bilder an unserem Auge vorüberziehen, wie sie bunter und phantasievoller kaum erdacht werden können. Festländer und Meere wechseln einander ab, Gebirge entstehen und vergehen, Urwälder werden von Wüsten verdrängt, und wiederholt wird das Land unter mächtigen Eispanzern begraben. Die Tier- und Pflanzenwelt versucht, sich den jeweiligen Umweltverhältnissen anzupassen, und bringt dabei eine Fülle von Formen hervor, die den Schauplatz der Erdgeschichte betreten, dann wieder verschwinden und anderen Platz machen, bis schließlich die gegenwärtige Lebensgemeinschaft und mit ihr — nach geologischen Maßstäben erst im letzten Moment — auch der Mensch erscheint. Versuchen wir, diesem Weg zu folgen!

    Man kann die ältesten drei Systeme des Erdaltertums (Paläozoikum) — Kambrium, Ordovizium und Silur — zusammenfassend betrachten, da sie einen größeren Entwicklungsabschnitt darstellen, einen langen Zeitraum der Meeresbedeckung großer Teile Europas, der durch die Auffaltung des Kaledonischen Gebirges in Nordwesteuropa einen gewissen Abschluß findet.

    Wie würde wohl eine Landkarte Europas zu Beginn des Erdaltertums ausgesehen haben? Vorherrschendes Element war das Meer, ein großer Altozean. Über ihn wölbte sich im Bereich des heutigen Nordeuropa der Kontinent Fennoskandia schildförmig heraus. Als Fennoskandia bezeichnet man einen Teil des noch weit nach Südosten reichenden, dort jedoch flach unter den Meeresspiegel getauchten Fennosarmatia. Nordwestlich davon lag als benachbarter Kontinent der Nordatlantische Schild Eria, der Grönland und die arktische Inselwelt umfaßte. Weit im Süden aber befand sich der gewaltige Kontinent Gond-wana. Zwischen ihm und den Nordkontinenten gliederten größere und kleinere Inselgebiete den Meeresraum. Verteilung und Umrisse dieser Inseln waren aber im Verlaufe der wohl reichlich 160 Millionen Jahre umfassenden frühen Meereszeit Schwankungen unterworfen.

    Da die Festländer im Altpaläozoikum noch keine Vegetationsdecke trugen, waren sie schutzlos den zerstörenden Kräften preisgegeben. Den von den Flüssen ins Meer getragenen und dort sedimentierten Festlandschutt treffen wir heute als Tonschiefer, Sandsteine und Konglomerate an. Sie sind vorwiegend grau gefärbt und werden, soweit sie aus fein- bis grobsandigen Partikeln bestehen, als Grauwacken bezeichnet. Jedoch treten auch dunklere Töne auf. Besonders die silurische Schichtenfolge enthält schwarze Ton- und Kieselschiefer, die wegen ihres Gehalts an Pyrit (Eisenkies) in früheren Jahrhunderten zur Alaun- und Vitriolgewinnung abgebaut wurden. Man bezeichnet sie deshalb als Alaunschiefer. Hier und da sind in die altzeitlichen Meeressedimente auch Kalke eingeschaltet.

    Nach Art und Ausbildung der Sedimente war diese frühe Meereszeit ein relativ ruhiger erdgeschichtlicher Entwicklungsabschnitt. Doch schon künftige Ereignisse deuten sich dadurch an, daß in einigen Gebieten der Meeresboden stärker abzusinken begann und mächtigere Sedimentmassen aufnehmen konnte als anderswo. Das trifft besonders auf den sich nach Süden verbreiternden Meeresarm zu, der die Altkontinente Fennoskandia und Eria voneinander trennte. Bereits im Ordovizium kam es dort zu einer merklichen tektonischen Unruhe, während der auch submarine vulkanische Laven und Aschen aufdrangen. Am Ende des Ordoviziums erfolgten die ersten kräftigeren Erdkrustenbewegungen. Ein Teil der im Meer angehäuften Sedimentmassen wurde gefaltet, und einzelne Bereiche des Meeresbodens wurden herausgehoben, so daß stellenweise das Meer verflachte oder gar verdrängt wurde.

    Die altpaläozoischen Meere waren bereits Heimstätte einer erstaunlich vielgestaltigen und artenreichen Lebewelt. Schon zu Beginn des Kambriums existierten Ahnenformen aller Stämme der Wirbellosen. Die zahlreichen Fossilfunde dürften aber nicht allein auf das fortgeschrittene Entwicklungsstadium der Organismen zurückzuführen sein, sondern vor allem auf die von ihnen inzwischen erworbene Fähigkeit, feste Chitin- oder Kalkschalen abzusondern. Zu den interessantesten Vertretern dieser Lebewelt gehören die Trilobiten oder »Dreilappkrebse«, so genannt wegen ihrer deutlichen Dreigliederung in Längs- und Querrichtung. Teils schwimmend, teils kriechend lebten sie in den schlammigen Meeresgründen. Neben ihnen gab es im kambrischen Meer auch Würmer, Medusen, Schwämme, Stachelhäuter, Armkiemer, Schnecken und Algen. Im Ordovizium nahm die Fähigkeit der marinen Organismen zu, feste Gehäuse zu bilden. Manche Schichten sind daher außerordentlich fossilreich. Neben Armkiemern, Muscheln, Schnecken und Trilobiten, die den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichten, besiedelten bunte Korallenrasen den Meeresboden. Zwischen ihnen wiegten sich auf langen Stielen die zierlichen Kelche von Seelilien. Seltsam muteten lange, röhrenartige Gehäuse tentakelbewehrter Kopffüßer an, der Orthoceren, einer Ahnenform der im Erdmittelalter so zahlreichen und vielgestaltigen Ammoniten. Für das Silur sind die seit dem späten Ordovizium auftretenden laubsägeblattähnlichen Graptolithen charakteristisch. Kolonienweise an Schwimmblasen geheftet, trieben sie durch das Meer. Vermutlich stehen sie den Stachelhäutern nahe. Die Kurzlebigkeit nicht nur der Klasse, sondern auch der einzelnen Typen macht sie zu ausgezeichneten Leitversteinerungen der silurischen Schichtenfolge. Ein weniger auffallendes, doch für den weiteren Entwicklungsgang hochbedeutendes Ereignis könnte innerhalb dieser bunten, vielgestaltigen Lebewelt des Ordoviziums fast übersehen werden — das Erscheinen der frühesten Wirbeltiere, vorerst in Gestalt fremdartig anmutender urtümlicher Fische, die ein kräftiges, verknöchertes Außenskelett besaßen .

    Die Pflanzenwelt bestand fast ausschließlich aus Meeresalgen. Dennoch bahnten sich anscheinend schon im oberen Silur erste Versuche an, das feste Land zu besiedeln. Vermutlich aus Algen hervorgegangene erste nackte Gefaßpflanzen paßten sich in flachen Buchten mit schwankendem Wasserstand allmählich dem Landleben an. Von einer eigentlichen Eroberung des festen Landes durch eine Vegetation konnte aber noch keine Rede sein.

    Es gibt viele Plätze in aller Welt, an denen man diesen oder jenen Schichtenkomplex des Kambriums, Or-doviziums oder Silurs studieren kann, wenige jedoch, die ein umfassendes Bild vermitteln. Ein solches »Mekka der Geologen« liegt in der unmittelbaren Umgebung von Prag. Zu Ehren seines Erforschers, des französischen Geologen J.Barrande, der die tschechoslowakische Metropole als zweite Heimat gewählt hatte, wird es Barrandium genannt. In der abwechslungsreichen hügeligen Landschaft, in die Vltava (Moldau) und Berounka ihre Täler eingeschnitten haben, finden sich zahlreiche Aufschlüsse, d.h. Steinbrüche und natürliche Felswände, an denen man die altzeitlichen Meeressedimente studieren kann. Die Fülle von oft guterhaltenen fossilen Organismenresten spricht für die einstigen außerordentlich günstigen Lebensbedingungen. Viele Orte dieser Gegend sind den Geologen gut bekannt, z.B. Skryje mit seinen kambrischen Trilobitenschichten oder Liten mit seinen fossilreichen dunklen Grap-tolithenschiefern. Von den Lebensgemeinschaften im mittelböhmischen kambrischen und silurischen Meer haben der tschechische Paläontologe J.Augusta und der Maler Z.Burian eindrucksvolle Lebensbilder entworfen, nach deren Vorlage Abb. 11 zusammengestellt ist.

    Als Zeugen des milden Klimas jener Zeit gelten auch Fossilfunde in anderen Gebieten Mitteleuropas, so z.B. Reste von Kalkriffe bauenden, schwammähnlichen Organismen, sogenannte Archaeocyathiden, aus dem Kambrium der Lausitz und den Göry Kaczawskie. Auch in anderen mitteleuropäischen Mittelgebirgen, wie dem Thüringischen Schiefergebirge, dem Rheinischen Schiefergebirge und dem Harz, trifft man verfestigte Sedimente dieses altzeitlichen Meeres an. Weit verbreitet und reich an Resten organischen Lebens finden sich solche Gesteinsfolgen im baltischen Randbereich des Fennoskandischen Schildes, im Gebiet der Osteuropäischen Tafel und in Wales.

    Das Kaledonische Gebirge

    Am Ende des Silurs wurden in einigen Gebieten — besonders in dem Meeresarm zwischen Fennoskandia und Eria — die abgelagerten Sedimente von kräftigen Zusammenschüben erfaßt und zu Gebirgssträngen aufgefaltet. Das Meer wurde dabei weitgehend verdrängt. Es entstand ein Gebirgssystem, dessen Faltenstrukturen man besonders gut in Nordwesteuropa studieren kann und das nach dem lateinischen Namen Caledonia für Schottland als Kaledonisches Gebirge bezeichnet wird. Von Norwegen aus läßt es sich über Schottland bis nach Irland verfolgen. Dort brechen die Faltenstrukturen anscheinend unvermittelt an der Westküste ab, ohne daß eine direkte Fortsetzung im Atlantischen Ozean erkennbar ist.

    Dieses Gebirgssystem lehnt sich in Norwegen dem Außenrand Fennoskandias und in Nordwestschottland dem Außenrand Erias an, dessen präkambrisch versteiftes Fundament in den Inneren und Äußeren Hebriden zutage tritt.

    Nach bisherigen Auffassungen wurden die kanonischen Faltenstränge — wie auch ältere und jüngere Fal-tengebirgssysteme — aus einer Geosynklinale aufgefaltet, einem langgestreckten Meeresteil, dessen Boden lange Zeit kontinuierlich abgesunken war. In dieser Senke wurden mächtige Sedimentmassen angehäuft, die schließlich in der Phase der Faltungsreife zum Faltengebirgssystem ausgepreßt wurden.

    Neuere Theorien schließen dagegen an einen bereits 1912 von dem Geophysiker Alfred Wegener geäußerten Gedanken einer Kontinentaldrift an, d.h. einer horizontalen Bewegung von Kontinenten. Danach ist die Kaledonische Geosynklinale ein Meeresarm gewesen, der sich immer mehr verengte, als die europäischen und nordamerikanisch-kanadischen Frühkontinente aufeinander zuwanderten. Dabei wurden die Sedimente ausgepreßt und verschweißten als Gebirgsstränge beide Kontinente miteinander. In einer wesentlich späteren Phase riß dieser so entstandene Großkontinent annähernd an seiner Nahtstelle wieder auseinander, der Atlantik entstand, und die kaledonischen Faltenstränge rissen ab. Im östlichen nordamerikanisch-kanadischen kontinentalen Randbereich deuten sich gleiche kaledonische Faltenstrukturen an, wie sie aus Nordwesteuropa bekannt sind. Es scheint, als würden die an der Westküste Irlands unvermittelt abreißenden Faltenstränge dort ihre Fortsetzung finden.

    Je nachdem, ob die einstigen kambrischen, ordovizischen und silurischen Sedimente im Bereich der Kaledonischen Geosynklinale oder auf den flach abtauchenden Rändern der Schilde abgelagert worden sind, unterscheiden sie sich in Mächtigkeit und Aussehen. Die Geosynklinalausbildung, einige tausend Meter mächtige, z.T. metamorphe und von Magmatiten durchsetzte Schiefer, Sandsteine und Grauwacken, finden wir in Wales, Schottland und Norwegen. Dagegen ist die den Rändern des Fennoskandischen Schildes auflagernde gleichaltrige Folge nur etwa 100 bis 200 m mächtig.

    Der Old-Red-Kontinent

    Der nunmehr vergrößerte Nordkontinent mit den kaledonischen Gebirgsketten war dem heftigen Angriff zerstörender Kräfte ausgesetzt. Das Gebirge wurde bald eingeebnet und unter seinem Schutt begraben, der in dem trockenwarmen Klima durch wasserfreies Eisenoxid rot gefärbt war). Dieses altdevonische Festland nennt man Old-Red-Kontinent, seine Schuttsedimente Old-Red-Sandstein.

    Der Old-Red-Kontinent, dessen Küstenbereiche durch flache Lagunen untergliedert und von Süßwasserseen durchsetzt waren, enthält in seinen Sedimenten wichtige Zeugnisse eines bedeutsamen Entwicklungsabschnittes der Pflanzen- und Tierwelt. Was sich im Silur bereits ankündigte, setzte sich jetzt durch: Die Pflanzen begannen das Festland zu besiedeln. Dafür boten offenbar die Lagunen des Old-Red-Kontinents günstige Voraussetzungen. Anfangs waren es primitive blattlose Formen. die sogenannten Psilophyten, mit einem höchst einfachen Gefäßsystem, die zunächst auch nur die Küstenstriche besiedelt haben mögen. Aus ihnen entwickelten sich aber schon im mittleren Devon höherorganisierte bärlappartige Pflanzen und im höheren Devon bereits baumhohe Farn-, Schachtelhalm- und Bärlappgewächse, die lichte Wälder bildeten. Die Besiedlung des Festlandes durch die Pflanzenwelt war eine wichtige Voraussetzung für den entsprechenden Schritt der Tiere, denen die Landpflanzen nun nicht nur Nahrung und Schutz bieten konnten, sondern auch zusätzlich Sauerstoff zur Atmung lieferten. Und so ergreift jetzt, mit einer gewissen zeitlichen Verschiebung, auch die Tierwelt Besitz vom Festland. Bereits im unteren Old Red von Rhynie in Schottland findet man zusammen mit Psilophyten erste flügellose Insekten. Im Oberdevon entwickelten sie bereits Flügel. Unter den Fischen vollzogen zuerst die Quastenflosser den Übergang zum Landleben. In Anpassung an die öfter austrocknenden Küstensümpfe und Lagunen, entwickelten sie neben den Kiemen einen besonderen, mit der Mundhöhle verbundenen Luftsack, aus dem sich später die Lungen der Landtiere bildeten. Über die Quastenflosser führt die Entwicklung weiter zu den Uramphibien, die zunächst als gepanzerte Lurche (Stegocephalen) auftraten.

    Das Meer der Devonzeit

    Wenn auch die Aufrichtung des Kaledonischen Gebirges das Bild des altpaläozoischen Europa wesentlich verändert hatte und im Norden der große Old-Red-Kontinent entstanden war, so herrschte doch südlich davon, im Gebiet des heutigen Mittel-, Süd- und Westeuropa, weiterhin das Meer. Aber es unterschied sich in mancher Beziehung von den Meeren des frühen Paläozoikums, da es durch Tröge, die z.T. schon während der kaledonischen Krustenbewegungen angelegt worden waren oder jetzt neu entstanden, stärker aufgegliedert war. Erneute Gebirgs-bildungsprozesse bahnten sich an, ihnen voraus ging eine wesentlich unruhigere Entwicklung als bisher. Das zeichnet sich deutlich in der Verschiedenartigkeit der im Devonmeer entstandenen Gesteine ab. In den Trögen setzten sich schlammige, heute als Schiefer vorliegende Sedimente ab, auf Schwellen entstanden kalkige Riffbauten von Korallen. Zeitweilig förderte ein kräftiger submariner Vulkanismus basische Schmelzen, die Diabase.

    Für die Entwicklung der marinen Tierwelt scheinen die Lebensbedingungen im Devonmeer geradezu ideal gewesen zu sein, denn in den devonischen Schiefern, Sandsteinen und Kalken ist eine erstaunliche Fülle der verschiedenartigsten Tiergruppen, ja ganzer Lebensgemeinschaften fossil erhalten. Die aus dem Silur bekannten Formen wurden mehr und mehr verdrängt, die Graptolithcn starben im Unterdevon aus. Dafür entfalteten sich die Brachiopoden zu einem außerordentlichen Formenreichtum, so daß sie für einen Teil der devonischen Schichtcnfolge ausgezeichnete Leitfossilien abgeben. Frühe Ammonitenformen traten auf, die Goniatiten und Clymenicn, die gegenüber ihren mesozoischen Nachfahren relativ einfach gestaltete Gehäuse besaßen. Dazu kamen eine Fülle von Schnecken, Muscheln und Stachelhäutern sowie verschiedene Trilobiten und Riesenformen von Krebsen. Unter den im Meer lebenden Wirbeltieren spielten Panzerfische eine besondere Rolle.

    Eines der klassischen mitteleuropäischen Studiengebiete devonischer Meeresablagerungen ist das Rheinische Schiefergebirge, das alle wesentlichen Gesteinsglicder aufzuweisen hat: schief rige, wie z. B. die Hunsrückschiefer und die Wissenbacher Schiefer mit einer Fülle wunderbarer Versteinerungen, sandige mit den an Brachio-poden reichen Spiriferensandsteinen sowie kalkige mit den außerordentlich fossilreichen Riffkalken der Eifel. Im Lahn-Dill-Gebiet sind Diabase und Schalsteine verbreitet, mit denen zusammen Roteisensteinlager auftreten.

    Auch im Vogtländisch-Thüringischen Schiefergebirge gibt es devonische Gesteine. In die Schiefer und Kalke sind Diabase eingeschaltet. Besonders in der Umgebung von Plauen entstand dadurch ein abwechslungsreiches Landschaftsbild, in dem sich die widerständigen Diabase als bewaldete Kuppen abheben. In Aufschlüssen zeigen sie oft kissenartige bis kugelige Absonderungen, weil sich von den untermeerisch erfolgenden Lavaergüssen mitunter einzelne Fetzen losrissen, sich im kühleren Wasser schnell mit einer Erstarrungshaut umgaben und sich, mehr oder weniger abgerundet, im Meeresschlamm anhäuften. Man spricht dann von Pillow-(= Kissen) Laven. Von den kugeligen Gebilden lösen sich bei der Verwitterung vielfach konzentrische Schalen ab, wie es Abb. 15 zeigt. In vielen Teilen Mitteleuropas wurde die devonische Schichtenfolge in die variskische Gebirgsbildung einbezogen, wobei eindrucksvolle Faltenbilder entstanden sind .

    Unter den zahlreichen Devongebieten soll auch das schon erwähnte klassische Studiengebiet der frühpaläozoischen Meeressedimente in Mittelböhmen — das Barrandium — nicht vergessen werden. Die älteren Sedimente werden dort ergänzt durch eine außerordentlich vielgestaltige und fossilreiche kalkige, teils auch schiefrige Schichtenfolge, die bis in das Mitteldevon reicht. Wie bei den kambrischen bis silurischen Ablagerungen ist auch hier eine Reihe mittelböhmischer Ortsnamen mit Schichtengliedern des Devons verknüpft, wie z.B. der Zlichov-oder Tfebotovkalk, der Dalejeschiefer oder auch der nach

    einer kleinen Kapelle südlich von Prag als »u kaplicky« bezeichnete Korallenkalkhorizont. Selbst in der internationalen stratigraphischen (schichtenkundlichen) Gliederung pflegt man das Unterdevon in die Stufen Lochkov, Prag und Zlichov zu unterteilen. Zu bekannten Aufschlüssen dieser Landschaft gehören der unmittelbar südlich von Prag am Hang des Vltavatales aufragende Barrandefelsen mit seinen intensiv gefalteten frühdevonischen Lochkovkalken sowie die steil aufgerichteten mitteldevonischen Chotec- und Tfebotovkalke von Hlubocepy).

    Das Variskische Gebirge

    Am Ende des Devons steigerte sich die tektonische Unruhe bemerkenswert und hielt während des gesamten Karbons an, wobei das bedeutendste paläozoische Gebirgssystem Mitteleuropas aufgerichtet wurde, das Variskische Gebirge. Es trägt seinen Namen nach den Variskern, einem ehemals in der Umgebung von Hof in Bayern (lat. Curia Variscorum) wohnenden germanischen Volksstamm. Die ersten kräftigen Krustenbewegungen setzten an der Wende vom Devon zum Karbon ein und gipfelten darin, daß sich innerhalb des mitteleuropäischen geosynklinalen Meeresraumes ein etwa vom Saargebiet bis in die Lausitz reichendes Schwellengebiet aufzuwölben begann, das bereits im älteren Karbon kräftig abgetragen wurde. In seinen Randsenken lagerten sich Schiefer und Grauwacken ab, die in die gebirgsbildcnden Bewegungen einbezogen wurden. Im Belgisch-Aachener Gebiet bildeten sich auch Kalksteine. Die Hauptfaltung geschah um die Mitte der Karbonzeit. Die alten Meeressedimente wurden zusammengepreßt, herausgehoben, und das Meer wurde nach und nach zurückgedrängt. Strang um Strang des entstehenden Faltengebirgssystems stieg, zunächst in Form langgestreckter Inselketten, dann aber immer umfangreicher aus dem Meer empor. In die Kernzonen der Faltenzüge drangen aus der Tiefe saure Gesteinsschmelzen ein und erstarrten zu teilweise mächtigen granitischen Körpern. Große Teile Mitteleuropas wurden landfest. In einem riesigen, nach Norden gewölbten Bogen erstreckte sich das Variskische Gebirge vom Französischen Hochland bis in das Gebiet der Sudety (Sudeten). Nur am Nordsaum verblieb vorerst noch eine vom Meer erfüllte Randsenke. Ein völlig neues Bild Mitteleuropas war entstanden. Man hat dieses Variskische Gebirge mit einem bildhaften Ausdruck auch als die Mitteleuropäischen Alpen bezeichnet. Das aber könnte zu einer fehlerhaften Vorstellung verleiten. Es ist nicht sicher, ob die einer starken Zerstörung unterworfenen aufsteigenden Faltenketten jemals eine bedeutende Höhe erreicht haben.

    Auch im Gebiet der heutigen Alpen waren die Meeressedimente aufgefaltet worden und hatten wahrscheinlich auch Festland gebildet, jedoch nicht von gleicher Nachhaltigkeit wie in Mitteleuropa. Wesentliche Teile der dortigen Faltenketten wurden bald wieder vom Meere überflutet und in eine erneute Geosynklinalentwicklung einbezogen. In dem jüngeren Faltengebirge der Alpen sind daher nur noch Reste dieses alten Gebirges erhalten. Davon abgesehen, war das heutige Südeuropa Meeresgebiet geblieben.

    Die in das variskische Faltengebirgssystem eingedrungenen Granite bzw. Granodiorite sind in manchen Gebieten durch die Abtragung des ursprünglichen Sedimentdaches freigelegt worden und auf geologischen Karten deutlich als mehr oder minder große rote Flecke gekennzeichnet. Besonders umfangreiche Granitkörper, sogenannte Plutone, trifft man z.B. im Gebiet des Karkonosze (Riesengebirge) an, zu dessen kristallinem Rahmen die Sniezka gehört. Weitere Granitplutonc gibt es in der Lausitz, in der Umgebung von Meißen, im Erzgebirge, im Harz – Brocken- und Ramberggebiet sind durch die Abtragung angeschnittene Granitplutone — sowie auch im Fichtelgebirge, in Schwarzwald und VoSges (Vogesen). Oft sieht man in Granitgebieten bizarr gestaltete Klippen, die durch das Freilegen quaderartiger Blöcke entstanden sind. Wegen der von den Klüften und Kanten her besonders kräftig einsetzenden Verwitterung sind häufig wollsackähnliche Formen ausgebildet, die zuweilen zu abenteuerlich erscheinenden Gebilden übereinander getürmt sind.

    Die Steinkohlenwälder Mitteleuropas

    Das Variskische Gebirge wurde anscheinend sehr bald wieder eingerumpft. Flüsse trugen gewaltige Mengen von Gesteinsschutt in die Innen- und Randsenken des Gebirges. Dort entstanden ausgedehnte Sümpfe, in denen sich die Vegetation üppig entwickelte. Es war eine enorme Steigerung, ja fast Übertreibung dessen, was die Entwicklungslinie der Pflanzenwelt im Devon schon angedeutet hatte. Die karbonischen Sumpfwälder dürften die großartigsten Vegetationsbilder des Paläozoikums geboten haben. Besonders auffallend waren mächtige, baumhohe Bärlappgewächse, die Siegel- und Schuppenbäume. Zu ihnen gesellten sich hohe Schachtelhalme und neben echten Farnen bereits Samenfarne sowie zahlreiche Wasserpflanzen (Abb. 23 und 24). Wasserflächen oder zumindest deren Nähe waren eine wichtige Existenzgrundlage dieser Vegetation. Die höher aufragenden Teile des Variskischen Gebirges, seine Gipfel und Hänge, waren jedoch kahl und weiterhin einer kräftigen Zerstörung und Abtragung ausgesetzt.

    Die karbonischen Sumpfwälder lieferten das Ausgangsmaterial für die Steinkohlen. Bei langsamem Absenken des Untergrundes und entsprechendem Ansteigen des Grundwasserspiegels geriet das absterbende Pflanzenmaterial ständig unter Wasser und vertorfte. Wenn sich die Absenkungen verstärkten, wurde die vertorfte Pflanzensubstanz zeitweilig mit Gesteinsschutt zugedeckt, bis sich erneut ein Moor bilden konnte. So finden wir in den Steinkohlengebieten einen ständigen Wechsel von Steinkohlenflözen unterschiedlicher Mächtigkeit und konglomeratischen, sandigen oder tonigen Zwischenschichten. Je nachdem, ob die Steinkohlenflöze in den Innen- oder Außen- (= Küsten-) Senken des Variskischen Gebirges entstanden, unterscheidet man limnische (gr. limne = stehendes Gewässer) oder paralische (gr. para = bei, hals = Meer) Steinkohlenlager. Während die Schichten zwischen den erstgenannten Flözen rein kontinentaler Herkunft sind, zeugen die der paralischen Steinkohlenlager von wiederholten Meeresvorstößen, die mit ihren Sedimenten – in denen sich auch Versteinerungen mariner Organismen finden — die Steinkohlenflöze zudeckten.

    Zu den paralischen Steinkohlengebieten des Variskischen Gebirges gehören die bedeutenden belgischen und rheinisch-westfälischen Steinkohlenlager sowie die von Görny Sla.sk, zu den limnischen aber die des Saargebietes und des Erzgebirgsbeckens (Zwickau, Lugau und Oelsnitz) sowie auch des Nordböhmischen (Plzen, Kladno) und des Innersudetischen Beckens (Walbrzych).

    Aber nicht nur die Pflanzenwelt hatte sich weiterentwickelt. Hier und da zeigt der Fossilinhalt der festländischen Karbonsedimente nicht minder bedeutsame Fortschritte in der Entwicklung der Tierwelt an. Die schon im Devon erscheinenden Panzerlurche traten mit höherentwickelten Formen auf, die sich dem im späteren Karbon zunehmend trockener werdenden Klima anpassen und ihre Eier statt ins Wasser in den trockenen Sand ablegen konnten. Aus einigen Formen entwickelten sich schließlich urtümliche Kriechtiere, die zwar noch manche amphibische Merkmale aufwiesen, aber einen deutlichen Fortschritt in der Entwicklung verkörperten. Überraschend war auch die bemerkenswerte Entfaltung der Gliedertiere auf dem Festland, unter ihnen Tausendfüßer, Skorpione, Spinnen und Insekten. Vor allem die Insekten waren teilweise erstaunlich groß, beispielsweise erreichten Libellen, die ihre Flügel übrigens noch nicht anfalten konnten, eine Spannweite von 75cm.

    Während die üppige Entfaltung der karbonischen Wälder Mitteleuropas auf ein feuchtwarmes Klima schließen läßt, war die Entwicklung auf dem südlichen Riesenkontinent Gondwana davon unterschieden. Die Pflanzenwelt war weniger vielgestaltig und zeigte andersartige Formen. Nach einem vorherrschenden Samenfarn wird sie als Glossopteris-Flora bezeichnet. Möglicherweise war das Klima kühler, und gegen Ende des Karbons, an der Wende zum Perm, vereisten sogar große Teile des Südkontinents. Spuren dieser Vereisung, nämlich Gletscherschliffe auf dem festen Felsuntergrund und darüber zu Gestein verfestigte Grundmoränen, sogenannte Tillite, finden sich in Südamerika, Südafrika, Vorderindien und Australien. Sie weisen auf deren damals engen Zusammenhang hin.

    Die spätkarbonisch-permische Trockenzeit

    Die Zerstörung des Variskischen Gebirges schritt relativ schnell voran. Bereits im oberen Karbon begann es in seinem eigenen Schutt zu ersticken. Die Mulden füllten sich auf, nur noch hier und da ragten Reste des abgetragenen Grundgebirges aus einer wüstenhaften Landschaft heraus. Wiederum herrschten ähnliche Umweltverhältnisse und ähnliche rote Schuttsedimente, wie wir sie schon bei der Abtragung der jüngeren prä-kambrischen Gebirgsketten Fennoskandias und des Kanonischen Gebirges kennengelernt haben. Zwar verursachten weitere Krustenbewegungen neue Abtragungen, aber es erfolgten keine Faltenbildungen mehr, wie sie für das inzwischen innerlich versteifte Variskische Gebirge typisch waren. Ein neuer tektonischer Bewegungsplan setzte sich durch und bestimmte den weiteren Entwicklungsgang. Lang aushaltende Brüche, die teilweise älteren Schwächezonen der Erdkruste folgten, rissen auf, besonders in NW-SO- und NNO-SSW-Richtung. Einzelne größere Krustenstücke begannen sich zu heben, andere zu senken und erlaubten hier und da auch kurzzeitig flache Meereseinbrüche. An den Bruchzonen stiegen im obersten Karbon und im untersten Perm vorwiegend porphyrische Schmelzen nach oben. Teils drangen sie oberflächennah in die Schuttsedimente ein, teils ergossen sie sich als Laven auf die Landoberfläche oder quollen als gewaltige Glutwolken aus, die sich schnell über riesige Flächen ausbreiten konnten und feinst emulgierte Gesteinsschmelze in Form von Schmelztuffen ablagerten. Aus solchen Porphyren und verwandten Gesteinen, die mit Sedimenten wechsellagern, besteht unter anderem der Hauptteil des Thüringer Waldes. Seine beherrschenden Höhen wie Großer Beerberg, Schneekopf, Kickelhahn, Inselsberg und Donnershauk sind Porphyrhärtlinge, während sich die Wartburg auf einem Kegel grobstückiger Konglomerate des Rotliegenden erhebt, die z.T. als Baumaterial der Burg verwendet worden sind. Auch im Saargebiet und in der Umgebung von Halle und Leipzig sind Porphyre weit verbreitet.

    Das Trockenklima behauptete sich während des ganzen Perms — dessen älterer Abschnitt zumindest für mitteleuropäische Verhältnisse treffend als Rotliegendes bezeichnet wird — und reicht bis in die frühe Trias hinein.

    Wie die heutigen Trockengebiete war auch die spät-karbonisch-frühpermische Wüstenlandschaft von vereinzelten Wasserflächen und sumpfigen Senken durchsetzt, in denen sich eine oasenartige Vegetation entwickelte. Ihre fossilen Reste sind hier und da in der Schichtenfolge zu finden. Unter ihnen spielten zwar noch Nachfahren der karbonischen Steinkohlenflora eine gewisse Rolle, aber im Perm kündigten sich bedeutsame Veränderungen der Pflanzenwelt an. Mit dem Trockenerwerden des Klimas entwickelten sich aus den feuchtig-keitsliebenden Sporenpflanzen allmählich nacktsamige Formen, die sich den neuen Umweltverhältnissen besser anzupassen vermochten, so z.B. frühe Formen der Ginkgogewächse und Palmfarne (Zykadeen), vor allem aber die ersten Nadelhölzer. Sie leiteten einen neuen Entwicklungsabschnitt der Pflanzenwelt, das Mesophytikum, ein. Auch die Tierwelt ließ bedeutende Veränderungen erkennen, besonders auf der schon im Karbon angedeuteten Entwicklungslinie: Echte Kriechtiere traten auf, das Zeitalter der Saurier begann.

    Eine bemerkenswerte Unterbrechung der langen spät-variskischen Schuttsedimentation erfolgte im jüngeren Perm, der Zechsteinzeit, durch den Einbruch eines flachen Meeres. Von Norden her drang es langsam vor, folgte den neuen tektonischen Leitlinien und nutzte so einen flachen Einsenkungsbereich über dem eingerumpften Untergrund Mitteleuropas. Es erfüllte zunächst das Gebiet des norddeutsch-nordpolnischen Tieflandes, reichte zeitweilig aber auch weit nach Süden bis in das thüringisch-fränkische Gebiet, ohne jedoch die großklimatische Situation in Mitteleuropa grundlegend zu verändern. Da dieses flache Meer einer außerordentlich starken Verdunstung ausgesetzt war, siegte trotz mehrfachen Frischwasserzustroms letzten Endes wieder die Wüste. Um den Gegensatz zu der völlig andersartigen Ausbildung der Sedimente in Südeuropa auszudrücken, die sich in dem tiefmeerischen Bereich der Tethys absetzten, bezeichnet man den flachen mitteleuropäischen Sedimentationsraum als Germanisches Becken. Es spielt im frühen Erdmittelalter noch eine bedeutende Rolle.

    Von der wechselvollen Geschichte des Zechsteinmeeres kündet seine Sedimentfolge. An ihrer Basis liegt ein Konglomerat, aufgearbeiteter Festlandschutt, der mit dem Vordringen des Meeres als Geröllschicht ausgebreitet wurde. Darüber folgt ein geringmächtiger schwarzer, bituminöser Mergelschiefer, einst ein an Fäulnisstoffen reicher Schlamm. Er weist auf eine zeitweilig schlechte Durchlüftung und einen hohen Schwefelwasserstoffgehalt tieferer Meeresteile hin. Wegen seines Gehalts an fein verteilten Erzmineralen, besonders Kupfersulfid, wird er als Kupferschiefer bezeichnet, der jahrhundertelang auch im Mansfelder Gebiet abgebaut wurde. In solche schlecht durchlüftete Meeresteile geratene Fische gingen massenhaft zugrunde. Auf den Schichtflächen des Kupferschiefers sind sie häufig als Abdruck erhalten, ihre Schuppen sind meist durch Kupfersulfid ersetzt. Der über dem Kupferschiefer folgende Zechsteinkalk läßt darauf schließen, daß vorübergehend wieder eine bessere Verbindung mit dem Weltmeer zustande kam. Während des damit verbundenen Frischwasserzustroms wanderten auch einige Brachiopoden, Muscheln und Schnecken ein. In den flachen Randgebieten des Meeres und auf Schwellen siedelte sich eine riffbauende Lebensgemeinschaft an, die vorwiegend aus den kalkalgenahnlichen Stromarien und Bryozoen bestand, denen sich Seelilien, Armkiemer und Muscheln zugesellten. Diese Kalkriffe wucherten durch die gutgeschichtete Sedimentfolge hindurch und sind oft von der Abtragung als mächtige dolomitisierte widerständige Klötze herausgearbeitet worden. Sehr schöne Beispiele finden sich am Südostrand des Thüringer Bekkens in der Gegend von Pößneck .

    Vom weiteren Schicksal des Zechsteinmeeres kündet eine mächtige Folge von Eindampfungssedimenten. Da das Zechsteinbecken nur eine sehr schmale und flache Verbindung mit dem Weltmeer besaß, konnte jeweils nur so viel frisches Salzwasser in das Becken einströmen, wie darin verdunstet war. Auf diese Weise reicherten sich die im Meerwasser gelösten Salze im Becken an und wurden schließlich — besonders wenn die Wasserzufuhr zeitweilig abgeschnitten war — ausgeschieden. Zunächst wurden die schwer, dann die leichter löslichen Salze ausgefällt: als erstes Anhydrit, dann Steinsalz und schließlich die Kalisalze. In den letzten verbliebenen Rest des hochgradig salzigen Wassers wurde Staub hineingeweht und als salzdurchsetzter Ton abgeschieden. Nach Abschluß dieses Prozesses erlaubten erneute Krustenbewegungen dem Meer abermals in das Zechsteinbecken einzudringen, so daß der gesamte Vorgang von neuem begann. Das geschah insgesamt fünfmal. Nach den Gebieten, in denen diese zyklischen Abfolgen in typischer Weise ausgebildet sind, unterscheidet man nach der Reihenfolge des Entstehens Werra-, Staßfurt-, Aller-, Leine- und Ohrezyklus.

    Unter den Eindampfungssedimenten sind besonders die Kalisalze geschätzte Rohstoffe, die in Landwirtschaft und chemischer Industrie vielseitig verwendet werden. Aber auch das Steinsalz und der aus dem Anhydrit durch Wasseraufnahme hervorgegangene Gips sind wirtschaftlich nicht minder bedeutungsvoll.

    Vom Stockwerksbau Mitteleuropas

    Mit dem Zechstein klingt das Erdaltertum aus, und ein neuer großer Entwicklungsabschnitt, das Erdmittelalter (Mesozoikum), beginnt. Je nachdem, in welchem Gebiet der Erde oder von welchem Standpunkt aus man diese Grenze betrachtet, erweist sie sich als mehr oder weniger deutlich. Untersucht man z.B. den Krustenbau und die Schichtenfolge Mitteleuropas, so ist unverkennbar, daß der Zechstein nicht das Ende eines älteren Entwicklungsabschnittes, sondern den Anfang eines neuen darstellt, denn die Schichtenkomplexe der Trias, mit denen das Mesozoikum beginnt, schließen sich ihm eng an. Darauf weist besonders deutlich der berühmte Aufschluß der Bohlenwand im Saaletal oberhalb von Saalfeld hin. Wir sehen dort intensiv gefaltete und steilgestellte Gesteinsschichten, die nach ihrem Fossilinhalt zum Devon und zum Unterkarbon gehören — einstige Meeressedimente, die während der variskischen Gebirgsbilduhg zusammengeschoben und aufgerichtet worden sind. Durch die spätvariskische Abtragung wurden sie aingerumpft. Darüber aber liegen ungleichförmig — in diesem Falle fast horizontal — helle, kalkig-mergelige Sedimente des Zechsteins, denen zwar nicht am Bohlen, aber an anderen Stellen jüngere Systeme (Trias, Jura, Kreide) gleichförmig auflagern. Die Diskordanz über den aufgerichteten älteren Schichten sagt in groben Zügen folgendes aus: Alte de-vonisch-unterkarbonische Meeressedimente wurden zunächst variskisch gefaltet, dann herausgehoben und der Abtragung unterworfen. In einer späteren Phase trat eine Senkungsbewegung ein, die es dem Zechsteinmeer ermöglichte, über diesen gefalteten Untergrund vorzudringen und darüber Sedimente flach auszubreiten.

    Dazwischen aber klafft eine gewaltige zeitliche Lücke. Diese wichtige Trennfuge in der Kruste Mitteleuropas scheidet zwei Stockwerke voneinander: das variskisch gefaltete Grundgebirgsstockwerk und die flach auflagernde oder nur schwach gefaltete Sedimentfolge des Deckgebirgsstockwerkes. Dem Abtragungsschutt des Variskischen Gebirges, der in einstigen Muldenbereichen die Schichtlücke ausfüllt, wird die Stellung eines Zwischen- oder Übergangsstockwerkes eingeräumt.
    Die altzeitliche Meeresherrschaft

    Über die Entwicklung der Festländer und Meere sowie des irdischen Lebens seit Beginn des Erdaltertums kann man zunehmend bessere Aussagen machen. Der Versuch, die in den Gesteinen enthaltenen Informationen zu einem entwicklungsgeschichtlichen Ablauf zusammenzufassen, läßt eine Folge wechselhafter und eindrucksvoller Bilder an unserem Auge vorüberziehen, wie sie bunter und phantasievoller kaum erdacht werden können. Festländer und Meere wechseln einander ab, Gebirge entstehen und vergehen, Urwälder werden von Wüsten verdrängt, und wiederholt wird das Land unter mächtigen Eispanzern begraben. Die Tier- und Pflanzenwelt versucht, sich den jeweiligen Umweltverhältnissen anzupassen, und bringt dabei eine Fülle von Formen hervor, die den Schauplatz der Erdgeschichte betreten, dann wieder verschwinden und anderen Platz machen, bis schließlich die gegenwärtige Lebensgemeinschaft und mit ihr — nach geologischen Maßstäben erst im letzten Moment — auch der Mensch erscheint. Versuchen wir, diesem Weg zu folgen!

    Man kann die ältesten drei Systeme des Erdaltertums (Paläozoikum) — Kambrium, Ordovizium und Silur — zusammenfassend betrachten, da sie einen größeren Entwicklungsabschnitt darstellen, einen langen Zeitraum der Meeresbedeckung großer Teile Europas, der durch die Auffaltung des Kaledonischen Gebirges in Nordwesteuropa einen gewissen Abschluß findet.

    Wie würde wohl eine Landkarte Europas zu Beginn des Erdaltertums ausgesehen haben? Vorherrschendes Element war das Meer, ein großer Altozean. Über ihn wölbte sich im Bereich des heutigen Nordeuropa der Kontinent Fennoskandia schildförmig heraus. Als Fennoskandia bezeichnet man einen Teil des noch weit nach Südosten reichenden, dort jedoch flach unter den Meeresspiegel getauchten Fennosarmatia. Nordwestlich davon lag als benachbarter Kontinent der Nordatlantische Schild Eria, der Grönland und die arktische Inselwelt umfaßte. Weit im Süden aber befand sich der gewaltige Kontinent Gond-wana. Zwischen ihm und den Nordkontinenten gliederten größere und kleinere Inselgebiete den Meeresraum. Verteilung und Umrisse dieser Inseln waren aber im Verlaufe der wohl reichlich 160 Millionen Jahre umfassenden frühen Meereszeit Schwankungen unterworfen.

    Da die Festländer im Altpaläozoikum noch keine Vegetationsdecke trugen, waren sie schutzlos den zerstörenden Kräften preisgegeben. Den von den Flüssen ins Meer getragenen und dort sedimentierten Festlandschutt treffen wir heute als Tonschiefer, Sandsteine und Konglomerate an. Sie sind vorwiegend grau gefärbt und werden, soweit sie aus fein- bis grobsandigen Partikeln bestehen, als Grauwacken bezeichnet. Jedoch treten auch dunklere Töne auf. Besonders die silurische Schichtenfolge enthält schwarze Ton- und Kieselschiefer, die wegen ihres Gehalts an Pyrit (Eisenkies) in früheren Jahrhunderten zur Alaun- und Vitriolgewinnung abgebaut wurden. Man bezeichnet sie deshalb als Alaunschiefer. Hier und da sind in die altzeitlichen Meeressedimente auch Kalke eingeschaltet.

    Nach Art und Ausbildung der Sedimente war diese frühe Meereszeit ein relativ ruhiger erdgeschichtlicher Entwicklungsabschnitt. Doch schon künftige Ereignisse deuten sich dadurch an, daß in einigen Gebieten der Meeresboden stärker abzusinken begann und mächtigere Sedimentmassen aufnehmen konnte als anderswo. Das trifft besonders auf den sich nach Süden verbreiternden Meeresarm zu, der die Altkontinente Fennoskandia und Eria voneinander trennte. Bereits im Ordovizium kam es dort zu einer merklichen tektonischen Unruhe, während der auch submarine vulkanische Laven und Aschen aufdrangen. Am Ende des Ordoviziums erfolgten die ersten kräftigeren Erdkrustenbewegungen. Ein Teil der im Meer angehäuften Sedimentmassen wurde gefaltet, und einzelne Bereiche des Meeresbodens wurden herausgehoben, so daß stellenweise das Meer verflachte oder gar verdrängt wurde.

    Die altpaläozoischen Meere waren bereits Heimstätte einer erstaunlich vielgestaltigen und artenreichen Lebewelt. Schon zu Beginn des Kambriums existierten Ahnenformen aller Stämme der Wirbellosen. Die zahlreichen Fossilfunde dürften aber nicht allein auf das fortgeschrittene Entwicklungsstadium der Organismen zurückzuführen sein, sondern vor allem auf die von ihnen inzwischen erworbene Fähigkeit, feste Chitin- oder Kalkschalen abzusondern. Zu den interessantesten Vertretern dieser Lebewelt gehören die Trilobiten oder »Dreilappkrebse«, so genannt wegen ihrer deutlichen Dreigliederung in Längs- und Querrichtung. Teils schwimmend, teils kriechend lebten sie in den schlammigen Meeresgründen. Neben ihnen gab es im kambrischen Meer auch Würmer, Medusen, Schwämme, Stachelhäuter, Armkiemer, Schnecken und Algen. Im Ordovizium nahm die Fähigkeit der marinen Organismen zu, feste Gehäuse zu bilden. Manche Schichten sind daher außerordentlich fossilreich. Neben Armkiemern, Muscheln, Schnecken und Trilobiten, die den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichten, besiedelten bunte Korallenrasen den Meeresboden. Zwischen ihnen wiegten sich auf langen Stielen die zierlichen Kelche von Seelilien. Seltsam muteten lange, röhrenartige Gehäuse tentakelbewehrter Kopffüßer an, der Orthoceren, einer Ahnenform der im Erdmittelalter so zahlreichen und vielgestaltigen Ammoniten. Für das Silur sind die seit dem späten Ordovizium auftretenden laubsägeblattähnlichen Graptolithen charakteristisch. Kolonienweise an Schwimmblasen geheftet, trieben sie durch das Meer. Vermutlich stehen sie den Stachelhäutern nahe. Die Kurzlebigkeit nicht nur der Klasse, sondern auch der einzelnen Typen macht sie zu ausgezeichneten Leitversteinerungen der silurischen Schichtenfolge. Ein weniger auffallendes, doch für den weiteren Entwicklungsgang hochbedeutendes Ereignis könnte innerhalb dieser bunten, vielgestaltigen Lebewelt des Ordoviziums fast übersehen werden — das Erscheinen der frühesten Wirbeltiere, vorerst in Gestalt fremdartig anmutender urtümlicher Fische, die ein kräftiges, verknöchertes Außenskelett besaßen .

    Die Pflanzenwelt bestand fast ausschließlich aus Meeresalgen. Dennoch bahnten sich anscheinend schon im oberen Silur erste Versuche an, das feste Land zu besiedeln. Vermutlich aus Algen hervorgegangene erste nackte Gefaßpflanzen paßten sich in flachen Buchten mit schwankendem Wasserstand allmählich dem Landleben an. Von einer eigentlichen Eroberung des festen Landes durch eine Vegetation konnte aber noch keine Rede sein.

    Es gibt viele Plätze in aller Welt, an denen man diesen oder jenen Schichtenkomplex des Kambriums, Or-doviziums oder Silurs studieren kann, wenige jedoch, die ein umfassendes Bild vermitteln. Ein solches »Mekka der Geologen« liegt in der unmittelbaren Umgebung von Prag. Zu Ehren seines Erforschers, des französischen Geologen J.Barrande, der die tschechoslowakische Metropole als zweite Heimat gewählt hatte, wird es Barrandium genannt. In der abwechslungsreichen hügeligen Landschaft, in die Vltava (Moldau) und Berounka ihre Täler eingeschnitten haben, finden sich zahlreiche Aufschlüsse, d.h. Steinbrüche und natürliche Felswände, an denen man die altzeitlichen Meeressedimente studieren kann. Die Fülle von oft guterhaltenen fossilen Organismenresten spricht für die einstigen außerordentlich günstigen Lebensbedingungen. Viele Orte dieser Gegend sind den Geologen gut bekannt, z.B. Skryje mit seinen kambrischen Trilobitenschichten oder Liten mit seinen fossilreichen dunklen Grap-tolithenschiefern. Von den Lebensgemeinschaften im mittelböhmischen kambrischen und silurischen Meer haben der tschechische Paläontologe J.Augusta und der Maler Z.Burian eindrucksvolle Lebensbilder entworfen, nach deren Vorlage Abb. 11 zusammengestellt ist.

    Als Zeugen des milden Klimas jener Zeit gelten auch Fossilfunde in anderen Gebieten Mitteleuropas, so z.B. Reste von Kalkriffe bauenden, schwammähnlichen Organismen, sogenannte Archaeocyathiden, aus dem Kambrium der Lausitz und den Göry Kaczawskie. Auch in anderen mitteleuropäischen Mittelgebirgen, wie dem Thüringischen Schiefergebirge, dem Rheinischen Schiefergebirge und dem Harz, trifft man verfestigte Sedimente dieses altzeitlichen Meeres an. Weit verbreitet und reich an Resten organischen Lebens finden sich solche Gesteinsfolgen im baltischen Randbereich des Fennoskandischen Schildes, im Gebiet der Osteuropäischen Tafel und in Wales.

    Das Kaledonische Gebirge

    Am Ende des Silurs wurden in einigen Gebieten — besonders in dem Meeresarm zwischen Fennoskandia und Eria — die abgelagerten Sedimente von kräftigen Zusammenschüben erfaßt und zu Gebirgssträngen aufgefaltet. Das Meer wurde dabei weitgehend verdrängt. Es entstand ein Gebirgssystem, dessen Faltenstrukturen man besonders gut in Nordwesteuropa studieren kann und das nach dem lateinischen Namen Caledonia für Schottland als Kaledonisches Gebirge bezeichnet wird. Von Norwegen aus läßt es sich über Schottland bis nach Irland verfolgen. Dort brechen die Faltenstrukturen anscheinend unvermittelt an der Westküste ab, ohne daß eine direkte Fortsetzung im Atlantischen Ozean erkennbar ist.

    Dieses Gebirgssystem lehnt sich in Norwegen dem Außenrand Fennoskandias und in Nordwestschottland dem Außenrand Erias an, dessen präkambrisch versteiftes Fundament in den Inneren und Äußeren Hebriden zutage tritt.

    Nach bisherigen Auffassungen wurden die kanonischen Faltenstränge — wie auch ältere und jüngere Fal-tengebirgssysteme — aus einer Geosynklinale aufgefaltet, einem langgestreckten Meeresteil, dessen Boden lange Zeit kontinuierlich abgesunken war. In dieser Senke wurden mächtige Sedimentmassen angehäuft, die schließlich in der Phase der Faltungsreife zum Faltengebirgssystem ausgepreßt wurden.

    Neuere Theorien schließen dagegen an einen bereits 1912 von dem Geophysiker Alfred Wegener geäußerten Gedanken einer Kontinentaldrift an, d.h. einer horizontalen Bewegung von Kontinenten. Danach ist die Kaledonische Geosynklinale ein Meeresarm gewesen, der sich immer mehr verengte, als die europäischen und nordamerikanisch-kanadischen Frühkontinente aufeinander zuwanderten. Dabei wurden die Sedimente ausgepreßt und verschweißten als Gebirgsstränge beide Kontinente miteinander. In einer wesentlich späteren Phase riß dieser so entstandene Großkontinent annähernd an seiner Nahtstelle wieder auseinander, der Atlantik entstand, und die kaledonischen Faltenstränge rissen ab. Im östlichen nordamerikanisch-kanadischen kontinentalen Randbereich deuten sich gleiche kaledonische Faltenstrukturen an, wie sie aus Nordwesteuropa bekannt sind. Es scheint, als würden die an der Westküste Irlands unvermittelt abreißenden Faltenstränge dort ihre Fortsetzung finden.

    Je nachdem, ob die einstigen kambrischen, ordovizischen und silurischen Sedimente im Bereich der Kaledonischen Geosynklinale oder auf den flach abtauchenden Rändern der Schilde abgelagert worden sind, unterscheiden sie sich in Mächtigkeit und Aussehen. Die Geosynklinalausbildung, einige tausend Meter mächtige, z.T. metamorphe und von Magmatiten durchsetzte Schiefer, Sandsteine und Grauwacken, finden wir in Wales, Schottland und Norwegen. Dagegen ist die den Rändern des Fennoskandischen Schildes auflagernde gleichaltrige Folge nur etwa 100 bis 200 m mächtig.

    Der Old-Red-Kontinent

    Der nunmehr vergrößerte Nordkontinent mit den kaledonischen Gebirgsketten war dem heftigen Angriff zerstörender Kräfte ausgesetzt. Das Gebirge wurde bald eingeebnet und unter seinem Schutt begraben, der in dem trockenwarmen Klima durch wasserfreies Eisenoxid rot gefärbt war). Dieses altdevonische Festland nennt man Old-Red-Kontinent, seine Schuttsedimente Old-Red-Sandstein.

    Der Old-Red-Kontinent, dessen Küstenbereiche durch flache Lagunen untergliedert und von Süßwasserseen durchsetzt waren, enthält in seinen Sedimenten wichtige Zeugnisse eines bedeutsamen Entwicklungsabschnittes der Pflanzen- und Tierwelt. Was sich im Silur bereits ankündigte, setzte sich jetzt durch: Die Pflanzen begannen das Festland zu besiedeln. Dafür boten offenbar die Lagunen des Old-Red-Kontinents günstige Voraussetzungen. Anfangs waren es primitive blattlose Formen. die sogenannten Psilophyten, mit einem höchst einfachen Gefäßsystem, die zunächst auch nur die Küstenstriche besiedelt haben mögen. Aus ihnen entwickelten sich aber schon im mittleren Devon höherorganisierte bärlappartige Pflanzen und im höheren Devon bereits baumhohe Farn-, Schachtelhalm- und Bärlappgewächse, die lichte Wälder bildeten. Die Besiedlung des Festlandes durch die Pflanzenwelt war eine wichtige Voraussetzung für den entsprechenden Schritt der Tiere, denen die Landpflanzen nun nicht nur Nahrung und Schutz bieten konnten, sondern auch zusätzlich Sauerstoff zur Atmung lieferten. Und so ergreift jetzt, mit einer gewissen zeitlichen Verschiebung, auch die Tierwelt Besitz vom Festland. Bereits im unteren Old Red von Rhynie in Schottland findet man zusammen mit Psilophyten erste flügellose Insekten. Im Oberdevon entwickelten sie bereits Flügel. Unter den Fischen vollzogen zuerst die Quastenflosser den Übergang zum Landleben. In Anpassung an die öfter austrocknenden Küstensümpfe und Lagunen, entwickelten sie neben den Kiemen einen besonderen, mit der Mundhöhle verbundenen Luftsack, aus dem sich später die Lungen der Landtiere bildeten. Über die Quastenflosser führt die Entwicklung weiter zu den Uramphibien, die zunächst als gepanzerte Lurche (Stegocephalen) auftraten.

    Das Meer der Devonzeit

    Wenn auch die Aufrichtung des Kaledonischen Gebirges das Bild des altpaläozoischen Europa wesentlich verändert hatte und im Norden der große Old-Red-Kontinent entstanden war, so herrschte doch südlich davon, im Gebiet des heutigen Mittel-, Süd- und Westeuropa, weiterhin das Meer. Aber es unterschied sich in mancher Beziehung von den Meeren des frühen Paläozoikums, da es durch Tröge, die z.T. schon während der kaledonischen Krustenbewegungen angelegt worden waren oder jetzt neu entstanden, stärker aufgegliedert war. Erneute Gebirgs-bildungsprozesse bahnten sich an, ihnen voraus ging eine wesentlich unruhigere Entwicklung als bisher. Das zeichnet sich deutlich in der Verschiedenartigkeit der im Devonmeer entstandenen Gesteine ab. In den Trögen setzten sich schlammige, heute als Schiefer vorliegende Sedimente ab, auf Schwellen entstanden kalkige Riffbauten von Korallen. Zeitweilig förderte ein kräftiger submariner Vulkanismus basische Schmelzen, die Diabase.

    Für die Entwicklung der marinen Tierwelt scheinen die Lebensbedingungen im Devonmeer geradezu ideal gewesen zu sein, denn in den devonischen Schiefern, Sandsteinen und Kalken ist eine erstaunliche Fülle der verschiedenartigsten Tiergruppen, ja ganzer Lebensgemeinschaften fossil erhalten. Die aus dem Silur bekannten Formen wurden mehr und mehr verdrängt, die Graptolithcn starben im Unterdevon aus. Dafür entfalteten sich die Brachiopoden zu einem außerordentlichen Formenreichtum, so daß sie für einen Teil der devonischen Schichtcnfolge ausgezeichnete Leitfossilien abgeben. Frühe Ammonitenformen traten auf, die Goniatiten und Clymenicn, die gegenüber ihren mesozoischen Nachfahren relativ einfach gestaltete Gehäuse besaßen. Dazu kamen eine Fülle von Schnecken, Muscheln und Stachelhäutern sowie verschiedene Trilobiten und Riesenformen von Krebsen. Unter den im Meer lebenden Wirbeltieren spielten Panzerfische eine besondere Rolle.

    Eines der klassischen mitteleuropäischen Studiengebiete devonischer Meeresablagerungen ist das Rheinische Schiefergebirge, das alle wesentlichen Gesteinsglicder aufzuweisen hat: schief rige, wie z. B. die Hunsrückschiefer und die Wissenbacher Schiefer mit einer Fülle wunderbarer Versteinerungen, sandige mit den an Brachio-poden reichen Spiriferensandsteinen sowie kalkige mit den außerordentlich fossilreichen Riffkalken der Eifel. Im Lahn-Dill-Gebiet sind Diabase und Schalsteine verbreitet, mit denen zusammen Roteisensteinlager auftreten.

    Auch im Vogtländisch-Thüringischen Schiefergebirge gibt es devonische Gesteine. In die Schiefer und Kalke sind Diabase eingeschaltet. Besonders in der Umgebung von Plauen entstand dadurch ein abwechslungsreiches Landschaftsbild, in dem sich die widerständigen Diabase als bewaldete Kuppen abheben. In Aufschlüssen zeigen sie oft kissenartige bis kugelige Absonderungen, weil sich von den untermeerisch erfolgenden Lavaergüssen mitunter einzelne Fetzen losrissen, sich im kühleren Wasser schnell mit einer Erstarrungshaut umgaben und sich, mehr oder weniger abgerundet, im Meeresschlamm anhäuften. Man spricht dann von Pillow-(= Kissen) Laven. Von den kugeligen Gebilden lösen sich bei der Verwitterung vielfach konzentrische Schalen ab, wie es Abb. 15 zeigt. In vielen Teilen Mitteleuropas wurde die devonische Schichtenfolge in die variskische Gebirgsbildung einbezogen, wobei eindrucksvolle Faltenbilder entstanden sind .

    Unter den zahlreichen Devongebieten soll auch das schon erwähnte klassische Studiengebiet der frühpaläozoischen Meeressedimente in Mittelböhmen — das Barrandium — nicht vergessen werden. Die älteren Sedimente werden dort ergänzt durch eine außerordentlich vielgestaltige und fossilreiche kalkige, teils auch schiefrige Schichtenfolge, die bis in das Mitteldevon reicht. Wie bei den kambrischen bis silurischen Ablagerungen ist auch hier eine Reihe mittelböhmischer Ortsnamen mit Schichtengliedern des Devons verknüpft, wie z.B. der Zlichov-oder Tfebotovkalk, der Dalejeschiefer oder auch der nach

    einer kleinen Kapelle südlich von Prag als »u kaplicky« bezeichnete Korallenkalkhorizont. Selbst in der internationalen stratigraphischen (schichtenkundlichen) Gliederung pflegt man das Unterdevon in die Stufen Lochkov, Prag und Zlichov zu unterteilen. Zu bekannten Aufschlüssen dieser Landschaft gehören der unmittelbar südlich von Prag am Hang des Vltavatales aufragende Barrandefelsen mit seinen intensiv gefalteten frühdevonischen Lochkovkalken sowie die steil aufgerichteten mitteldevonischen Chotec- und Tfebotovkalke von Hlubocepy).

    Das Variskische Gebirge

    Am Ende des Devons steigerte sich die tektonische Unruhe bemerkenswert und hielt während des gesamten Karbons an, wobei das bedeutendste paläozoische Gebirgssystem Mitteleuropas aufgerichtet wurde, das Variskische Gebirge. Es trägt seinen Namen nach den Variskern, einem ehemals in der Umgebung von Hof in Bayern (lat. Curia Variscorum) wohnenden germanischen Volksstamm. Die ersten kräftigen Krustenbewegungen setzten an der Wende vom Devon zum Karbon ein und gipfelten darin, daß sich innerhalb des mitteleuropäischen geosynklinalen Meeresraumes ein etwa vom Saargebiet bis in die Lausitz reichendes Schwellengebiet aufzuwölben begann, das bereits im älteren Karbon kräftig abgetragen wurde. In seinen Randsenken lagerten sich Schiefer und Grauwacken ab, die in die gebirgsbildcnden Bewegungen einbezogen wurden. Im Belgisch-Aachener Gebiet bildeten sich auch Kalksteine. Die Hauptfaltung geschah um die Mitte der Karbonzeit. Die alten Meeressedimente wurden zusammengepreßt, herausgehoben, und das Meer wurde nach und nach zurückgedrängt. Strang um Strang des entstehenden Faltengebirgssystems stieg, zunächst in Form langgestreckter Inselketten, dann aber immer umfangreicher aus dem Meer empor. In die Kernzonen der Faltenzüge drangen aus der Tiefe saure Gesteinsschmelzen ein und erstarrten zu teilweise mächtigen granitischen Körpern. Große Teile Mitteleuropas wurden landfest. In einem riesigen, nach Norden gewölbten Bogen erstreckte sich das Variskische Gebirge vom Französischen Hochland bis in das Gebiet der Sudety (Sudeten). Nur am Nordsaum verblieb vorerst noch eine vom Meer erfüllte Randsenke. Ein völlig neues Bild Mitteleuropas war entstanden. Man hat dieses Variskische Gebirge mit einem bildhaften Ausdruck auch als die Mitteleuropäischen Alpen bezeichnet. Das aber könnte zu einer fehlerhaften Vorstellung verleiten. Es ist nicht sicher, ob die einer starken Zerstörung unterworfenen aufsteigenden Faltenketten jemals eine bedeutende Höhe erreicht haben.

    Auch im Gebiet der heutigen Alpen waren die Meeressedimente aufgefaltet worden und hatten wahrscheinlich auch Festland gebildet, jedoch nicht von gleicher Nachhaltigkeit wie in Mitteleuropa. Wesentliche Teile der dortigen Faltenketten wurden bald wieder vom Meere überflutet und in eine erneute Geosynklinalentwicklung einbezogen. In dem jüngeren Faltengebirge der Alpen sind daher nur noch Reste dieses alten Gebirges erhalten. Davon abgesehen, war das heutige Südeuropa Meeresgebiet geblieben.

    Die in das variskische Faltengebirgssystem eingedrungenen Granite bzw. Granodiorite sind in manchen Gebieten durch die Abtragung des ursprünglichen Sedimentdaches freigelegt worden und auf geologischen Karten deutlich als mehr oder minder große rote Flecke gekennzeichnet. Besonders umfangreiche Granitkörper, sogenannte Plutone, trifft man z.B. im Gebiet des Karkonosze (Riesengebirge) an, zu dessen kristallinem Rahmen die Sniezka gehört. Weitere Granitplutonc gibt es in der Lausitz, in der Umgebung von Meißen, im Erzgebirge, im Harz – Brocken- und Ramberggebiet sind durch die Abtragung angeschnittene Granitplutone — sowie auch im Fichtelgebirge, in Schwarzwald und VoSges (Vogesen). Oft sieht man in Granitgebieten bizarr gestaltete Klippen, die durch das Freilegen quaderartiger Blöcke entstanden sind. Wegen der von den Klüften und Kanten her besonders kräftig einsetzenden Verwitterung sind häufig wollsackähnliche Formen ausgebildet, die zuweilen zu abenteuerlich erscheinenden Gebilden übereinander getürmt sind.

    Die Steinkohlenwälder Mitteleuropas

    Das Variskische Gebirge wurde anscheinend sehr bald wieder eingerumpft. Flüsse trugen gewaltige Mengen von Gesteinsschutt in die Innen- und Randsenken des Gebirges. Dort entstanden ausgedehnte Sümpfe, in denen sich die Vegetation üppig entwickelte. Es war eine enorme Steigerung, ja fast Übertreibung dessen, was die Entwicklungslinie der Pflanzenwelt im Devon schon angedeutet hatte. Die karbonischen Sumpfwälder dürften die großartigsten Vegetationsbilder des Paläozoikums geboten haben. Besonders auffallend waren mächtige, baumhohe Bärlappgewächse, die Siegel- und Schuppenbäume. Zu ihnen gesellten sich hohe Schachtelhalme und neben echten Farnen bereits Samenfarne sowie zahlreiche Wasserpflanzen (Abb. 23 und 24). Wasserflächen oder zumindest deren Nähe waren eine wichtige Existenzgrundlage dieser Vegetation. Die höher aufragenden Teile des Variskischen Gebirges, seine Gipfel und Hänge, waren jedoch kahl und weiterhin einer kräftigen Zerstörung und Abtragung ausgesetzt.

    Die karbonischen Sumpfwälder lieferten das Ausgangsmaterial für die Steinkohlen. Bei langsamem Absenken des Untergrundes und entsprechendem Ansteigen des Grundwasserspiegels geriet das absterbende Pflanzenmaterial ständig unter Wasser und vertorfte. Wenn sich die Absenkungen verstärkten, wurde die vertorfte Pflanzensubstanz zeitweilig mit Gesteinsschutt zugedeckt, bis sich erneut ein Moor bilden konnte. So finden wir in den Steinkohlengebieten einen ständigen Wechsel von Steinkohlenflözen unterschiedlicher Mächtigkeit und konglomeratischen, sandigen oder tonigen Zwischenschichten. Je nachdem, ob die Steinkohlenflöze in den Innen- oder Außen- (= Küsten-) Senken des Variskischen Gebirges entstanden, unterscheidet man limnische (gr. limne = stehendes Gewässer) oder paralische (gr. para = bei, hals = Meer) Steinkohlenlager. Während die Schichten zwischen den erstgenannten Flözen rein kontinentaler Herkunft sind, zeugen die der paralischen Steinkohlenlager von wiederholten Meeresvorstößen, die mit ihren Sedimenten – in denen sich auch Versteinerungen mariner Organismen finden — die Steinkohlenflöze zudeckten.

    Zu den paralischen Steinkohlengebieten des Variskischen Gebirges gehören die bedeutenden belgischen und rheinisch-westfälischen Steinkohlenlager sowie die von Görny Sla.sk, zu den limnischen aber die des Saargebietes und des Erzgebirgsbeckens (Zwickau, Lugau und Oelsnitz) sowie auch des Nordböhmischen (Plzen, Kladno) und des Innersudetischen Beckens (Walbrzych).

    Aber nicht nur die Pflanzenwelt hatte sich weiterentwickelt. Hier und da zeigt der Fossilinhalt der festländischen Karbonsedimente nicht minder bedeutsame Fortschritte in der Entwicklung der Tierwelt an. Die schon im Devon erscheinenden Panzerlurche traten mit höherentwickelten Formen auf, die sich dem im späteren Karbon zunehmend trockener werdenden Klima anpassen und ihre Eier statt ins Wasser in den trockenen Sand ablegen konnten. Aus einigen Formen entwickelten sich schließlich urtümliche Kriechtiere, die zwar noch manche amphibische Merkmale aufwiesen, aber einen deutlichen Fortschritt in der Entwicklung verkörperten. Überraschend war auch die bemerkenswerte Entfaltung der Gliedertiere auf dem Festland, unter ihnen Tausendfüßer, Skorpione, Spinnen und Insekten. Vor allem die Insekten waren teilweise erstaunlich groß, beispielsweise erreichten Libellen, die ihre Flügel übrigens noch nicht anfalten konnten, eine Spannweite von 75cm.

    Während die üppige Entfaltung der karbonischen Wälder Mitteleuropas auf ein feuchtwarmes Klima schließen läßt, war die Entwicklung auf dem südlichen Riesenkontinent Gondwana davon unterschieden. Die Pflanzenwelt war weniger vielgestaltig und zeigte andersartige Formen. Nach einem vorherrschenden Samenfarn wird sie als Glossopteris-Flora bezeichnet. Möglicherweise war das Klima kühler, und gegen Ende des Karbons, an der Wende zum Perm, vereisten sogar große Teile des Südkontinents. Spuren dieser Vereisung, nämlich Gletscherschliffe auf dem festen Felsuntergrund und darüber zu Gestein verfestigte Grundmoränen, sogenannte Tillite, finden sich in Südamerika, Südafrika, Vorderindien und Australien. Sie weisen auf deren damals engen Zusammenhang hin.

    Die spätkarbonisch-permische Trockenzeit

    Die Zerstörung des Variskischen Gebirges schritt relativ schnell voran. Bereits im oberen Karbon begann es in seinem eigenen Schutt zu ersticken. Die Mulden füllten sich auf, nur noch hier und da ragten Reste des abgetragenen Grundgebirges aus einer wüstenhaften Landschaft heraus. Wiederum herrschten ähnliche Umweltverhältnisse und ähnliche rote Schuttsedimente, wie wir sie schon bei der Abtragung der jüngeren prä-kambrischen Gebirgsketten Fennoskandias und des Kanonischen Gebirges kennengelernt haben. Zwar verursachten weitere Krustenbewegungen neue Abtragungen, aber es erfolgten keine Faltenbildungen mehr, wie sie für das inzwischen innerlich versteifte Variskische Gebirge typisch waren. Ein neuer tektonischer Bewegungsplan setzte sich durch und bestimmte den weiteren Entwicklungsgang. Lang aushaltende Brüche, die teilweise älteren Schwächezonen der Erdkruste folgten, rissen auf, besonders in NW-SO- und NNO-SSW-Richtung. Einzelne größere Krustenstücke begannen sich zu heben, andere zu senken und erlaubten hier und da auch kurzzeitig flache Meereseinbrüche. An den Bruchzonen stiegen im obersten Karbon und im untersten Perm vorwiegend porphyrische Schmelzen nach oben. Teils drangen sie oberflächennah in die Schuttsedimente ein, teils ergossen sie sich als Laven auf die Landoberfläche oder quollen als gewaltige Glutwolken aus, die sich schnell über riesige Flächen ausbreiten konnten und feinst emulgierte Gesteinsschmelze in Form von Schmelztuffen ablagerten. Aus solchen Porphyren und verwandten Gesteinen, die mit Sedimenten wechsellagern, besteht unter anderem der Hauptteil des Thüringer Waldes. Seine beherrschenden Höhen wie Großer Beerberg, Schneekopf, Kickelhahn, Inselsberg und Donnershauk sind Porphyrhärtlinge, während sich die Wartburg auf einem Kegel grobstückiger Konglomerate des Rotliegenden erhebt, die z.T. als Baumaterial der Burg verwendet worden sind. Auch im Saargebiet und in der Umgebung von Halle und Leipzig sind Porphyre weit verbreitet.

    Das Trockenklima behauptete sich während des ganzen Perms — dessen älterer Abschnitt zumindest für mitteleuropäische Verhältnisse treffend als Rotliegendes bezeichnet wird — und reicht bis in die frühe Trias hinein.

    Wie die heutigen Trockengebiete war auch die spät-karbonisch-frühpermische Wüstenlandschaft von vereinzelten Wasserflächen und sumpfigen Senken durchsetzt, in denen sich eine oasenartige Vegetation entwickelte. Ihre fossilen Reste sind hier und da in der Schichtenfolge zu finden. Unter ihnen spielten zwar noch Nachfahren der karbonischen Steinkohlenflora eine gewisse Rolle, aber im Perm kündigten sich bedeutsame Veränderungen der Pflanzenwelt an. Mit dem Trockenerwerden des Klimas entwickelten sich aus den feuchtig-keitsliebenden Sporenpflanzen allmählich nacktsamige Formen, die sich den neuen Umweltverhältnissen besser anzupassen vermochten, so z.B. frühe Formen der Ginkgogewächse und Palmfarne (Zykadeen), vor allem aber die ersten Nadelhölzer. Sie leiteten einen neuen Entwicklungsabschnitt der Pflanzenwelt, das Mesophytikum, ein. Auch die Tierwelt ließ bedeutende Veränderungen erkennen, besonders auf der schon im Karbon angedeuteten Entwicklungslinie: Echte Kriechtiere traten auf, das Zeitalter der Saurier begann.

    Eine bemerkenswerte Unterbrechung der langen spät-variskischen Schuttsedimentation erfolgte im jüngeren Perm, der Zechsteinzeit, durch den Einbruch eines flachen Meeres. Von Norden her drang es langsam vor, folgte den neuen tektonischen Leitlinien und nutzte so einen flachen Einsenkungsbereich über dem eingerumpften Untergrund Mitteleuropas. Es erfüllte zunächst das Gebiet des norddeutsch-nordpolnischen Tieflandes, reichte zeitweilig aber auch weit nach Süden bis in das thüringisch-fränkische Gebiet, ohne jedoch die großklimatische Situation in Mitteleuropa grundlegend zu verändern. Da dieses flache Meer einer außerordentlich starken Verdunstung ausgesetzt war, siegte trotz mehrfachen Frischwasserzustroms letzten Endes wieder die Wüste. Um den Gegensatz zu der völlig andersartigen Ausbildung der Sedimente in Südeuropa auszudrücken, die sich in dem tiefmeerischen Bereich der Tethys absetzten, bezeichnet man den flachen mitteleuropäischen Sedimentationsraum als Germanisches Becken. Es spielt im frühen Erdmittelalter noch eine bedeutende Rolle.

    Von der wechselvollen Geschichte des Zechsteinmeeres kündet seine Sedimentfolge. An ihrer Basis liegt ein Konglomerat, aufgearbeiteter Festlandschutt, der mit dem Vordringen des Meeres als Geröllschicht ausgebreitet wurde. Darüber folgt ein geringmächtiger schwarzer, bituminöser Mergelschiefer, einst ein an Fäulnisstoffen reicher Schlamm. Er weist auf eine zeitweilig schlechte Durchlüftung und einen hohen Schwefelwasserstoffgehalt tieferer Meeresteile hin. Wegen seines Gehalts an fein verteilten Erzmineralen, besonders Kupfersulfid, wird er als Kupferschiefer bezeichnet, der jahrhundertelang auch im Mansfelder Gebiet abgebaut wurde. In solche schlecht durchlüftete Meeresteile geratene Fische gingen massenhaft zugrunde. Auf den Schichtflächen des Kupferschiefers sind sie häufig als Abdruck erhalten, ihre Schuppen sind meist durch Kupfersulfid ersetzt. Der über dem Kupferschiefer folgende Zechsteinkalk läßt darauf schließen, daß vorübergehend wieder eine bessere Verbindung mit dem Weltmeer zustande kam. Während des damit verbundenen Frischwasserzustroms wanderten auch einige Brachiopoden, Muscheln und Schnecken ein. In den flachen Randgebieten des Meeres und auf Schwellen siedelte sich eine riffbauende Lebensgemeinschaft an, die vorwiegend aus den kalkalgenahnlichen Stromarien und Bryozoen bestand, denen sich Seelilien, Armkiemer und Muscheln zugesellten. Diese Kalkriffe wucherten durch die gutgeschichtete Sedimentfolge hindurch und sind oft von der Abtragung als mächtige dolomitisierte widerständige Klötze herausgearbeitet worden. Sehr schöne Beispiele finden sich am Südostrand des Thüringer Bekkens in der Gegend von Pößneck .

    Vom weiteren Schicksal des Zechsteinmeeres kündet eine mächtige Folge von Eindampfungssedimenten. Da das Zechsteinbecken nur eine sehr schmale und flache Verbindung mit dem Weltmeer besaß, konnte jeweils nur so viel frisches Salzwasser in das Becken einströmen, wie darin verdunstet war. Auf diese Weise reicherten sich die im Meerwasser gelösten Salze im Becken an und wurden schließlich — besonders wenn die Wasserzufuhr zeitweilig abgeschnitten war — ausgeschieden. Zunächst wurden die schwer, dann die leichter löslichen Salze ausgefällt: als erstes Anhydrit, dann Steinsalz und schließlich die Kalisalze. In den letzten verbliebenen Rest des hochgradig salzigen Wassers wurde Staub hineingeweht und als salzdurchsetzter Ton abgeschieden. Nach Abschluß dieses Prozesses erlaubten erneute Krustenbewegungen dem Meer abermals in das Zechsteinbecken einzudringen, so daß der gesamte Vorgang von neuem begann. Das geschah insgesamt fünfmal. Nach den Gebieten, in denen diese zyklischen Abfolgen in typischer Weise ausgebildet sind, unterscheidet man nach der Reihenfolge des Entstehens Werra-, Staßfurt-, Aller-, Leine- und Ohrezyklus.

    Unter den Eindampfungssedimenten sind besonders die Kalisalze geschätzte Rohstoffe, die in Landwirtschaft und chemischer Industrie vielseitig verwendet werden. Aber auch das Steinsalz und der aus dem Anhydrit durch Wasseraufnahme hervorgegangene Gips sind wirtschaftlich nicht minder bedeutungsvoll.

    Vom Stockwerksbau Mitteleuropas

    Mit dem Zechstein klingt das Erdaltertum aus, und ein neuer großer Entwicklungsabschnitt, das Erdmittelalter (Mesozoikum), beginnt. Je nachdem, in welchem Gebiet der Erde oder von welchem Standpunkt aus man diese Grenze betrachtet, erweist sie sich als mehr oder weniger deutlich. Untersucht man z.B. den Krustenbau und die Schichtenfolge Mitteleuropas, so ist unverkennbar, daß der Zechstein nicht das Ende eines älteren Entwicklungsabschnittes, sondern den Anfang eines neuen darstellt, denn die Schichtenkomplexe der Trias, mit denen das Mesozoikum beginnt, schließen sich ihm eng an. Darauf weist besonders deutlich der berühmte Aufschluß der Bohlenwand im Saaletal oberhalb von Saalfeld hin. Wir sehen dort intensiv gefaltete und steilgestellte Gesteinsschichten, die nach ihrem Fossilinhalt zum Devon und zum Unterkarbon gehören — einstige Meeressedimente, die während der variskischen Gebirgsbilduhg zusammengeschoben und aufgerichtet worden sind. Durch die spätvariskische Abtragung wurden sie aingerumpft. Darüber aber liegen ungleichförmig — in diesem Falle fast horizontal — helle, kalkig-mergelige Sedimente des Zechsteins, denen zwar nicht am Bohlen, aber an anderen Stellen jüngere Systeme (Trias, Jura, Kreide) gleichförmig auflagern. Die Diskordanz über den aufgerichteten älteren Schichten sagt in groben Zügen folgendes aus: Alte de-vonisch-unterkarbonische Meeressedimente wurden zunächst variskisch gefaltet, dann herausgehoben und der Abtragung unterworfen. In einer späteren Phase trat eine Senkungsbewegung ein, die es dem Zechsteinmeer ermöglichte, über diesen gefalteten Untergrund vorzudringen und darüber Sedimente flach auszubreiten.

    Dazwischen aber klafft eine gewaltige zeitliche Lücke. Diese wichtige Trennfuge in der Kruste Mitteleuropas scheidet zwei Stockwerke voneinander: das variskisch gefaltete Grundgebirgsstockwerk und die flach auflagernde oder nur schwach gefaltete Sedimentfolge des Deckgebirgsstockwerkes. Dem Abtragungsschutt des Variskischen Gebirges, der in einstigen Muldenbereichen die Schichtlücke ausfüllt, wird die Stellung eines Zwischen- oder Übergangsstockwerkes eingeräumt.

     

    Das Sternzeitalter der Erde

    Die ersten Seiten im Tagebuch unseres Heimatplaneten gleichen kümmerlichen Fragmenten alter Handschriften, und es gehört viel Mühe dazu, ihren Sinn zu erfassen. Antworten auf die Frage nach Herkunft und frühester Entwicklung der Erde haben deshalb auch heute noch weitgehend hypothetischen Charakter. Nach den bisherigen Erkenntnissen kann man sich die Entstehung der Erde etwa folgendermaßen vorstellen: Aus einer riesigen rotierenden Wolke interstellarer Materie — Gas und kosmischer Staub — entstand vor rund fünf Milliarden Jahren unser Sonnensystem. Gas und Staub verdichteten sich immer mehr. Die Konzentration im Zentrum dieses rotierenden Systems bewirkte dort eine »innere Aufheizung«, wobei sich die »Ursonne« bildete. In den äußeren Bereichen der sich durch zunehmende Rotation scheibenförmig abplattenden Gaswolke wuchs die Fliehkraft so stark an, daß Materie abströmte. Diese entführte der Ursonne einen wesentlichen Teil des Drehimpulses und begleitete sie in einiger Entfernung. Schließlich bildeten sich kleine feste sphärische Körper, die sogenannten Chondren, die sich miteinander vereinigten. Größere Massen zogen die kleineren an. Es entstanden die »Protoplaneten«, unter denen sich auch die Protoerde befand. Unser zunächst auf »kaltem Wege« entstandener Planet wurde dann durch die bei der weiteren Zusammenballung frei werdende Energie und den Zerfall radioaktiver Isotope bis zu einem glühend-flüssigen Zustand aufgeheizt. Die sich bildende silikatische »Haut« wurde

    immer wieder durch das aus dem Erdinnern empordringende schmelzflüssige Material aufgebrochen.. Stellenweise verdickte sich schließlich die äußere Schicht zu Krustenschollen, zwischen denen überquellende Lava glühende Seen bildete. Die Aufheizungsund Aufschmelzungsvorgänge entgasten nach und nach den sich vom Erdkern sondernden Erdmantel, der dadurch in dicke Wolken von Stickstoff, Kohlendioxid, Wasserdampf, Ammoniak und Schwefelwasserstoff gehüllt war. Zunächst bewirkten diese Vorgänge nur eine recht unvollkommene, später dann eine ausgeprägtere Stofftrennung. Dabei schied sich über dem Erdmantel eine zunehmend mächtiger werdende Erdkruste ab. Ihr tieferer Teil, in dem sich schwere Silikate, vor allem des Eisens, Magnesiums und Kalziums, anreicherten, nahm einen basaltischen Charakter an. Darüber, als äußere Kruste, sammelten sich leichtere Aluminiumsilikate an. Mit dieser Krustenbildung entstand eine in zunehmendem Maße isolierende Schicht, die ein weiteres Abströmen der inneren Wärme stark einschränkte. Diese »heiße« Phase der Erde fand vor etwa vier Milliarden Jahren ihr Ende. Die Krustenbildung selbst aber geht — wenn auch wesentlich weniger intensiv — noch gegenwärtig vor sich. Davon zeugen Vulkanismus, Gasaushauchungen, Erdbeben und Krustenbewegungen, verbunden mit Metamorphosen (Stoffumwandlungen) und Stoffsonderungen in größerer Tiefe.Mit dem Ende der »heißen« Phase begann die Atmosphäre sich abzukühlen, so daß Wasser kondensieren konnte. Anfangs verdampften die Wassertropfen jedoch, ehe sie die hochtemperierte Erdoberfläche erreichten. Später begann Regen zu fallen. Da die Abkühlung der Erde weiter voranschritt, ergossen sich schließlich mächtige Wasserfluten auf den ausgedörrten Boden und entfalteten eine gewaltige Erosionskraft. Die Hohlformen der Erdoberfläche füllten sich mit Wasser. Damit entstand die Hydrosphäre, die Grundlage für die Entwicklung des Lebens. Sicherlich waren die ersten Meere sehr flach, dafür aber wesentlich ausgedehnter als in späteren Zeiten.

    Der Zustrom interplanetarer Materie, der seinen sichtbarsten Ausdruck in Meteoritenaufschlägen fand, dürfte noch lange Zeit angehalten haben, wenn er auch — entsprechend dem geringer werdenden Vorrat — standig abnahm. Die Aufschläge verursachten ähnliche Kraterbzw. Ringstrukturen, wie wir sie auch vom Mond oder vom Mars her kennen. Es ist jedoch nicht sehr wahrscheinlich, daß die Erde in einem ihrer Frühstadien ein dem Mond direkt vergleichbares Bild geboten hat, denn beim Mond sind wegen der fehlenden Luft- und Wasserhülle (Atmosphäre und Hydrosphäre) die in frühesten Phasen geschaffenen Zustände weitgehend erhalten geblieben. Die Erdoberfläche dagegen ist seit Bildung der Atmosphäre und der Hydrosphäre einer ständigen Umgestaltung durch die von außen her (exogen) wirkenden Kräfte der Verwitterung, Abtragung und Materialverlagerung wie Wasser, Eis, Wind und Schwerkraft ausgesetzt, so daß ständig ältere Oberflächenformen ausgelöscht wurden. Dennoch hat das genauere Studium der kontinentalen Erdkruste Spuren alter und ältester großer Meteoriteneinschläge nachgewiesen. Vereinzelte noch formenkräftige Meteoritenkrater — besonders eindrucksvoll der oft abgebildete Arizonakrater — zeigen, daß sich solche Prozesse, wenn auch selten, bis in die erdgeschichtliche Gegenwart hinein vollziehen.

    Die Urzeit der Erde

    Das Präkambrium umfaßt den gesamten Entwicklungsabschnitt, den man im allgemeinen mit der Bildung der festen Erdkruste beginnen und mit dem Kambrium enden läßt. Aus dieser Urzeit der Erde stammen die mächtigen, meist kristallinen Gesteinsverbände unterhalb der kam-brischen Schichten. Sie sind arm an Überresten vorzeitlicher Organismen, an Fossilien. In älteren Lehrbüchern räumte man diesen Serien auf den sonst schon erstaunlich detaillierten erdgeschichtlichen Zeittafeln zu Unrecht eine kümmerliche Spalte am unteren Rande ein. Heute wissen wir, daß die Erdurzeit sechs- bis achtmal so lange währte wie der gesamte vom Kambrium bis in die Gegenwart reichende Abschnitt der Erdgeschichte. Mit modernen Forschungsmetheden ist es zwar gelungen, auch in die Tiefen der erdgeschichtlichen Entwicklung vorzudringen; doch vieles ist noch ungeklärt.

    So läßt sich vorerst kaum Sicheres beispielweise über die damalige Verteilung von Land und Meer aussagen. Die ältesten aus präkambrischen Gesteinen bestehenden Teile der Erdkruste trifft man in den zentralen Bereichen der Kontinente an. Um diese Kontinentalkerne gruppierten sich meist jüngere »Baueinheiten«, die als Faltengebirgs-systeme den älteren angegliedert wurden und mit ihnen »verschweißten«.

    Während sich auf der Nordhalbkugel bereits einzelne Kontinente abzeichneten, scheint auf der Südhalbkugel zunächst noch eine große Landmasse bestanden zu haben, die erst im Erdmittelalter aufbrach und in Einzelteile zerfiel, in die Kernbereiche der heutigen Südkontinente Südamerika, Afrika, Indien, Australien und Antarktika (s. Abb. 5). Unsere gegenwärtigen Kenntnisse, nach denen die Kontinente und mit ihnen größere Schollen der Erdkruste horizontale Bewegungen ausführen, gestatten noch keine sicheren Schlüsse über die Lage der Kontinentalkerne in den frühesten Abschnitten der Erdgeschichte.

    Zeugnisse längst vergangener Gebirge

    Der vom Kambrium bis in die Gegenwart reichende Abschnitt der Erdgeschichte wird als Phanerozoikum bezeichnet. Nach den Entwicklungsphasen der Tierwelt wird es in Paläozoikum, Mesozoikum und Känozoikum unterteilt. Diese Gruppen wiederum werden mit Hilfe von Leitfossilien — den für einen Entwicklungsabschnitt charakteristischen Überresten organischen Lebens — in Systeme, Abteilungen und Stufen untergliedert. Auf diese Weise vermochte die Paläontologie — die Wissenschaft von den Organismen, die vor der jetzigen geologischen Periode gelebt haben —, die erdgeschichtlichen Prozesse einzuordnen. Für die Schichtenfolgen des Präkambriums, in denen Lebensanzeichen nur spärlich oder gar nicht vorhanden sind, versagt jedoch diese paläontologische Gliederung. Um in diese Tiefen der Erdgeschichte systematisch vordringen zu können, mußte eine andere Methodik der Gliederung geschaffen werden. Die Gesteinskundler, die Petrographen, erkannten, daß das Urgebirge trotz seines kristallinen Gesteinsbestandes gar nicht so einheitlich ist, wie es anfangs erschien. Neben kristallinen Schiefern und in sie eingedrungenen magmatischen (schmelzflüssigen) Gesteinen fanden sich hier und da Partien, die trotz ihres mehr oder weniger hohen Umwandlungsgrades erkennen ließen, daß sie aus Ablagerungen, aus Sedimenten, hervorgegangen sind. Auf diesem Wissen aufbauend, gelang es schon 1863 dem kanadischen Geologen W.E.Logan, dem »Pionier der präkambrischen Geologie«, das Grundgebirge Kanadas in mehrere Etagen zu gliedern, die durch sogenannte Diskordanzen — Flächen, an denen sich die Lagerungsverhältnisse ändern — voneinander getrennt sind. Der Mineralbestand des tiefsten Stockwerks ist durch Druck-und Temperaturbeanspruchung stark umgewandelt und intensiv verfaltet bzw. verknetet worden. Die darüber folgende Etage zeigt einen geringeren Umwandlungsgrad und eine weniger intensive Verfaltung. Am schwächsten war das oberste Stockwerk beansprucht worden. An der Basis der Stockwerke fanden sich jeweils Konglomerate, Gesteine aus zusammengebackenen einstigen Gerollen. Logan leitete daraus folgenden Schluß ab: Nachdem sich in einem frühzeitlichen, langsam absinkenden Meeresraum — einer sogenannten Geosynklinale — mächtige Sedimentmassen abgelagert und im Laufe langer Zeiten zu Gesteinen verfestigt hatten, wurden sie intensiv gefaltet, mit magmatischen Massen durchsetzt und über den Meeresspiegel hinausgehoben. Im Laufe langer Zeiten war das so entstandene Festland dem Angriff exogener Kräfte, wie Verwitterung, Wasser, Eis und Wind, preisgegeben, die es nach und nach einrumpften. Da noch keine Vegetationsdecke das Land schützte, dürften diese Vorgänge in so frühen Abschnitten der Erdgeschichte wohl heftiger abgelaufen sein als später. Allmählich sank dann das so eingerumpfte Festland wieder ab, erneut drang das Meer darüber hinweg, schob die Brandungszone langsam landeinwärts vor und breitete eine Geröllschicht aus. Wieder wurden Sedimentmassen angehäuft, und die Entwicklung wiederholte sich. Im Fortgang dieser Prozesse entstand ein Stockwerk nach dem anderen. Jede folgende Etage liegt dem gefalteten und eingerumpften älteren Stockwerk diskordant auf. Der Begriff Diskordanz kennzeichnet damit nicht nur die ungleichförmige Auflagerung, sondern zugleich einen durch eine oft erhebliche Schichtlücke angedeuteten Zeitraum, der vom Beginn der Abtragung des gefalteten und herausgehobenen Krustenstückes bis zur Auflagerung der neuen Sedimentfolge reicht und dessen Dauer sich meist schwer abschätzen läßt.

    Gebirge, Wüsten und Gletscher schon in Ureuropa

    Was Logan im Bereich des Kanadischen Schildes erkannte, stellten die Geologen bald auch in jenen Teilen anderer Kontinente fest, in denen altes kristallines Grundgebirge frei liegt. So ließ die geologische Untersuchung des finnisch-skandinavischen Grundgebirges eine ganze Anzahl gebirgsbildender Ereignisse erkennen. Gebirgssysteme entstanden, gliederten sich einem alten Kern an und vergrößerten ihn. Hinweise dafür sind besonders auf der Halbinsel Kola und am Weißen Meer zu finden. Die längst abgetragenen, aber in der Struktur des Grundgebirges noch erkennbaren uralten Gebirgsstränge werden von den Geologen als Saamiden und Belomoriden bezeichnet. Die genauere Durchforschung der Gesteine dieser alten Gebirgssysteme läßt trotz der intensiven Metamorphose erkennen, daß ein sehr hoher Anteil des Ausgangsmaterials Sedimente gewesen sind. Atmosphäre und Hydrosphäre der Erde müssen also zu jener Zeit bereits in ähnlicher Weise wie heute wirksam gewesen sein, sonst hätten Verwitterung, Abtragung und Sedimentation nicht erfolgen können. Etwas deutlicher sind die Anzeichen für die Entstehung eines etwa 1,9 bis 1,6 Milliarden Jahre alten Gebirgssystems, das sich durch die Karelische ASSR, Finnland und Nordschweden erstreckt und als Kareliden bezeichnet wird. Ebenfalls in dieses Zeitintervall ist der einstige Gebirgskomplex der Svekofenniden in Finnland und Mittelschweden zu stellen. Im Zusammenhang mit diesen Vorgängen entstanden auch die bekannten Eisenerzlagerstätten Nordschwedens bei Kiruna und die Nickel-Magnetkies-Lagerstätten von Petschenga. Wenig jünger sind in Südschweden die Gotiden. Abtragungsprodukte der karelischen und gordischen Gebirgsketten, deren leuchtend rote Farbe von einem Trockenklima in jener Zeit kündet, füllten im letzten Abschnitt des Präkambriums entstandene Senken des finnisch-skandinavischen Grundgebirges aus. Diese Sedimente wurden z.T. in spätere Faltungsprozesse einbezogen und mit granitischen Schmelzflüssen durchsetzt, z.B. mit Bohusgranit in der schwedischen Landschaft Bohuslän. Abgesehen von den fehlenden Pflanzen und. Tieren auf dem Festland bestanden damals Umweltverhältnisse, die späteren Landschaftsbildern durchaus ähneln und auch gegenwärtig in manchen Teilen der Erde zu finden sind. Es gibt sogar Anzeichen dafür, daß bereits im Präkambrium größere Gebiete der damaligen Kontinente mehrfach vereist waren. Am Ende des Präkambriums erfolgten in vielen Gebieten nochmals Krustenbewegungen bzw. Gebirgsbildungen, die man nach dem Assyntdistrikt in Schottland, wo sie besonders deutlich zu erkennen sind, als assyntische Gebirgsbildung bezeichnet

    .Auf der Spur des frühesten Lebens

    Vom Leben in der Urzeit der Erde hatte man noch bis vor wenigen Jahrzehnten nur recht unklare Vorstellungen. Allerdings setzt die im Kambrium vorhandene Lebens-gemeinschaft schon einen langen Entwicklungsweg voraus. In präkambrischen Gesteinen hat man frühe Lebensspuren entdeckt, in Ausnahmefällen sogar Reste schon höherentwickelter, wenn auch meist schlecht erhaltener Organismen, wie korallenähnliche Gebilde, Algenstrukturen, Steinkerne primitiver hornschaliger Brachiopoden (Armkiemer) und sogar Reste von Chitinpanzer tragenden Krebsen. Für die Seltenheit fossiler Belege ist nicht allein die noch geringe Entfaltung der Organismen verantwortlich, sondern auch der Mangel an erhaltungsfähigen Hartteilen und vor allem die intensive Umwandlung der Gesteine, die organische Strukturen weitgehend oder völlig zerstört hat.

    Wann und wo das irdische Leben begonnen hat, ist durch keine paläontologische Urkunde belegt und läßt sich nur theoretisch erschließen. Gegenüber der ursprünglichen Ansicht, daß die Entstehung des Lebens eine Zufallserscheinung war, sind heute zahlreiche Forscher der Auffassung, daß sich in der Frühzeit der Erde viele Möglichkeiten der Entwicklung boten und daß die Natur dabei sicher auch Wege beschritten hat, die sich nicht bewährten und durch natürliche Auslese wieder aufgegeben wurden.

    Es besteht heute kaum ein Zweifel daran, daß die Entwicklung des Lebens mit einer chemischen Phase begann, die theoretisch bereits im Urnebel gegeben war, da dort Kohlenstoffverbindungen — vor allem solche mit Wasserstoff — auftraten. Diese Verbindungen gingen in die sogenannten Chondren, kleine sphärische Körper, ein und damit in die Protoerde. Aber auch in der Uratmosphäre bestand theoretisch die Möglichkeit, durch elektrische Entladung, radioaktive Beeinflussung oder ultraviolette Strahlung solche Verbindungen zu bilden.

    Besonders wichtig für die Entstehung des Lebens aber war die Bildung von Wasser auf der Erde. Aus Kohlenstoffverbindungen und anderen Bestandteilen der Uratmosphäre, besonders Ammoniak, konnten organische Säuren entstehen, unter ihnen die Aminosäuren als Grundbestandteile der Eiweiße. Sie lösten sich in den Urmeeren und reagierten miteinander, wobei Riesenmoleküle von der Art der Ureiweiße, Polysacharide usw. entstanden. Längst ist es gelungen, solche hypothetischen Entwicklungsstadien des Lebens im Laboratorium herzustellen. Mit der Bildung der Aminosäuren und ähnlicher Verbindungen aber verringerte sich der Gehalt an Ammoniak und niederen Kohlenwasserstoffen in der Uratmosphäre.

    Aus den Riesenmolekülen wurden dann elektrisch geladene kolloidale Teilchen, die sich zu größeren, im Wasser unlöslichen Molekülkomplexen zusammenschließen konnten. Sie zeigten bereits primitive Merkmale lebender Materie, insbesondere einen Stoffaustausch mit ihrer Umgebung. Einige dieser Makromoleküle — die Nukleinsäuren — übernahmen schließlich leitende Funktionen bei den chemischen Vorgängen, z.B. die Bildung von Zellwänden und organähnlichen Strukturen. Damit konnten die ersten primitiven Zellen entstehen. Ein wesentlicher qualitativer Fortschritt jedoch wurde vollzogen, als einzelne Protoorganismen, vielleicht aus Nahrungsmangel in der unmittelbaren Umgebung, zur Photosynthese übergingen, d.h. mit Hilfe der Sonnenenergie Zucker und dessen Folgestoffe aus Wasser und dem Kohlendioxid der Luft bildeten. Damit wurde auch die spätere Teilung der Organismen in Pflanzen- und Tierwelt vorbereitet.

    Dieser Übergang zur Photosynthese, die von den Pflanzen beibehalten worden ist, brachte insofern wesentliche Veränderungen der Atmosphäre mit sich, als ihr nun ständig das von den Pflanzen benötigte Kohlendioxid entnommen und dafür der von ihnen abgegebene Sauerstoff zugeführt wurde. Das war wiederum ein wichtiger Schritt für die Weiterentwicklung der Tierwelt, der nunmehr Sauerstoff für die über die Atmung erfolgenden oxydativen Lebensvorgänge zur Verfügung stand.

    Im Gegensatz zu früheren Auffassungen wird es immer mehr zur Gewißheit, daß die biologische Entwicklung schon vor mehr als 3,5 Milliarden Jahren eingesetzt hat. Die älteste organische Materie dürfte in kristallinen Schiefern in Form von Graphiteinlagerungen (metamorpher Kohlenstoff) konserviert sein und wohl auch die Bildung ältester karbonatischer Gesteine (Kalke und Dolomite) verursacht haben. In Transvaal konnten in etwa 3,2 Milliarden Jahren alten Gesteinen Mikrostrukturen nachgewiesen werden, die auf Bakterien, sogenannte Eobakte-rien, und kugelige Algen vom Typ der Blaualgen zurückgeführt werden. Demzufolge muß schon in jener frühen Zeit eine Photosynthese, wenn auch in noch sehr bescheidenem Maße, erfolgt sein. Solche ersten Formen organischen Lebens traten auch bereits als geologischer Faktor in Erscheinung. Darauf deuten Erzanreicherungen hin. zu deren Bildung älteste Urzellen beitrugen, bei denen sich sogar Chlorophyllderivate nachweisen lassen. Einfachste Zellverbände traten anscheinend 500 Millionen Jahre später auf und Eukaryonten (Zellen mit einem durch eine gesonderte Zellwand umschlossenen Kern) seit etwa 1,2 Milliarden Jahren. Alteste fossile Reste von Metazoen (Vielzeller, Tiere im eigentlichen Sinne) sind aus Horn-steinen, Schiefern und Kalksteinen bekannt, die dem jüngeren Präkambrium angehören und ein Alter von rund 650 Millionen Jahren haben.

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